mini|Eine von vielen Darstellungen des Proteus (hier: Jörg Breu; 16. Jahrhundert) Proteus (), der „Alte vom Meer“, ist ein früher Meeresgott der griechischen Mythologie. In manchen antiken Versionen ist er hingegen ein ägyptischer König.
Antiker Mythos Proteus ist ein Meeresgott, in Unterordnung zu Poseidon und manchmal als dessen Sohn beschrieben. Allerdings ist aus der ganzen antiken bildenden Kunst kein gesichertes Proteus-Bildnis erhalten.Vgl. Noëlle Icard-Gianolio: Proteus. In: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae. Band 7/1, 1994, S. 560b–561b; vgl. ; O. Navarre: Proteus. In: Charles Daremberg, Edmond Saglio (Hrsg.): Dictionnaire des Antiquités Grecques et Romaines. Band 4/1, Hachette, Paris 1907, Sp. 713b–714a (Online). Proteus hütete Poseidons Robben und andere von dessen Meeresgeschöpfen. Er hat mehrere Wohnstätten, zu denen unter anderem auch die Inseln Karpathos und Pharos gehören.
Als „ein anthropomorphes Symbol des Meeres“Herter: RE. 23/1, 1957, Sp. 975,12 im Anschluss an Navarre, s. o. 4/1, 1907, Sp. 174a. besitzt Proteus wie auch andere aquatische GottheitenVgl. Martin Persson Nilsson: Geschichte der griechischen Religion (= Handbuch der Altertumswissenschaft. 5. Abteilung, 2. Teil, 1. Band). Bd. I³, C. H. Beck, München 1941, 1967, S. 240–244. (Nereus, Glaukos, Phorkys) deren drei markante Kennzeichen: das würdige Greisenalter (Homer, Odyssee 4,349), die Gabe prophetischen Wissens (Divination) sowie die sprichwörtlich gewordene Fähigkeit zur spontanen, polymorphen Gestaltverwandlung (Metamorphose).
Eine breite, alle spätere Rezeption beeinflussende Proteus-Darstellung gibt die Telemachie in Homers Odyssee.Homer, Odyssee 4,349–570 Dort lebte Proteus als ein weiser, alter und wandlungsfähiger Meeresgott auf der Insel Pharos als Robbenhüter, der jeden Mittag dem Meer entstieg, um seine Robbenherde zu kontrollieren. Er hatte die Gabe der Prophetie, war aber abgeneigt, sein Wissen zu offenbaren. Deshalb war es schwierig, ihm eine Prophezeiung zu entlocken. Er versuchte den Fragen zu entkommen, indem er verschiedene Gestalten annahm. Das machte ihn zu einem Meister der Verwandlung, der jede beliebige Gestalt annehmen konnte, selbst die des Wassers, des Feuers oder eines wilden Tieres. Um ihm eine Weissagung zu entlocken, musste man ihn überlisten. Menelaos näherte sich ihm während der Rückkehr von Troja auf den Rat von Proteus’ Tochter Eidothea hin in der MittagszeitProteus ist der älteste Beleg in der griechischen Mythologie für eine hilfreiche göttliche Epiphanie und Weissagung am Mittag; zur divinatorischen Gunst der Mittagszeit und zum Motiv der Überlistung eines Jenseitigen bei Proteus vgl. Wolfgang Speyer: Mittag und Mitternacht als heilige Zeiten in Antike und Christentum. In: Vivarium. Festschrift für Theodor Klauser zum 90. Geburtstag (= Jahrbuch für Antike und Christentum. Erg.-Bd. 11). Aschendorff, Münster 1984, S. 314–326, bes. 318 (Lit.!) = Wolfgang Speyer: Frühes Christentum im antiken Strahlungsfeld (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. 50). Mohr, Tübingen 189, S. 340–352, bes. 344. als Robbe. So konnte er den schlafenden Proteus überwinden, fesseln und nach dem richtigen Heimweg befragen. Um sich dem Zugriff des Menelaos und seiner Gefährten zu entziehen, verwandelt sich Proteus nacheinander in einen Löwen, eine Schlange, einen Leoparden, einen Eber, sogar in Wasser und in einen Baum und, als diese Fluchtversuche erfolglos waren, schließlich wieder in seine alte Gestalt.
Bei anderer Gelegenheit überraschte Apollons Sohn Aristaios ihn, als er zwischen seinen Robben lag, und ließ sich erklären, durch welches Vergehen er die Nymphen und Orpheus beleidigt hatte, die daraufhin seine Bienen hatten sterben lassen. Außerdem erfuhr er, wie er diese versöhnen konnte.
