mini|hochkant=1.5|Die Ludgeri-Kirche in Norden
Die evangelisch-lutherische Ludgeri-Kirche steht im Zentrum des Marktplatzes der ostfriesischen Stadt Norden im Landkreis Aurich. Das romanisch-gotische Bauwerk wurde in mehreren Bauabschnitten vom 13. Jahrhundert bis Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet.
Die Ludgerikirche ist mit rund 80 Metern Länge der größte erhaltene mittelalterliche Sakralbau Ostfrieslands. Der in der Außenansicht stark zergliederte Baukörper besteht aus drei Abschnitten, die auch in der Höhe variieren, und ist vor allem durch den um 1455 fertiggestellten gotischen Chor geprägt. Er überragt das gotische Querhaus und das romanische Langhaus deutlich. Der Chorraum ist mit seinem Umgang der einzige dreischiffige Sakralbau in Ostfriesland in der Art gotischer Kathedralenarchitektur. Der südlich neben der Kirche freistehende romanische Glockenturm ist durch eine Straße von der Kirche getrennt.
Die Ludgerikirche weist eine besonders reiche Ausstattung auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Epitaph des Unico Manninga und vor allem die Orgel von Arp Schnitger, historisch und klanglich ein Kunstwerk von internationalem Rang. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist wegen des Bildersturms zur Zeit der Reformation nur in geringen Resten im Querschiff und im Chor vorhanden.
Geschichte Bau von zwei Kirchen im historischen Norder Stadtgebiet mini|Norden um 1590. In der Mitte die Türme der Andreaskirche sowie der Chor und der Glockenturm der Ludgerikirche
Ungefähr zur gleichen Zeit wurden in Norden zwei Kirchen errichtet, deren Geschichte untrennbar miteinander verbunden ist, die Andreaskirche und die Ludgerikirche. Dies ist vermutlich auf die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Ortes zurückzuführen. Er wurde nicht zentral gegründet, sondern entstand als gemeinsames Zentrum der umliegenden Bauerschaften Ekel, Lintel und Westgaste, die im Laufe der Jahre immer mehr zusammenwuchsen und so den Kern der Stadt Norden bildeten.
Das Areal, auf dem beide Gotteshäuser standen, liegt auf einer Sandinsel in der Marsch, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.Eberhard Rack: Kleine Landeskunde Ostfriesland. Isensee Verlag, Oldenburg 1998, S. 94. Der eigentliche Kirchhügel hat eine Fläche von rund 150 × 90 Metern und erhebt sich an seiner höchsten Stelle auf 10,2 Meter über Normalnull.Rolf Bärenfänger: Ostfriesische Fundchronik 1996. In: Ostfriesische Landschaft, Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden, Niedersächsisches Landesarchiv (Standort Aurich), Johannes a Lasco Bibliothek (Hrsg.): Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 76 (1996), S. 220. Für den Bau der Vorgängerkirche der Andreaskirche wurde der Hügel in der Mitte auf einer Fläche von 30 × 13 Metern um 0,6 Meter mit Heidesoden erhöht, später dann auch in den Randbereichen durch Aufbringung von humosem Sand.Rolf Bärenfänger: Die Andreaskirche in Norden. In: Rolf Bärenfänger (Redaktion u. Bearbeitung): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 35: Ostfriesland. Stuttgart 1999, ISBN 3-8062-1415-8, S. 187 f.
Die erste Stadtkirche war die Andreaskirche. Sie stand nördlich der heutigen Ludgerikirche und hatte einen Vorgängerbau aus Holz, an dessen Stelle im 12. Jahrhundert eine rechteckige Einraumkirche aus Tuffstein als erster steinerner Kirchenbau des Ortes errichtet wurde. Dieser wurde später zu einer Basilika ausgebaut. Im Jahr 1531 wurde die Andreaskirche bei innerostfriesischen Auseinandersetzungen weitgehend zerstört. Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Die letzten Reste des Baus wurden 1756 abgetragen.Angaben laut Infotafel im Ostfriesisches Teemuseum Norden (mit angegliedertem Heimatmuseum).
