Das Innsbrucker Osterspiel ist ein Anfang des 14. Jahrhunderts entstandenes geistliches Spiel. Trotz seines heutigen Namens stammt es aus Mitteldeutschland; es ist, mit Ausnahme einiger lateinischer Passagen, in der Volkssprache (Thüringisch) abgefasst und thematisiert das biblische Ostergeschehen um die Auferstehung Jesu Christi. Dieses wird durch weltliche Handlungsstränge erweitert und erzielt durch satirische, burleske und absurde Sequenzen eine zum Teil komödiantische Wirkung.

Das Innsbrucker Osterspiel gehört zu den ältesten mittelalterlichen Osterspielen. Die Handschrift mit der Signatur Codex 960 wird in der Innsbrucker Universitäts- und Landesbibliothek Tirol aufbewahrt.

Hintergrund

Der Name Das Innsbrucker Osterspiel erhielt seine Bezeichnung nach seinem Aufbewahrungsort seit dem 19. Jahrhundert, der Universitätsbibliothek Innsbruck. Ursprünglich hat es keine Beziehung zu diesem Ort.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 8. Als festgestellt wurde, dass die Handschrift aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Kloster Neustift bei Brixen stammt, veränderte sich der Titel zu Neustifter (Innsbrucker) Osterspiel.Max Siller: Die Lokalisierung der mittelalterlichen Spiele mit Hilfe der (historischen) Dialektologie. 2004, S. 247. Eine weitere Namensänderung erfuhr das Spiel, nachdem die Sprache als Thüringisch identifiziert wurde. Von da an hieß es Innsbrucker Thüringisches Osterspiel. Die Sprachangabe kann allerdings auch in Klammern vermerkt werden: Innsbrucker (thüringisches) Osterspiel. In diesem Artikel wird das Spiel weiterhin kurz als Innsbrucker Osterspiel bezeichnet.

Die Handschrift Das Innsbrucker Osterspiel wurde als Papierhandschrift überliefert. Diese befindet sich in Besitz der Innsbrucker Universität und trägt die Signatur Codex 960, die darauf hinweist, dass es sich um eine Sammelhandschrift handelt. Neben dem Innsbrucker Osterspiel enthält die insgesamt 60 Blätter starke Handschrift außerdem das Innsbrucker Spiel von Mariae Himmelfahrt, das Innsbrucker Fronleichnamsspiel, eine lateinische Beschwörungsformel für einen Liebeszauber, eine kleinere Notiz und verschiedene Federproben sowie einen Vermerk über den Tod Oswald von Wolkensteins am Schluss.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 12–13.

Das Innsbrucker Osterspiel umfasst die Seiten 35 verso bis 50 recto. Alle Spiele sowie die jeweiligen Titel und einzelne lateinische Randnotizen, die als Regieanweisungen zu verstehen sind, sind von einer Hand geschrieben, und zwar in einer der Bastarda angenäherten Buchkursive.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 10. Textura und rote Durchstreichungen heben Überschriften und Regieanweisungen hervor. Die Texte sind einspaltig und raumsparend geschrieben, so dass die fortlaufenden Verse lediglich durch einen kleinen senkrechten Strich am Anfang eines Verses voneinander getrennt sind. Auch die überwiegend groß geschriebenen und rubrizierten Anfangsbuchstaben eines Verses können der Orientierung dienen.

Neuhauser hält einige Besonderheiten innerhalb des Schriftbildes fest. So ist ein e-ähnliches Zeichen, das üblicherweise direkt über dem Vokal steht, um einen Umlaut zu markieren, an mehreren Stellen ohne ersichtlichen Grund eingeführt worden. Außerdem finden sich an Wortenden sowie im Wortinnern zahlreiche Zierstriche, vornehmlich bei den Buchstaben m, n, h, y und z. Ebenfalls auffällig ist die Willkür, mit der das d wahlweise groß oder klein geschrieben wird. Der erste Buchstabe des Innsbrucker Osterspiel-Titels, ein H, fällt durch seine ungewöhnlich viel Raum einnehmende Größe und besondere Ausgestaltung auf. Die ersten Korrekturen, die die Handschrift aufweist, erfolgten durch den ersten Schreiber selbst. Der lateinische Text schließlich ist von einer zweiten Hand verfasst, der Vermerk am Schluss von dritter Hand.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 11.

