Der Rothalstaucher (Podiceps grisegena) ist eine Vogelart aus der Familie der Lappentaucher (Podicipedidae). Das holarktische Verbreitungsgebiet der Art umfasst Teile des nördlichen Eurasiens und des nördlichen Nordamerikas. In Eurasien ist die Verbreitung in mehrere Teilareale zergliedert, das westliche geschlossene Verbreitungsareal reicht vom östlichen Mitteleuropa bis Westsibirien.
Wie alle Lappentaucher ist der Rothalstaucher ein guter Schwimmer und geschickter Taucher. Im Sommer besteht seine Nahrung überwiegend aus Wasserinsekten und deren Larven sowie Mollusken, Krebstieren und Fröschen. Im Winter spielen Fische eine etwas größere Rolle in seiner Ernährung. Die Art brütet meist auf recht kleinen, flachen Gewässern mit einer gut entwickelten Ufervegetation. Der Rothalstaucher ist ein Teil- und Kurzstreckenzieher, der sich vom Spätherbst bis Frühjahr auf tieferen Seen sowie an Meeresbuchten ohne größeren Wellengang aufhält. Der Bestand des Rothalstauchers gilt als stabil bis leicht zunehmend.
Erscheinungsbild Es werden zwei Unterarten des Rothalstauchers unterschieden: die Nominatform P. g. grisegena kommt in Europa und dem westlichen Asien vor, die etwas größere Unterart P. g. holbollii ist in Nordamerika sowie Ostsibirien verbreitet.
Erscheinungsbild ausgefärbter Rothalstaucher mini|Rothalstaucher mini|Haubentaucher – Unterscheidungsmerkmale zum Rothalstaucher sind unter anderem die ausgeprägte Federhaube und die helle Gefiederpartie vor dem Auge Der Rothalstaucher ist ein mittelgroßer Lappentaucher, der etwas kleiner und kurzhalsiger als der Haubentaucher ist.David Snow und Christopher Perrins (Hrsg.): The Birds of the Western Palearctic, Oxford University Press, Oxford 1998, ISBN 0-19-854099-X, S. 17–20David Sibley: The North American Bird Guide, Pica Press, 2000, ISBN 1-873403-98-4, S. 29Einhard Bezzel: Vögel. BLV Verlagsgesellschaft, München 1996, ISBN 3-405-14736-0, S. 74 Adulte Rothalstaucher der in Eurasien verbreiteten Nominatform erreichen eine Körperlänge zwischen 40 und 50 Zentimeter mit einer Flügelspanne zwischen 77 und 85 Zentimeter.David Snow und Christopher Perrins (Hrsg.): The Birds of the Western Palearctic, Oxford University Press, Oxford 1998, ISBN 0-19-854099-X, S. 20–22 Ihr Körpergewicht beträgt zwischen 692 und 925 Gramm. Vertreter der in Nordamerika beheimateten Unterart P. g. holbollii sind etwas größer als die Nominatform und erreichen eine Körperlänge von 42 bis 56 Zentimeter. Sie wiegen zwischen 750 und 1600 Gramm.Ogilvie & Rose (2002) 92 Es besteht nur ein geringer Geschlechtsdimorphismus, Männchen sind lediglich etwas größer als Weibchen.Jon Fjeldså: The Grebes. Oxford University Press, 2004, ISBN 0-19-850064-5, S. 181 Der Größenunterschied ist bei der nordamerikanischen Unterart etwas ausgeprägter als bei der Nominatform. Innerhalb der Unterart P. g. holbollii besitzen die ostasiatischen Rothalstaucher einen etwas schmaleren Schnabel als die in Nordamerika verbreiteten Taucher.Ogilvie & Rose (2002) 57–60
Im Sommer sind Vögel im Prachtkleid leicht zu erkennen. Der Vorderhals, die Halsseiten und die Kropfgegend sind rostrot. Der Hinterhals und die Körperoberseite sind schwarzbraun. Die Rückenfedern haben einen schmalen hellbraunen Saum. Die Brust und der Bauch sind dagegen weißlich. Die Brustseiten sowie die Flanken weisen eine grobe graubraune Fleckung auf. Der Schwanz ist schwarz. Die Handschwingen sind graubraun mit schwarzen Federschäften. Die Armschwingen dagegen sind weiß. Die Federschäfte sind hier an der Basis schwarz und zur Spitze hin weiß. Sie weisen eine variable braune Zeichnung auf. Die innersten Armschwingen sowie die Schulterfedern sind gänzlich braun.Niethammer (1966), S. 119 Die Kehle und die Wangen sind hellgrau. Vom Hals und vom schwarzen Oberkopf sind sie durch eine weiße Linie abgesetzt.Niethammer, S. 118 Die schwarze Kopfplatte reicht nach unten bis über die Augen. Einige dunkle Kopffedern sind etwas verlängert, so dass kleine Federohren erkennbar sind.Konter, S. 109 Der Schnabel ist an der Basis gelb, ansonsten schwarz. Die Augen sind dunkelbraun.Killian Mullarney, Lars Svensson, Dan Zetterstrom, Peter Grant: Collins Bird Guide, HarperCollins, London 1999, ISBN 0-00-219728-6, S. 18 Die beiden Unterarten weisen keine Unterschiede im Federkleid auf. Bei der nordamerikanischen Unterart ist jedoch das Gelb des Schnabelansatzes etwas ausgeprägter.
