mini|Hans Rohn um 1900 Hans (Johann) Rohn (* 25. Februar 1868 in Wien; † 23. Dezember 1955 ebenda, begraben in Melk) war ein österreichischer Kartograf, Lithograf und akademischer Maler. Er gilt als Hauptvertreter der klassischen Periode der Alpenkartografie sowie der genetischen Felszeichnung und der Steingravur. Sein künstlerisches Werk, von dem bisher 320 Gemälde und Zeichnungen katalogisiert sind, wurde erst in jüngster Zeit erforscht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Leben und Werdegang Elternhaus und Ausbildung Hans Rohn wurde am 25. Februar 1868 als Sohn des Bandmachermeisters Theodor Martin Rohn und der Karoline Wagner in der Wiener Vorstadt Am Hundsturm geboren. Seine Familie entstammte väterlicherseits einem alten Geschlecht von Seiden- und Tuchmachern, das bis ins frühe 18. Jhd. in Wien nachweisbar ist. Unter seinen Vorfahren scheinen auch der Prior des Schottenstiftes Franz Seraph Rohn (1789 im mährischen Nikolsburg, heute Mikulov, geboren) sowie der Dekan und Notar im Orden der Kreuzherren in Prag, Johann Karl Rohn (* 1711 in Reichenberg, verstorben 1779 ebenda) auf, der als Sprachgelehrter und Chronist der ältesten geschichtlichen Darstellung Nordböhmens: Chronic vormals böhmischer Cron-Lehen, nunmehro ins Allodium gezohener zweyer Städten Friedland und Reichenberg. Prag 1763, mit Stadtansicht um 1763, im nordböhmischen Friedland (Frýdlant v Čechách) und Reichenberg (Liberec) wirkte, und ebenfalls kartografisch tätig war.
1878 entdeckte der Wiener Landschaftsmaler und Freund der Familie, Ferdinand Mayer, das große zeichnerische Talent des 10-Jährigen und brachte ihm die Kunst des Zeichnens mit Tusche und Federkiel bei, die Rohn bis ins hohe Alter ausübte. Bereits in dieser Zeit entstanden erste romantisch-historisierende Zeichnungen und Landschaftsminiaturen.
1882 begann Hans Rohn seine Lehrzeit in der 1879 gegründeten kartographisch-lithographischen Anstalt Gustav Freytag, wo er in den kommenden vier Jahren zum Lithografen und Kartografen ausgebildet wurde. Als 16-Jähriger fertigte er bereits Kunstlithografien nach eigenen Entwürfen an und illustrierte ein Märchenbuch. Gustav Freytag entdeckte die besondere Eignung seines Lehrlings für die kartografische Gelände- und Felsdarstellung. Sie dient dazu, mit freiem Auge die charakteristischen Formen und Besonderheiten der Gebirgslandschaft zeichnerisch zu erfassen und in Horizontalprojektion auf den Kartenentwurf zu bringen, aus dem anschließend mittels lithografischer Verfahren die Druckvorlage für die Karte entsteht.
Als fertig ausgebildeter Kartograf begleitete Rohn ab 1886 Gustav Freytag bei topografischen Erkundungen in den Alpen und wirkte an der lithografischen Ausführung der ersten in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie erscheinenden „Special-Touristenkarten“ mit. Auf Empfehlung Gustav Freytags trat Rohn im gleichen Jahr in die Malerschule Eugen Hörwarters ein und besuchte von 1887 bis 1888 dessen Mal- und Zeichenkurse sowie die neu ins Leben gerufene k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren (1897 in Graphische Lehr- und Versuchsanstalt umbenannt).
Von 1888 an durchwanderte Rohn mehrmals das Gebiet der Hohen und Niederen Tauern sowie der Dolomiten, wo er mit Gustav Freytag die zweiteilige „Touristen-Wanderkarte der Dolomiten“ vorbereitete. Erstmals erregte dabei seine Felsdarstellung Aufsehen: Nach Vorbild der Schweizer Kartografen, die zu dieser Zeit Weltgeltung besaßen, versuchte er, den Charakter jedes einzelnen Felsmassivs zeichnerisch so darzustellen, wie es sich dem Betrachter in der Natur darbietet, und anschließend unter Verwendung einer Stahlnadel sowie eines Diamantgriffels mit feinster Gravur auf den lithografischen Stein zu übertragen.
Gleichzeitig entstand auf den Bergwanderungen zwischen Hofgastein und Cortina d’Ampezzo ein Zyklus von Landschaftszeichnungen und Aquarellen, in denen bereits seine charakteristische Naturauffassung zum Ausdruck kommt. Wesentlich früher als die zeitgenössischen österreichischen Künstler wurde er zum Freiluftmaler, der seine Werke in der Natur nicht nur skizzierte, sondern außerhalb des Ateliers ausführte.