Die Andreaskirche diente vermutlich für das sich entwickelnde städtische Gemeinwesen als Gotteshaus. Das wird damit erklärt, dass die Kirche dem Patronat des Apostels Andreas anvertraut war. Er war der Schutzpatron der Stadt und ist Schildhalter des Norder Stadtwappens.
Die Ludgerikirche war zunächst für das Norder Umland zuständig. Das Gotteshaus war die Sendkirche des Norderlandes und war Liudger, dem Apostel der Friesen und Schutzheiligen der Landesgemeinde, gewidmet. In ihr wurde in kirchlichen und weltlichen Angelegenheiten Recht gesprochen. Auch die Ludgerikirche hatte wohl einen weit älteren Vorgängerbau aus Holz. Ob ihm zunächst ein Tuffsteinbau folgte, bevor der heute noch erhaltene spätromanische Backsteinbau entstand, ist ungewiss. Fundamentreste einer Apsis aus Tuffstein wurden 1967 beim Heizungseinbau im Bereich der Vierung gefunden.Hermann Haiduck: Die Architektur der mittelalterlichen Kirchen im ostfriesischen Küstenraum. Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1986, ISBN 3-925365-07-9, S. 155.
Die Ludgerikirche vom 13. Jahrhundert bis zur Reformation mini|Cirksena-Wappen im Schlussstein des östlichsten Hochchorgewölbes mini|hochkant|links|Der frühgotische Glockenturm mit noch einigen rundbogigen Blenden
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts (Datierungsversuche seit 1945 schwanken zwischen 1200/1220Robert Noah: Die Ludgerikirche zu Norden. Der Bau und seine Ausstattung. In: Emder Jahrbuch. Band 66, 1986, S. 75. und 1230/1250Georg Fegter: Überlegungen zum Rätsel von St. Ludgeri aus dem Bereich der Baubetrachtung. In: Erinnerungsblätter an die 500-Jahr-Feier der Ludgerikirche zu Norden am 16. September 1945. Norden 1946. Druck Heinrich Soltau, S. 46.) wurde die rechteckige Einraumkirche aus Backstein erbaut, die mit einer Länge von 41 und einer Breite von 13 Metern etwas größere Dimensionen als die benachbarte Stadtkirche hatte. Dies wird als Ausdruck der Konkurrenzsituation gedeutet, in der sich Stadt- und Landeskirche befanden.Angaben laut Infotafel im Ostfriesisches Teemuseum Norden. (mit angegliedertem Heimatmuseum). Im Osten war dieser Bau mit einer halbrunden Apsis aus Tuffstein abgeschlossen, was zu der Zeit nichts Ungewöhnliches war. Wegen dogmatisch-ideologischer Bedenken gegen von Menschenhand hergestellte Steine hielt man nämlich Natursteine für den Altarraum damals noch für angemessener.Elke Erchinger: Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche. Ev.-luth. Kirchengemeinde Norden, 1985, S. 47. Der Bau hatte je zwei Eingänge an der Nord- und Südseite, kleine Rundbogenfenster und eine flache Holzbalkendecke.Reinhard Ruge (Text), Ev.-luth. Ludgerigemeinde Norden (Hrsg.): Die Ludgeri-Kirche zu Norden. Norden 2015, S. 2. Die Ausstattung wird, wie zu der Zeit üblich, nur aus einem Taufstein und einem gemauerten Altartisch bestanden haben, denn Kanzel, Altaraufsatz, Leuchter und andere Ausstattungsgegenstände waren damals noch unüblich. Es gab auch noch kein festes Gestühl. Die Gläubigen mussten stehend der heiligen Messe beiwohnen.Robert Noah: Gottes Häuser in Ostfriesland. Soltau-Kurier, Norden 1989, ISBN 3-922365-80-9, S. 82.
