Die Geschichte Montenegros umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des heutigen Staates Montenegro von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.mini|280px|Alte Karte Montenegros aus dem Jahre 1862 (Autor Heinrich Kiepert) Antike und byzantinische Herrschaft

Illyrer Seit der Eisenzeit siedelten die Illyrer in der Region des heutigen Montenegro. Einige illyrische Stämme gründeten kleine Reiche, so die Labeaten und die Ardiärer. Als die Römer die illyrischen Stämme in den Illyrisch-Römischen Kriegen unterwerfen konnten, wurden diese teilweise romanisiert. So sind die Städte Bar, Doclea und Ulcinj ursprünglich illyrisch.

Römisches Reich Das Territorium des heutigen Montenegros kommt mit der Reichsteilung des römischen Imperiums 395 zur italischen Präfektur der Provinz Illyrien und teilt das Schicksal des Weströmischen Reiches während der germanischen Völkerwanderungen (Ostgoten, Vandalen). Nach der Eingliederung in das Oströmische Reich im Jahre 535 unter Justinian I. verblieb die byzantinische Administration bis 1077. Allerdings wanderten Slawen aus dem heutigen südlichen Polen und den Karpaten über die Donau und das Morava-Tal, im Zuge der Landnahme der Slawen auf dem Balkan in das Gebiet. Sie sind die Vorfahren der heutigen Montenegriner und galten lange Zeit als Serben, da diese aus demselben Ursprungsgebiet stammten, wo sie ein Volk waren, dieselbe Route auf den Balkan nahmen, dieselbe Sprache sprachen und sich erst später im 20. Jahrhundert als eigene Völker bezeichneten. Diese Slawen, welche auf der Flucht vor den Awaren waren, assimilierten die romanische Bevölkerung. Durch diesen Aspekt und den Arabersturm im 7. und 8. Jahrhundert konnte die Byzantinische Kontrolle nicht mehr wirksam durchgesetzt werden.

Makedonische Dynastie Erst die Makedonische Dynastie erreichte im Thema Dalmatia (869), dem das heutige montenegrinische Territorium zugehörte, wieder die Kontrolle der Küstenstädte Risan, Kotor, Bar und Budva. Während die Küstenstädte eine kontinuierliche Entwicklung seit der Antike bis ins Mittelalter erfuhren, war das Landesinnere durch gänzliches Fehlen urbaner Kontinuität gekennzeichnet. Die erste historische Erwähnung des kulturhistorisch wichtigen Kotor, das das antike Rizon als Hauptort der Bucht von Kotor ablöste, fiel in die Periode Basileios I. (867–886). Nach der Regentschaft Basileios II. (976–1025), unter dem das Oströmische Imperium seinen mittelalterlichen Höhepunkt erreichte, geriet das Reich durch die Invasion der Seldschuken in eine langwierige Krise.

Mittelalter Erste slawische Fürstentümer Als Byzanz durch die Folgen der Schlacht von Mantzikert 1071 in äußerste Bedrängnis geriet, nutzten die südslawischen Völker die Gunst der Stunde und setzten sich formell von Byzanz ab, was durch die Römische Kurie mit der Krönung lokaler Fürsten unterstrichen wurde. Die nun erstarkten, noch schwachen Fürstentümer der Region zwischen Dubrovnik und Cattaro (Kotor), in der auch die Keimzelle eines ersten serbischen Nationalstaates im Mittelalter zu sehen ist, wurden aber erst infolge der katastrophalen Niederlage in der Schlacht von Myriokephalon 1176 der Byzantiner gegen die Türken im 12. Jh. selbständig. Der Westbalkan kann sich für drei Jahrhunderte aus der Umklammerung einer Großmacht lösen, die durch das weitere Vordringen der Osmanen aus Anatolien auf den Balkan dann im 15. Jh. erneuert wird.

Als der erste serbische Fürst der Duklja (Dioklitien) wird Peter (als Archont bezeichnet) im 10. Jahrhundert genannt. Duklja erkannte zeitweilig auch die Oberhoheit des serbischen Groß-Župan Časlavan. Ende des 10. Jahrhunderts herrschte in Duklja Johann Wladimir (992–1016), der in byzantinischen Quellen als serbischer Princeps unter der Oberhoheit von Byzanz bezeichnet wird. Der byzantinische Chronist Johannes Skylitzes (Synopsis historiarum, Georgius Cedrenus Ioannis Scilitzae) nannte Johann Wladimir als den Herrscher Tribaliens und der umliegenden Landstriche Serbiens. 998 geriet Wladimir in Gefangenschaft des bulgarischen Zaren Samuel. Er heiratete Samuels Tochter und durfte in seine Heimat zurückkehren. Beide aber wurden von Iwan Wladislaw, dem Neffen Samuels, 1016 in Prespa (Makedonien) umgebracht.

