Interreligiöser Dialog und Dialog der Religionen sind Bezeichnungen für einen von Repräsentanten von Religionen angestrebten, im Idealfall gleichberechtigten, respektvollen und kritischen Meinungsaustausch. Er umfasst die Begegnung und die Zusammenarbeit in Alltag und Theologie zwischen Vertretern und Angehörigen verschiedener Religionen. Der interreligiöse Dialog kann mehrere Religionen gleichzeitig einbeziehen, häufiger sind jedoch Begegnungen zwischen zwei Religionen. Die Religionstheologie verhandelt das Selbstverständnis einer Religion gegenüber anderen Religionen vor dem Hintergrund ihres Anspruchs auf Wahrheit und Heilsvermittlung.

Der Begriff intrareligiöser Dialog, der den Dialog zwischen Konfessionen innerhalb einer Religion bezeichnet, wird wenig verwendet. Manchmal sind Konfessionen so verschieden bzw. verfeindet, dass der Dialog zwischen ihnen sogar schwieriger ist als der interreligiöse.

Aktuelle Bedeutung

Der Dialog der Religionen und der interreligiöse Dialog haben nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 an Bedeutung gewonnen. Sie werden von fast allen Demokratien und von vielen Religionsgemeinschaften gefordert und gefördert. Als Faktoren dafür werden zum Beispiel genannt: Globalisierung, weltweite Migration und damit globale Pluralisierung, Konflikte, bei denen Religiöses eine Rolle spielt und/oder als ein Motiv genannt wird (manchmal wird Religion als Handlungsgrund vorgeschoben, obwohl etwas anderes das Handeln motiviert); Terrorismus in vielen Ländern, der religiöse Motive behauptet. Als ein Fanal dieser Art von Terrorismus gelten die Anschläge am 11. September 2001 („9/11“) unter anderem auf das World Trade Center; das Bevölkerungswachstum in vielen Ländern der Welt, darunter in vielen islamisch geprägten Ländern. Es fördert den Kampf um Ressourcen (z. B. Äcker, Grundstücke, Wasser).

Die Haltung verschiedener Religionen zum interreligiösen Dialog In historischer Reihenfolge der Existenz der Religionsgemeinschaften.

Hinduismus Der Hinduismus bildet weniger ein geschlossenes Glaubenssystem, als vielmehr einen Strom sehr verschiedener Gemeinschaften und Grundannahmen. Innerhinduistisch gibt es starke Traditionen des Dialoges miteinander, des Aushaltens von Unterschieden und des Bekennens grundlegender Gemeinsamkeiten. Fremde Religionen wurden und werden häufig als Aspekte der eigenen Wahrheit betrachtet und toleriert („Heilsinklusivismus“).

Andere innerindische Religionen wie der Buddhismus, Jainismus oder Sikhismus müssen seit ihrer Entstehung gegenüber ihrem hinduistischen Umfeld immer wieder ihre eigenständige Identität betonen, um nicht „aufgesogen“ zu werden. So deuteten hinduistische Gelehrte den Buddha als Verkörperung (Avatara) des Gottes Vishnu, was neben dem Vordringen des Islams weitgehend zum Erlöschen des Buddhismus in Indien beitrug. Auf manchen modernen hinduistischen Altären sind auch schon Votivbilder etwa von Christus oder Mutter Teresa zu finden, integriert mit anderen hinduistischen Gottheiten und Heiligen, ohne dass die entsprechend Betenden daraus einen Widerspruch oder gar Glaubenswechsel ableiten würden. Viele hinduistische Vertreter beteiligen sich gerne am Dialog der Religionen, betonen dabei aber oft ein Verständnis von Einheit, von dem sich Andersglaubende vereinnahmt fühlen.

Hinduistische Kritiker des Dialoges dagegen sehen in diesem vor allem Missionsversuche, weshalb sie Befürwortern manchmal Naivität vorwerfen.

Judentum Das Judentum beansprucht keine Heilsexklusivität und sieht daher auch keinen Missionsauftrag: Auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen können „Anteil an der kommenden Welt“ erlangen, wenn sie bestimmte moralische Grundregeln (siehe Noachidische Gebote) einhalten. Laut Talmud hat Gott den Menschen und Völkern durchaus verschiedene Wege gewiesen bzw. erwählt.

