Der Antoninuswall (von lateinisch Vallum Antonini „Wall des Antoninus“) war Bestandteil des britannischen Limes. Er war die zweite große Wallanlage, die von den Römern im Norden Britanniens errichtet wurde. Die Holz-Erde-Befestigung ist weniger bekannt als der weiter südlich gelegene, vollständig in Stein ausgeführte Hadrianswall. Kurz vor Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. gab Kaiser Antoninus Pius (138–161) diesen auf und begann weiter nördlich mit der Errichtung eines neuen, provisorischen Walls, der an der schmalsten Stelle der britischen Insel verlief. So gelang es ihm, die Provinz um etwa 160 Kilometer nach Norden auszuweiten. Der Schutz, den er wohl vor Überfällen der Kaledonier bieten sollte, war jedoch nur von kurzer Dauer: Er wurde schon nach wenigen Jahrzehnten aufgegeben, der Hadrianswall wurde wieder bemannt und bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts zur Grenzüberwachung genutzt. Der Antoninuswall wurde im frühen 3. Jahrhundert nur noch einmal – vorübergehend – mit römischen Truppen besetzt.
Lage mini|Lage des Antoninuswalls und des Hadrianswalls
Der Antoninuswall stand an einer topographisch viel günstigeren Position als sein Pendant im Süden. Das Sperrwerk wurde an der geographisch schmalsten Stelle (Central Belt) Schottlands, an Clota (Firth of Clyde) und Bodotria (Firth of Forth), quer durch die Central Lowlands errichtet. Es befand sich damit etwa 150 km nördlich des Hadrianswalls. Diese strategisch günstige Lage wurde bereits von Gnaeus Iulius Agricola erkannt und dient heute noch als Straßentrasse. Seine Länge von rund 60 km (das entspricht ein wenig mehr als der Hälfte des Hadrianswalls) erstreckte sich vom im Westen gelegenen Kastell Old Kilpatrick, in Dunbartonshire, am nördlichen Ufer des Clyde bis zum östlichsten Kastell Carriden bei Bridgeness am Firth of Forth. Von den südlichen Anhöhen des Forth-, Carron- und Kelvintales beherrscht er das Umland und bietet einen hervorragenden Ausblick Richtung Norden. Der genaue Verlauf zwischen Bridgeness und Carriden ist noch ungewiss, dennoch stammen von hier die am sorgfältigsten ausgearbeiteten Bauinschriften. Am Südufer des Carron zieht sich der Wall über die Basaltkuppen von Croy- und Bar Hill zu den Kilsyth Hills bis zu den Campsie Fells. Bei den Kastellen Inveravon und Balmuildy quert er die Flüsse Avon und Kelvin. Auch im Westabschnitt wurde der Wall bevorzugt auf Anhöhen errichtet (Kilpatrick Hills).Margot Klee: Grenzen des Imperiums. Leben am römischen Limes. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-2015-8, S. 26.Thomas Fischer: Die Armee der Caesaren. Archäologie und Geschichte. Mit Beiträgen von Ronald Bockius, Dietrich Boschung und Thomas Schmidts. Pustet, Regensburg 2012, ISBN 978-3-7917-2413-3; 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2014, ISBN 978-3-7917-2413-3, S. 302.
Funktion mini|Porträt des Antoninus Pius
Nach gegenwärtigem Forschungsstand dienten die römischen Limites der Kaiserzeit primär der Regulierung und Überwachung des täglichen Grenzverkehrs sowie der Erhebung von Zöllen.Egon Schallmayer: Der Limes. Geschichte einer Grenze. München 2006, S. 11–16. Dies galt grundsätzlich auch für die Anlagen in Britannien. Vorübergehend sollte das von Antoninus veranlasste Bauwerk wohl die Funktionen des Hadrianswalls übernehmen. Damit rückte man auch wesentlich näher an die Siedlungsgebiete der Highland-Stämme heran, die die Provinz wohl durch Raubzüge bedrohten.Günther Moosbauer: Die vergessene Römerschlacht. Der sensationelle Fund am Harzhorn. C. H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-72489-3, S. 10. Das fast vollständige Fehlen von Annäherungshindernissen wie Palisaden oder Ähnlichem wirft jedoch ein besonderes Licht auf den tatsächlichen Zweck dieses Bauwerks und letztendlich auf die Gesamtkonzeption der Eroberungspolitik eines Herrschers, der Italien während seiner gesamten Regierungszeit nie verlassen hat. Die genauen Beweggründe des Kaisers für die Errichtung des Walls sind unklar; aber offenbar sah er schon kurz nach seinem Herrschaftsantritt die Notwendigkeit, wieder einen größeren Landstrich in das Imperium zu integrieren. Eventuell sollten damit aufkommende Zweifel an seiner militärischen Kompetenz zerstreut werden. So konnte sich Antoninus Pius, ganz in der Tradition seiner militärisch erfolgreichen Vorgänger, im Jahr 142 als Imperator akklamieren lassen.Inscriptiones Latinae selectae 340. Ob er deswegen in Rom auch einen Triumphzug abhielt, ist umstritten, da die Quellen nichts dergleichen erwähnen.Vgl. Dietmar Kienast: Römische Kaisertabelle. Darmstadt 1996, S. 134.
