Racibórz [] (deutsch: Ratibor, schlesisch Rattebor, ) ist eine Stadt in der Woiwodschaft Schlesien in Polen. Sie ist neben Ostrava (Ostrau) Hauptort der Euroregion Silesia. Von 1173 bis 1336 war sie Residenzort des piastischen und von 1337 bis 1521 des přemyslidischen Herzogtums Ratibor.

Geographische Lage mini|Kartenansicht der Stadt Racibórz mini|links|Ratibor und seine Nachbarorte auf einer Landkarte von 1893 Die Stadt liegt in Oberschlesien an der oberen Oder auf 185 m über dem Meeresniveau, etwa 23 Kilometer westlich von Rybnik und rund 60 Kilometer südwestlich von Kattowitz. Im Süden verläuft die Grenze zu Tschechien. Die Grenzübergänge Pietraszyn, Krzanowice und Owsiszcze (Owschütz) liegen jeweils rund sieben bzw. 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Das Gebiet von Ratibor ist der südöstlichste Teil des Schlesischen Tieflands. Im Westen liegt das Oppagebirge, im Norden das Oberschlesische Hochland und im Süden die Mährische Pforte. Auch wenn sich die historische Altstadt links der Oder befindet, erstreckt sich das Stadtgebiet über beide Oderufer.

Auf dem Gebiet der Stadt besteht seit 1957 das Naturschutzgebiet Łężczok. Es erstreckt sich auf einer Fläche von etwa 400 Hektar und beherbergt seltene Pflanzen- und Tierarten.

Klima Racibórz hat ein feucht-mildes Kontinentalklima mit gemäßigten Wintern und warmen Sommern bei einer Jahresdurchschnittstemperatur von 9,2 °C. Die Jahresniederschlagssumme beträgt 605 Millimeter. Alle zwölf Monate sind humid. Die Klimaklassifikation nach Köppen und Geiger lautet Dfb.

Die Veränderung des Klimas ist, wie auch sonst in Mitteleuropa, durch eine gleichmäßig über den Jahresverlauf verteilte Erhöhung der Mitteltemperaturen ablesbar, was ein Vergleich mit den langjährigen Messreihen zeigt: + Monatliche sowie jährliche Mitteltemperaturen der Jahre 1848–1977 Monate Jahre 1848–1871 1881–1939 1955 1956 1958 1959 1960 1977 Januar −2,8 −2,1 −2,0 0,0 −2,5 −0,3 −1,8 −0,1 Februar −1,2 −1,0 −1,7 −12,2 −1,8 −2,0 −1,8 1,9 März 2,2 3,0 0,4 1,6 −1,7 −5,6 3,5 7,1 April 7,8 7,7 5,5 6,5 5,3 9,5 6,9 6,9 Mai 12,9 13,3 11,9 12,5 16,1 13,2 13,2 12,9 Juni 17,3 16,1 15,5 15,8 15,8 16,0 16,9 17,4 Juli 18,3 18,0 18,1 17,8 18,8 19,7 16,4 17,0 August 17,7 16,8 17,2 15,9 17,4 17,5 13,3 16,5 September 13,8 13,3 13,2 13,4 13,4 12,0 12,7 11,8 Oktober 9,0 8,4 8,6 8,2 9,7 7,5 10,2 10,3 November 2,4 3,1 3,9 −0,4 4,0 3,8 5,7 5,7 Dezember −2,0 −0,2 1,8 0,5 2,1 4,9 2,6 −0,7 JährlicheMitteltemperatur 8,0 8,0 7,7 6,6 8,0 8,8 8,4 8,9

Stadtgebiet Die Stadt Racibórz gliedert sich in folgende Stadtteile: Zentrum Nowe Zagrody (Neugarten) Ocice (Ottitz) Stara Wieś (Altendorf) Miedonia (Niedane; 1936–1945: Oderfurt) Ostróg (Ostrog) Markowice (Markowitz; 1936–1945: Markdorf) Płonia (Plania) Brzezie (Hohenbirken) Sudół (Sudoll; 1936–1945: Trachkirch) Studzienna (Studen)

Eingemeindungen 1860: Eingliederung der Landgemeinde Neugarten 1900: Eingliederung von Bosatz 1902: Eingliederung von AltendorfEingemeindung von Altendorf 1909: Eingliederung der Landgemeinde Ober-Ottitz. 1910: Eingliederung der Landgemeinde Plania und des gleichnamigen Gutsbezirks.territorial.de 1927: Eingliederung der Landgemeinden Janowitz (teilweise), Hohenbirken (teilweise), Niedane (teilweise), Ostrog, Studen und Wilhelmstal (teilweise) sowie der Gutsbezirke Altendorf, Czerwentzütz (teilweise), Hohenbirken (teilweise), Niedane (teilweise), Ottitz, Proschowitz, Ratibor, Schloss und Studen. 1975 wurden die Nachbargemeinden Brzezie, Markowice, Miedonia sowie Sudół eingemeindet.