Entsprechend gelten die an Adam und Noah ergangenen Gebote für alle Menschen, ehrt Abraham den fremden Priesterkönig Melchisedek, lässt sich Moses von seinem Schwiegervater, dem midiantischen Priester Jitro beraten und wird der persische König Kyros sogar als Messias beschrieben, der von Gott einen Auftrag (die Erlaubnis der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil und Unterstützung beim Wiederaufbau des Tempels) erhält und durchführt.

Bis heute beteiligen sich jüdische Vertreter daher häufig am Dialog der Religionen, insofern sie sich nicht vereinnahmt fühlen. Statt eines auch theologischen Dialogs befürworten sie jedoch häufiger die praktische Zusammenarbeit, da nach jüdischer Überzeugung das Handeln wichtiger ist als der abstrakte Austausch über den letztlich doch das Verständnis übersteigenden Gott (Orthopraxie).

Jüdische Kritiker des Dialoges befürchten meist Vereinnahmung oder auch direkte Missionsabsichten der christlichen oder auch islamischen Gesprächspartner.

In Berlin gab es bereits Anfang der 1930er Jahre von Rabbiner Leo Baeck ins Leben gerufene christlich-jüdische Gespräche, deren Ziel die interreligiöse und kulturelle Verständigung zwischen Juden und Christen in Deutschland war.Vita Leo Baeck www.zentralratdjuden.de

Rodger Kamenetz hatte sich als Autor des Buches The Jew in the Lotus mit dem interreligiösen Dialog zwischen Judentum und dem tibetanischen Buddhismus auseinandergesetzt. Er prägte den Ausdruck „Jubus“ als Ausdruck einer zweifachen Identität. Zu den bekannteren amerikanischen Jubus gehören viele Prominente, so Leonard Cohen, Doug Fieger, Allen Ginsberg, Natalie Goldberg, Goldie Hawn und Kate Hudson.

Buddhismus Der Buddhismus versteht sich mehrheitlich nicht als exklusive Religionsgemeinschaft, sondern als Wahrheitslehre, die sich dem Lernenden und Übenden durch eigene Einsicht und Erfahrung erschließen soll.

Entsprechend gehören Gespräche und Diskussionen des Buddha und nachfolgender Mönche vor allem mit hinduistischen Brahmanen bereits zum ältesten Bestand buddhistischer Schriften. Dabei geht es jedoch eher um eine Weitergabe der Lehre als um einen gleichberechtigten Austausch. So können Götter aus buddhistischer Sicht durchaus geachtet werden, stellen jedoch selbst auch nur vorläufige Existenzen dar. Ob dies aus buddhistischer Sicht auch für den einen Gott der abrahamitischen Religionen gilt oder ob dieser wie das Nirwana eine unfassbare Wirklichkeit bezeichnet, ist ein häufiges Thema des Dialoges Andersglaubender mit dem Buddhismus.

Buddhistische Vertreter beteiligen sich daher häufig am Dialog der Religionen, sprechen jedoch mit wenigen Ausnahmen (wie dem Dalai Lama) meist nur für sich bzw. für kleinere buddhistische Schulen.

Buddhistische Kritiker des Dialoges wenden ein, die Beteiligung am Dialog der Religionen impliziere, dass der Buddhismus lediglich eine Religionsgemeinschaft und ein Glaubenssystem sei. Dies entspreche aber nicht dem buddhistischen Selbstverständnis.

Christentum Laut Neuem Testament beschränkt Jesus die Verkündung des Evangeliums zunächst vorwiegend auf das jüdische Volk, reagiert aber auch positiv auf den Glauben, den ihm Menschen aus anderen Hintergründen entgegenbringen. So nimmt er die Samaritanerin am Brunnen an , die daraufhin Vertrauen zu ihm fasst, und lobt den Glauben des römischen Hauptmanns von Kapernaum , der ihm zutraut, seinen Knecht zu heilen. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter präsentiert er einen Andersglaubenden als ethisches Vorbild für die frommen Juden , und in der Heilung der Tochter der kanaanäischen Frau lässt Jesus sich sogar dahingehend bitten, dass er seine Sendung nicht auf das Volk Israel beschränken soll . Schließlich spricht er auch von „anderen Schafen“ (Nicht-Juden), die seinen Ruf hören werden . Nach der Auferstehung wird das Heilsangebot schließlich auf alle Menschen übertragen („Missionsbefehl“).

Grundsätzlich gilt es zwischen liberal-ökumenischen und konservativen Strömungen zu unterscheiden. Die ökumenischen Organisationen unterstreichen die Bedeutung des interreligiösen Dialogs, so etwa die Konferenz Europäischer Kirchen in der Charta oecumenica.

