mini|Antonio Gramsci, um 1920 Antonio Gramsci [ ] (* 22. Januar 1891 in Ales auf Sardinien; † 27. April 1937 in Rom) war ein italienischer Schriftsteller, Journalist, Politiker und marxistischer Philosoph. Er gehört zu den Begründern der Kommunistischen Partei Italiens (Partito Comunista Italiano), deren Generalsekretär (Vorsitzender) er von 1924 bis 1927 war. Vom 6. April 1924 bis zu seiner Verhaftung durch Faschisten am 8. November 1926 war er Abgeordneter im italienischen Parlament. Während seiner Zeit im Gefängnis verfasste Gramsci Texte mit philosophischen, soziologischen und politischen Überlegungen, die 32 Hefte füllen. Sie sind als Gefängnishefte bekannt geworden und bilden ein bedeutendes Werk marxistischen Denkens; Gramscis Analysen werden bis heute in der Politischen Theorie rezipiert.

Leben und Wirken Familie Am 22. Januar 1891 wurde Antonio Gramsci in Ales (Sardinien) als viertes Kind von Francesco Gramsci und Giuseppina Marcias geboren. Die Familie Gramsci gehörte zu den Arbëresh, der albanischen Minderheit in Süditalien. Der Familienname Gramsci wurde vermutlich von der albanischen Stadt Gramsh abgeleitet. Antonio Gramsci dachte, sein albanischsprachiger Urgroßvater sei 1821 nach einem Volksaufstand aus dem Epirus (Balkan) geflüchtet. Verantwortlich dafür war ein irriger Stammbaum. Tatsächlich waren seine Vorfahren bereits in einer frühen Flüchtlingswelle albanischer Christen in das Königreich Neapel gekommen; sein Urgroßvater Nicola Gramsci (1769–1824) ist im 18. Jahrhundert als Grundbesitzer in Plataci in der Provinz Cosenza (Kalabrien) belegt. Don Nicola Gramsci war mit seiner Familie 1795 nach Neapel übersiedelt, wo sich die Familie Gramsci in die gehobene Gesellschaft integrierte und von wo aus er den Landbesitz in Kalabrien verwaltete. In Plataci wurde Antonios Großvater Gennaro Gramsci (1812–1872) geboren. Dieser wurde Oberst der Gendarmerie des Königreiches beider Sizilien und heiratete Teresa Gonzales, die Tochter eines bekannten neapolitanischen Advokaten.

Ihr jüngster Sohn, Francesco Gramsci, geboren am 6. März 1860 in Gaeta (Latium) wurde Antonio Gramscis Vater. Er begann ein Studium der Rechtswissenschaften, musste jedoch, als sein Vater starb, dieses vorzeitig abbrechen. Die Folge war ein sozialer Abstieg. Seine Arbeitssuche führte ihn 1881 nach Sardinien, wo er in Ghilarza eine Anstellung beim Registeramt fand. Auf Sardinien lernte er seine spätere Frau, Antonio Gramscis Mutter, Peppina (eigentlich Giuseppina) Marcias kennen, die er 1883 gegen den Willen seiner Mutter zur Frau nahm.

Peppina Marcias stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Ihr Vater war Steuereintreiber und besaß ein kleines Haus mit einem kleinen Grundstück. Sie wurde 1861 in Ghilarza geboren. Sie besuchte drei Jahre die Grundschule und lernte als eines der wenigen Mädchen ihrer Zeit lesen und schreiben. Sie wurde zu einer begeisterten Leserin, zum Beispiel von Boccaccio.

Die Eheleute Gramsci hatten insgesamt sieben Kinder; ihr erstes Kind, Gennaro, bekamen sie 1884. Drei Jahre später folgte Grazietta, 1889 Emma und am 22. Januar 1891 Antonio. Ein Jahr später zog die Familie nach Sorgono (Sardinien). Dort wurden Mario (1893), Teresina (1895) und Carlo (1897) geboren.

Kindheit Antonio Gramsci war von zarter Konstitution und kämpfte zeitlebens auch um seine Gesundheit. Im Alter von drei Jahren ließ ein Kindermädchen Antonio auf den Boden fallen. Er stürzte so schwer, dass sich am Rücken ein Buckel bildete. Wahrscheinlich spielte schon damals Knochentuberkulose eine wesentliche Rolle. Er litt an Wachstumsproblemen und war als Erwachsener nur knapp einen Meter fünfzig groß.

