mini|hochkant=1.5|Historische Darstellung von 1825Stich von Thomas Sutherland Das Kapitol der Vereinigten Staaten () ist der Sitz des US-Kongresses, der Legislative (Parlament zur Gesetzgebung) der Vereinigten Staaten von Amerika, in Washington, D.C. In ihm finden Sitzungen des Senats (Senate) und des Repräsentantenhauses (House of Representatives) statt. Neben den Sitzungsräumen der beiden Parlamentskammern beherbergt das klassizistische Bauwerk zahlreiche Kunstwerke zur Geschichte der USA. Es ist mit drei bis fünf Millionen Besuchern im Jahr eines der populärsten Tourismusziele des Landes.
Das von 1793 bis 1823 erbaute und von 1851 bis 1863 umfassend erweiterte Gebäude besteht aus einer Rotunde mit einer Kuppel, an die die beiden Parlamentsflügel anschließen. Das Kapitol ist 229 Meter lang, bis zu 107 Meter breit und an seiner höchsten Stelle 88 Meter hoch. Es war nach dem Weißen Haus das erste größere Bauwerk in Washington, D.C., um das die Stadt herum entstand. Direkt um das Kapitol liegt der Kapitolkomplex, zu dem unter anderem die Library of Congress und die Gebäude des Supreme Courts gehören.
Bauaufsicht und Verwaltung des Kapitols sowie des Kapitolkomplexes obliegen dem Architekten des Kapitols. Prägende Architekten in der Baugeschichte waren William Thornton, von dem die ursprüngliche Planung stammt, Henry Latrobe, der das Kapitol in seiner ersten Version fertigstellte, und Thomas Ustick Walter, von dem die heutige Form der Kuppel und die Erweiterungsbauten der Seitenflügel stammen.
Das Kapitol wurde 1986 von der American Society of Civil Engineers in die List of Historic Civil Engineering Landmarks aufgenommen und hat seit 1960 den Status einer National Historic Landmark.
Die Bezeichnung Kapitol bezieht sich auf den Tempel des Jupiter Optimus Maximus auf dem Kapitolshügel in Rom. In der Zeit des Klassizismus wurde dessen Name auf andere Gebäude übertragen, unter anderem auch auf den Sitz des amerikanischen Parlaments. Er soll damit die republikanische Tradition betonen, in der sich die USA sehen.
Lage mini|Luftaufnahme des Kapitolkomplexes und der National Mall von Nordost
Das Kapitol befindet sich in Washington, D.C. auf einem Plateau, das etwa 30 Meter über den nahegelegenen Potomac River ragt. Da es das erste große Gebäude nach dem Weißen Haus war, das in der Planhauptstadt Washington gebaut wurde, entstand der Rest der Stadt um es herum. Der Architekt Washingtons, Pierre Charles L’Enfant, hatte bei der Gestaltung der Stadt zwei wesentliche Inspirationsquellen: den Palast in Versailles als Gartenanlage – und eine Skizze des Karlsruher Fächers, die Thomas Jefferson von seiner Deutschlandreise im Jahre 1788 mitgebracht hatte. Daher verlaufen die Straßen vom Kapitol aus fächerförmig und um das Gebäude herum im Schachbrettmuster mit diagonalen Querstraßen. Noch heute liegen mehrere Grasflächen, Parks und öffentliche Plätze im direkten Umfeld des Kapitols.
Es liegt am östlichen Ende der National Mall inmitten des Kapitolkomplexes auf der Spitze des Capitol Hill in Washington, D.C. Von der Westseite des Kapitols besteht eine Sichtverbindung zum Washington Monument in der Mitte der National Mall sowie zum Lincoln Memorial am Westende der Mall. Ursprünglich bestand vom Kapitol auch eine Sichtverbindung zum nordwestlich gelegenen Weißen Haus. Diese ließ der tief mit dem Kongress zerstrittene Präsident Andrew Jackson jedoch durch ein Gebäude des Finanzministeriums zubauen.
Andere Gebäude des Capitol Complex sind beispielsweise die Library of Congress, die Gebäude des Supreme Courts, die Bürogebäude des Kongresses und das Elektrizitätswerk, das den ganzen Komplex versorgt. Mit zum Areal gehören der Botanische Garten des Kongresses sowie diverse Kunstwerke und Statuen. Wichtige Straßen, die am Kapitol vorbeilaufen, sind die First Street, die Constitution Avenue und die Independence Avenue.
