Die Schmalspurbahn Gernrode–Hasselfelde verbindet Gernrode über Alexisbad mit Hasselfelde in Sachsen-Anhalt. In Alexisbad zweigt zudem eine kurze Stichstrecke nach Harzgerode ab. Beide sind Teil der Selketalbahn genannten Verbindung zwischen Quedlinburg und Eisfelder Talmühle. Dem namensgebenden Fluss Selke folgt die Strecke zwischen Mägdesprung und Albrechtshaus.
Die Meterspurbahn wurde von 1888 bis 1892 in mehreren Teilstücken von der Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn-Gesellschaft (GHE) eröffnet, wurde nach dem verlorenen Krieg 1946 von der sowjetischen Besatzungsmacht zum großen Teil demontiert und kurz danach fast vollständig wieder aufgebaut und kam 1949 zur Deutschen Reichsbahn. Seit 1993 gehört die Strecke den Harzer Schmalspurbahnen (HSB). Der kurze Streckenabschnitt nach Harzgerode ist seit dem Frühjahr 2025 betrieblich gesperrt.
Namensgebung Selketalbahn Gernroder-Harzgeroder Eisenbahn und Anhaltische Harzbahn waren verschiedene Bezeichnungen für die Schmalspurstrecken im Unterharz, die ursprünglich der GHE gehörten. Der Name Selketalbahn setzte sich erst Ende der 1940er Jahre für den Streckenabschnitt Gernrode–Harzgerode/–Straßberg durch. Heute wird nur noch die Bezeichnung Selketalbahn verwendet. Darunter werden die Strecken Quedlinburg–Gernrode (seit 2006) und weiter über Alexisbad nach Hasselfelde, die Strecke Alexisbad–Harzgerode und die Verbindungsstrecke Stiege–Eisfelder Talmühle von der HSB vermarktet.
Geschichte Eröffnung und Anfangsjahre Wegen der Geländeverhältnisse und aus Kostengründen hatte die Localbahn-Bau und Betriebs-Gesellschaft Wilhelm Hostmann & Co. aus Hannover die Spurweite von 1000 mm gewählt. Am 7. August 1887 wurde der Abschnitt Gernrode–Mägdesprung der Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn-Gesellschaft (GHE) nach einer Bauzeit von 316 Tagen eröffnet. Zunächst wurde nur Personenverkehr durchgeführt, ab dem 5. Januar 1888 auch Güterverkehr.
Am 1. Juli 1888 wurde das Teilstück Mägdesprung–Alexisbad–Harzgerode eröffnet. Noch während das erste Teilstück im Bau war, wurde eine Verlängerung bis Hasselfelde geplant. Der Güterverkehr bis Silberhütte war ab dem 13. Juli 1889 möglich, bis Lindenberg am 18. November 1889. Am 1. Juni 1890 wurde der Abschnitt Lindenberg–Güntersberge eröffnet. Zunächst war Güntersberge nur ein Endbahnhof, denn der bereits geplante Weiterbau Richtung Hasselfelde scheiterte an der Landesgrenze zwischen dem Herzogtum Braunschweig, dem Hasselfelde angehörte, und dem Herzogtum Anhalt, auf dessen Gebiet Güntersberge lag. Erst 1891 konnten entsprechende Verträge geschlossen werden und am 1. Dezember 1891 wurde die Strecke bis Stiege eröffnet. Das letzte Teilstück bis Hasselfelde folgte am 29. April 1892.
Mit der Strecke Stiege–Eisfelder Talmühle bestand ab 1905 eine Verbindung zur Harzquerbahn der Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft (NWE).
Max Valier führte zwischen Güntersberge und Friedrichshöhe im Frühjahr 1928 Testfahrten mit einem raketengetriebenen Wagen durch, die später auf der Schmalspurbahn Stiege–Eisfelder Talmühle fortgesetzt wurden.
Anfang der 1940er Jahre entstand eine 1,5 km lange Anschlussbahn zum Herzogschacht, wo der für die Rüstung wichtige Rohstoff Flussspat abgebaut wurde. Der Verkehr wurde 1944 aufgenommen.
Zweigeteilte Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg Den Zweiten Weltkrieg überstand die Bahnstrecke ohne größere Schäden, obwohl es in der unmittelbarer Umgebung noch zu schweren Kämpfen kam. Eine Aufnahme des Zugverkehrs war aber vorerst nicht möglich, da Stiege und Hasselfelde zur britischen und die restliche Strecke ab dem 1. Juli 1945 zur sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zählte. Erst nach einem Gebietstausch zwischen Sowjets und Briten am 23. Juli 1945 kam die ganze Strecke zur SBZ, erst danach war wieder Zugverkehr bis Hasselfelde möglich.
Im Frühjahr 1946 wurde die Strecke bis auf die Abschnitte Stiege–Hasselfelde und Herzogschacht–Lindenberg demontiert und das Fahrzeug- und Gleismaterial nahezu vollständig als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Da der Rohstoff Flussspat auch für die Atomwaffenproduktion von großer Bedeutung war, konnte der Abschnitt Lindenberg–Herzogschacht wegen schlechter Straßen zum Grubengelände nicht demontiert werden. Fortan war die Strecke zweigeteilt.
Stiege–Hasselfelde
Die Betriebsführung (Eisfelder Talmühle–)Stiege–Hasselfelde ging ab dem 15. April 1946 auf die NWE über.
Gernrode–Alexisbad–Straßberg Wegen der Bedeutung für den Transport von Flussspat begann bereits im Herbst 1946 der Wiederaufbau zwischen Gernrode und Lindenberg (seit 1952 Straßberg), der sich wegen Materialmangels bis 1949 hinzog. Der Abschnitt Lindenberg–Stiege wurde zunächst nicht wieder aufgebaut. 1946 wurde die GHE enteignet und am 1. April 1949 von der Deutschen Reichsbahn (DR) übernommen. Der Wiederaufbau der Strecke nach Harzgerode fand 1949/50 statt, neben Holzversand waren die örtliche Ziegelei sowie ein eisenverarbeitender Betrieb größere Verkehrskunden in Harzgerode. Der Verkehr wurde am 1. Juli 1950 wieder aufgenommen. Damit ging auch eine erhebliche Verkehrssteigerung auf dem Abschnitt Gernrode–Alexisbad–Lindenberg einher.
mini|links|Zug zwischen Gernrode und Alexisbad (1980)
Zunächst stand nur die nicht in die Sowjetunion abtransportierte GERNRODE, der Triebwagen T 1 sowie eine weitere Lok der Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft zur Verfügung. Erst ab 1956 konnte mit dem Einsatz weiterer Malletlokomotiven mehr Zugpaare gefahren werden. Am 1. Oktober 1959 wurde der Vereinfachte Nebenbahnbetrieb eingeführt, damit entfielen die bisher zuständigen Fahrdienstleiter in Harzgerode, Mägdesprung, Silberhütte und Straßberg. Sitz des Zugleiters war in Alexisbad.
mini|Ausfahrt einer Mallet nach Harzgerode (1980)
Erstmals wurde 1966 öffentlich über eine Verkehrseinstellung diskutiert, der Kreis Quedlinburg plante eine Stilllegung bis spätestens 1974. Daraufhin wurde die Oberbauinstandhaltung auf das Nötigste reduziert, infolgedessen waren immer mehr Langsamfahrstellen notwendig. Daraus resultierten immer längere Reisezeiten, sodass die Personenbeförderungszahlen rückläufig waren. Das Zugangebot wurde daher mehrfach gekürzt. Endgültig beschlossen wurde die Stilllegung 1970. Da der für den Verkehrsträgerwechsel notwendige Straßenausbau sowie die Beschaffung zusätzlicher LKWs und Omnibusse nicht schnell genug möglich war, wurde die Stilllegung weiter aufgeschoben. Im September 1972 wurde die Strecke als Technisches Denkmal eingestuft und die Strecke 1973 dauerhaft für den Weiterbetrieb vorgesehen. Die Anschlussbahn zur Flussspatgrube wurde im Mai 1974 betrieblich gesperrt, nachdem wegen schlechtem Oberbau eine Lokomotive entgleist war. Der geförderte Flussspat wurde danach per LKW zum Bahnhof Straßberg gebracht und dort in Güterwagen verladen.
Am 10. März 1977 kam es zum schwersten Unfall der Streckengeschichte. Bei Rangierarbeiten in Harzgerode wurde eine leere Güterwagengruppe vergessen an die Hauptluftleitung anzuschließen. An der Bahnhofseinfahrt reichte die Bremswirkung der Lokomotive alleine nicht aus und die Rangierfahrt entgleiste etwa 1200 Meter weiter in einem Bogen. Die Güterwagen wurden daraufhin vor Ort verschrottet, während die Lok erst am 29. April mithilfe eines Hilfsgleises geborgen werden konnte.