Über akute Probleme und die anhaltende Besorgnis seiner Mutter schrieb er später: Siehe Giuseppe Fiori: Vita di Antonio Gramsci. 1979, S. 13.

Antonio Gramsci wird als ein aufgewecktes Kind geschildert; bedingt durch seine körperliche Behinderung fand er sich von vielen Spielen der anderen Kinder jedoch ausgeschlossen, was ihn immer mehr zum Einzelgänger werden ließ und verschlossen machte. Seine Geschwister beschrieben ihren Bruder als einen eher melancholischen Menschen, der ihnen aber sehr oft seine Zuneigung zeigte.

Ab dem sechsten Lebensjahr besuchte er die Grundschule; in der dritten Klasse hatte er gute, aber nicht glänzende Zensuren. Da er aber den anderen Kindern weit voraus war, wollte er eine Klasse überspringen. Dies scheiterte daran, dass er nicht alle Artikel der italienischen Verfassung auswendig hersagen konnte, wie der Studiendirektor dies von ihm verlangt hatte. Sein letztes Grundschuljahr schloss er in jedem Fach mit der Höchstnote ab.

Berufliche Schwierigkeiten des Vaters Am 9. August 1898 wurde Francesco Gramsci wegen Amtsmissbrauchs und Veruntreuung angeklagt und kurz darauf verhaftet. Aufgrund der geringen Veruntreuungssumme wurde er am 27. Oktober 1900 zur Mindeststrafe von 5 Jahren, 8 Monaten und 22 Tagen Gefängnis verurteilt, die er in Gaeta verbüßte. Francesco Gramsci hatte tatsächlich seine Buchhaltung nicht korrekt geführt, aber ein weiterer Hintergrund für die Verhaftung war politischer Natur, da er bei den Wahlen von 1897 Enrico Carboni Boy unterstützt hatte, sich am Ende jedoch sein politischer Gegner Cocco Ortu durchsetzte. Giuseppina Gramsci verschwieg ihren Kindern aus Scham, dass der Vater ins Gefängnis musste.

Ohne die Einkünfte des Vaters begann für die Familie Gramsci eine Zeit extremer Armut. Deshalb zogen sie kurze Zeit später nach Ghilarza, dem Geburtsort von Giuseppina Marcias. Die Mutter betätigte sich nun als Auftragsnäherin und vermietete ein Zimmer, zudem kümmerte sie sich um den Haushalt und arbeitete teilweise auch nachts. Trotz der vielen Arbeit fand sie noch genügend Zeit, um Antonio bei dessen Hausaufgaben zu helfen.

Besuch des Gymnasiums mini|Gramsci als 15-Jähriger Die Armut seiner Familie erlaubte es ihm zunächst nicht, ein Gymnasium zu besuchen. Stattdessen begann Gramsci in einem Kataster-Büro zu arbeiten, wo er neun Lire pro Monat verdiente. Seine damalige Arbeit beschrieb er später wie folgt:

Am 31. Januar 1904 hatte Francesco Gramsci seine Strafe verbüßt, wurde rehabilitiert und fand eine Anstellung als Schreiber. Deshalb konnte sich Antonio Gramsci nun im achtzehn Kilometer von Ghilarza entfernten Gymnasium von Santu Lussurgiu anmelden. Dabei handelte es sich um eine kleine Schule, wo lediglich drei Lehrer die insgesamt fünf Klassen der Unterstufe unterrichteten. Trotz des ungünstigen Betreuungsverhältnisses gelang es Gramsci in Oristano, die Licenza ginnasiale (Unterstufenprüfung) zu bestehen. Im Sommer 1908 schrieb er sich im Liceo Dettori in Cagliari ein, der dreijährigen Oberstufe, Lyzeum genannt, an dem er die Hochschulreife erlangte. In Cagliari wohnte er in der Folge gemeinsam mit seinem Bruder Gennaro in einer kleinen Pension.

