Kurland (früher gelegentlich auch Curland; , ) ist neben Semgallen (Zemgale), Lettisch-Livland (Vidzeme), Selonien/Oberlettland (Sēlija) und Lettgallen (Latgale) eine der fünf historischen Regionen Lettlands. Kurland umfasst eine Fläche von 13.628 km².

Kurland liegt südwestlich des Flusses Düna und bezeichnet den von Ostsee und Rigaischem Meerbusen umfassten Westteil des Landes um die Städte Liepāja (Libau), Ventspils (Windau) und Kuldīga (Goldingen). Nördlichster Punkt Kurlands ist Kap Kolka. Das Gebiet ist mit Ausnahme der hügeligen Gegend um Talsi (Talsen) in der Kurländischen Schweiz relativ flach. Hauptfluss ist die Venta (Windau).

Geschichte Kurland ist nach dem baltischen Volk der Kuren benannt. Der Eigenname Kurš geht auf das indogermanische Wort krs zurück und bedeutet „schnell beweglich (auf See)“.

Frühmittelalter

Die Geschichte der Kuren lässt sich etwa bis in das 7. Jahrhundert zurückverfolgen. Gemeinsam mit den Prußen hatten sie zu dieser Zeit eine führende Rolle unter den baltischen Stämmen inne.

Bereits Mitte des 7. Jahrhunderts war Kurland von einer protowikingerischen Dynamik betroffen. Nordische Sagas, die jedoch erst im 13. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, schildern die Taten der schwedischen Sagenkönige Ivar Vidfamne (Ívarr inn víðfaðmi, 655–695) und Harald Hildetand aus dem Geschlecht der Skjödungar. Ivar Vidfamne soll das Baltikum und die Gegend um Gardarike in Karelien erobert haben. Von dauerhafter Landnahme ist jedoch keine Rede, denn sein Reich zerfiel nach seinem Tod. Harald Hildetand, vermutlich sein Enkel, soll die Gebiete erneut unter schwedische Herrschaft gebracht haben. Ausgrabungen des schwedischen Forschers Birger Nerman und der Bildstein von Priediens bestätigen zwischen 650 und 850 eine nordische Präsenz in Grobiņa (Seeburg). Auf drei Brandgräberfeldern skandinavischen Typs deuten die Waffen- und Schmuckfunde zweimal auf Gotland als Herkunftsgebiet und einmal auf das mittelschwedische Mälartal, im Gebiet der Svear.

In der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts wurden in Suaslaukas und Grobiņa in Lettland, Wiskiauten im Samland und Truso bei Elbing nordische Handelsniederlassungen gegründet. Skandinavische Funde aus der Zeit nach 800 sind dagegen im Baltikum selten. Grobin hielt sich bis etwa 850. Die Siedlung im Gebiet der Prußen erbrachte hingegen spätere Funde, Truso aus der Zeit um 900 und Wiskiauten sogar bis ins 11. Jahrhundert. Der Angelsachse Wulfstan von Haithabu, der das Gebiet der Prußen zwischen 880 und 890 besuchte, sah „viele Städte, in denen jeweils ein König gebot“.

In seiner Vita sancti Anscharii von 876 erwähnt Rimbert, ein Schüler des Bischofs Ansgar von Bremen, Kämpfe zwischen dänischen und schwedischen Wikingern und den Kuren im Jahre 855. Als Ansgar Schweden (nach 850) zum zweiten Mal besuchte, erlitten die Dänen in Kurland eine vernichtende Niederlage. Rimbert erwähnt die Seeburg (Grobiņa) und Apulia (Apuole) und schreibt über die Kuren (die er Chori nennt), dass sie von den Schweden unterworfen waren, aber das Joch bereits lange abgeschüttelt hatten. Der Sveakönig Olof setzte mit einem Heer nach Kurland über. Sein Angriff richtete sich gegen die Seeburg, die geplündert und niedergebrannt wurde. Beim Angriff auf Apulia stieß er jedoch auf erheblichen Widerstand. Die Kuren unterwarfen sich letztlich dennoch und verpflichteten sich, Tribut zu entrichten und Geiseln zu stellen. Auf dem Schlachtfeld fanden die Archäologen eiserne Pfeilspitzen, die im 9. und 10. Jahrhundert in Skandinavien üblich waren. Saxo Grammaticus berichtet von Angriffen auf Kurland, die zwischen 866 und 894 erfolgten. Die nordischen Beutezüge in Kurland stießen jedoch auf zu starken Widerstand und die Wikinger wandten sich in der Folgezeit anderen Landstrichen zu. Dass später die dänische Küste von Kuren, wie auch von Slawen, angegriffen und von schwedischen Wikingern geschützt werden musste, beschreibt Snorri Sturluson in der Heimskringla. Er lebte in der Regierungszeit des dänischen Königs Waldemar II. (König 1202–1241). In Chroniken des 13. Jahrhunderts wird berichtet, dass die Kuren mehrmals Gebiete in Dänemark und Schweden plünderten. Adam von Bremen riet den Christen, die kurländische Küste zu meiden.