Für einen anderen Traditionsstrom steht Euripides. Er erwähnt in seinem Drama HelenaEuripides, Helena 1–67; vgl. Bibliotheke des Apollodor Epitome 3,5 Proteus als einen ehrbaren und rechtschaffenen König in Ägypten. Dort beschützt Proteus in Hermes’ Auftrag die schöne Helena während des Trojanischen Krieges, Paris hatte nämlich nur ein Trugbild nach Troja entführt. Laut Herodot brachte Paris selbst Helena nach Ägypten.Herodot 2,112–120 Dort wurde er von Proteus fortgejagt und Helena später ihrem Mann wiedergegeben.
Griechische Philosophie und Literatur Platon hält im Rahmen seiner Mythenkritik die Berichte von den Verwandlungen des Proteus für lügenhafte Dichtererfindungen.Platon, Politeia 381d; vgl. Euthyphron 15d, Euthydemos 288b, Ion 541e Ende des 5. Jahrhunderts n. Chr. allerdings versuchte der Neuplatoniker ProklosProklos, (commentarius) in Politica (in rem publicam) 109–114 Kroll dennoch, diese Wandlungsfähigkeit des Proteus unter Wahrung des platonischen PostulatsPlaton, Politeia 381b ff. der Unwandelbarkeit der Gottheit zu deuten.
Die Philosophie der Stoa und ihre allegorische Mythendeutung nutzte die Proteus-Gestalt und deren Verwandlungsfähigkeit zur Veranschaulichung der schöpferischen Veränderungen der Elemente im Kosmos (Kosmogonie).Vgl. Georg Pfligersdorffer: Studien zu Poseidonios. Wien 1959, S. 120ff. Sogar als persönlicher Urgott des Alls wird Proteus in den frühestens im 2. Jh. n. Chr. verfassten Orphischen HymnenOrphische Hymnen Hymnus 25 zelebriert, da die Natur alles in ihm veranlagt habe, wie es ja an seinen vielen Verwandlungen erkannt werden könne.
Lukian von Samosata treibt in seinem 4. „Meeresgöttergespräch“ (Dialogi Marini) („Menelaus und Proteus“)Luciani Opera, ed. crit. M. D. MacLeod (OCT), Bd. 4, Oxford 1987, 237f.; dtsch. Übers.: Lukian: Werke in drei Bänden. Hrsg. von Jürgen Werner / Herbert Greiner-Mai (Bibliothek der Antike). Bd. 1, Aufbau, Berlin/Weimar 1981, 326f. die Verwandlungsfähigkeit des Proteus in die ironische Spitze, indem er über den Meeresgott behauptet, dass er sowohl zu Wasser als auch zu Feuervgl. auch Ovid, Metamorphosen 7,730–737 werden könne. Eine eigenständige, immer wieder auf den mythischen Proteus rückspiegelnde Traditionslinie bildet die von Lukian geschaffene Gestalt des betrügerischen Wanderpredigers Peregrinus Proteus.
Lateinische Literatur der paganen Antike In der lateinischen Literatur wirkt besonders die Seherfunktion des Proteus attraktiv auf die Autoren. VergilVgl. Francesca Della Corte: Proteo. In: Enciclopedia Virgiliana. 4, 1988, S. 327b–328b. betont stärker als die bisherige Tradition die Allwissenheit des Proteus, wobei er auch beim homerischen Fesselungsmotiv anknüpft, wenn er Aristaios im Finale seiner GeorgicaOvid, Georgica 4,387–529 den Meergott nach dem Tod seiner Bienen befragen lässt. Der Vergil-Verehrer Silius Italicus gibt Proteus das Epitheton ;Ovid, Punica 7,429 die Berner Scholien zu Vergils Georgica (5. Jh. n. Chr.) betiteln Proteus sogar explizit als propheta.Scholia Bernensia in Vergilii Georgica 4,406, S. 995 Hagen; vgl. Sidonius Apollinaris, carmina 7,27f. Eindringlich ist Vergils Schilderung von Proteus’ ekstatischen Regungen bei dessen Wahrsagung: .Vergil, Proteo 4,450–452. Übers. Johannes u. Maria Götte Unter Einbezug der vergilischen Vorgaben, aber mit dem Blick der römischen Liebeselegie interessiert sich OvidOvid, Metamorphosen 11,221–223; 11,249–256 besonders daran, dass Proteus mit seiner Sehergabe in gewitzter Weise Peleus bei der erotischen Eroberung der Thetis helfen kann.