An der Akademie der bildenden Künste 1889 wurde Rohn in die Akademie der bildenden Künste in Wien aufgenommen und begann neben seiner kartografischen und lithografischen Tätigkeit ein vierjähriges Studium der akademischen Malerei. Zu seinen Malerprofessoren zählen die angesehensten Künstler der Ringstraßenära: August Eisenmenger und Christian Griepenkerl, beide Schüler des klassizistischen Historienmalers Carl Rahl, der Schlachtenmaler Siegmund L’Allemand, der Orient-Maler Leopold Carl Müller sowie der Porträt- und Landschaftsmaler Franz Rumpler, zu dem Hans Rohn eine besondere künstlerische Nähe empfand.
Unter Rohns Studienkollegen scheinen gleich mehrere Persönlichkeiten auf, die später im Rahmen der Wiener Secession hervortreten: die beiden Wiener Koloman Moser und Max Kurzweil, sowie Ferdinand Andri aus Waidhofen an der Ybbs und der St. Pöltner Sezessionsmitbegründer Ernst Stöhr.
In seiner Akademie-Zeit wandte sich Rohn verstärkt der figuralen Malerei zu, schuf repräsentative Porträts und Charakterstudien in Öl, Pastell und Kreide und widmete sich der Aktzeichnung, während er in der Landschaftsmalerei weiterhin seinen eigenen Weg ging und tiefempfundene, zumeist menschenleere Ausschnitte aus der Natur gestaltete. Für die Weiterentwicklung seiner Felszeichnung ist auch die Perspektivlehre des Architekten und Archäologen Georg Niemann von Bedeutung, dessen Vorlesungen Rohn an der Akademie der bildenden Künste besuchte.
Begegnung mit Theresia Czokally mini|Theresia Rohn, geb. Czokally um 1880 1895 begegnete Rohn in Wiener Künstlerkreisen der jungen Witwe Theresia Czokally, die später seine Frau wurde und zwei Kinder in die Ehe mitbrachte. Sie entstammte der gleichnamigen Silberschmied-Dynastie, die für ihre Kunstfertigkeit über die Grenzen der Donaumonarchie hinaus bekannt war. Ihr Vater Anton Czokally sowie dessen Brüder Adolf und Vinzenz (später unter dem Namen Würbel & Czokally) führten um 1900 auch zahlreiche Jugendstil-Stücke nach Entwürfen von Josef Hoffmann aus, ehe dieser im Rahmen seiner Wiener Werkstätte eine eigene Silberwerkstätte begründete.
Gemeinsam verbrachte Hans Rohn mit Theresia Czokally und ihren beiden Kindern Rudolf und Wilhelmine erste sommerliche Landaufenthalte in der Marktgemeinde St. Leonhard am Forst. Hier fand Rohn sein „Paysage intime“: In den folgenden Jahren entstand in der idyllischen Landschaft des niederösterreichischen Alpenvorlandes rund um den sagenumwobenen, einst für seinen Hiesberger Marmor bekannten Hiesberg ein bedeutender Teil seiner Landschaftsmalerei sowie der große zeichnerische Zyklus „Auf dem Lande“.
Bei Freytag & Berndt, wie die frühere kartografische Anstalt seit 1885 hieß, konzentrierte sich Rohn immer mehr auf die schwierigste Disziplin der Alpenkartografie, die Kunst der lithografischen Wiedergabe der Felsregionen. Er studierte die großen Kartenwerke der Schweiz, die Dufourkarten und den Siegfriedatlas, und befasste sich eingehend mit der Entstehungsgeschichte der Alpen.
Erstmals ging er auch daran, die Landschaft in „echter“ dreidimensionaler Form darzustellen: Für die große Budapester Millenniumsausstellung des Jahres 1896 mit der man in den ungarischen Kronländern ein Gegenstück zur Wiener Weltausstellung 1873 schaffen wollte, erstellte Rohn ein Gipsrelief der gesamten Küstenregion Dalmatiens und wurde dafür mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. In ähnlicher Form gestaltete er wenig später ein Relief, das über Dalmatien hinaus ganz Bosnien und Herzegowina umfasste. Auch den höchsten Berg der Julischen Alpen, den Triglav, gab Rohn in dreidimensionaler kunsthandwerklicher Reliefform wieder.