Johann Wladimir folgte Stefan Vojislav als Archont der Duklja (um 1040–1052), der Sohn Dragomirs. Er gilt als Stammvater der Vojislavić-Familie. Ioannis Scilitza nannte Stefan Vojislav als den Archon der Serben, die Duklja nannte Serbien (Servia). Auch ein anderer byzantinischer Chronist, Kekaumenos, der über die kriegerischen Auseinandersetzungen der Duklja mit Byzanz berichtete, bezeichnete in seinem Werk „Strategikon“ Stefan Vojislav als Travunischen Serben (Travunien, alte Bezeichnung für den Osten der Herzegowina). Stefan Vojislav erkämpfte die Unabhängigkeit der Duklja von Byzanz, und brachte zugleich Travunien und Hum im heutigen Bosnien und Herzegowina unter seine Hoheit. Sein Sohn Mihailo Vojisavljević (1052–1081) dehnte seinen Herrschaftsgebiet für kurze Zeit auf Bosnien und Raszien aus und erhielt 1077 vom Papst Gregor VII. die Königskrone. 1089 wurde in Bar ein katholisches Erzbistum für alle serbischen Länder zwischen (den Flüssen) Cetina (südlich von Split), Save (zwischen Altserbien und der Vojvodina), Drin (Nordalbanien) und Bojana (zwischen Albanien und Montenegro) eingerichtet. Konstantin Bodin (ca. 1081–1101), der Sohn Mihailos, vereinigte noch einmal Bosnien und Raszien unter die Hoheit der Duklja. Nach seinem Tode brach das Königreich der Duklja auseinander, und der Schwerpunkt der serbischen Lande verlagerte sich nach Raszien, unter dessen Herrschaft in späterer Folge auch die Duklja kam.

Duklja unter den Nemjiden Die Duklja war Bestandteil des serbischen Staates der Nemanjiden (1168–1371). Mit dem Auseinanderbrechen des serbischen Zarenreiches unter Stefan Uroš V. konstituierte sich im Jahre 1360 ein unabhängiges Fürstentum namens Zeta unter der Dynastie der Balšić (ab 1360–1421). Nach dem Aussterben der Balšićs kam die Zeta 1421 kurze Zeit unter die Herrschaft der raszischen Fürsten Stefan Lazarević und Đurađ Branković. Seit 1427 herrschten die Crnojevići in der Zeta.

Osmanisches Reich Das Osmanische Reich, das seit dem 15. Jahrhundert den größten Teil des Balkans beherrschte, begnügte sich in Montenegro mit der Kontrolle über die Küstenorte sowie die Poljen von Grahovo und Nikšić, das Gebirge in Kombination mit der Stammesstruktur machten es den Osmanen schwer das Hinterland Montenegros einzunehmen. Das Tımar-System wurde auf Montenegro nicht angewandt.Katrin Boeckh: Serbien, Montenegro. Geschichte und Gegenwart. Pustet, Regensburg 2009, S. 40. Ein Teil des heutigen Montenegro unterstand seit 1496 formal einem Statthalter mit Sitz in Žabljak am Skutarisee. Ab 1530 gehörten die unter osmanischer Oberhoheit stehenden Gebiete Montenegros zum Sandschak Shkodra.Kenneth Morrison: Montenegro. A modern history. Tauris, London 2009, ISBN 978-1-84511-710-8, S. 17. Das Kerngebiet der Zeta, durch unwirtliche Gebirgs- und Karstnatur, sowie das Fehlen strategischer größerer Siedlungen gekennzeichnet, wurde politisch nie gänzlich beherrscht.