Wiederaufbau Straßberg–Stiege Beschlossen wurde der Wiederaufbau bereits 1973, nachdem die Stilllegungspläne nicht umgesetzt werden konnten. Nach der Einstellung des Verkehrs auf der Schmalspurbahn Grünstädtel–Oberrittersgrün war der Güterverkehr nach Straßberg bzw. Harzgerode der letzte ausschließlich mit Schmalspurgüterwagen durchgeführte öffentliche Güterverkehr der DR. Mit dem Lückenschluss sollte der Rollwagenverkehr bis Harzgerode durchgeführt werden. Dazu war unter anderem eine grundlegende Oberbausanierung notwendig, da der Wiederaufbau Ende der 1940er Jahre nur mit gebrauchtem Material erfolgte. Aufgrund fehlender Baukapazitäten ging die Streckensanierung nur langsam voran, für den Lückenschluss wurden zunächst gar keine Baumaßnahmen durchgeführt. 1974/75 wurde der Personenverkehr für einige Monate per Schienenersatzverkehr durchgeführt, in der Zwischenzeit wurden zahlreiche Streckenabschnitte wiederum mit gebrauchtem Oberbaumaterial anderer stillgelegter Strecken erneuert.
mini|Lok 99 6001 in Hasselfelde vor dem Eröffnungszug Stiege–Straßberg, 3. Juni 1984 mini|Rollwagengüterzug in Stiege (1990)
Erst mit der zweiten Ölkrise waren ab 1981 entsprechende Möglichkeiten zum Neubau verfügbar, vor allem um die Versorgung des neuen Heizkraftwerkes Silberhütte mit Braunkohle von Nordhausen aus sicherzustellen. Ab 1982 wurde am Planum gearbeitet, zunächst wurde der alte Oberbau bei Straßberg bzw. das Schotterbett auf dem restlichen Abschnitt abgetragen. Im Jahr 1983 der Wiederaufbau des Abschnittes Straßberg–Stiege. Am 3. Juni 1984 wurde der planmäßige Reiseverkehr zwischen Hasselfelde und Gernrode wieder aufgenommen. Seitdem sind die drei Harzer Schmalspurstrecken (Selketalbahn, Harzquerbahn und Brockenbahn) wieder zu einem – heute 140 Kilometer langen – Netz verbunden.
Im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau wurde auch der Einsatz der Baureihe 99.23–24 auf der restlichen Strecke geplant. Dazu mussten der Oberbau verstärkt und Profileinschränkungen beseitigt werden. Ab 1987/88 war dann der Verkehr mit den größeren Lokomotiven möglich. Der Rollwagenverkehr bis Harzgerode wurde im Mai 1989 aufgenommen.
Entwicklung nach 1989 Mit der Wende brachen die Transportleistungen im Güterverkehr ein. Im Mai 1990 wurde letztmalig Güterverkehr mit Schmalspurgüterwagen durchgeführt, danach wurden nur noch Normalspurgüterwagen auf Rollwagen befördert. Nach Juni 1991 bestand nur auf dem Papier ein täglicher Güterzug aus Nordhausen bis Harzgerode, der aber mangels Fracht defacto nur bis Silberhütte verkehrte. Der Rückgang im Berufsverkehr wurde vorerst durch mehr Ausflügler ausgeglichen.
mini|Doppelausfahrt Alexisbad in den 1990er Jahren
Am 1. Februar 1993 übernahm die Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB) von der DR neben der Harzquerbahn und der Brockenbahn auch die Selketalbahn. Im Mai 1993 wurde der Güterverkehr auf der Schmalspurbahn beendet, lediglich ein Kohlenhändler in Hasselfelde wurde noch bedient. Obwohl wochentags noch ein Güterzugpaar im Fahrplan enthalten war, wurden die Wagen für Hasselfelde per PmG befördert. Anfang April 1994 beschädigte ein Hochwasser die Gleisanlagen zwischen Mägesprung und Straßberg sowie auf der Stichstecke nach Harzgerode stark. Ende April bis zum 11. Mai 1994 wurde der Betrieb schrittweise wieder aufgenommen, die Reparaturkosten beliefen sich auf 1,5 Mio. DM.
Ab 1995 verkehrten weniger Personenzüge, die Beförderungsleistungen im Personenverkehr waren seit der Übernahme durch die HSB ebenfalls zurückgegangen. Seit 1996 kommen auch Triebwagen zum Einsatz, zudem wurde der Fahrplan saisonal gestaltet. Der Oberbau wurde von 1993 bis 2000 auf circa 5 km Länge saniert, zudem wurden starke befahrene bislang nur durch Andreaskreuze gesicherte Bahnübergänge mit Schranken ausgerüstet. Insgesamt wurden etwa 14 Mio. DM investiert. Mit dem angepassten Fahrplan konnten die Fahrgastzahlen wieder gesteigert werden.
Am 10. Juni 2001 wurde der schon jahrelang nicht mehr durchgeführte Güterverkehr ins Selketal dann offiziell eingestellt. Der Zugleiter in Alexisbad wurde 2004 eingespart, seitdem ist der Zugleiter in Nordhausen Nord mit für die Strecken zuständig.
Streckenerweiterung nach Quedlinburg mini|Triebwagen in Bad Suderode (2006)