mini|Niedersorbische Ortshinweistafel in Dissen/Dešno

Niedersorbisch (niedersorbisch ; umgangssprachlich und teilweise als deutschsprachige Selbstbezeichnung auch Wendisch) ist eine westslawische Sprache, die von den Niedersorben/Wenden in der Niederlausitz gesprochen wird. Sie ist, neben dem Obersorbischen, eine der beiden sorbischen Schriftsprachen. Die Sprache gilt mit derzeit etwa 5.000 Sprechern als akut vom Aussterben bedrohte Sprache.

Verbreitungsgebiet Heutiges Verbreitungsgebiet Niedersorbisch wird heute noch in einigen Dörfern in und um Cottbus/Chóśebuz gesprochen. In den Gegenden bei Vetschau/Wětošow, Lübbenau/Lubnjow und Spremberg/Grodk ist der alltägliche Gebrauch kaum noch anzutreffen. Straßen- und Ortsschilder in dieser Region sind zweisprachig.

In den Jahren von 1993 bis 1995 wurden in Dörfern der Niederlausitz Untersuchungen durchgeführt, um die Anzahl der Sprecherinnen und Sprecher des Niedersorbischen sowie deren Altersstruktur zu erfassen. Ziel der Untersuchungen war es, den Zustand des Spracherhalts zu bewerten.

Die meisten Sprecher lebten bei Cottbus im Landkreis Spree-Neiße: Dissen/Dešno: 28,9 % wendischsprachig (+) Fehrow/Prjawoz: 25,7 % wendischsprachig (+) Neuendorf/Nowa Wjas: 23,5 % wendischsprachig (+) Müschen/Myšyn: 21,4 % wendischsprachig (−) Preilack/Pśiłuk: 20,3 % wendischsprachig (+) Guhrow/Góry: 19,4 % wendischsprachig (−) Jänschwalde/Janšojce: 18,9 % wendischsprachig (+) Babow/Bobow: 16,6 % wendischsprachig (−) Tauer/Turjej: 16,3 % wendischsprachig (−) Drehnow/Drjenow: 16,0 % wendischsprachig (+) Döbbrick/Depsk: 15,4 % wendischsprachig (+) Merzdorf/Žylowk: 5,7 % wendischsprachig (−) + = Guter Spracherhalt / − = Schlechter Spracherhalt

Zu beachten ist, dass in den Untersuchungen alle Personen auch mit geringeren Sorbisch-/Wendischkenntnissen als Wendischsprachige aufgenommen wurden. Es fällt auf, dass – bis auf Neuendorf – alle Dörfer, die einen guten Erhalt des Niedersorbischen aufweisen, in ihren Schulen die Sprache lehren bzw. lehrten.

Historisches Verbreitungsgebiet Das Niedersorbische war ursprünglich (etwa im 17. Jahrhundert) auf wesentlich größerem Gebiet verbreitet, etwa in der südlichen Umgebung Berlins in der Region zwischen Königs Wusterhausen/Parsk, Beeskow/Bezkow, Storkow und Fürstenwalde/Pśibor südlich der Stadt Frankfurt (Oder)/Frankobrod und in und um Calau/Kalawa, Guben/Gubin, Luckau/Łukow, Lübben/Lubin, Senftenberg/Zły Komorow, Ruhland/Rolany, Elsterwerda/Wikow sowie im heute zu Polen gehörenden Sorau/Žarow (Żary) und Sommerfeld/Žemr (Lubsko), nördlich bis nach Ziebingen/Zebinki (Cybinka).

Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 sprachen im Kreis Cottbus (Provinz Brandenburg) noch 55,8 % die wendische Sprache. + Entwicklung des Prozentsatzes der Wenden in diversen Kreisen Landkreis Calau Cottbus Guben Luckau Lübben Sorau Spremberg 1843 30,8 71,1 1,1 0,05 3,6 5,4 64 1900 3,5 56 1,2 0 0,2 0,1 4

Phonologie Die Phonologie des Niedersorbischen ist stark durch Sprachkontakt mit dem Deutschen beeinflusst worden, besonders in Cottbus und den größeren Städten. Zum Beispiel neigt eine deutschbeeinflusste Aussprache dazu, einen stimmhaften uvularen Frikativ anstatt des alveolaren Vibranten und ein nicht besonders palatalisiertes anstatt zu haben. In Dörfern und ländlichen Gebieten ist der deutsche Einfluss weniger stark und die Aussprache eher „typisch slawisch“.

