Nettersheim ist eine Gemeinde im Kreis Euskirchen im Südwesten des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie wurde am 1. Juli 1969 aufgrund des Gesetzes zur Neugliederung von Gemeinden im Landkreis SchleidenGesetz zur Neugliederung von Gemeinden im Landkreis Schleiden vom 24. Juni 1969 aus den bis dahin zum Teil selbständigen Gemeinden Bouderath, Buir, Engelgau, Frohngau, Holzmülheim, Marmagen, Nettersheim, Pesch, Roderath, Tondorf und Zingsheim gebildet.

Sitz der Gemeindeverwaltung ist Zingsheim. Die Gemeinde Nettersheim wurde 1990 von der Deutschen Umwelthilfe als Bundeshauptstadt des Naturschutzes ausgezeichnet und unterhält in Nettersheim das Naturzentrum Nettersheim und das Holzkompetenzzentrum Nettersheim.

mini|Blick vom Höhenweg auf Nettersheim

Bemerkenswert sind die vielen archäologischen Bodendenkmäler vor allem aus römischer Zeit, die sich in der Gemeinde und Gemarkung Nettersheim befinden.

Geographie mini|Erftquelle in Holzmülheim

Die Gemeinde Nettersheim liegt im Deutsch-Belgischen Naturpark Nordeifel. Köln und Aachen sind jeweils etwa 60 Kilometer entfernt, Trier liegt in etwa 100 Kilometer Entfernung.

Die zwei wichtigsten Flüsse, die die Gemeinde durchfließen, sind die Urft, in die im Ort Nettersheim der Genfbach mündet, und die Erft. Vor allem die Urft mit ihren Nebentälern, die Erft und der Quartbach prägen mit ihren Tälern das Relief des Gemeindegebiets. Die Erft entspringt im Ortsteil Holzmülheim.

Zum Gemeindegebiet gehören Teile der Sötenicher und Blankenheimer Kalkmulde, umgeben von Serien unterdevonischer Gesteine, insbesondere die so genannten Klerfer Schichten.Karl-Heinz Ribbert: Geologie. In: Eifelverein (Hrsg.): Gemeinde Nettersheim mit den Orten Bouderath, Buir, Engelgau, Frohngau, Holzmülheim, Marmagen, Nettersheim, Pesch, Roderath, Tondorf, Zingsheim. Geschichte, Geologie, Pflanzen- und Tierwelt, Wirtschaft, Sagen, Sehenswürdigkeiten, Wandervorschläge. 1984, S. 80 ff.

Nachbargemeinden sind Dahlem, Hellenthal, Kall, Mechernich, Bad Münstereifel, Hümmel und Blankenheim (Ahr).

Gemeindegliederung mini|hochkant=1.4|Ortsteile der Gemeinde Nettersheim

Die Gemeinde Nettersheim besteht aus den folgenden Ortsteilen: Bouderath Buir Engelgau Frohngau Holzmülheim Marmagen Nettersheim Pesch Roderath Tondorf Zingsheim

Natur und Landschaft Fast der gesamte Außenbereich des Gemeindegebiets besteht nach dem 2004 in Kraft getretenen Landschaftsplan aus Natur- und vor allem Landschaftsschutzgebieten.

Die Gemeinde verfügt über eine sehr artenreiche Pflanzenwelt.W. Schumacher, F.-J. Außem unter Mitwirkung von G. Scheibe: Landschaft und Pflanzenwelt in der Gemeinde Nettersheim. o. J., S. 3 f.Wolfgang Schumacher: Natur und Landschaft in der Gemeinde Nettersheim. In: Eifelverein (Hrsg.): Gemeinde Nettersheim mit den Orten Bouderath, Buir, Engelgau, Frohngau, Holzmülheim, Marmagen, Nettersheim, Pesch, Roderath, Tondorf, Zingsheim. Geschichte, Geologie, Pflanzen- und Tierwelt, Wirtschaft, Sagen, Sehenswürdigkeiten, Wandervorschläge. 1984, S. 80 ff.

Archäologie

In der Gemeinde Nettersheim konnten sich in der verhältnismäßig weitgehend unangetasteten Landschaft bedeutende Bodendenkmäler vor allem aus römischer Zeit erhalten.

Die Quellfassung am Grünen Pütz, die Görresburg, der gallo-römische Umgangstempel in Zingsheim und die Villa rustica bei Roderath wurden seit 1975 so restauriert und rekonstruiert, dass für den interessierten Besucher die Funktion dieser aus den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende stammenden Anlagen verständlich wird.Antonius Jürgens: Praktische Bodendenkmalpflege: Grabungen und Restaurierungen archäologischer Denkmäler in der Gemeinde Nettersheim. In: Kreis Euskirchen (Hrsg.): Jahrbuch des Kreises Euskirchen 1978. S. 125 ff.Gerd-Uwe Knackstedt: Ausgrabungen eines römischen Gutshofes bei Roderath, Gemeinde Nettersheim. In: Eifelverein (Hrsg.): Eifeljahrbuch 1987. S. 152.