Für die Evangelische Kirche in Deutschland ist „Dialog auf allen möglichen Ebenen notwendig und ohne Alternative“. Die Generalsynode der Evangelischen Kirche A. u. H. B. in Österreich veröffentlichte 2011 eine Orientierungshilfe für Evangelische Christen im interreligiösen Dialog mit dem Islam, in der jenes Miteinander gesucht werden soll, das dem Frieden und der guten Nachbarschaft dient.

mini|4. Interreligiöses Gebet für den Weltfrieden in Assisi am 27. Oktober 2011 Die katholische Kirche hat den Heilsexklusivismus früherer Jahrhunderte im 2. Vatikanischen Konzil aufgegeben. In Konzilstexten wie Lumen gentium und Nostra Aetate werden in dieser Reihenfolge andere Christen, Juden, Muslime, Anders- und auch Nichtglaubende als auf Gottes Wahrheit hin geordnet beschrieben, insofern sie nicht ohne göttliche Gnade ein gerechtes Leben zu führen sich bemühen. Es wird anerkannt, dass sich Strahlen der Wahrheit auch in anderen Religionen finden lassen. Begegnungen mit dem Papst, wie beispielsweise die Weltgebetstreffen in Assisi, sind seit einigen Jahrzehnten zu den vielleicht stärksten Symbolen des Dialoges der Religionen geworden. Seit der Zeit des 2. Vatikanischen Konzils existiert auch der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog, der 1964 als Sekretariat für Nicht-Christen errichtet wurde und die Aktivitäten der römischen Kurie im Dialog mit anderen Religionen koordiniert. Ihm angeschlossen ist außerdem die Päpstliche Kommission für religiöse Beziehungen zu den Muslimen. Beide Institutionen leitete Kardinal Jean-Louis Tauran von 2007 bis zu seinem Tod im Juli 2018.

Konservativ orientierte Freikirchen und Gemeinschaften lehnen hingegen einen interreligiösen Dialog meist dahingehend ab, dass man die Gefahr einer Aufgabe eigener Positionen und der Religionsvermischung sieht. Hierbei steht vor allem der im Neuen Testament an zahlreichen Stellen formulierte Absolutheitsanspruch Christi gemeinsamen gottesdienstlichen Handlungen entgegen.

Christliche Kritiker des Dialogs bemängeln außerdem die Art, in der interreligiöse Begegnungen vom Papst geführt werden, und werfen die Frage auf, ob diese als Dialog zu bezeichnen sind. Andere fürchten die Vernebelung des Unterschiedes zwischen Wahrheit und Unwahrheit sowie die Preisgabe der Mission. Auch eine mögliche Naivität gegenüber den „wahren“ Zielen Andersglaubender im Dialog wird als Gefahr gesehen. Besonders Papst Franziskus und sein Vorgänger Papst Benedikt XVI. traten diesen Kritikern entgegen und beschrieben Wahrheit jeweils als Beziehung, die sich den Menschen nur als Weg offenbart und nicht in absoluter Weise möglich zu besitzen ist.

Papst Franziskus setzte während seines Pontifikats in zahlreichen persönlichen Begegnungen, Ansprachen, Gesten und kirchlichen Dokumenten markante Akzente im Dialog mit den verschiedenen religiösen und spirituellen Traditionen. Beispielhaft dafür ist etwa die Unterzeichnung des Dokuments über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt mit dem Großimam der al-Azhar Ahmad al-Tayyib zu nennen.

Islam Laut Koran gelten Judentum, Christentum und unter Umständen auch andere Religionen als Vorläufer der islamischen Gemeinschaft, deren Glauben sie (laut Mehrheitsmeinung) ebenfalls zu Gott führen könne. Der Islam sei freilich der bessere und beste Weg. Neben zahlreichen Hadithen berufen sich islamische Befürworter des Dialoges gerne auf das Glaubensgespräch des Propheten Mohammed mit den Christen von Nadschaf, das zwar ohne Einigung, aber in gegenseitigem Respekt geführt und beendet wurde und auch im Koran gewürdigt wird. Einige islamische Theologen vertreten die Auffassung, dass das Wort Islam neben der Bezeichnung des konkreten Glaubenssystems auch eine Haltung der Gotteshingabe ausdrücke, die auch von Christen, Juden und anderen praktiziert werden könne. In diesem Sinne könne ein guter Gottgläubiger auch dann Islam praktizieren, wenn er sich selbst nicht als Muslim im engeren Wortsinn verstehe.