Konsonanten Die konsonantischen Phoneme des Niedersorbischen sind wie folgt:

  Bilabial Labiodental Dental Alveolar Alveolopalatal Postalveolar Palatal Velar Glottal Verschlusslaut Affrikate Nasal Frikativ Approximant Lateral

Im Niedersorbischen kommen sowohl Auslautverhärtung als auch regressive Assimilation der Phonation vor: dub (Eiche) wird ausgesprochen licba (Nummer) wird ausgesprochen susedka (Nachbarin) wird ausgesprochen

Der postalveolare Frikativ wird vor zu assimiliert: šćit (Schutz) wird ausgesprochen

Vokale Die vokalischen Phoneme sind wie folgt: Monophthonge Vorne Zentral Hinten Geschlossen Halboffen Offen

Diphthonge Zentrierend Auf endend Auf endend Geschlossen beginnend Mittel beginnend Offen beginnend

Wortakzent Der Wortakzent fällt im Niedersorbischen normalerweise auf die erste Silbe des Wortes: Chóśebuz „Cottbus“ Łužyca „Lausitz“ pśijaśel „Freund“

In Lehnwörtern kann der Akzent auf eine der letzten drei Silben des Wortes fallen: internat „Internat“ kontrola „Kontrolle“ policija „Polizei“ september „September“ organizacija „Organisation“

Orthographie Das niedersorbische Alphabet basiert auf dem Lateinischen Alphabet und verwendet diakritische Zeichen wie den Akut und das Hatschek (Kokolka), sowie den Sonderbuchstaben Ł, orientiert sich also an der Orthographie des Polnischen und des Tschechischen enthält – außer Ŕ – keine Zeichen, die es in diesen beiden Sprachen nicht gibt. Die Standardzeichenkodierung für das Sorbische Alphabet ist ISO 8859-2 (Latin-2).

Niedersorbisches Alphabet a b c č ć d e ě f g h ch i j k ł l m n ń o p r ŕ s š ś t u w y z ž ź A B C Č – D E – F G H Ch I J K Ł L M N – O P R – S Š Ś T U W Y Z Ž Ź

Textbeispiel «W cuzej zemi» (In einem fremden Land) von Mato Kosyk

Ako mějach kšute spodki skońcnje pod nogoma raz a pon zwignuch swoje lodki, ab kraj pśedrogował zas, zacuwach bźez wědobnja, až how njejo domizna: běch źe w cuzej zemi.

Ak běch pytnuł rězne zuki pijanego yankeea grozecego z rjagom ruki wšomu, což se pśibliža, zacuwach bźez wědobnja, až how njejo domizna: źěch po cuzej zemi.

Ak mě dachu noclěg prědny w napołnjonej gospoźe, źož mnjo pśimje carnak bědny z naźeju na pjenjeze, zacuwach bźez wědobnja, až how njejo domizna: budu źe w cuzej zemi.

Lěc se zemja cuza zdawa kenž mě kšuśe powita, glichlan wěm, až buźo pšawa moja nowa fryjota. zacuwach bźez wědobnja, lichy se wot spinanja how w tej cuzej zemi

Geschichte Seit dem 7. Jahrhundert wurde die Niederlausitz von slawischer Bevölkerung (Lusici) besiedelt. Früheste Zeugnisse der Sprache finden sich in Orts-, Flur- und Gewässernamen. Aus dem 12. Jahrhundert sind einige Textpassagen in niedersorbischer Sprache bekannt (Magdeburger Glossen). In der Forschungsbibliothek Gotha befindet sich im Nachlass von Paul Eber ein handschriftliches Fragment von Martin Luthers Kleinem Katechismus als einer der frühesten Nachweise niedersorbischer Sprachkultur. Seit dem 16. Jahrhundert wurden dann Bibeln, Gesangbücher und Gebete in niedersorbischer (wendischer) Sprache gedruckt.

Seit dem 17. Jahrhundert war die Sprache einem zunehmenden behördlichen Druck von Seiten der sächsischen und preußischen Obrigkeit ausgesetzt. Bücher in niedersorbischer Sprache wurden eingezogen und vernichtet, Pfarrern wurde verboten, in wendischer Sprache zu predigen, in Schulen durfte nicht mehr in dieser Sprache unterrichtet werden.

Seit dem Verbot öffentlichen sorbischen Lebens durch die Nationalsozialisten 1937 wurde die Sprache in der Öffentlichkeit kaum noch gesprochen, obwohl einzelne Persönlichkeiten wie der Pfarrer Bogumił Šwjela in Dissen sich mit wendischen Gottesdiensten dieser Entwicklung widersetzten. Am 19. Mai 1941 folgte dann ein Verbot wendischer Gottesdienste durch das evangelische Konsistorium der Provinz Brandenburg.Detlef Kobjela und Werner Meschkank: Vom Regenzauberlied bis zur wendischen Pop-Ballade: Ein Beitrag zur Musikgeschichte der Lausitz unter besonderer Darstellung der niedersorbischen Musikgeschichte. In: Podstupimske pśinoski k Sorabistice = Potsdamer Beiträge zur Sorabistik, 2000/3 (2000), S. 40.