Wappen

Blasonierung: Gespalten, vorne in rot ein silberner halber Adler, hinten in rot ein halbes silbernes Rad.

Bis 2013 wurde von den polnischen Behörden ein abweichendes Wappen geführt.raciborz.pl:

Das älteste erhaltene Siegel Ratibors stammt aus dem Jahre 1296 und zeigt bereits diese Darstellung. In Siebmachers Wappenbüchlein von 1605 wird das Wappen erstmals in Farbe dargestellt. Schon damals war die Farbgebung rot-weiß. Auch wenn Ratibor bis 1202 zu Polen gehörte, ist die Bedeutung der Farbgebung des Adlers bzw. der Ähnlichkeit zum polnischen Wappen nicht eindeutig geklärt, da die meisten oberschlesischen Städte den gelben Adler der oberschlesischen Piasten in ihrem Wappen haben. Das Rad im Wappen steht wohl für den deutschen Namen der Stadt Ratibor.Otto Hupp: Die Wappen und Siegel der Deutschen Städte. 1898

Geschichte mini|Die Ratiborer Burg, Stich von Friedrich Bernhard Werner (um 1735) mini|hochkant|Der Stockhausturm mit Resten der mittelalterlichen Stadtbefestigung mini|Fürstenthum Ratibor um 1790 mini|Die Westseite des Rings mit dem Torbogen

Stadtgründung und frühes Mittelalter Ratibor, das an einer uralten Furt über die Oder entstand, gehört zu den ältesten Städten Oberschlesiens. Die rechts der Oder gelegene Wallburg mit der Siedlung Ostrog sollte den Flussübergang schützen, der an einer Handelsstraße von der Mährischen Pforte nach Krakau führte. Die Burg wurde erstmals 1108 von dem Benediktinermönch Gallus Anonymus erwähnt, der über kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem polnischen Herzog Bolesław III. Schiefmund und den Mährern berichtete. Die wiederholt aufflammenden Kriege wurden erst mit dem 1137 abgeschlossenen Pfingstfrieden von Glatz beendet, der eine dauerhafte Grenzziehung festlegte. Da Ratibor links der Zinna lag, fiel es an Polen und nach dessen Teilung 1138 an das Herzogtum Schlesien. 1155 diente die Burg als Mittelpunkt einer Kastellanei. Nach der ersten Teilung des Herzogtums Schlesien spaltete sich 1173 das neu gegründete Herzogtum Ratibor ab, das 1202 um das Oppelner Land vergrößert wurde, das erst 1281 ein selbständiges Herzogtum wurde. Da 1202 das für Polen geltende Senioratsprinzip aufgegeben wurde, erlosch die staatsrechtliche Verbindung der schlesischen Gebiete zu Polen, wodurch die bis dahin eigenständigen schlesischen Herzogtümer auch die politische Unabhängigkeit erlangten.

Bereits Anfang des 13. Jahrhunderts entstand unter Herzog Mieszko I., der auf der Burg residierte, neben der Burgsiedlung eine weitere Ufersiedlung, die 1217 über das Markt- und Schankrecht verfügte. Bereits damals wurden als Ansiedler „hospites“ (Gäste) erwähnt, womit deutsche und flämische Kaufleute gemeint waren. Während der Herrschaft des Herzogs Kasimir I. (1211–1230) wurde im Anschluss an die links der Oder bestehende Ufersiedlung die vermutlich schon von seinem Sohn Mieszko I. geplante Stadt Ratibor mit Siedlern aus dem Westen gegründet und mit Flämischem Recht ausgestattet. Für das Jahr 1235 ist ein Stadtvogt „Colin“ belegt. In der Schlacht bei Ratibor 1241 sollen sich Stadt und Burg erfolgreich gegen die Mongolen verteidigt haben. 1246 stiftete Herzog Miezko II. das Dominikanerkloster mit der St.-Jakobi-Kirche. 1255 und 1273 wurde die Stadt bei feindlichen Überfällen beschädigt. Beim Wiederaufbau wurde sie gleichzeitig nach Süden erweitert. 1275 ist ein erster Jahrmarkt belegt.

In einem jahrelangen Streit des Breslauer Herzogs Heinrich IV. mit dem Breslauer Bischof Thomas II. gewährte Herzog Primislaus von Ratibor im Jahre 1285 dem Bischof Schutz auf seiner Ratiborer Burg. Bei dem Streit ging es um die Immunitätsrechte sowie um die Zehntzahlungen der deutschsprachigen Dörfer im Neisser Bistumsland. Zum Dank für die gewährte Hilfe gründete Bischof Thomas bei der damals erneuerten Burgkapelle ein dem hl. Thomas von Canterbury gewidmetes Kollegiatstift.