Außerdem hat man den vom Steinrütsch bis zur Görresburg reichenden Vicus zum Archäologischen Park ausgebaut: Am 18. Mai 2014 wurde er eröffnet. Zu ihm gehört die teilrekonstruierte Görresburg, und im Bereich Alte Gasse unterhalb der Görresburg sind einige Streifenhäuser sowie am Steinrütsch ein Kleinkastell angedeutet.

Vorgeschichte In der Gemarkung Weyer, die nördlich an die Gemeinde angrenzt, liegt der Kartstein, an dem viele steinzeitliche Funde gemacht wurden. So hielten sich beispielsweise Jäger der Ahrensburger Kultur an der Kakushöhle auf, jagten aber vermutlich auch in der Gemarkung Zingsheim an der Felsformation Rummerschlegel, wie 1972 von Löhr geborgene Funde nahelegen.Hans-Eckart Joachim, Wighart v. Koenigswald, Wilhelm Meyer: Kartstein und Katzensteine bei Mechernich in der Eifel (= Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (Hrsg.): Rheinische Kunststätten, Heft 435). 1. Auflage 1998. Druck und Kommissions-Verlag: Neusser Druckerei und Verlag GmbH, Neuss, S. 21 f.

Auch die Gemarkung Nettersheim wurde in der Steinzeit von Menschen aufgesucht, wie der Fund von zwei Steinbeilen belegt.Gerd-Uwe Knackstedt: Zwei neue Altfunde aus Nettersheim. In: Jürgen Kunow (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 1989. 1990, S. 38 ff.

Bereits in der Frühzeit lebten Menschen als Jäger und Sammler auf dem Gebiet der Gemeinde Nettersheim. Erste Spuren des Menschen aus der Endphase der Altsteinzeit (vor ca. 10.000 Jahren) wurden auf einer Anhöhe nördlich von Holzmülheim in Form von Feuerstein-Artefakten gefunden. Außerdem fanden sich an derselben Fundstelle einige Artefakte, die nach Auswertung von Fachwissenschaftlern des Rheinischen Landesmuseums Bonn der Jungsteinzeit (ca. 5500/4500–2000 v. Chr.) zuzuordnen sind. Die Funde befinden sich in der Ausstellung des Naturzentrums in Nettersheim.S. K. Arora: Fundverzeichnis. In: Bonner Jahrbücher 1996.

Der Bronzezeit wird eine 1938 nordöstlich von Tondorf gefundene Lanzenspitze zugeordnet.Antonius Jürgens und Marianne Jürgens: Ur- und Frühgeschichte. Steinzeiten, Metallzeiten, Römer, Franken. In: Eifelverein (Hrsg.): Gemeinde Nettersheim mit den Orten Bouderath, Buir, Engelgau, Frohngau, Holzmülheim, Marmagen, Nettersheim, Pesch, Roderath, Tondorf, Zingsheim. 1984, S. 42.

Römische Zeit mini|Ausschnitt aus der Tabula Peutingeriana mit dem an der Römerstraße Trier–Köln gelegenen Vicus Marcomagus

In der Gemarkung Nettersheim befinden sich zahlreiche archäologische Bodendenkmäler. So befindet sich einige Kilometer nördlich des alten Ortskerns im Urfttal am Grünen Pütz die am weitesten von Köln entfernte Quellfassung der römischen Eifelwasserleitung mit rekonstruierter Brunnenstube.Klaus Grewe: Atlas der römischen Wasserleitungen nach Köln. Mit Beiträgen von Werner Brinker, Günther Garbrecht, Hansgerd Hellenkemper, Heinz-Otto Lamprecht, Horst D. Schulz, Edgar Thofern. Rheinland Verlag, Köln 1986, S. 38 ff. Die Quellfassung und der daran anschließende Kanal bis zum Bahndamm sind heute wieder in Funktion gesetzt. Hinter dem Bahndamm, d. h. noch in der Talaue Grüner Pütz, wird das Wasser aber in die Urft geleitet.