mini|Rothalstaucher im Schlichtkleid Adulte Rothalstaucher wechseln ab Juli ins Schlichtkleid. Sie sind bei dieser Vollmauser für kurze Zeit flugunfähig und leben dann sehr versteckt.Niethammer (1966), S. 120 Das Schlichtkleid ist etwas gräulicher als das anderer Lappentaucher. Die Grenze zwischen der dunklen Kopfkappe und dem grauen Gesicht ist in dieser Zeit diffuser. Die Federohren fehlen. Die Kopfseiten, das Kinn und die Kehle sind weiß. Unter und hinter dem Auge ist das Kopfgefieder graubraun gesprenkelt. Der Vorderhals ist weißlich bis hellgrau, der Hinterhals ist dunkler Grau. Die übrige Körperoberseite ist dunkel graubraun und die Federn weisen einen Saum auf, der etwas heller als im Prachtkleid ist. Die Flügel sind wie im Prachtkleid gefärbt, allerdings sind die innersten Armschwingen sowie die Armdecken graubraun. Das Gelb des Schnabels ist weniger ausgeprägt. Die Flanken sind mausgrau. Die Körperunterseite ist weißlich. Die Mauser ins Prachtkleid beginnt im Dezember. Sie umfasst vor allem das Kopf- und Halsgefieder. Bis Ende März können Rothalstaucher im Übergangskleid beobachtet werden.
Flugbild, Schwimm- und Komfortverhalten Rothalstaucher fliegen mit ausgestrecktem Hals und nach hinten ausgestreckten Füßen.Fjeldså, S. 140 Gewöhnlich fliegen sie in einer Höhe von 20 bis 30 Metern. Il'ičev & Flint: Handbuch der Vögel der Sowjetunion - Band 1: Erforschungsgeschichte, Gaviiformes, Podicipediformes, Procellariiformes. 1985, S. 262 Die verhältnismäßig kleinen Flügel sind grau und weiß. Der Flügelschlag ist sehr schnell. Wegen ihrer kleinen Flügel sind Rothalstaucher nicht in der Lage, an Land aufzufliegen.Fjeldså, S. 31 Auf dem Wasser benötigen sie einen langen Anlauf, bis sie eine ausreichende Geschwindigkeit erreicht haben, um sich in die Luft zu erheben.Paul A. Johnsgard: Diving Birds of North America, University of Nebraska, Lincoln 1987, ISBN 0-8032-2566-0, S. 26–36 Wie alle Lappentaucher sind sie ausgezeichnete Schwimmer, die aufgrund der geringen Pneumatisierung des Skeletts verhältnismäßig tief im Wasser liegen. Um ins Wasser einzutauchen, machen sie einen kräftigen Sprung nach vorne, bei dem sie gelegentlich mit dem gesamten Körper aus dem Wasser auftauchen. Unter Wasser bleiben die Flügel angelegt. Als Antrieb und Ruder unter Wasser dienen die kräftigen Beine und Füße.Fjeldså, S. 10
Ruhende Rothalstaucher ziehen den Hals ein oder stecken den Schnabel in die Federn am zurückgelegten Hals. Die Füße liegen dabei häufig auf dem Körper unter den Flügeln. Sich putzende Rothalstaucher stochern mit dem Schnabel im Gefieder und knabbern einzelne Federn mit schnellen Schnabelbewegungen durch. Dabei wenden sie sich häufig seitlich im Wasser, so dass die helle Bauchseite weithin sichtbar ist.Niethammer (1996), S. 127
Erscheinungsbild der Küken und Jungvögel mini|Junger Rothalstaucher mit der charakteristischen Längsstreifung an Kopf und Hals Das Dunenkleid der Küken ist kurz und dicht mit einer charakteristischen schwarzweißen Längsstreifung an Kopf und Hals. Am Kopf finden sich drei nackte scharlachrote Flecken. Diese befinden sich an beiden Seiten der Schnabelbasis sowie ein dritter auf dem Scheitel. Er ist von einem weißen Scheitelstreif umgeben, der am Hinterkopf schmal ausläuft. Die beiden ihn einfassenden dunklen Streifen sind etwas breiter. Die Nackenstreifen sind bräunlichweiß. Der Hals weist eine schmale, dunkle Streifung auf, die in der oberen Schulterregion etwas verschwommen ist. An den Halsseiten sind die Streifen in der Mitte sogar unterbrochen. Der Rücken und die Flanken sind dagegen ungestreift. Die mittlere Körperunterseite ist weiß. Die Iris ist olivbraun. Der Schnabel ist bläulichrosa mit einer weißen Spitze. Zwei vertikale schwarze Bänder verlaufen um die beiden Schnabelhälften. Davon findet sich eines am Schnabelansatz sowie ein zweites unmittelbar hinter der Schnabelspitze. Die Beine sind dunkelgrau. Die Zehen sind olivgrau.
