mini|Johann Gottfried Herder, Gemälde von Anton Graff, 1785, Gleimhaus Halberstadt.Herders Unterschrift: rahmenlos|zentriert|100px mini|hochkant|Johann Gottfried Herder

Johann Gottfried Herder, ab 1802 von Herder (* 25. August 1744 in Mohrungen; † 18. Dezember 1803 in Weimar), war ein deutscher Dichter, Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph im Zeitalter der Aufklärung. Neben Christoph Martin Wieland, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller gilt er als bedeutendster Vertreter der klassischen deutschen Literatur.

Leben Kindheit und erste Jugendjahre Johann Gottfried Herder wurde als Sohn des Kantors und Schullehrers Gottfried Herder (* 9. Mai 1706; † 26. September 1763) und dessen zweiter Ehefrau Anna Elisabeth, geb. Peltz (* 1717; † 3. Oktober 1772) in Mohrungen geboren, einer Stadt mit etwa 2000 Einwohnern in der preußischen Provinz Ostpreußen. Sein Rufname wird uneinheitlich mit Gottfried,Rosa Kohlheim, Volker Kohlheim: Duden – Das große Vornamenlexikon. 5. Auflage. 2016, Stichwort Johann. bzw. mit Johann Gottfriedvgl. ADB 12 (1880) und NDB 8 (1969) angegeben. Durch seine pietistischen Eltern religiös geprägt, sollte er Theologie studieren. Als der jüngere Bruder Carl Friedrich starb, entstand sein erstes Gedicht Auf meinen ersten Todten! das Liebste, was ich auf dieser Welt verloren.

Die Verhältnisse seiner Eltern waren bescheiden, aber nicht so dürftig, dass auf eine gute Erziehung der Kinder hätte verzichtet werden müssen. Herder besuchte in seiner Heimatstadt die Stadtschule. Besonders beeinflusste ihn der Diakon Sebastian Friedrich Trescho, gleichfalls Pietist, dessen Faktotum er wurde. Als Gegenleistung durfte er dessen umfangreiche Bibliothek frei nutzen. Auf Initiative des russischen Regimentschirurgen J. C. Schwarz-Erla verließ Herder im Sommer 1762 Mohrungen und ging nach Königsberg, um Chirurg zu werden. Weder seine Geburtsstadt noch Eltern und Freunde sah er jemals wieder.

An der Stelle von Herders Geburtshaus, das 1945 zerstört wurde, befindet sich eine Gedenktafel (heutige Anschrift ul. Johanna Gottfrieda Herdera 3). Gegenüber wurde dem berühmten Sohn der Stadt ein Denkmal errichtet.

Studium in Königsberg In Königsberg erkannte Herder bald, dass er für den Beruf des Chirurgen ungeeignet war, und schrieb sich als Student der Theologie an der Universität Königsberg ein. Er gewann in dem Buchhändler Johann Jakob Kanter (1738–1786) einen Gönner, der von seinem anonymen Werk Gesang an Cyrus, das Herder ihm unaufgefordert zugesandt hatte, beeindruckt war. Kanter schickte es dem mit der Aufklärung sympathisierenden Zaren Peter III. und besorgte Herder eine Stellung als Hilfslehrer an der Elementarschule des Collegium Fridericianum. So konnte sich Herder auf einigermaßen gesicherter Basis vor allem seiner Bildung widmen.

Einflussreich war von den Universitätslehrern nur Immanuel Kant, außerhalb der Universitätskreise besonders Johann Georg Hamann. Auch die Schriften Jean-Jacques Rousseaus beeindruckten Herder sehr. Er schloss sich einem gelehrten Kreis an, zu dem Theodor Gottlieb Hippel, Hamann, Johann George Scheffner und Kant zählten. Herder, der 1762–1764 bei Kant Vorlesungen über Astronomie, Logik, Metaphysik, Moralphilosophie, Mathematik und Physische Geographie gehört hatte, schrieb später darüber:

Bedeutung erlangte die Kritik Hamanns und HerdersSiehe insbesondere Johann Gottfried Herder: Sämtliche Werke. 33 Bde. Herausgegeben von Bernhard Suphan. Olms, Hildesheim 1967, Bd. XXI (Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, 1799 verfasst), Bd. XX (Kalligone, 1800 verfasst); vgl. Marion Heinz: Herders Metakritik. In: Dies. (Hrsg.): Herder und die Philosophie des deutschen Idealismus. Rodopi, Amsterdam, S. 89–106. an Kant, die rügten, dieser habe die Sprache als originäre Erkenntnisquelle vernachlässigt. Herder wies zudem darauf hin, dass der Mensch bereits während der Wahrnehmung „metaschematisiert“, womit er bereits Einsichten der Gestaltpsychologie vorwegnahm.

Erste literarische Werke mini|hochkant|Ein Denkmal Herders in Riga

Zunächst schrieb Herder Gedichte und Rezensionen für Kanters Königsbergische Zeitung. 1763 erhielt er auf sein Gesuch das Hochgräflich-Dohnasche Stipendium und beteiligte sich an der Preisaufgabe der Schweizerischen Patriotischen Gesellschaft „Wie können die Wahrheiten der Philosophie zum Besten des Volkes allgemeiner und nützlicher werden?“. In seiner Philosophie wird die Arbeit – wie auch bei Immanuel Kant, später ebenfalls bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Johann Gottlieb Fichte – zur Existenzbedingung und sittlichen Pflicht erklärt.

Dass Herder im Herbst 1764 an die Domschule nach Riga berufen wurde, kam ihm wegen des drohenden Militärdienstes gelegen. Ein verheerender Brand inspirierte ihn kurz vor seiner Abreise zu dem Gedicht Ueber die Asche Königsberg’s. Ein Trauergesang. Bis 1769 war er in Riga als Collaborator tätig; später wurde er auch als Pfarradjunkt an zwei vorstädtischen Kirchen (Jesus- und Gertrudenkirche) angestellt, so dass er in der alten Hauptstadt Livlands, die sich damals noch republikanischer Selbständigkeit erfreute, einen wichtigen Wirkungskreis fand und bei der Verwaltung und der „Ritterschaft“ angesehen war. Die Kreise des städtischen Patriziats erschlossen sich ihm, und vor allem durch das Haus des Ratsherrn Johann Christoph Berens und dessen Brüder Gustav, Karl und Georg, an das er durch Hamann empfohlen war, hatte er gute Freunde in den bürgerlichen Kaufmannskreisen gefunden.

„In Riga verursachte die Begegnung mit dem lettischen Volkslied, das Erlebnis des Hörens und Sehens bäuerlicher Gesänge und Tänze bei ländlichen Hochzeiten, Kindtaufen und Volksfesten wie der Sonnenwendfeier einen tiefgreifenden Wandel in Herders Anschauungen über Poesie.“Hans Marquardt: Nachwort. In: Johann Gottfried Herder: Stimmen der Völker in Liedern. Eine Auswahl. Herausgegeben von Hans Marquardt. Verlag der Nation, Berlin 1978, S. 273–282, hier S. 277. Die lettische Sprache hingegen blieb ihm fremd.Hans Marquardt: Nachwort. In: Johann Gottfried Herder: Stimmen der Völker in Liedern. Eine Auswahl. Herausgegeben von Hans Marquardt. Verlag der Nation, Berlin 1978, S. 273–282, hier S. 280. Im Rigaer Blatt erschien 1764 seine erste umfangreichere Studie Ueber den Fleiß in mehreren gelehrten Sprachen, die bereits die für ihn typischen Vokabeln „Nationalcharakter“ und „Genie“ enthielt.

Im Juni 1766 wurde er in Riga in der Loge „Zum Schwert“ in den Freimaurerbund aufgenommen.Jürgen Holtorf: Die Logen der Freimaurer. Nikol Verlag, Hamburg 2000, ISBN 3-930656-58-2, S. 146. Nicht nur Herders Älteste Urkunde des Menschengeschlechts zeigt Nachwirkungen hierauf. In seinem Logenbruder, dem Schriftsteller Rektor Johann Gotthelf Lindner, fand er für seinen zukünftigen Lebensweg eine Schlüsselfigur.

Nun entstanden erste größere Werke, die sein Freund Johann Friedrich Hartknoch verlegte: Fragmente über die neuere deutsche Literatur (1766–1767), Über Thomas Abbts Schriften (1768) und 1769 anonym die wichtigste dieser Studien: Kritische Wälder, oder Betrachtungen die Wissenschaft und Kunst des Schönen betreffend. Dabei handelte es sich um eine Vertiefung und Erweiterung seiner Sprachphilosophie, die er auf den Satz Hamanns gründete, wonach „die Poesie die Muttersprache des menschlichen Geschlechts“ ist. Die literarischen Erzeugnisse aller Nationen sind, so Herder, durch den besonderen Genius der Volksart und Sprache bedingt. Hier prägte er auch den Begriff Zeitgeist.

Zu dieser Zeit stand er im Briefkontakt mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Friedrich Nicolai. Auf Nicolais Aufforderung hin wurde er Mitarbeiter der Allgemeinen Deutschen Bibliothek (ADB), für die er bis 1773 etwa 40 Rezensionen schrieb. Literarisch zog er bald die Kritik Nicolais auf sich, der sich später gegen die gesamte Literatur des Sturm und Drang, der Klassik und der aufkommenden Romantik wandte.

Herder kritisierte leidenschaftlich einerseits die orthodoxe Einstellung der damaligen Theologie und andererseits die abwehrende Haltung gegen seine reformerischen Schulpläne. Er polemisierte unter anderem gegen das andauernde Übergewicht der Lateiner im deutschsprachigen Raum.

Von Christian Adolph Klotz, einem Professor in Halle, und dessen Anhängern wurde er angefeindet, was ihm die Zeit in Riga verleidete. Einem Ruf an eine Petersburger Schule im Jahre 1767 folgte er nicht. Die folgenden Proteste veranlassten ihn dazu, im Frühling 1769 seine Entlassung aus den Ämtern in Riga zu erbitten, um in Mitteleuropa zu wirken. Auch seine Tätigkeit als Hilfspfarrer bei der Jesusgemeinde in Riga wurde so beendet.Die Jesuskirche in Riga. Herausgeber: Evangelisch-Lutherische Jesusgemeinde in Riga, 2007, ISBN 978-9984-39-258-5, S. 8 f.

Reisender Fürstenerzieher mini|hochkant|Karoline Herder, geb. Flachsland, Kopie von Anna Gerhardt (1941) nach einem Aquarell aus dem Jahr 1770, Gleimhaus Halberstadt Mit Hilfe einiger Freunde, namentlich seines Rigaer Verlegers Johann Friedrich Hartknoch, der ein Freimaurer und Vertrauter Hamanns, Kants und Kanters war, trat er 1769 eine Reise an, die ihn zunächst mit seinem Freund Gustav Berens (ca. 1725–ca. 1780) nach Nantes führte. Unterwegs entstand das Journal meiner Reise im Jahr 1769 (erst 1846 veröffentlicht). Von Nantes brach er nach Paris auf. Hier pflegte er mit den Enzyklopädisten einen regen Gedankenaustausch und wurde mit Denis DiderotKarl-Gustav Gerold: Herder und Diderot. Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main (1941) S. 17–33.Rafael Köhler: Natur und Geist. Franz Steiner, 1996, ISBN 3-515-06818-X, S. 48ff. und d’Alembert bekannt.

Da er keine mehrjährigen Reisen auf Kosten der Freunde machen wollte, kam ihm der Antrag des fürstbischöflich lübischen Hofs zu Eutin, den Erbprinzen von Holstein-Gottorp Peter Friedrich Wilhelm (1754–1823) als Reiseprediger zu begleiten, sehr gelegen. Im Dezember 1769 reiste er über Brüssel, Antwerpen, Amsterdam und Hamburg nach Eutin, wo er Anfang 1770 eintraf. In Hamburg hatte er Gotthold Ephraim Lessing, Johann Joachim Christoph Bode, Johann Bernhard Basedow, Hauptpastor Johann Melchior Goeze und Matthias Claudius kennengelernt. Im Juli verließ er Eutin im Gefolge des Prinzen. Erste Stationen der Reise waren Hannover und Kassel; in Göttingen schloss er Bekanntschaft mit Heinrich Christian Boie.

Noch vor der Abreise hatte ihn ein Ruf von Wilhelm Graf zu Schaumburg-Lippe aus Bückeburg erreicht. Bei einem kurzen Aufenthalt in Darmstadt lernte er den Kriegsrat Johann Heinrich Merck kennen und über ihn Maria Karoline Flachsland, in die er sich verliebte. Sie heirateten schließlich im Jahr 1773. Diese gegenseitige Zuneigung weckte in Herder den Wunsch nach festen Lebensverhältnissen. Er folgte dem Prinzen über Mannheim bis Straßburg, wo es zum ersten Treffen mit dem jungen Johann Wolfgang Goethe kam. Herder erbat vom Eutinischen Hof seine (im Oktober gewährte) Entlassung, nahm die vom Grafen zu Schaumburg-Lippe angebotene Stellung als Hauptprediger der kleinen Residenz Bückeburg und als Konsistorialrat an, blieb aber zunächst wegen seines Augenleidens in Straßburg, wo er sich – erfolglos – von Johann Friedrich Lobstein operieren ließ.

Hier machte er den fünf Jahre jüngeren Goethe auf Homer, Pindar, Ossian, Shakespeare, Hamann, die Volksdichtung und auf das hochgotische Münster aufmerksam. Gemeinsam beschäftigten sie sich mit Laurence Sterne, Oliver Goldsmith, Johann Joachim Winckelmann, Friedrich Gottlieb Klopstock, Anthony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury, Rousseau, Voltaire und Paul Henri Thiry d’Holbach. Im Darmstädter Kreis bemängelte Herder an der Urfassung von Goethes Götz von Berlichingen mit dem Titel Gottfried von Berlichingen mit der Eisernen Hand, sie beruhe auf einem Missverstehen Shakespeares.

Hofprediger in Bückeburg mini|hochkant|An den Aufenthalt Herders in Bückeburg erinnert seit 1908 ein Denkmal an der Stadtkirche