Etwa einen Kilometer südlich des Ortes Nettersheim wird seit 2009 der römische Vicus archäologisch untersucht. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um den im Itinerarium Antonini erwähnten und in der Tabula Peutingeriana verzeichneten Vicus Marcomagus.Mariola Hepa, Michelle Forrest und Savatore Ortisi: Neue Untersuchungen im vicus von Nettersheim. In: Jürgen Kunow (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 2009. 2010, S. 91. Zu dem an der römischen Fernstraße Köln–Trier (Via Agrippa) gelegenen Vicus gehören auch die Görresburg, ein gallo-römischer Tempelbezirk, und der sogenannte Steinrütsch.Mariola Hepa, Michelle Forrest und Salvatore Ortisi: Neue Untersuchungen im vicus von Nettersheim. In: Jürgen Kunow (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 2009. 2010, S. 89 ff.Salvatore Ortisi und Imke Ristow: Nettersheim: vicus mit Matronenheiligtum. In: Vera Rupp und Heide Birley (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. 2012, S. 105 ff. Auf der Görresburg befand sich ein Tempelbezirk, in dem die Matronae Aufaniae verehrt wurden.Heinz Günter Horn: Nettersheim: Römischer Tempelbezirk. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. 1987, S. 571 ff.Heinz Günter Horn: Das Matronenheiligtum bei Nettersheim. In: Nordöstliches Eifelvorland – Euskirchen, Zülpich, Bad Münstereifel, Blankenheim. Teil II: Exkursionen (= Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz u. a. (Hrsg.): Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Band 26). Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 1974, S. 88 ff.Sophie Lange: Wo Göttinnen das Land beschützten. Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein. 1995, S. 63–91. Am Steinrütsch befinden sich u. a. Überreste eines Kleinkastells.Salvatore Ortisi und Imke Ristow: Nettersheim: vicus mit Matronenheiligtum. In: Vera Rupp und Heide Birley (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. 2012, S. 106 f.

Der Ort liegt an der alten Römerstraße Trier–Neuss.

In der Gemarkung Nettersheim befinden sich an vielen Berghängen Ackerterrassen.Rainer Laskowski: Nettersheim: Römische Ackerterrassen. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. 1987, S. 575 f.Walter Janssen: Studien zur Wüstungsfrage im fränkischen Altsiedelland zwischen Rhein, Mosel und Eifelnordrand. Teil II: Katalog. 1975, S. 453 ff. Besonders ausgeprägt sind die Ackerterrassen unter anderem am Wellenberg in der Nähe des Steinrütsch. Durch die Nähe zu römischen Siedlungen wird der Beginn der Entwicklung dieser Nutzung in römischer Zeit vermutet. Eine solche Langstreifenflur stammt aber wohl insgesamt erst aus späterer Zeit.

Aber auch Überreste der römischen Fernstraße Trier–Köln, die die Gemarkung von Norden nach Süden durchlief, können erwandert werden:Heinz Günter Horn: Agrippastraße Köln-Trier. Teilstrecke Nettersheim. Von Serpentinen, Tempeln und Wachstationen. 2011. So führte die Fernstraße vom Haubachtal aus fast 2 km durch den Mürel, einen bewaldeten Geländerücken, zum Steinrütsch im Urfttal bei Nettersheim. Durch Fernerkundungsdaten, die mittels Airborne Laserscanning gewonnen wurden, konnte hier der Trassenverlauf visualisiert werden.Cornelius Ulbert, Katrin Lang-Novikov und Ursula Ulrich-Wick: Erlebnisraum Römerstraße: die Agrippa-Straße – Untersuchungen in der Eifel. In: Jürgen Kunow (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 2009. Eine Veröffentlichung des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, S. 96 f. Innerhalb des Vicus war zwischen Görresburg und Steinrütsch eine 8 m breite Straße archäologisch nachweisbar.Cornelius Ulbert, Katrin Lang-Novikov und Ursula Ulrich-Wick: Erlebnisraum Römerstraße: die Agrippa-Straße – Untersuchungen in der Eifel. In: Archäologie im Rheinland 2009. Herausgegeben durch Jürgen Kunow. Eine Veröffentlichung des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Stuttgart: Konrad Theiss Verlag, 2010. S. 98. Auf der Nettersheim-Marmagener Hochfläche ist zwischen Görresburg und Grünem Pütz auf Luftbildern und Orthofotos die römische Fernstraße als heller Streifen in den Äckern erkennbar.Klaus Grewe: Zwei römische Straßentrassen südlich der Urft. In: Harald Koschik (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 2001. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, S. 64. An diesen Streifen schließt sich ein Steinriegel an , der aus Lesesteinen besteht, die von den umliegenden Äckern stammten und auf der zum Pflügen ungeeigneten Trasse abgelegt wurden. Auf einer heute wieder begehbaren Serpentine führt die Straße dann oberhalb des Grünen Pützes wieder ins Urfttal.Klaus Grewe: Zwei römische Straßentrassen südlich der Urft. In: Harald Koschik (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 2001. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2010, S. 63 f.