Eine neue Generation von Alpenkarten mini|Ausschnitt aus der Karte der Brentagruppe, 1908 Um 1900 erkannte die größte Bergsteigervereinigung Europas, der Deutsche und Österreichische Alpen-Verein, dass die existierenden Hochgebirgskarten der Ostalpen den Bedürfnissen des massiv einsetzenden Alpentourismus nicht angemessen waren. Der Beschluss zur Herausgabe einer völlig neuen Generation von Alpenkarten mit exakterer und detaillierterer Darstellung der Gipfelregionen sowie der Eintragung aller Bergwege und Gletscherrouten im großen Maßstab 1 : 25.000 wurde gefasst.
Weite Gebiete in den Ostalpen mussten begangen und neu erforscht, zahllose Gipfel bestiegen, abertausende Messpunkte in den Höhen trigonometrisch erfasst werden. Der Schweizer Vermessungsingenieur Leo Aegerter wurde zum Alpenvereinskartografen bestellt, die Ausführung der Karten übertrug man Hans Rohn, der zu diesem Zeitpunkt bereits als bester Felszeichner galt und in der lithografischen Gravur („Steingravüre“) als einziger die Feinheit und Ausdruckskraft des bislang angewandten Kupferstichs übertraf.
Jedes Jahr erschien auf diese Weise nunmehr eine neue große Hochgebirgskarte: 1904 die Langkofel- und Sellagruppe, 1905 die Marmolatagruppe, 1906 und 1907 die zweiteilige Karte der Allgäuer Alpen und 1908 die erste Karte der Brenta-Gruppe überhaupt,Manfred Buchroithner: Cogito ubi sum – Ein Plädoyer für gute, aktuelle Gebirgskarten und deren Benutzung. In: Kartographische Nachrichten. 62. Jg., Nr. 1/2012, (S. 16–20), S. 18. die auch heute noch als die herausragende Spitzenleistung dieser Ära bezeichnet wird.
Weitere große Werke wie die dreiteilige Karte der Lechtaler Alpen (1911–1913) sowie die Karte der Dachsteingruppe und des Kaisergebirges folgten. Sie erschienen in der Zeit des Ersten Weltkrieges, den Rohn, mittlerweile Ende 40, in nahezu unausgesetzter kartografischer Arbeit verbrachte.
Die Wissenschaft bezeichnet später diesen bis in die 1920er Jahre reichenden Zeitraum als „erste Phase der klassischen Periode der Alpenvereinskartografie“.
Die Sommeraufenthalte in St. Leonhard mini|hochkant|Wilhelmine („Minnie“) Henderson, Hans Rohns LieblingsmodellSeine künstlerische Tätigkeit verlegte Rohn ab 1905 immer mehr nach Niederösterreich. Die Familie hatte ein hübsches Haus mit Garten in St. Leonhard am Forst gemietet, wo die Sommermonate und bisweilen auch die Weihnachtsfeiertage verbracht wurden. Hans Rohn nützte jeden noch so kurzen Aufenthalt zwischen seinen Expeditionen in die Berge, um in der Natur zu zeichnen und zu malen.
Die Familie hatte inzwischen bereits zweimal Zuwachs erhalten: Sohn Hans wurde 1900, die Tochter Margarete 1903 geboren. Sein Lieblingsmodell blieb jedoch seine 1889 geborene Stieftochter Wilhelmine (verehelichte Henderson), die er über die Jahre hinweg als kleines Mädchen ebenso porträtierte wie als junge Dame.
Auf künstlerischem Gebiet wandte sich Rohn in den folgenden Jahren immer nachhaltiger den Ausdrucksformen des Jugendstils zu. Dekorative, stilisierte Landschaftsbilder entstanden in der Melker Gegend ebenso wie in Wien, wo er im Park des Schlosses Schönbrunn zeichnete und malte. Auch viele Frauenbildnisse, figurale Darstellungen und Illustrationen fallen in diese überaus fruchtbare künstlerische Periode, die sich bis über den Zusammenbruch der Monarchie hinaus erstreckt.
Eine weitere Facette in seinem künstlerischen Leben fügte er 1920 in St. Leonhard hinzu: Als die wirtschaftliche Lage im Gefolge des Ersten Weltkrieges immer schlimmer wurde und zuletzt infolge des Mangels an Kupfer und Nickel auch das metallene Kleingeld versiegte, erstellte Hans Rohn für St. Leonhard und die Nachbargemeinde Ruprechtshofen die Entwürfe für Notgeld aus Papier in der Stückelung von 10, 20 und 50 Heller. Als Vorlage für die reichlich mit Jugendstilsymbolen ausgestatteten Notgeld-Scheine benützte Hans Rohn eine von ihm 1917 in Öl gemalte Landschaft „Wintertag in St. Leonhard“, die erst im Juni 2010 im Feuerwehrmuseum des Ortes wiederentdeckt wurde.
Höhepunkte des kartografischen Schaffens