1286 wurde Ratibor Oberhof für die nach flämischem Recht bewidmeten Ortschaften des Herzogtums Ratibor. Die links der Oder gelegene Neustadt wurde 1294 mit Ratibor verbunden, das 1299 Magdeburger Recht erhielt. Vor dem Jahr 1300 verfasste der Mönch Peregrinus im Ratiborer Dominikanerkloster seine Predigtsammlung „Sermones de tempore et de sanctis“, die weite Verbreitung fand. Zwischen 1299 und 1306 wurde das von Herzog Primislaus gestiftete „Jungfrauenstift“ gegründet. Es wurde mit Dominikanerinnen besiedelt, deren erste Äbtissin die Herzogstochter Euphemia († 1359) war.

Unter böhmischer Krone Nachdem 1327 Herzog Lestko dem böhmischen König Johann von Luxemburg gehuldigt hatte, wurden Stadt und Herzogtum Ratibor als ein Lehen der Krone Böhmen unterstellt. Die böhmische Lehenshoheit wurde 1335 mit dem Vertrag von Trentschin bestätigt. Bereits ein Jahr später, nach dem Tod des Herzogs Lestko, mit dem der Ratiborer Zweig der Schlesischen Piasten 1336 erlosch, trat der Heimfall an die Krone Böhmen ein. 1337 übergab der böhmische König Johann von Luxemburg beides, wiederum als ein Lehen, an den Troppauer Herzog Nikolaus II. Er war mit einer Schwester Lestkos verheiratet und entstammte dem Troppauer Zweig der Přemysliden, die der Stadt eine größere Unabhängigkeit gewährten. 1416 wurde das Kollegiatstift von der Burgkapelle an die Liebfrauen-Pfarrkirche übertragen.

Wirtschaft im Mittelalter Neben der Bedeutung als Handelsplatz waren im Mittelalter in Ratibor die Tuchmacherei, die Gerberei, das Brauwesen und der Getreidehandel wirtschaftlich herausragend. Bereits 1332 verfügte Ratibor über eine Salzniederlage, also ein Gebäude in dem Salzvorräte aufbewahrt werden.

Frühe Neuzeit und Dreißigjähriger Krieg Nach dem Tod des Herzogs Valentin, mit dem der Troppauer Zweig der Přemysliden erlosch, fielen Stadt und Herzogtum Ratibor durch einen 1512 abgeschlossenen Erbvertrag an den Oppelner Herzog Johann II. Nach dessen Tod 1532 fiel sein Besitz als erledigtes Lehen an die Krone Böhmen, die seit 1526 die Habsburger innehatten. Von 1532 bis 1551 war Ratibor zusammen mit dem nun böhmischen Erbfürstentum Oppeln an die Markgrafen von Ansbach verpfändet. Von 1645 bis 1666 war es zusammen mit dem Erbfürstentum Oppeln als Ersatz für unbezahlte Mitgift mehrerer nach Polen verheirateter österreichischer Prinzessinnen an das polnische Königshaus der Wasa verpfändet.Ludwig Petry, Josef Joachim Menzel (Hrsg.): Geschichte Schlesiens. Band 2: Die Habsburger Zeit, 1526–1740. 3., unveränderte Auflage. Thorbecke, Stuttgart 2000, ISBN 3-7995-6342-3, S. 64. Anschließend wurde die aus dem Kammergut hervorgegangene Herrschaft Ratibor an häufig wechselnde Besitzer vergeben. Zu einem wirtschaftlichen Niedergang Ratibors kam es durch den Dreißigjährigen Krieg und mehrere Stadtbrände.

Preußische Zeit mini|Das Ratiborer Gymnasium auf einer Abbildung von 1850 mini|Gründerzeitliche Wohnhäuser aus der Jahrhundertwende an der heutigen ul. Wileńska Im 18. Jahrhundert gehörte Ratibor zur steuerrätlichen Inspektion in Neustadt O.S. Nach dem Ersten Schlesischen Krieg fiel Ratibor 1742 mit dem größten Teil Schlesiens an Preußen. Nach der Neugliederung Preußens gehörte Ratibor seit 1815 zur Provinz Schlesien und war ab 1816 Sitz des Landkreises Ratibor, der im selben Jahr vom Regierungsbezirk Breslau zum neugebildeten Regierungsbezirk Oppeln umgegliedert wurde. Bereits 1812 wurde Ratibor mit der gleichnamigen Herrschaft, die um einige säkularisierte Kirchengüter vergrößert worden war, vom Kurprinzen von Hessen-Kassel erworben. 1820 erhielt es Viktor Amadeus von Hessen-Rothenburg, dem 1834 sein Neffe Viktor von Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst folgte. Als dieser 1840 volljährig wurde und sein Erbe antrat, wurde ihm vom preußischen König der erbliche Titel „Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey“ verliehen. Nach seinem Ableben 1893 wurde er von seinem gleichnamigen Sohn Viktor II. beerbt. Bereits 1821 hatte König Friedrich Wilhelm III. die Herrschaft Ratibor zum Mediatfürstentum erhoben. Nachteilig für die Stadt Ratibor wirkte sich aus, dass die neuen Herzöge nicht auf dem Schloss Ratibor residierten. Sie verlegten ihre Hofhaltung in das 1810 säkularisierte Kloster Rauden.

Wirtschaftlicher Aufschwung