Dass kurische Waffen und Schmuckstücke nach Dänemark und Gotland gelangten, belegen Ziernadeln, Fibeln und Schwerter aus dem 10. Jahrhundert. An der gotländischen Küste fand man Utensilien, wie sie in der Umgebung von Klaipėda und Kretinga vorkamen. Das Grab in Hugleifs belegt die Anwesenheit von Kuren auf der Insel. Diese Funde deuten Handelsbeziehungen zu den Balten im 10. und 11. Jahrhundert an. Ein Bruchstück eines silbernen Halsrings mit sattelförmigem Ende, eine Schmuckart, die im mittleren und östlichen Landesteil von Litauen und Lettland verbreitet war, wurde auf Gotland bei Boters nahe Gerum – zusammen mit arabischen, byzantinischen, angelsächsischen und aus dem deutschen Raum stammenden Münzen – gefunden. Ein weiterer Halsring desselben Typs wurde auf Öland entdeckt. Die isländische Egilssaga enthält eine Schilderung über den Lebensstandard der Kuren zu Beginn des 10. Jahrhunderts als die Wikinger Thorolf und Egil um 925 Kurland verheerten. Im 10. und 11. Jahrhundert wurden die Handelsbeziehungen beibehalten, sofern sie nicht durch Kaperfahrten skandinavischer Wikinger unterbrochen wurden.

Eine Feste mit der benachbarten Ortschaft wurde Zentrum des Stammesgebiets. In den Aufzeichnungen des 9. Jahrhunderts sind in Kurland fünf Gaue, sogenannte kurische Landschaften, angegeben, zu Beginn des 13. Jahrhunderts gab es acht. Die Einteilung in Gaue galt für das gesamte Baltikum. Mächtige Feudalherren dehnten im Lauf der Zeit ihren Machtbereich auf mehrere Gaue aus. Diese frühfeudale Gesellschaftsstruktur konnte beibehalten werden, solange die Balten von Nachbarn umgeben waren, die eine ähnliche Sozialstruktur hatten. Die Situation änderte sich, als zwischen 1226 und 1230 an der Westgrenze die Ordensritter erschienen, ein vom christlichen Europa unterstützter mächtiger Gegner.

Kurland im Ordensstaat mini|Der Deutschordensstaat um 1260

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts hatten niederdeutsche Kaufleute und Missionare an der Düna Handels- und Missionsstationen errichtet. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde Kurland vom Schwertbrüderorden unterworfen; es wurden deutsche Städte gegründet, auf dem Lande lebten jedoch weiterhin Kuren, nun unter deutscher Adelsherrschaft.

Parallel dazu begann 1231 der Deutschritterorden von Kulm aus mit der Eroberung des Gebietes der Prußen, beauftragt durch den polnischen Seniorherzog Konrad von Masowien 1230 im Vertrag von Kruschwitz, zu dessen Anbahnung Kaiser Friedrich II. 1226 mit der Goldenen Bulle von Rimini beigetragen hatte. Mit der Bulle von Rieti wurde das Ordensland 1234 als Lehen allein dem Papst unterstellt. 1237 ging der geschwächte Schwertbrüderorden im Deutschritterorden auf. Der Deutsche Orden eroberte 1309 Pommerellen von Polen und erhielt damit im Südwesten seines Territoriums eine gemeinsame Grenze mit dem Römisch-Deutschen Reich (Heiliges Römisches Reich).

Nach der Unterwerfung der Region durch den Schwertbrüder- und den Deutschritterorden gingen die südlichen Kuren großenteils in den Nachbarvölkern der Žemaiten und der Prußen auf, die nördlichen Kuren in den Letten. Das Volk der Kuren siedelten ursprünglich vom heutigen lettischen Kurland bis in nördliche Teile der Kurischen Nehrung und des Festlandes am Kurischen Haff, bis zum Memelland nördlich der Minija (Minge) mit der Landschaft Pilsaten, sowie weite Teile des heutigen Nord-Žemaiten mit der Landschaft Ceclis. An der Küste liegen die kurischen Landschaften Pilsaten (Rajongemeinde Klaipėda), Megowe (Palanga und Rajongemeinde Kretinga), Duvzare und Piemare, sowie Ventava um die Stadt Ventspils (Windau). Landeinwärts lagen die kurischen Regionen Bandava, südöstlich von Ventava bis zur litauischen Grenze, nordöstlich davon bis zum Rigaischen Meerbusen in der größten Landschaft Vanema, auch Vredecuronia genannt, die letzten drei Regionen in deutlicher Mischbesiedlung mit der Vorbevölkerung der Liven. Quellen erwähnen außerdem die kleine, dünn besiedelte Landschaft zwischen Scrunda und Semigallia im mittleren Osten.

