Gorzów Wielkopolski (; deutsch Landsberg an der Warthe, amtlich Landsberg (Warthe)) ist eine Großstadt in der polnischen Woiwodschaft Lebus. Die Stadt ist Sitz des Woiwoden; die Regierung und das Parlament der Woiwodschaft haben ihren Sitz hingegen in Zielona Góra (Grünberg in Schlesien).
Geographische Lage Die Stadt liegt in der historischen Region Mark Brandenburg, am Fluss Warthe, auf einer Höhe von 19-82 m ü. M., rund 80 Kilometer nordöstlich von Frankfurt (Oder) und 130 Kilometer nordwestlich von Posen. Kostrzyn nad Odrą (Küstrin) ist etwa 45 Kilometer entfernt. Nördlich und südlich des Stadtgebiets erstrecken sich weitläufige Waldgebiete.
Geschichte mini|Altes Gebäude mini|Heutige Bolesław-Chrobry-Straße mini|Heutige Ul. Hawelańska mini|Uferpromenade an der Warthe mini|Altstadt-Brücke bei Nacht mini|Stadtbus der Marke MAN
Nachweislich war das Gebiet Landsbergs bereits frühgeschichtlich besiedelt. Nach der Völkerwanderung lösten Slawen die vorher hier ansässigen Germanen ab. Für die Besiedlung der späteren Neumark wurden im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts deutsche Siedler von Herzog Leszek I. angeworben. Mit seinem Tod 1227 verfiel die polnische Zentralmacht endgültig, was den Markgrafen von Brandenburg die Möglichkeit gab, auch jenseits der Oder zu expandieren. Angesichts des zunehmenden Fernhandels gründete Markgraf Johann I. 1257 Landsberg als neuen bequemeren Flussübergang an der Warthe kurz vor dem bisherigen Pass bei ZantochGeorg Wilhelm von Raumer (Hrsg.): Die Neumark Brandenburg im Jahre 1337 oder Markgraf Ludwig’s des Aelteren Neumärkisches Landbuch aus dieser Zeit. Nicolai’sche Buchhandlung, Berlin 1837, S. 28, Nr. 8 (books.google.de). (mit Steilufer), um wie dieser polnische Ort an den beträchtlichen Einnahmen aus dem Fernhandel (Zoll, Gebühren vom Marktbetrieb und Niederlagerecht) teilzuhaben (nach dem Parallelbeispiel von Berlin als Gegengründung zu Köpenick).
Die Siedler kamen aus dem Gebiet der heutigen deutschen Länder Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und gehörten also zum niederdeutschen Sprachgebiet. Die Stadt erhielt den Namen Neu-Landsberg (in Gegensatz zu Altlandsberg), den sie bis in das 16. Jahrhundert trug. Im 13. Jahrhundert wurde die Marienkirche erbaut. 1321 wurde die Stadt mit Stadtmauern und Toren gesichert. Im 14. Jahrhundert hatte sich Landsberg zum wirtschaftlichen Zentrum seines Umlands entwickelt, für 1360 wird die Stadtschule erstmals erwähnt. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurden alle Vorstädte zerstört. Nach 1648 entwickelte sich Landsberg zu einem bedeutenden Umschlagplatz im Handel mit dem benachbarten Polen. Im 18. Jahrhundert sorgte die Etablierung des Tuchmacherhandwerks und des Wollhandels für einen weiteren Aufschwung.
Die Stadt hatte eine Garnison der preußischen Armee, 1783 waren in Landsberg vier Schwadronen stationiert. Einschließlich zugehöriger Zivilisten umfasste die Garnison 900 bis 1000 Personen.Karl Friedrich von Benekendorff: Kleine Oekonomische Reisen. Band 1. Züllichau 1785, S. 433–451 (books.google.de). Die Garnison verfügte über eine Garnisonkirche. 1804 wurde für die Schulkinder der Garnisonangehörigen ein neues Schulhaus eingeweiht.Gottlieb Benjamin Gerlach: Einweihungs-Rede. Gehalten am dritten August, als das der Garnison zu Landberg an der Warthe geschenkte Schulhaus eingeweihet wurde. Berlin 1804 (books.google.de).
Nach der Neuorganisation der Kreisgliederung in Preußen nach dem Wiener Kongress gehörte Landsberg seit 1818 zum gleichnamigen Kreis im Regierungsbezirk Frankfurt der preußischen Provinz Brandenburg, seit 1939 Mark Brandenburg. Seit 1857 war Landsberg an die Preußische Ostbahn angeschlossen und erlebte dadurch erneut einen wirtschaftlichen Aufschwung.
Seit 1849 bestanden in Preußen Kreisgerichte. Das Kreisgericht Landsberg an der Warthe war dem Appellationsgericht Frankfurt a. d. Oder nachgeordnet. Im Rahmen der Reichsjustizgesetze wurden diese Gerichte 1879 aufgehoben. Von 1879 bis 1945 bestanden stattdessen das Landgericht Landsberg a.W. und das Amtsgericht Landsberg a.W.
Der Magistrat der Stadt zeigte sich bereits früh tolerant gegenüber den Religionen. Schon vor 1713 ist urkundlich ein jüdischer Friedhof nachgewiesen; anstelle der 1752 erbauten, aber baufällig gewordenen Synagoge errichtete die Gemeinde von 1853 bis 1854 die neue Synagoge im byzantinischen Stil nach Plänen des Architekten Carl Tietz.Riehl und Scheu (1861), S. 467.