Entwicklung mini|Kastell- und Wachturmkette der Gask Ridge und des Antoninuswalls mini|Westende des Walls, Blick über Auchendavy, Shirva, Twechar bis zum Firth of Forth
Rund 30 Jahre nach der Invasion Britanniens 43 n. Chr. waren die Römer unter Agricola in Schottland einmarschiert; innerhalb von sieben Jahren hatte er einen Großteil des Landes unter seine Kontrolle gebracht. Entlang der späteren Linie des Antoninuswalls entstanden schon damals einige Kastelle, andere entlang des Gask Ridge Limes in Perthshire. Ab Mitte der 80er Jahre n. Chr. wurden die römischen Truppen von dort wieder abgezogen, da sie an anderer Stelle im Reich dringender benötigt wurden. Um 122 n. Chr. legte Kaiser Hadrian mit dem Bau des Hadrianswalls dann die Nordgrenze an der Tyne-Solway-Landenge fest. Nach Hadrians Tod stieg Antoninus Pius (138–161 n. Chr.) zum römischen Imperator auf. Antoninus entschloss sich aus strategischen Gründen, taktischer Bequemlichkeit, militärischer Ruhmsucht oder wirtschaftlichen Interessen wieder einen Teil jener Gebiete in Schottland zu besetzen, die im 1. Jahrhundert n. Chr. unter Agricola die nördliche Reichsgrenze gebildet hatten. In den Jahren 139–141 war es angeblich zu Auseinandersetzungen mit den dort ansässigen Stämmen gekommen. Möglicherweise sollten ihre Territorien nun offiziell ins Reich eingegliedert werden, da die Romanisierung auch bei ihnen zunehmend Wirkung zeigte. In dieser Zeit kam es deswegen in den Lowlands aber auch zu schweren Unruhen, da die traditionellen Hillforts auf Druck der Römer geräumt wurden und die Bevölkerung ihre Wohnsitze in die Ebene verlegen musste, wo sie leichter zu kontrollieren war. Bei solchen Aufständen war es für die Armee weitaus schwieriger, vom weit entfernten Hadrianswall aus rasch zu intervenieren.
Der Gewinn für Rom war allerdings (im Vergleich mit dem dafür betriebenen Aufwand) nur gering, auch wenn die Wiederbesetzung das landwirtschaftlich ertragreichere Gebiet der Votadinii wieder unter die Herrschaft Roms brachte. Dass es dabei zu größeren Kampfhandlungen kam, ist unwahrscheinlich, da die Römer das Gebiet bereits vorher weitgehend unter ihre Herrschaft gebracht hatten. Da die Armee, anstatt ganz Caledonia (Kaledonien) zu besetzen, nur bis an die Forth-Clyde-Linie vorrückte und der Wall nicht von Anfang an in Stein hochgezogen wurde, lässt sich annehmen, dass keine dauerhafte Besetzung dieser Region geplant war. Der Wall stellt dennoch eine beeindruckende Leistung dar, da seine Kernstrukturen innerhalb von zwei Jahren fertiggestellt wurden.Margot Klee: Grenzen des Imperiums. Leben am römischen Limes. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-2015-8, S. 24 f.