Nach 1945 wurde die Pflege der niedersorbischen Sprache zwar staatlich unterstützt, unter anderem durch Sorbischunterricht in den Schulen, der alltägliche Gebrauch ging trotzdem weiter zurück und wurde auch in der evangelischen Kirche zunächst nicht gefördert. Erst mit der Unterstützung des niedersorbischen Kirchengesangs durch die deutschen Pfarrer Alfred Schmidt und Reinhardt Richter begann in den 1950er Jahren eine Wiederbelebung des Niedersorbischen im Gottesdienst, die seit den 1994 durch den Förderverein für den Gebrauch der wendischen Sprache in der Kirche e. V. (Spěchowańske towaristwo za serbsku rěc w cerkwi z. T.) verstärkt wurde und schließlich 2006 zur Veröffentlichung eines neuen wendischen Gesangbuchs führte.

Derzeitige Sprachsituation mini|Zweisprachige Straßenbezeichnung auf Deutsch und Niedersorbisch Niedersorbisch ist laut UNESCO eine der am stärksten gefährdeten Sprachen Europas. dpa via Berlin.de, 21. Juni 2016.Nach UNESCO Bericht Languages in Danger von 2009, vgl. Lower Sorbian im Endangered Languages Projekt. Heute wird Niedersorbisch noch von etwa 5.000 Menschen gesprochen, jedoch meist von den älteren Generationen, womit das Niedersorbische schlechter dasteht als das Obersorbische, welches auch aktiv von jungen Leuten und Kindern verwendet wird. Der polnische Sorabist Tadeusz Lewaszkiewicz ist der Meinung, dass das Niedersorbische nur noch 200 Muttersprachler hat und dass es sich im sogenannten Stadium der Todesagonie befindet.Tadeusz Lewaszkiewicz im Nowy Casnik, Januar 2016

Laut einer Arbeit von Sabine Asmus und Till Vogt von der Universität Leipzig von 2024 sind weniger als hundert Personen der Sprache auf „kompetentem Niveau“ in Wort und Schrift mächtig. In diese Schätzung hat das Autorenteam die dörflichen Muttersprachler jedoch bewusst nicht aufgenommen, da diese meist weder die Schriftsprache noch standardsprachliches Niedersorbisch ausreichend beherrschen. Zudem wurden für die Arbeit keinerlei soziolinguistische Daten erhoben, was von Fachleuten kritisiert wurde.

Seit 1998 ist Niedersorbisch, nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Europäischen Charta und Regionalsprachen des Europarates, offiziell als eigenständige Sprache anerkannt, die jedoch eng mit dem Obersorbischen verwandt ist. Ein Merkmal, um niedersorbisch als eigene Sprache anzuerkennen, ist die niedersorbische Schriftsprache, die sich von der obersorbischen Schriftsprache unterscheidet.

Heute fehlt dem Niedersorbischen – im Gegensatz zum Obersorbischen – ein stabiles Kernsprachgebiet, in dem es Mehrheitssprache ist.

Verschiedene Vereine und Organisationen setzen sich für den Erhalt und die Pflege der Niedersorbischen Kultur und der Sprache ein. In Cottbus gibt es zudem das einzige Niedersorbische Gymnasium. Seit 2023 wird im Rahmen des Strukturwandelprojektes Zorja („Morgenröte“) ein zehnmonatiges Intensivlernprogramm für jeweils 12 Teilnehmende in Form eines Sprachnestes angeboten.Internetpräsenz von Zorja; abgerufen am 23. Februar 2024 (niedersorbisch, deutsch)Aline Anders-Lepsch und Florian Ludwig: , rbb24.de, 6. September 2023; abgerufen am 23. Februar 2024.

Bildung in niedersorbischer Sprache

mini|Niedersorbische B-Schulen 1954/55 mini|Sorbisches Kindertagesstätten- und Schulnetz(Schuljahr 2012 / 2013)

Geschichte Bis 1933 Die schulische Bildung in niedersorbisch-wendischer Sprache war bis 1933 zumeist auf den Religionsunterricht sowie als Hilfsmittel zur Vermittlung der deutschen Sprache beschränkt.

Nationalsozialismus In der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere ab 1937, wurde die niedersorbische Sprache aus der Schule und weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens verdrängt.

Erste Einrichtung eines Schulwesens Die ab 1949 in Brandenburg gesetzlich verankerte Förderung des Niedersorbischen wurde in der Folge von Teilen der ansässigen deutschen Bevölkerung, einschließlich der umgesiedelten Bevölkerungsteile, ablehnend betrachtet und führte zu öffentlichen Protesten. Eltern beantragten die Befreiung ihrer Kinder vom Sorbisch-Unterricht bzw. dessen Abschaffung und drohten z. B. mit Wahlboykott.

Bereits 1946 war in der Oberlausitz das bis 1991 bestehende Sorbisches Institut für Lehrerbildung in Radibor/Radwor bzw. Kleinwelka/Mały Wjelkow gegründet worden.