Landsberg hatte ein humanistisches Gymnasium, an dem Unterricht u. a. in Latein, Griechisch und Hebräisch erteilt wurde und an das Realklassen und eine Vorschule angeschlossen waren.Kaempf: Programm des Gymnasiums mit Realklassen zu Landsberg a. W., mit Schulnachrichten von Ostern 1872 bis Ostern 1873. Landsberg a. d. W. 1873, S. 24 ff. (books.google.de).Zeitung für das höhere Unterrichtswesen Deutschlands. Band 1. Leipzig 1872, S. 259–260 (books.google.de). Eine Stadtschule in Landsberg wird erstmals 1360 urkundlich erwähnt.
1892 wurde die Stadt aus dem Landkreis ausgegliedert und erhielt den Status eines Stadtkreises. Die Verwaltung des Landkreises blieb jedoch weiterhin in der Stadt. In den 1920er Jahren setzte sich die Bezeichnung „Landsberg (Warthe)“ durch. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Landsberg drei evangelische Kirchen, eine katholische Pfarrkirche und eine Synagoge und an Bildungseinrichtungen ein Gymnasium mit Realschule, ein Lyzeum, ein Oberlyzeum, eine private Handelsschule sowie eine gewerbliche und kaufmännische Fortbildungsschule.
1935 gab es in Landsberg acht Hotels, über vierzig Gasthöfe und Restaurants, drei Cafés, sieben Bankhäuser und Sparkassen, eine Bierbrauerei, eine Bindfadenfabrik, vier Buchdruckereien, eine Drahtseilfabrik (Mechanische Draht- und Hanfseilerei G. Schröder), eine Eisengießerei, eine Essigspritfabrik, acht Fischereien, fünf Fleisch- und Wurstwarenfabriken, eine Geflügelzüchterei, eine Gurtenweberei, sieben Holzsägewerke, ein Impfstoffwerk, eine Jutespinnerei und -weberei, eine Kartoffelmehlfabrik, fünf Käsefabriken, eine Landmaschinenfabrik, fünf Likörfabriken, fünf Maschinenfabriken, drei Mineralwasserfabriken, fünf Möbelfabriken, fünf Modellfabriken, drei Molkereien, vier Mühlen, eine Netzfabrik, eine Nudel- und Makkaronifabrik, eine Ölmühle, eine Reederei, zwei Sattlerwarenfabriken, eine Schiffswerft, eine Schirmfabrik, vier Schuhfabriken, eine Seifenfabrik, zwei Seilereien, ein Seruminstitut, eine Tütenfabrik, eine Uniformfabrik, eine Verlagsanstalt, zwei Vulkanisieranstalten, eine Wachsblumenfabrik, zwei Vulkanisieranstalten, zwei Zeitungsverlage, drei Zementwarenfabriken, eine Ziegelei, vier Zuckerwarenfabriken und zahlreiche Gemischtwarenläden, Einzelhändler, Großhändler, Dienstleister sowie Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe.Klockhaus' Kaufmännisches Handels- u. Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs, Band 1 A, Berlin 1935, Abschnitt Provinz Brandenburg, S. 749–754 (Google Books).
Im Jahr 1945 gehörte der Stadtkreis Landsberg (Warthe) zum Regierungsbezirk Frankfurt in der preußischen Provinz Brandenburg des Deutschen Reichs.
Im Zweiten Weltkrieg schrieb Gottfried Benn in der Walter-Flex-KaserneGottfried Benn: Briefe an F. W. Oelze: 1932–1945. S. 367 (books.google.de). unter anderem den Roman des Phänotyp (1943). Als sich Ende Januar 1945 die Rote Armee näherte, ordneten die Behörden am Morgen des 29. Januar die Räumung der mit mehr als 50.000 Menschen überfüllten Stadt an und erklärten sie zur „offenen Stadt“. Als am späten Abend des 29. Januars 1945 die Rote Armee Landsberg kampflos einnahm, traf sie auf etwa 30.000 Zivilisten. In der Folgezeit brachen die medizinische Versorgung und die mit Lebensmitteln, Wasser, Strom und Gas zusammen. Die Einwohner waren Raub, Plünderung, massenhafter Vergewaltigung und einzelnen Erschießungen ausgesetzt. Große Teile der Innenstadt brannten infolge von Brandstiftung und Fahrlässigkeit nieder. Ein Großteil der Einwohner kam zur Zwangsarbeit in auswärts gelegene Arbeitslager. An die Stelle einer von der sowjetischen Militärkommandantur eingesetzten Verwaltung aus deutschen Antifaschisten trat am 28. März die Verwaltung durch die Volksrepublik Polen. Es begann die Besiedlung der in Gorzów Wielkopolski umbenannten Stadt mit Polen. Im Juni 1945 wurden die meisten deutschen Einwohner durch die Polnische Volksarmee innerhalb weniger Tage über die Oder in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) vertrieben. Der Rest folgte von Dezember 1945 bis Mai 1947, die letzten 50 im September 1950.Holm Kirsten: Das sowjetische Speziallager Nr. 4 Landsberg, Warthe. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-952-X, S. 18 ff. Die heutige Nachkriegs-Stadtbevölkerung stammt überwiegend aus Zentralpolen und dort vor allem aus der Region Großpolen.
In Landsberg an der Warthe befand sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs das sowjetische Speziallager Nr. 4 in der ehemaligen General von Strantz-Kaserne,Holm Kirsten: Das sowjetische Speziallager Nr. 4 Landsberg/Warthe. S. 27 (books.google.de). in dem 1945 Tausende von Menschen unter sehr harten Bedingungen inhaftiert waren, viele starben an den Folgen der Haft.Holm Kirsten: Das sowjetische Speziallager Nr. 4 Landsberg, Warthe. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-952-X.
Demographie