Die katholische österreichische Hochschulverbindung Leopoldina (Abkürzung: KÖHV Leopoldina, Kürzel Le) ist eine katholische, farbentragende, nichtschlagende Studentenverbindung im Innsbrucker Cartellverband (ICV) und wurde 1901 gegründet. Sie trat 1903 dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) bei und ist seit der Abspaltung 1933 die Nummer 4 in der Reihenfolge des Österreichischen Cartellverbands (ÖCV).
Geschichte Sowohl die Professoren als auch die Studentenverbindungen waren laut Andreas Bösches Studien zur Innsbrucker Universität und ihren Studentenverbindungen 1859–1918 stets ein wichtiger Bestandteil des politischen Systems in Tirol. Tirol gilt auch nach Michael Gehlers Monographie über das Bundesland als besonders fruchtbares Feld für Studentenverbindungen und deren Netzwerke, so wurden unter anderem Schuldirektorate typischerweise mit MKV oder ÖCV Absolventen besetzt, darunter etliche Alte Herren der Leopoldina.Michael Gehler (Hrsg.): Tirol. Land im Gebirge. Zwischen Tradition und Moderne. Böhlau Verlag, Wien 1999, ISBN 978-3-205-98789-5, S. 531
Die Gründung der Leopoldina erfolgte im Vorfeld von gravierenden Auseinandersetzungen zwischen katholischen und freiheitlichen Studentenverbindungen. Der gewaltsame Tod von Max Ghezze 1912 in Innsbruck war ein dramatischer Höhepunkt des ab 1903 virulenten Akademischen Kulturkampfes.
Speziell an der Universität Innsbruck hatten Studentenverbindungen wie die Leopoldina durch ihren hohen Organisationsgrad große Auswirkungen auf das tagespolitische Geschäft und griffen bei Kontroversen zu Streiks, Besetzung der Universität und anderen Mitteln. Die politischen Ereignisse des Untersuchungszeitraums und die damals vorherrschenden Ideologien, so Georg von Schönerers Gegnerschaft zum politischen Katholizismus und dessen radikaler AntisemitismusEintrag im aeiou, wirkten innerhalb der akademischen Eliten noch bis in den Ständestaat und die Zeit des Nationalsozialismus nach.
Auch heute besteht ein nicht geringer Teil der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft in Österreich aus Mitgliedern von Studentenverbindungen.Andreas Bösche: Zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Schönerer. Die Innsbrucker Universität und ihre Studentenverbindungen 1859–1918. StudienVerlag, Innsbruck 2008, ISBN 978-3-7065-4362-0. Siehe auch Gabriele-Maria Schorn-Stein (Rezension dazu) in: H-Soz-u-Kult, 14. April 2009, . Die Geschichte der Katholischen Hochschulverbindung Leopoldina in Innsbruck wurde von Peter Pichler mit zwei Veröffentlichungen detailliert aufgearbeitetPeter Pichler: 75 Jahre Geschichte der Katholischen Hochschulverbindung Leopoldina in Innsbruck. Katholische Hochschulverbindung Leopoldina, Innsbruck 1976.Peter Pichler: 100 Jahre Geschichte der Katholischen Hochschulverbindung Leopoldina in Innsbruck. Katholische Hochschulverbindung Leopoldina, Innsbruck 2003., ein dritter Band erschien posthum.
Die ersten Jahre Im Wintersemester 1900/01 wurde vom BC der AKV Tirolia Innsbruck aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit der sehr antiklerikal ausgerichteten schlagenden Korporationen (damals acht) beschlossen eine dritte farbentragende katholische Verbindung neben Helvetia Oenipontana und AV Austria zu gründen. Als Name wurde in Anlehnung an die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck „Leopoldina“ gewählt, der Wahlspruch sollte „Immobiles sicut patriae montes!“ (lateinisch für: „Fest wie die Berge der Heimat!“) sein. Die Statuten wurden am 13. April 1901 von der Vereinsbehörde genehmigt, am 12. Mai fand der erste Burschenconvent (BC) statt. Die sieben Gründungsmitglieder waren: Karl Köll v/o Widukind, August Reinisch v/o Laurin, Hermann Riffeser v/o Götz, Theodor Unterkalmsteiner v/o Hagen, Hermann Wachter v/o Funke, Hans Wallnöfer v/o Erich und Robert Walter v/o Tankred. Noch im gleichen Semester trat Leopoldina dem Kartell österreichischer Korporationen bei, einem Vorläufer des ÖCV.Dieter A. Binder: Politischer Katholizismus und katholisches Verbandswesen. Am Beispiel des Kartellverbandes der Katholischen nichtfarbentragenden Studentenverbindungen Österreichs (ÖKV) SH-Verlag, 1989, S. 30.