mini|Schiff mit vermauerten alten Fenstern, überwiegend rundbogig, im westlichen Joch schon spitzbogig Der Glockenturm wurde im frühen 14. Jahrhundert erbaut in der Übergangszeit von der Romanik zur Gotik.Reinhard Ruge (Text), Ev.-luth. Ludgerigemeinde Norden (Hrsg.): Die Ludgeri-Kirche zu Norden. Norden 2015, S. 21. Nach alter ostfriesischer Sitte, die mit dem häufig unsicheren Baugrund zu tun hatte, aber auch auf germanisch-heidnische Ursprünge zurückgeführt wird,Elke Erchinger: Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche. Ev.-luth. Kirchengemeinde Norden, 1985, S. 49f. ist er wie bei den meisten mittelalterlichen Kirchen Ostfrieslands freistehend. Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem GewitterbrandElke Erchinger: Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche. Ev.-luth. Kirchengemeinde Norden 1985, S. 47. oder 1318 durch ein ErdbebenRobert Noah: Die Ludgerikirche zu Norden. In: Emder Jahrbuch. Band 66, 1986, S. 75. eingestürzt war.
mini|hochkant|links|Frühgotischer Westgiebel
Im 14. Jahrhundert wurde Ostfriesland von einer Welle der Volksfrömmigkeit erfasst, die mit einer starken Heiligenverehrung einherging. Parallel dazu wuchs das Bedürfnis, geeignete Standorte zur Aufstellung von Nebenaltären zu schaffen.Robert Noah: Gottes Häuser in Ostfriesland. Soltau-Kurier, Norden 1989, ISBN 3-922365-80-9, S. 84. Vermutlich um 1318 wurde die Ostapsis abgerissen und mit dem Bau eines gotischen Querschiffs mit drei quadratischen Kreuzgewölben an das romanische Langhaus begonnen. Schon ein gutes Jahrhundert später wurde nach Einsturz der Gewölbe das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet. Sicher war allerdings bis 1987 nicht, ob sie sich, wie vielfach angenommen, auf den Beginn des Hochchorbaus oder auf den Wiederaufbau des Querschiffs bezieht. Die letztere Lesart gilt seit 1987 als sicher, nachdem der Norder Altphilologe Gerd Dickers die seit Jahrhunderten stark verwitterte sandsteinerne Inschrift nach intensiver wissenschaftlicher Arbeit rekonstruieren konnte. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen Junkers Ulrich, des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden. Das Querhaus hat heute eine Länge von 32 und eine Breite von fast 12 Metern. Das steile Dach ist mit Schiefer gedeckt. War das romanische Langschiff noch recht schlicht gehalten, trat im Querschiff erstmals architektonischer Formenreichtum auf. Die Südseite wurde zur repräsentativen Schaufassade ausgebaut und ist durch fünf gestaffelte Blendnischen und eine spätgotische, spitzbogig geschlossene Nische reich gegliedert.Robert Noah: Gottes Häuser in Ostfriesland. Soltau-Kurier, Norden 1989, ISBN 3-922365-80-9, S. 85. Im nördlichen Querhausportal wurde ein Türsturz mit giebelförmigem Abschluss eingelassen, der vermutlich von der abgegangenen Andreaskirche stammt.Gottfried Kiesow: Architekturführer Ostfriesland. Verlag Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2010, ISBN 978-3-86795-021-3, S. 266. Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, Ulrich Cirksena, maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.Johann Haddinga, Martin Stromann: Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor. Verlag SKN, Norden 2001, ISBN 3-928327-43-7, S. 58. Der Chor wurde wahrscheinlich von einer wandernden Bauhütte errichtet, die zuvor den Chor der Martinikerk in Groningen gebaut hatte. Der Anbau größerer Chorbauten an ältere Kirchen entsprach dem Zeitgeist, wie er auch bei der St.-Sebald-Kirche in Nürnberg, dem Aachener Dom und dem Freiburger Münster erkennbar ist. Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.
Die Ludgerikirche von der Reformation bis zur Gegenwart mini|hochkant|Der Hochchor ist in drei Ebenen gegliedert.