Herrscher der Zeta im 14. und 15. Jahrhundert

Balšić Balša I. (1360–1362) Đurađ I. (1362–1379) Balša II. (1379–1385) Đurađ II. (1385–1403) Balša III. (1403–1421)

Sonstige Stefan Lazarević (1421–1427) Đurađ Branković (1427, nur nominell)

Crnojevići Rade († 1396), in Budva und Umgebung Đurađ und Alexander (1396–1427?) in Budva und Umgebung Stefan I. (1427–1465), Fürst der Zeta Ivan I. (1465–1490) Đurađ (1490–1496) Stefan II. (1496–1498) Ivan II. (1498–1515) Đurađ (1515–1516)

16. bis 19. Jahrhundert mini|Die Rückkehr montenegrinischer Flüchtlinge in ihr heimatliches Dorf von Jaroslav Čermák, 1877

Herrschaft der Kirche Obwohl die Osmanen Montenegro nie ganz beherrschen konnten, mussten sich die Crnojevici nach Cetinje zurückziehen. Dort gründete Ivan II. ein Kloster und verlagerte seine Macht nach Cetinje. Sein Sohn Đurađ konnte sich aber nicht gegen die Osmanen durchsetzen und wurde von ihnen abgesetzt. Die Kirche übernahm die Macht. Nach 1528 standen die orthodoxen Bischöfe von Cetinje formell an der Spitze des Gemeinwesens. 1603 erkannte der Sultan die Autonomie Montenegros an.Šerbo Rastoder: A short review of the history of Montenegro. In: Florian Bieber (Hrsg.): Montenegro in transition. Problems of identity and statehood. Nomos, Baden-Baden 2003, ISBN 3-8329-0072-1, S. 107–137, hier S. 113. Damit beginnt die neuere Geschichte Montenegros als Staat. Faktisch war dieser „Staat“ allerdings ein im Innern nur lose verbundenes, durch rivalisierende Clanstrukturen geprägtes Gemeinwesen, das – ohne moderne bürokratische Staatsspitze – unter der meist eher symbolischen Führung des jeweiligen Bischofs vor allem durch die äußere Bedrohung durch die Osmanen und die daraus resultierende gemeinsame Kampferfahrung zusammengehalten wurde. Ein geschickt agierender Bischof – unter dem Titel Vladika (Wladika) – konnte jedoch auch mehr als ein symbolischer Führer sein und zeitweilig geistliche und weltliche Macht – unter der Bedingung der Kooperation mit den Führern der freien montenegrinischen Bergstämme – auch faktisch vereinigen. Seit 1697 war das Amt des Vladika in der Familie Petrović-Njegoš erblich geworden. Es wurde stets vom Onkel an den Neffen weitergegeben, da orthodoxe Bischöfe unverheiratet sein mussten und demnach keine legitimen Nachkommen haben konnten. Diese Onkel-Neffe-Nachfolge der Petrović überdauerte sogar die Abschaffung des Fürstbistums im Jahre 1852, da der erste weltliche Fürst (knez) aus dem Hause Petrović, Danilo I., kinderlos blieb und 1860 daher mit Nikola I. ebenfalls einen Neffen als Nachfolger erhielt.

Neben kraftvollen und einflussreichen Vladikas – etwa dem Begründer der Bischofsdynastie Danilo I. (1697–1735) oder Petar I. (1782–1830), der das Herrschaftsgebiet erfolgreich gegen die Türken verteidigte und vergrößerte – wies die Petrović-Dynastie auch schwache Gestalten auf, welche die Macht nur nominell innehatten und neben denen sich Usurpatoren wie der Abenteurer Stefan Mali etablierten, der sich als angeblicher russischer Zar Peter III. um 1770 für mehrere Jahre bis zu seiner Ermordung als faktischer Herrscher Montenegros gerierte. 1781/82 scheinen die Petrović für kurze Zeit sogar durch einen Wladika aus dem Clan der Plamenacs aus ihrer Spitzenposition verdrängt worden zu sein. Zugleich etablierte sich damals ein weltlicher „Gouverneur“ (Guvernatur) aus dem Klane der Radonićs, dessen Nachfolger erst nach 1830 wieder entmachtet werden konnte. Herrschaft in Montenegro beruhte somit bis weit ins 19. Jahrhundert hinein auf autoritär-patriarchalischen Clanstrukturen und darauf gestützten persönlichen Beziehungen, Heirats-Netzwerken und Bündnissen.

Macht anderer Staaten über Montanegro Unterdessen stand ein Teil des heutigen montenegrinischen Küstengebiets um die Bucht von Kotor unter venezianischer Herrschaft und war damals als Venezianisch-Albanien bekannt. 1797 wurde dieses Gebiet ebenso wie das vormals venezianische Dalmatien als Königreich Dalmatien Teil der österreichischen Monarchie. Die Montenegriner machten sich zwischen 1803 und 1814 mehrfach Hoffnungen, die Hafenstadt Kotor ihrem Staate anschließen zu können, weil die Österreicher durch Napoleon geschwächt waren, aber es gelang ihnen nicht.