Nach kurischen Aufständen gegen die Ordensherrschaft 1236–45 und 1260–67 wurde die kurische Vorbevölkerung soweit dezimiert, dass Siedler vom ostbaltischen Stamm der Lettgallen die Bevölkerungsverluste ausglichen. Dadurch wurde die Sprache der ländlichen Bevölkerungsmehrheit von der ursprünglichen, westbaltischen kurischen Sprache bis ins 16. Jahrhundert lettisiert. Heute werden Dialekte der Lettischen Sprache in der Region gesprochen.

Neben Kuren, Letten und den heute nahezu ausgestorbenen Liven (ein finnisches Volk) an der Nordspitze um Domesnäs/Kap Kolka wohnten in Kurland seit dem Mittelalter Deutsche und Schweden (besonders im Städtebürgertum und im Adel), später kamen Russen und besonders aschkenasische (jiddischsprachige) Juden aus Polen-Litauen hinzu. Jiddisch entwickelte einen eigenen Kurländer Dialekt. Großgrundbesitzer und Stadtbürger, Pastoren, Ärzte, also die gebildeten Schichten, ebenso Handwerksmeister waren vom Mittelalter bis weit in das 20. Jahrhundert größtenteils Deutsch-Balten. Die deutsche Sprache war die Sprache der Oberschicht, die lettische Sprache die der Landbevölkerung. Die kurische Sprache, wie Prußisch (Altpreußisch) und Lettisch zur baltischen Sprachfamilie gehörend, starb um das 16. Jahrhundert aus.

Durch die polnisch-litauische Union 1386 erhielt der Deutsche Orden erstmals einen übermächtigen Gegner. Nach dem Zweiten Frieden von Thorn (1466) wurde der Ordensstaat geteilt. Der östliche Teil des Ordenslandes blieb in der Hand des Ordens, doch wurde der Ordensstaat gegenüber Polen lehnspflichtig. Pommerellen, das Kulmerland und weitere Teile des ehemals prußischen Gebietes wurden zu einem weltlichen „Preußen Königlichen Anteils“ zusammengefasst, das in Personalunion mit Polen verbunden wurde (später größtenteils Provinz Westpreußen). Danzig, Thorn und Elbing wurden so genannte Freie Städte unter der Herrschaft des Königs von Polen („Polnische Krone“). Die nördlichen Gebiete von Kurland und Livland mit der Hauptstadt Riga blieben zunächst unabhängig unter Leitung eines Landmeisters des Ordens, erweckten jedoch Begehrlichkeiten Schwedens und Russlands (Großfürstentum Moskau).

Der erste russische Vorstoß wurde 1502 durch Landmeister Wolter von Plettenberg abgewehrt. Der zweite Vorstoß 1558 durch Iwan den Schrecklichen eröffnete den Livländischen Krieg (1558–1582). 1561 unterstellten sich, vertreten durch ihre Ritterschaften, Kurland und Livland polnischer Oberhoheit, um sich gegen die russische Bedrohung abzusichern. Polen geriet dadurch in Konflikt mit Russland und Schweden und wurde in den Krieg hineingezogen.

Das Herzogtum Kurland und Semgallen in der zweiten Hälfte des 16. und im 17. Jahrhundert mini|Kleines Wappen des Herzogtums Kurland und Semgallen mini|Polen-Litauen um 1618 (in Kombination mit den heutigen Staatsgrenzen)

Unter dem Einfluss des Krieges konnte Gotthard Kettler, der letzte Landmeister von Livland, ein eigenes weltliches Herzogtum unter polnisch-litauischer Oberhoheit in Kurland und Semgallen gründen, allerdings ohne die Gebiete des Bistums Kurland, die an den polnisch-litauischen Teil Livlands fielen. Nach seinem Tod teilten sich seine Söhne Wilhelm Kettler und Friedrich Kettler 1596 das Herzogtum in das westliche Kurland und das östliche Semgallen. Wilhelm überwarf sich mit dem Landadel, der durch die polnischen Oberherren unterstützt wurde und musste schließlich das Land verlassen. Friedrich konnte 1616 daher beide Landesteile unter sich vereinen. Durch den Polnisch-Schwedischen Krieg 1600–1629 um die Vorherrschaft im Baltikum war Kurland im Ergebnis weniger betroffen. 1629 eroberte Schweden Livland, Kurland blieb ein selbständiges Herzogtum unter polnischer Oberhoheit. Auch der südöstlichste Teil Livlands um Dünaburg blieb polnisch.