Leopoldina war von Anfang an Anfeindungen durch schlagende Verbindungen ausgesetzt, die von Seite der Universität unterstützt wurden. Von den „Veilchenblauen“, der heutigen Akademische Landsmannschaft Tyrol im CC, wurde beispielsweise die Mützenfarbe beanstandet, Leopoldina musste bis zum Sommersemester 1912 hellblaue Tuchmützen tragen.
Es kam zu Differenzen mit der Mutterverbindung AKV Tirolia Innsbruck, der Unterschied zwischen der farbentragenden Leopoldina und der nicht-farbentragenden Tirolia trat immer stärker hervor, führten zum Austritt der Leopoldina aus dem Kartell österreichischer Korporationen. Sie wurde 1903 als 40. Verbindung vom CV aufgenommen. Die Gründer der Leopoldina wurden bei AKV Tirolia Innsbruck ausgeschlossen.
Im Studienjahr 1907/08 gründete Leopoldina eine Tochterverbindung, die AV Raeto-Bavaria Innsbruck, als Reaktion auf die Vorfälle des sogenannten Wahrmundjahres.Gerhard Hartmann, Der CV in Österreich - seine Entstehung, seine Geschichte, seine Bedeutung, 3. Auflage, Lahn-Verlag, Limburg-Kevelaer 2001 (= Schriftenreihe der ÖCV-Bildungsakademie. Band 3), ISBN 3-7840-3229-X, S. 45–51.
Ab 1914 miniatur|hochkant|Leopoldenhaus 2011 Während des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918 bestand kein aktives Verbindungsleben, es kam aber zu sporadischen Treffen durchreisender Verbindungsmitglieder. 13 Leopolden starben im Krieg.
Am 31. Dezember 1922 wurde das Gasthaus „Alpenrose“ in der Bürgerstraße 10Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 172. unter Pfarrer Dominikus Dietrich übernommen. Dieses Haus dient noch heute Leopoldina als Bude. 1928 wurde mit KDStV Langobardia München zu Bayreuth im CV ein Freundschaftsverhältnis besiegelt, um den „CV-Gedanken“ zu stärken.
Ab 1932 Aufgrund der Wahlerfolge der NSDAP bis 1932 kam es häufig zu Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und katholischen Korporierten. Während einer Völkerrechts-Vorlesung in Innsbruck fanden am 8. November 1932 Schlägereien zwischen Nazis und Innsbrucker CVern statt,Gerhard Hartmann: Der CV in Österreich - seine Entstehung, seine Geschichte, seine Bedeutung, Lahn-Verlag, Limburg-Kevelaer 2001 (= 3. Band der "Schriftenreihe der ÖCV-Bildungsakademie"), S. 100 f, ISBN 3-7840-3229-X. darunter auch Mitgliedern der Leopoldina. Auf der letzten Gesamtdeutschen Cartellversammlung (CVV) im Studienjahr 1932/33 wurde beschlossen, dass kein CVer der NSDAP angehören durfte. Am 10. Juli 1933 entstand durch die Abspaltung vom CV der Österreichische Cartellverband. Leopoldina verlieh, wie fast alle Verbindungen des ÖCV, in diesem Zusammenhang dem österreichischen Bundeskanzler, Engelbert Dollfuß, die Ehrenmitgliedschaft.