Der Anmarsch der Armee erfolgte über mehrere schon seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. bestehende Straßen in den Central Lowlands. Sie wurden ebenfalls durch Kastellketten gesichert. Für den Feldzug mussten auch die Garnisonen aus den Pennineskastellen herangezogen werden. Dennoch wurde dieses Bergland nicht gänzlich entmilitarisiert. Der Hadrianswall wurde, mit Ausnahme einiger Schlüsselpositionen, aufgegeben und die Wallgräben mit Erddämmen passierbar gemacht. In den Wallkastellen blieben nur kleine Restbesatzungen zurück oder es wurden dort als Ersatz Legionäre stationiert. Die Vorpostenkastelle wie Birrens und High Rochester blieben weiterhin besetzt oder wurden – wie das Kastell Risingham an der Dere Street zwischen 205 und 208 – neu gegründet. Im Zuge der Errichtung des Walls wurden auch einige Kastelle aus der Zeit des Agricola, wie z. B. Glenlochar und Raeburnfoot wieder besetzt oder neue Kleinkastelle errichtet.
Der Bau des Walls dauerte von 142 bis 144 n. Chr., nachdem in den ersten Jahren der Herrschaft des Antoninus Pius der Statthalter Quintus Lollius Urbicus das Gebiet nördlich des Hadrianswalls besetzt hatte.Historia Augusta, Antoninus Pius 5: nam et Britannos per Lollium Urbicum vicit legatum alio muro caespiticio summotis barbaris ducto. Die Fertigstellung der gesamten Infrastruktur der Grenzanlage nahm vermutlich noch weitere zwölf Jahre in Anspruch. Jenseits des Walls standen weitere Vorposten an den Aufmarschstraßen ins nördliche Kaledonien, in etwa bis Perth im Nordosten. Am Nordufer des Clyde führte eine Straße von Old Kilpatrick zu einem Hafen bei Dumbarton. Er lag schon weit außerhalb des von den Römern okkupierten Gebietes, dies zeigt, dass die Armee auch das Land vor dem Wall unter Kontrolle hatte. Am Tay wurden Vorposten errichtet, die die Five-Halbinsel sichern sollten und als Frühwarnsystem dienten. Von Watling Lodge ausgehend führte eine Straße zu den alten Gask-Ridge-Kastellen Bertha, Strageath und Ardoch, die ebenfalls wieder mit römischen Garnisonen belegt wurden.Margot Klee: Grenzen des Imperiums. Leben am römischen Limes. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-2015-8, S. 24–29.
Trotz der von den Römern zusätzlich auch in den Lowlands entlang der Hauptverbindungsstraßen zahlreich errichteten temporären Lager konnten sie die dort ansässigen Pikten- und Kelten-Stämme aber nie auf Dauer unterwerfen. Schon um 155 scheint der Wall kurzfristig aufgegeben worden zu sein. Kurz darauf wurde er aber wieder besetzt. Bereits gegen 160, noch vor dem Tod des Antoninus, wurde ein Großteil der römischen Truppen wieder an den Hadrianswall zurückverlegt. Um 182, nach nur 40 Jahren Besetzung, zog man die letzten Garnisonen vom Wall ab. Hauptgrund hierfür dürfte aber nicht der Druck der kaledonischen Stämme, sondern der massive Einfall von Barbarenvölkern an der Donaugrenze gewesen sein. Danach gelangten römische Soldaten erst im Jahre 208 – unter Kaiser Septimius Severus – wieder in diese Region; möglicherweise wurden dabei auch der Antoninuswall und seine Kastelle im Zuge dieses Feldzuges vorübergehend wieder bemannt. Darauf könnte zumindest die Erwähnung einer „Mauer des Severus“ bei späteren Historikern zurückzuführen sein, mit der wohl in Wirklichkeit der Antoninuswall gemeint war.
Der Wall wurde noch in der Spätantike bei den Chronisten Eutropius und Orosius erwähnt, im frühen Mittelalter bei Beda Venerabilis. Im Mittelalter wurden die Reste des Walls und seines Grabens als „Graham’s Dyke“ oder auch „Grim’s Dyke“ bezeichnet. Der größte Teil des Antoninuswalls wurde im Laufe der Zeit entweder zerstört oder durch natürliche Erosion abgetragen, doch einzelne Abschnitte sind bei Bearsden, Kirkintilloch, Twechar, Croy, Falkirk und Polmont nördlich von Glasgow noch gut im Gelände zu erkennen.
Bestandteile der Wallanlage Wall mini|Der Antoninuswall beim Bar Hill zwischen Twechar und Croy, von Westen her gesehen mini|Freigelegtes Steinfundament des Walls bei Bearsden