Erste Berührung mit der sozialistischen Bewegung Gennaro Gramsci hatte in der Zwischenzeit in der sozialistischen Hochburg Turin seinen Militärdienst geleistet und war als engagierter Sozialist nach Sardinien zurückgekehrt, wo er eine Anstellung in einer Eisfabrik fand. Er engagierte sich unter anderem in der Camera del Lavoro, einem Zusammenschluss von Arbeitern, der vom Partito Operaio Italiano (Italienische Arbeiterpartei), dem Vorläufer der Sozialistischen Partei Italiens gegründet wurde, wo er mit dem Amt des Kassierers betraut war. Durch seinen Bruder kam Antonio Gramsci erstmals mit sozialistischen Büchern, Zeitschriften und Broschüren in Kontakt. So las er unter anderen die populären Romane von Carolina Invernizio und Anton Giulio Barrili, daneben die Zeitschriften La Voce und Marzocco, Schriften von Giovanni Papini, Emilio Cecchi und studierte insbesondere die Werke von Benedetto Croce und Gaetano Salvemini.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es Antonio Gramsci, die Lücken der mangelhaften Schulbildung zu schließen. Auch in Cagliari lebte er zurückgezogen. Es wird berichtet, dass er weder rauchte noch Alkohol trank und auch keine Einladungen dazu annahm.

Am Ende des zweiten Jahres am Lyzeum fragte Antonio Gramsci seinen Italienischlehrer Raffa Garzia, der zugleich Direktor der Zeitung Unione Sarda war, ob er während des Sommers an der Zeitung mitarbeiten könne. Der Professor akzeptierte, und am 20. Juli 1910 erhielt Gramsci seinen Presseausweis. Seine erste Berichterstattung führte ihn ins Dorf Aidomaggiore. Dort wollte die Bevölkerung das allgemeine Wahlrecht einführen, weshalb der Oberleutnant der Carabinieri Verstärkung anrücken ließ, vierzig Carabinieri und vierzig Infanteristen. Bei der Wahl war das ganze Dorf wie ausgestorben, niemand traute sich vor die Tür. Gramscis Berichterstattung über diese Ereignisse war kurz, prägnant und humorvoll.

Am Ende seines dritten Oberstufenjahres litt Gramsci an Unterernährung. Er bestand die Abschlussprüfungen mit guten bis sehr guten Noten.Überwiegend Achten, und eine Neun in Italienisch. Die Notenskala in Italien reichte von 1 bis 10, wobei 10 die höchste Note darstellte.

Studium in Turin Im Jahre 1911 offerierte das Collegio Carlo Alberto (Fondazione Albertina) in Turin 39 Stipendien. Die Stipendiaten erhielten 70 Lire pro Monat, um die Universität in Turin besuchen zu können. Auch Antonio Gramsci bemühte sich um ein solches Stipendium und nahm an den dafür nötigen Aufnahmeprüfungen teil. Er erhielt von seinen Eltern zu diesem Zweck ein Startgeld von 100 Lire. Damit bezahlte er unter anderem die Fahrt dritter Klasse von Sardinien nach Turin, die alleine 45 Lire kostete. Am 27. Oktober 1911 endeten die Prüfungen, bei welchen er den insgesamt neunten Platz belegte. Auf den zweiten Platz gelangte Palmiro Togliatti, der ebenfalls aus Sardinien stammte und später Gramscis Parteigenosse wurde.

mini|Universität in Turin Gramsci erhielt eines der Stipendien und schrieb sich bei der Philosophischen Fakultät ein. Es stellte sich jedoch heraus, dass die siebzig Lire, die er pro Monat erhielt, nicht ausreichten. Die ersten Monate des Studiums bezeichnete Gramsci später als schlimmste Zeit seines Lebens. Einsamkeit, Hunger und Kälte peinigten ihn und lösten HalluzinationenEr litt an Phantasien über eine große Spinne, die herabstürzte und ihm das Gehirn aussaugte. und Ohnmachtsanfälle aus.

Für die Wahlen vom 26. Oktober 1913 kehrte Gramsci für kurze Zeit nach Sardinien zurück. Der Ministerpräsident Giovanni Giolitti hatte für diese Wahl eine Erweiterung des Wahlrechtes angeordnet; damit waren erstmals auch Analphabeten zugelassen. Jedoch blieben die Korruption und die Einschüchterung von Wählern allgegenwärtig. Antonio Gramsci kehrte im November 1913 nach Turin zurück, wo er nun das unterste Stockwerk eines in der Via San Massimo 14 gelegenen Palazzos bewohnte. Gramsci wurde Mitglied des Partito Socialista Italiano (PSI). In dieser Zeit geriet er mit den Examina in Rückstand, da er an einer Art Minderdurchblutung im Gehirn litt, was einen teilweisen Gedächtnisverlust zur Folge hatte. Damit er das Stipendium der Fondazione Albertina behalten konnte, holte Gramsci zwischen März und April 1914 verschiedene Examina nach.