Das Format der Handschrift hat die Maße 276/281 × 105/110 mm.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 9. Die Werte schwanken infolge verschiedener Beschneidungen des Papiers. Es handelt sich um ein gespaltenes Folioformat, auch Schmalfolio oder Heberegister-Format genannt, das charakteristisch ist für Spielhandschriften. Die Lesbarkeit ist auf Grund starker Abnutzung der Seiten, Flecken und dergleichen sehr beeinträchtigt. Bezüglich des Papiers liegt die Vermutung nahe, dass dieses aus Oberitalien bezogen wurde. Es handelt sich um zwei verschiedene Papiere. Dass der Wechsel des Papiers nicht auch den Bruch zwischen zwei Spielen markiert, und andersherum Grenzen zwischen den Spielen nicht auch durch Lagengrenzen angezeigt werden, legt die Vermutung nahe, dass die drei Spiele in einem Guss geschrieben worden sind.

Entstehung und Überlieferung Eine Datierung, die in der Handschrift selbst vorgenommen wurde, gibt Aufschluss über die Entstehungszeit.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 13. Demnach wurde das Innsbrucker Osterspiel am 1. September 1391 vollendet.

Thüringen, genauer Schmalkalden, wird auf Grund einer Sprachanalyse als Heimat sowohl des Dichters als auch des Schreibers vermutet. Allerdings zeigen Befunde, zum Beispiel das italienische Papier, das in Tirol nicht selten Gebrauch fand, oder die Tatsache, dass das Kloster Neustift stets Interesse an der Aneignung geistlicher Spiele aus Mitteldeutschland hatte,Barbara Thoran: Fragen zur Herkunft und Nachwirkung des Innsbrucker Thüringischen Osterspiels. 1994, S. 189. dass hauptsächlich in Neustift geschrieben wurde. Neuhauser entwirft für diesen scheinbaren Widerspruch zwei Lösungsmöglichkeiten: 1. Ein aus Schmalkalden stammender Schreiber schrieb eine von dort mitgebrachte Vorlage in Neustift ab. 2. Die Vorlage gelangte von Thüringen nach Neustift, wo sie ein Schreiber unter Beibehaltung der sprachlichen Eigentümlichkeiten abschrieb. Schreiber und Verfasser sind jedenfalls nicht identisch. Nachforschungen und Überlegungen Rudolf HöpfnersRudolf Höpfner: Untersuchungen zu dem Innsbrucker, Berliner und Wiener Osterspiel. 1913, S. 45. zufolge ist das Osterspiel an sich bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden.

Wenn auch nicht ganz klar ist, wann genau und wie das Osterspiel in das Kloster nach Neustift gelangt ist, so ist zumindest sicher, dass sich die Handschrift ab 1445 dort befand, wie aus dem Vermerk über den Tod Oswald von Wolkensteins hervorgeht.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 14. Es ist anzunehmen, dass die Schrift um 1391 in Neustift auftauchte und dort vermutlich bis zur Auflösung des Klosters 1807 Teil der klostereigenen Bibliothek war. Doch der Verbleib ist nicht gesichert; der Handschrift fehlt zum Beispiel das der Neustifter Bibliothek eigene Bücherzeichen.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 14–15. Auch der Zeitpunkt der Übergabe an die Universitätsbibliothek Innsbruck ist fraglich. Zwar wurde das Jahr 1809 als dieser Zeitpunkt bestimmt, doch die Sammelhandschrift erscheint nicht in den Übergabeprotokollen der Bibliothek.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 15.