Im Jugendkleid sind die Kopfseiten und das Kinn schmutzig weiß. Hinter dem Auge verlaufen zwei markante schwarzbraune Streifen. Ein dunkler Fleck findet sich an der Basis des Unterschnabels. Auch das Kinn und die Kehle sind dunkel gefleckt. Der Hals ist gelbbraun. Die Körperunterseite ist undeutlich gefleckt. Die Flügel weisen bereits die Färbung adulter Rothalstaucher auf, jedoch haben die weißen Armschwingen manchmal eine stärkere braune Spitzenfleckung.
Verwechslungsmöglichkeiten mit anderen Vogelarten Rothalstaucher im Prachtkleid sind in Europa unverwechselbar. Im Schlichtkleid fehlt die rote Halsfärbung, so kann der Rothalstaucher sowohl mit dem Ohrentaucher als auch dem Haubentaucher verwechselt werden. Der Rothalstaucher ist allerdings ungefähr doppelt so groß wie der Ohrentaucher. Vom Haubentaucher unterscheidet sich der Rothalstaucher durch eine deutlich gedrungenere Gestalt. Sein mehr grau gefärbter Hals ist außerdem kürzer und dicker. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist jedoch die Ausdehnung der schwarzen Kopfplatte. Auch ist der Schnabel gedrungener und der Kopf etwas rundlicher.
Stimme und Instrumentallaute mini|Balzende Rothalstaucher Der Rothalstaucher ist während der Fortpflanzungszeit ausgesprochen ruffreudig. Außerhalb der Brutzeit ist er überwiegend stumm. Zu Beginn der Fortpflanzungszeit ist ein durchdringendes, fohlenartiges Wiehern kennzeichnend, das wie uöö-uööö… klingt. Dieser arttypische Ruf ist bei Tag und Nacht zu hören, zuweilen im Duett von zwei Vögeln gleichzeitig. Die einzelnen Rufreihen, die vor allem bei Revierstreitigkeiten mit anderen Rothalstauchern erklingen, können sehr lang sein. Rufduette werden gelegentlich über eine Stunde vorgetragen.Niethammer (1966), S. 121 Der Ruf wird manchmal durch ein schnelles, keckerndes kek-kek-kek unterbrochen.Hans-Heiner Bergmann; Hans-Wolfgang Helb; Sabine Baumann; Die Stimmen der Vögel Europas – 474 Vogelportraits mit 914 Rufen und Gesängen auf 2.200 Sonogrammen, Aula-Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-89104-710-1; S. 99
Balzende Rothalstaucher geben neben den keckernden Rufen ein anhaltendes, stockentenartiges aak-aak… oder ök ök ök … von sich. Die Lautfolgen, die meist aus vier bis zehn aak bestehen, sind stets gegliedert. Nach jeweils zwei bis fünf Tönen pausieren die Vögel kurz, so dass eine Lautfolge wie aakaak-aakaak-aakaakaak-aakaak-aakaak-aakaakaak klingt. Rothalstaucher, die beunruhigt sind, warnen mit einem kurzen, harten äck oder keck. Bei sehr starker Beunruhigung erklingen die Rufe im Abstand von einer halben bis einer Sekunde. Auf dem Nest sitzende Rothalstaucher zischen schlangenartig, wenn sich ein Beutegreifer nähert. Junge Rothalstaucher betteln ihre Elternvögel mit ti ti tü ti tü…-Rufen um Futter an. Sie lassen außerdem ein bi bi bi… oder zipp zipp… als Stimmfühlungslaut hören.Hans-Heiner Bergmann; Hans-Wolfgang Helb; Sabine Baumann; Die Stimmen der Vögel Europas – 474 Vogelportraits mit 914 Rufen und Gesängen auf 2.200 Sonogrammen, Aula-Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-89104-710-1; S. 100. Bei der lautmalerischen Umschreibung der Rufe wurde dieser Quelle gefolgt.
Das geräuschhafte Spritztauchen, mit dem der Ohrentaucher und der Schwarzhalstaucher vor sich nähernden Feinden warnen, kommt beim Rothalstaucher nur selten vor. Der einzig auffallende Instrumentallaut der Rothalstaucher ist der geräuschhafte Fluglauf über die Wasseroberfläche, wenn sie wegen Feindstörung auffliegen.
Verbreitung Brutareal mini|Verbreitung des Rothalstauchers: