mini|Tafel mit Gilgamesch-Epos
Das Gilgamesch-Epos beziehungsweise Gilgameš-Epos ist der Inhalt einer Gruppe literarischer Werke, die vor allem aus dem babylonischen Raum stammt und eine der ältesten überlieferten, schriftlich fixierten Dichtungen enthält. Das Gilgamesch-Epos in seinen verschiedenen Fassungen ist das bekannteste Werk der akkadischen und der sumerischen Literatur.
Als Gesamtkomposition trägt es den ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. belegten Titel Derjenige, der die Tiefe sah (ša naqba īmuru). In einer früheren Fassung, die wahrscheinlich der altbabylonischen Zeit (1800 bis 1595 v. Chr.) entstammt, war das Epos unter dem Titel Derjenige, der alle anderen Könige übertraf (Šūtur eli šarrī) bekannt.
Unter anderem bietet das Epos eine Episode, in der es dem Helden Gilgamesch am östlichen Rand der Welt, im Land Dilmun, gelingt, nach Auskunft des Uta-napišti (oder Utnapištim) im Grundwasser das Kraut des (ewigen) Lebens zu bergen. Ferner wird die von der sumerischen Gottheit Enlil ausgelöste Sintflutkatastrophe thematisiert.
Die umfassendste Version, das sogenannte Zwölftafel-Epos des Schreibers Sîn-leqe-unnīnī, ist auf elf Tontafeln aus der Bibliothek des assyrischen Königs Aššurbanipal erhalten. Eine zwölfte Tafel mit einem Auszug aus dem eigenständigen Gedicht Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt wurde dem Epos angehängt. Von den einst über 3000 Versen des Epos sind nicht ganz zwei Drittel aus verschiedenen Überlieferungssträngen bekannt. In dieser Version schildert das Epos die Geschichte Gilgameschs als einen sein Volk anfänglich schwer bedrängenden König von Uruk, den Beginn seiner Freundschaft mit Enkidu und ihre gemeinsamen Heldentaten, aber auch den Tod Enkidus und Gilgameschs verzweifelte Suche nach der Unsterblichkeit. Am Ende muss der Held einsehen, dass diese nur den Göttern gegeben, Leben und Sterben hingegen Teil der menschlichen Natur ist. Rainer Maria Rilke nannte es das „Epos der Todesfurcht“.Rainer Maria Rilke in einem Brief vom 31. Dezember 1916 an Helene von Nostitz; siehe Rainer Maria Rilke, Helene von Nostitz, Oswalt von Nostitz (Hrsg.): Rainer Maria Rilke, Helene von Nostitz: Briefwechsel. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-458-05983-0, S. 99.
Das vorhandene Schriftmaterial erlaubt die Rückdatierung der ursprünglichen Fassung bis mindestens in das 18. Jahrhundert v. Chr., reicht aber wahrscheinlich in die Abfassungszeit des Etana-Mythos im 24. Jahrhundert v. Chr. zurück.Claus Wilcke: Vom göttlichen Wesen des Königtums und seinem Ursprung im Himmel. In: Franz-Reiner Erkens: Die Sakralität von Herrschaft – Herrschaftslegitimierung im Wechsel der Zeiten und Räume: Fünfzehn interdisziplinäre Beiträge zu einem weltweiten und epochenübergreifenden Phänomen. Akademie-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-003660-5, S. 67. Belegt sind ebenfalls Bezüge zum Epos Atraḫasis, u. a. über die dort beschriebene Leistung der sumerischen Götter, aus dem Lehm der mesopotamischen Steppe Eden ein erstes Menschenpaar erschaffen zu haben. Aus dem gleichen Stoff ins Leben gebracht, übernimmt diese Rolle im Epos Enkidu, der zunächst als unbezwingbarer Tiermensch gilt, der die Steppe in Gemeinschaft mit seiner Herde durchstreift und zu ihrem Schutz den Jagdbetrieb der Stadt Uruk sabotiert, über seine gezielt herbeigeführte Menschwerdung aber zum Freund Gilgameschs vorbestimmt ist, mit der Absicht der Götter, auch ihn zu veredeln. Aus dem jugendlich übermutigen Gilgamesch soll ein weiser Herrscher werden.
In immer neuen Anpassungen und Redaktionen wurde das Epos den historischen Bedingungen der jeweiligen Zeit angeglichen. Es war über Jahrhunderte grundlegende Schullektüre im Vorderen Orient und wurde selbst ins Hethitische und Hurritische übersetzt. Auch eine elamische Version ist bekannt.Igor Michailowitsch Djakonow, N. B. Jankowska: An Elamite Gilgameš Text from Argištihenele, Urartu (Armavir-blur, 8th Century B. C.) In: Zeitschrift für Assyriologie. Band 80, 1990, S. 102–123. Noch der um 200 n. Chr. schreibende Römer Aelian erwähnt Gilgamesch, von ihm Gilgamos genannt, als mythischen König der Babylonier.Aelian: De natura animalium 12,24.
Wiederentdeckung mini|Tafel 11 mit der Sintflut-Erzählung aus der Bibliothek des Aššurbanipal
Die ersten Tontafeln mit Fragmenten des Gilgamesch-Epos wurden 1853 von Hormuzd Rassam gefunden. George Smith (1840–1876) übersetzte sie 1872 und gilt daher als der eigentliche Wiederentdecker des Gilgamesch-Epos. Smith übersetzte das Fragment, das sich mit der Überflutung der Erde beschäftigte und sehr große Ähnlichkeiten zum Bericht der Sintflut im Buch Genesis ( und ) der Bibel aufweist. Dieses Fragment ist ein Teil der elften und letzten Tafel des Gilgamesch-Epos. Damit wurde die Hypothese gestärkt, dass die Bibel diesen Text in veränderter Form übernommen hatte. 1997 fand der Assyriologe und Judaist Theodore Kwasman die noch fehlenden ersten zwei Zeilen des Epos im British Museum.
Im Jahr 1930 waren 108 Tonfragmente des Gilgamesch-Epos bekannt; im Jahr 2003 waren es bereits 184 Fragmente.Martin Worthington: Complete Babylonian. Hodder & Stoughton, London 2010, ISBN 978-0-340-98388-1, S. 3.
Übersetzung Der Text des Epos musste aus verschiedenen Fragmenten rekonstruiert werden, wobei größere Lücken (Lacunae) bestehen blieben. Da die verschiedenen Fragmente in verschiedenen Sprachen (altbabylonischem Akkadisch, Hurritisch und Hethitisch) verfasst worden waren, ergaben sich Übersetzungs- und Zuordnungsschwierigkeiten. Einige Textstellen waren nicht erhalten und mussten rekonstruiert werden. Häufig war auch die Bedeutung wichtiger Begriffe nicht bekannt.
Erst S. N. Kramer, Sumerologe aus Philadelphia (USA), stellte große Teile der sumerischen Mythendichtungen in einen sinnvollen Zusammenhang. Die erste vollständige deutsche Übersetzung erstellte Alfred Jeremias im Jahr 1891. 1934 wurde das Epos von Albert Schott erneut übersetzt. Schott hat die Personennamen des Epos vereinheitlicht, so dass sich der Name Gilgamesch auch für die älteren Erzählungen durchsetzte, die im Original den Namen dGIŠ-gím-maš verwenden. Das Gleiche gilt für die Namenspaare Ḫuwawa/Ḫumbaba und Sursun-abu/Ur-šanabi.
Mit einer neuen wissenschaftlichen Edition stellte der Londoner Altorientalist Andrew R. George im Jahr 2003 die textkritische Erforschung des Gilgamesch-Epos auf eine neue Grundlage. Aus über 100 Textfunden, die inzwischen neu übersetzt worden waren, ergab sich eine Neubewertung des überlieferten Textes. Zusätzlich konnten zwischen 2003 und 2005 fünf weitere Bruchstücke übersetzt werden. Der Assyriologe Stefan Maul legte im Jahr 2008 eine umfassend überarbeitete, neue, poetische Übersetzung vorStefan M: Maul: Das Gilgamesch-Epos neu übersetzt und kommentiert von Stefan M. Maul . 4., durchgesehene Auflage, Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-52870-5., die Ergänzungen, persönliche Interpretationen und Erweiterungen zu den älteren Übersetzungen des Gilgamesch-Epos enthält.
Fassungen des Stoffes Sumerische Erzählkränze Älteste literarische Bearbeitungen des Gilgamesch-Stoffes stammen aus den sumerischen Städten in Mesopotamien. Aus dieser frühen Zeit sind einige Tontafeln in sumerischer Keilschrift mit Fragmenten mehrerer Texte bekannt: Zyklus um Gilgamesch, der Held heißt hier „Bilgameš“ oder kurz „Bilga“.Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition. Beck, München 2008, S. 42. Gilgamesch und Agga von Kisch, dieser Text erscheint im Zwölftafel-Epos nicht.Wolfram von Soden, Albert Schott: Das Gilgamesch-Epos. Reclam, Stuttgart 1982, S. 115–120; siehe auch Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition. Beck, München 2008, S. 61–67. Er berichtet vom Übergang der Macht von Kisch auf die Stadt Uruk.Publiziert in Dina Katz: Gilgamesh and Akka. Styx Publications, Groningen 1993, ISBN 90-72371-67-4; sowie in Alter Orient und Altes Testament. (AOAT) Band 253, S. 457 ff. Gilgamesch und die jungen Frauen.Bislang unpubliziert Gilgamesch und Ḫuwawa. – von diesem Text liegen zwei bis drei Fassungen vor, die Ausgangspunkt der Tafeln 4 und 5 des Zwölftafel-Epos wurden.Publiziert in Zeitschrift für Assyriologie. Band 80, S. 165 ff.; Zeitschrift für Assyriologie. Band 81, S. 165 ff.; Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Band 3.3, S. 540 ff. Gilgamesch und der Himmelsstier. – nahezu der gesamte Text wurde in der 6. Tafel des Zwölftafel-Epos aufgegriffen. Er handelt von einer Auseinandersetzung zwischen Inanna und Gilgamesch.Publiziert in Revue d’assyriologie et d’archéologie orientale. Band 87, S. 97 ff. Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt. – dieser Text wird in den frühen Fassungen des Epos nur als Anregung verwendet. Erst spät wird die zweite Hälfte davon als Anhang hinzugefügt. In einigen Fragmenten wird Gilgamesch als Richter in der Unterwelt vorgestellt. Er beinhaltet eine Unterweltsvision und legitimiert Gilgamesch als Begründer des Totenkultes.Publiziert in Aaron Shaffer: Sumerian sources of tablet XII of the epic of Gilgamesch. Dissertation, University of Pennsylvania, Pennsylvania 1963; erschienen in University Microfilms International, Ann Arbor (Mi) 1963, . Tod des Gilgamesch. – dieser Text wurde später vor allem auf Enkidu umgemünzt.Publiziert in Antoine Cavigneaux, Farouk Rawi u. a.: Gilgamesch et la mort. Styx Publication, Groningen 2000. Die Sintflut-Erzählung gehört in ihrer sumerischen Fassung nicht zu den Geschichten um Gilgamesch. Die Figur des Uta-napišti trägt hier den Namen Ziusudra. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Text um eine rückwirkende Übersetzung in die sumerische Sprache, die selbst aus mehreren älteren Fassungen schöpft und vor allem in Form des Atraḫasis-Epos einen eigenständigen mythischen Bericht darstellt.Wolfram von Soden, Albert Schott: Das Gilgamesch-Epos (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 7235/35). Reclam, Stuttgart 1982, S. 120–122.
Fassungen in babylonischer Sprache Altbabylonisch mini|Altbabylonische Tafel HS 1445 mit einem Teil des Epos in sumerischer Sprache
Bisher sind nur kleine Bruchstücke bekannt geworden. Es zeichnet sich ab, dass bereits vor der ersten Dynastie Babyloniens beziehungsweise vor der Isin-Larsa-Zeit ein erstes Epos aus den sumerischen Stoffen um Gilgamesch erstellt wurde, das später mehrfach ausgebaut und variiert wurde. Der Held wird in der altbabylonischen Zeit mit dem Zeichen „Giš“ geschrieben, allerdings wohl „Gil“ ausgesprochen.
Inhaltlich lassen sich die Stücke verschiedenen Passagen zuordnen und so in eine Reihenfolge bringen: Von der ersten Tafel des altbabylonischen Epos ist nur die Anfangszeile und ein kurzes Fragment erhalten, das von der Erschaffung Enkidus berichtet. Ein Fragment der zweiten Tafel, heute in Pennsylvania, stammt vermutlich aus Uruk oder Larsa; einer Bemerkung zufolge handelt es sich um den zweiten Teil einer Serie. Sie berichtet von der Ankunft Enkidus mit seiner Frau in Uruk, wo Gilgamesch von seinem ius primae noctis Gebrauch machen will und Enkidu ihn daran hindert. Nach einem Kampf der beiden nimmt Gilgamesch Enkidu als Gefolgsmann auf.Wolfram von Soden, Albert Schott: Das Gilgamesch-Epos. Reclam, Stuttgart 1982, S. 6–8 und S. 26–32; vgl. auch Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition. Beck, München 2008, S. 80–82. Von der dritten Tafel existieren Fragmente in Yale, in der Sammlung Schoyen sowie unter den Funden aus Nippur und Tell Harmal. Sie berichten davon, dass Gilgamesch Zedernholz schlagen möchte, wovor Enkidu unter Verweis auf Ḫuwawa, den er von früher kennt, warnt. Ein eventueller Fund der vierten Tafel ist noch nicht publiziert. Ein Fragment der fünften Tafel befindet sich in Bagdad und berichtet von der Tötung Ḫuwawas durch Gilgamesch und Enkidu, was ihnen den Weg zu den Anunnaki eröffnet. Die geschlagenen Zedernstämme flößen beide über den Euphrat nach Uruk.Walther Sallaberger: Das Gilgamesch-Epos. Mythos, Werk und Tradition. Beck, München 2008, S. 80–82.