In der Zeit Kaiser Augustus’ sammelte und verknüpfte Hyginus die mythologischen Erzähltraditionen zu Proteus in seinem Mythen-Handbuch Fabulae.Hyginus, Fabulae bes. 118
Horaz unterzieht die Proteusfigur einer deutlichen moralischen Beurteilung. Er lässt in der Schilderung einer drohenden kosmischen Katastrophe für die verdorbene MenschheitHoraz, carmina 1,2,7 im Sinne eines Adynatons Proteus die Robben des Poseidon auf den Berg Athos führen. Proteus ist bei Horaz nicht nur mythologische Person, sondern auch sprichwörtlichVgl. die Belege nach A. Otto: Die Sprichwörter der Römer. Leipzig 1890, Nachdruck Hildesheim 1965, S. 289, Nr. 1478, dazu die Ergänzungen gemäß Reinhard Häussler (Hrsg.): Nachträge zu A. Otto, Sprichwörter… Hildesheim 1968, S. 318 z. St. gewordener Ausdruck für charakterliche UnbeständigkeitHoraz, epistulae 1,1,90 oder Gerissenheit und durchtriebene Verschlagenheit.Horaz, Satiren 2,3,71: Der antike Horaz-Kommentator Pomponius Porphyrio schreibt sogar ausdrücklich Vergil diese Wirkung der Popularisierung zu.Pomponius Porphyrio, ad Hor. epist. 1,1,90: ex fabula Vergilii factum proverbium
Silius ItalicusSilius Italicus, Punica 7,419–493 schafft neue Lokalitäten des Proteus-Mythos, indem er den Meeresgott in seiner schwer zugänglichen Grotte auf Capri angesichts der herannahenden Schiffe der Punier die Zukunft Roms verkünden lässt.Vgl. Ekkehard Stärk: Liebhabereien des Silius Italicus: Die Grotte des Proteus auf Capri. In: Antike & Abendland. 39, 1993, S. 132–143.
Rezeption in christlicher Antike und Mittelalter Die Proteus-Rezeption im antiken Christentum startet erst einmal unter eindeutigen Vorbehalten. Clemens von AlexandriaClemens von Alexandria, Paedagogus 3,1 reiht Proteus nicht unter die Götter, sondern unter die daimones (Kleingottheiten) ein. Nach Gregor von Nazianz ist Satan für die Christen ein Proteus,Gregor von Nazianz, carmina 2,1,83,77ff; vgl. auch Augustinus von Hippo, de civitate dei 10,10 Proteus selbst ein blankes Fabelwesen.Vgl. Gregor von Nazianz, orationes 4,62 Migne PG 35, 585A; vgl. Cassiodor, Variae 5,34; siehe auch schon Ovid, Amores 3,12,35 Ein unzuverlässiger Freund verschwindet wie Proteus, meint Sidonius Apollinaris.Sidonius Apollinaris, epistulae 3,13,10 Christliche Schriftsteller der frühen Kirche greifen diesen bei Vergil und Horaz angelegten Aspekt auf, so HieronymusHieronymus, adversus Ioviniaum 2,21 und Augustinus.Augustinus, de ordine 2,15,43; contra academicos 3,5,11; 6,13 Diese Redeweise wird ins Mittelalter weitergeführt, wie Thomas von CantimpréThomas von Cantimpré, Epist. 46, Migne PL 190, 506D und Johannes von SalisburyJohannes von Salisbury, Polycraticus 7,9 belegen.
Eine neutralere Sicht der Verwandlungsfähigkeit des Proteus findet man bei Claudian. In dessen Kleinepos De raptu Proserpinae (Raub der Proserpina) wird Proteus von Jupiter befohlen, zu einer himmlischen Götterversammlung zu erscheinen, verbunden mit der Erwartung, dass er seine Gestalt beibehalten werde.Claudius Claudianus, De raptu Proserpinae 3,13
Die fortschreitende christliche Mythenallegorese bot aber auch Möglichkeiten ausdrücklich positiver Bezugnahme auf die Proteusfigur. So deutete Theodulf von Orléans, einer der Berater Karls des Großen, in seinem Gedicht Carm. 45 in MGH, Poet. lat. aevi Carolini 1, 543f. Herkules z. B. als Bild der Tugend, Proteus wegen seiner Sehergabe sogar als Bild des Wahren (v.23f.: ).
In den Carmina Burana überwiegen ganz die Negativkonnotationen der Proteusfigur. Als Antitypus zu Christus figuriert Proteus in dem anonymen, in der 2. Hälfte des 12. Jh. verfassten CB 15,5,1: „Leichtsinn ist wandelbar wie der unsympathische Proteus der paganen Mythologie; der Beständige ähnelt Christus, der von sich sagt: ‚Ich bin das A und das O‘“.Benedikt Konrad Vollmann [Komm. z. St.]. In: Ders. (Hrsg.): Carmina Burana. Texte und Übersetzungen. Frankfurt a. M. 1987, S. 940. Das CB 130,6,11 (= 131a,3,11), das um 1198 vermutlich von Philipp dem Kanzler verfasst worden ist, schreibt Proteus tausendfachen Gestaltwechsel zu (). Das Reich des Proteus (), das sind der Egoismus und die verlogene, unzuverlässige Freundlichkeit an einem weltlichen Hof, so prangert das um 1200 im angelsächsischen Bereich zu lokalisierende CB 187,1,11 an. Die vor 1200 entstandene, sicher von Philipp dem Kanzler verfasste Kritik der römischen Kurie setzt die Kurialen mit „Proteusfiguren im Halten von Versprechen“ () gleich (CB 189,3b,9).
Rezeption in Renaissance und Neuzeit