Mitglieder der Verbindung, die zugleich Mitglieder der NSDAP waren, wurden zum Austritt aus der Partei gezwungen. So gab der Arzt Konrad Eberle, Mitglied der Leopoldina, seit 1933/34 Mitglied der NSDAP und Gründungsmitglied der NSBO-Zelle am Innsbrucker Krankenhaus, zu einem späteren Zeitpunkt an, auf Druck seiner Verbindung aus der NSDAP wieder ausgetreten zu sein. 1940 wurde er wieder Anwärter auf die Mitgliedschaft im NSDÄB.Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ (PDF; 4,2 MB), S. 120, Forschungsprojektendbericht, Wien, Juli 2013
Am 4. März 1938, eine Woche vor dem Anschluss Österreichs fand im Leopoldensaal (heute Dominikus-Dietrich-Saal) der Semesterantrittskommers statt. Die Festrede hielt der in Deutschland lebende Pater Franz Reinisch, der sich als einziger Altherr in dieser für CVer unsicheren Zeit auf die Verbindung wagte, in der er vor einer schweren Zeit warnte.Gerhard Hartmann: Der CV in Österreich – seine Entstehung, seine Geschichte, seine Bedeutung. Lahn-Verlag, Limburg-Kevelaer 2001 (= 3. Band der "Schriftenreihe der ÖCV-Bildungsakademie"), S. 147, ISBN 3-7840-3229-X. Direkt nach dem Einmarsch wurden die Verbindungshäuser der MKV Amelungia, der Austria Innsbruck und das Leopoldenhaus von der SA besetzt, die Häuser zum Teil verwüstet und Schriftgut der Leopoldina verbrannt.Gretl Köfler: Auflösung und Restitution von Vereinen, Organisationen und Verbänden in Tirol. Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-486-56788-8. Die NS-Propaganda deutete Waffenfunde an, das Haus sei der SS überstellt worden.Michael Gehler: Tirol im 20. Jahrhundert. Vom Kronland zur Europaregion, Tyrolia-Verlag, Innsbruck/Wien 2008, ISBN 978-3-7022-2881-1, S. 147
Die katholischen Verbindungen wurden sämtlich aufgelöst, neben der Leopoldina hatte nur AV Austria Innsbruck ein Verbindungshaus. Als die in Tirol traditionellen Herz-Jesu-Feuer verboten wurden, setzten Mitglieder der Leopoldina diesen Brauch fort. Nach Unterlagen die vom DÖW zitiert werden, waren dies die einzigen Herz-Jesu-Feuer in der Zeit von 1938 bis 1945.Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934–1945: eine Dokumentation, Band 2. Österreichischer Bundesverlag, 1984, S. 18. S. 441; zitiert aus Peter Pichler: 75 Jahre Geschichte der Katholischen Hochschulverbindung Leopoldina in Innsbruck. Katholische Hochschulverbindung Leopoldina, Innsbruck 1976. Die SA übergab das Haus tatsächlich später der Kameradschaft des „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes Arthur Seeber“, die einen Zusammenschluss der Innsbrucker Corps Gothia und Athesia darstellte. Leopoldina wurde verboten und der Kontakt zwischen den Mitgliedern beschränkte sich weitgehend auf private Treffen. Für die Verbindung wichtige Gegenstände, wie die Prunkfahne von 1907, wurden unter großer Gefahr für die Mitglieder aus dem Haus geschmuggelt, bevor der Inhalt des Archivs von der SA auf der Straße verbrannt wurde. Ein Teil der Mitglieder zog nach München, wo sie im Jahr 1940 an der illegalen Gründung der KÖHV Alpinia als Widerstandsverbindung aktiv beteiligt waren.Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934–1945: eine Dokumentation, Band 2. Österreichischer Bundesverlag, 1984, S. 18. S. 442
Franz Reinisch wurde am 21. August 1942 im Alter von 40 Jahren in Brandenburg wegen Wehrdienstverweigerung enthauptet. Seine letzten Tagebucheinträge bezogen sich auf den Wahlspruch der Leopoldina.
Die Nachbarhäuser wurden während des Krieges völlig zerstört, das Leopoldenhaus blieb trotz schwerer Beschädigungen stehen.
Ab 1945 Wenige Tage nach Kriegsende nahmen Mitglieder das Leopoldenhaus wieder in Besitz. Sie reichten bei der Sicherheitsbehörde am 17. Mai die alten Satzungen zur Wiedergenehmigung ein, was am 28. Mai positiv erledigt wurde. Damit ist Leopoldina die erste Verbindung, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zugelassen wurde. Am 19. Mai 1945 fand im Leopoldenhaus die erste Cartellversammlung des ÖCV nach dem Krieg statt.Gerhard Hartmann: Der CV in Österreich - seine Entstehung, seine Geschichte, seine Bedeutung, 3. Auflage, Lahn-Verlag, Limburg-Kevelaer 2001 (= 3. Band der "Schriftenreihe der ÖCV-Bildungsakademie"), S. 175, ISBN 3-7840-3229-X.
AV Berchtoldia Bern im SchwStV wurde Patenverbindung der Leopoldina und unterstützte sie im Wiederaufbau.Bernard Rüegg: Die Geschichte der akademischen Verbindung Berchtoldia in Bern 1917–1967. Akademische Verbindung Berchtoldia, Bern 1967, S. 58 ff. Ludwig Sölder wurde erster Senior nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im Wintersemester 1949/50 übernahm dann Leopoldina die Patenschaft für die KÖHV Rheno-Juvavia zu Salzburg, um dieser Verbindung in ihrem Wiederaufbau hilfreich zu sein. In den Folgejahren wurde das Leopoldenhaus erstmals größer umgebaut, 1974 folgte eine weitere Sanierung. 1977 wurde ein weiteres Haus in der Speckbacherstraße 29 erworben, das heute als Speckbacherheim bekannt ist. Später beteiligte sich Leopoldina am Bau des Europaheims.