Verwendung In seiner Untersuchung weist Neuhauser auf die starken Abnutzungserscheinungen der Spielhandschrift hin. Das könnte, auch unter Beachtung des besonderen Heberegisterformats und der Randnotizen, ein Hinweis darauf sein, dass die Handschrift tatsächlich als Regiebuch verwendet wurde. Entgegen Eduard Hartl, der die These, die Handschrift sei gleichzeitig als Regiebuch zu verstehen, für richtig hält,Eduard Hartl: Osterspiele. 1937, S. 124–125. betont Rolf Bergmann in seinem Jahre später erschienenen Katalog geistlicher Spiele, dass eine Aufführung des Innsbrucker Osterspiels nicht bezeugt sei.Rolf Bergmann: Katalog der deutschsprachigen geistlichen Spiele und Marienklagen des Mittelalters. 1986, S. 160. Die erwähnten Randnotizen könnten zwar darauf hindeuten, dass das Osterspiel in Hinblick auf eine geplante Aufführung bearbeitet wurde, Aufführungsnachrichten gäbe es aber nicht. Zudem würden Sammelhandschriften nicht zu Aufführungszwecken angelegt. Für Bergmann bleibt die Zweckbestimmung des Stücks somit offen, Gegenbeweise wurden bisher anscheinend nicht geliefert. Es besteht zudem die Möglichkeit, dargelegt von Bernd Neumann und Dieter Trauden, dass der Text zwar nicht zum Zweck der Aufführung geschrieben wurde, aber dennoch vom Leser als Spieltext erkannt und rezipiert werden sollte.Bernd Neumann, Dieter Trauden: Überlegungen zu einer Neubewertung des spätmittelalterlichen religiösen Schauspiels. 2004, S. 36. Ein Grund hierfür könnte die wirkungsvolle Vermittlung der textinternen Botschaft an den Leser gewesen sein, der sich das Gelesene vor dem inneren Auge plastisch vorzustellen vermochte, dem der Text also eine „imaginäre Aufführungssituation evozieren“Bernd Neumann, Dieter Trauden: Überlegungen zu einer Neubewertung des spätmittelalterlichen religiösen Schauspiels. 2004, S. 37. konnte.

Form Das Innsbrucker Osterspiel ist ein 1317 Verse umfassendes volkssprachiges Osterspiel, das auf einer biblischen Textgrundlage (dem Ostergeschehen) basiert.Eugen Thurnher, Walter Neuhauser: Die Neustifter-Innsbrucker Spielhandschrift von 1391. 1975, S. 6. Es trägt den für Dramen bezeichnenden Charakterzug des dialogischen Aufbaus; daneben Monologe und Gesänge. Vor den einzelnen Sprechpassagen stehen Regieanweisungen, die bestimmen sollen, ob die Person singt (lat. cantat bzw. Plural cantant, wenn die Engel singen) oder spricht (lat. dicit). Neben der Dialogform und den Gesängen erfüllt das Innsbrucker Osterspiel noch weitere Kriterien, die eine Zuordnung zur Gattung des dramatischen Spiels (mhd. spil) ermöglichen:Bernd Neumann, Dieter Trauden: Überlegungen zu einer Neubewertung des spätmittelalterlichen religiösen Schauspiels. 2004, S. 35. Es spricht Verhaltensmaßregeln gegenüber dem Publikum aus. So heißt es im Prolog:

dar vm swiget vnd setzet uch neder vnd seht diz spil czüchtiglichen durch gotes willen des richen, vnd merket abir vorbas, daz ir moget vorsten deste baz, waz ich uch wil beduten, […] (V. 24 – V. 29) darum schweigt und setzt euch nieder und seht brav dieses Spiel [an] um des herrlichen Gottes Willen, und gebt acht, damit ihr desto besser verstehen möget, was ich euch zeigen will, […] (eigene Übers.)

Das Spiel wird von Prolog und Epilog, gesprochen von einem Precursor, umrahmt. Außerdem werden Hinweise zu dem gegeben, was auf der Bühne geschieht. Der Spielansager erzählt dem Publikum, mit welcher Handlung das Stück beginnen wird:

ich wil uch kunt thon (ihr muget gerne huren czu), wy dy Juden dar varen vnd daz grab wullen bewaren mit rittern mechteg vnd gruz, dy da sint der Juden gnoz: sy schullen hute durch gut Ihesum halden in irer hut. (V. 31 – V. 38) Ich will euch verkünden (ihr sollt bereitwillig zuhören), wie da die Juden kommen und das Grab beschützen wollen mit starken und großen Rittern, die da der Juden Gefährten sind: sie sollen heute um Bezahlung (Ann. Meier) Jesus in ihren Schutz nehmen. (eigene Übers.)