Da das Kapitol als Mittelpunkt von Washington, D.C. geplant war, tragen alle Adressen in der Stadt die Kennzeichnung NE (North East), NW (North West), SE (South East) oder SW (South West), je nachdem, wo sie sich im Verhältnis zur Rotunde des Gebäudes befinden. In der Rotunde selbst kennzeichnet ein Stein im Boden den Punkt, an dem sich die vier Bezirke treffen. Da das Kapitol aber nicht genau in der Mitte Washingtons liegt, bedeutet das, dass die West-Bezirke ein Stück größer sind als die Ost-Bezirke.
Ein Netz von Tunneln und ein eigenes U-Bahn-System, die Congressional Subway, verbinden das Kapitol mit den Bürogebäuden der beiden Parlamentskammern.
Baugeschichte mini|Generalplan von L’Enfant, 1792 Das Kapitol hat eine wechselhafte und anfangs von Fehlkonstruktionen geprägte Baugeschichte, die bis heute andauert. Nach dem Beschluss, eine Planhauptstadt auf der Grundlage eines von Pierre L’Enfant konzipierten städtebaulichen Generalplans zu errichten, begannen die Bauarbeiten am Kapitol 1793. In L’Enfants Stadtgrundriss waren dem Weißen Haus als Residenz des Präsidenten und dem Kapitol als Sitz der Volksvertretung und der Vertretung der Bundesstaaten hervorgehobene Positionen zugedacht. Als Blickpunkte von stern- bzw. fächerförmig angeordneten Hauptstraßen und weiträumigen Grünzügen sollten sie im Stadtbild eine besondere Präsenz entfalten. Im Jahr 1800 war der Nordflügel des Kapitols fertig; bevor das gesamte Gebäude jedoch errichtet war, zerstörten britische Truppen es im Krieg von 1812 weitgehend. Bis zu seiner ersten Fertigstellung 1826 bestimmten sechs Architekten unter sechs US-Präsidenten über die Gestalt des Gebäudes. Mehrere An- und Umbauten veränderten die Gestalt bis 1863 maßgeblich; unter anderem schufen sie die charakteristische heutige Form der Kuppel. Das 20. Jahrhundert sah vor allem die Ausweitung des Kapitols auf den Kapitolkomplex: Abgeordnetenbüros, die Library of Congress und der Supreme Court zogen aus dem Kapitol aus und in angrenzende neue Gebäude. Im Kapitol selbst rückte die Ostfront einige Meter nach vorne. Außerdem gibt es ein Besucherzentrum, das unterirdisch des Kapitols liegt.
Vorgeschichte: 1791–1793 mini|Ausschreibung des Wettbewerbs zum Kapitolbau in Dunlap’s American Daily Advertiser (Philadelphia) 24. März 1792
Der Kontinentalkongress, der Vorläufer des US-Kongresses, tagte in Philadelphia, Baltimore, Lancaster, York, Princeton, Annapolis (Maryland State House) und Trenton. Der Kongress der Vereinigten Staaten tagte nach seiner Gründung 1789 in der Federal Hall in New York City. Artikel 1 der amerikanischen Verfassung sah damals schon eine Planhauptstadt als neue Hauptstadt der USA vor. Diese musste aber erst noch gebaut werden. Maryland und Virginia traten den USA 100 Quadratmeilen Land ab, auf denen sie die Hauptstadt errichten konnten. Mit dem „Residence Act“ von 1791 beschloss der Kongress den späteren Umzug. Während der Bauphase zog der Kongress von 1790 bis 1800 in die Congress Hall in der provisorischen Hauptstadt Philadelphia um. Das Kapitol sollte Mittelpunkt der neuen Hauptstadt werden. Gebaut wurde das Kapitol auf dem Jenkin’s Hill, dem späteren Capitol Hill.
Thomas Jefferson plante anfänglich selbst einen Entwurf für das Kapitol. Da dies jedoch nicht mit dem Ministeramt, welches er innehatte, vereinbar war, setzte der Kongress einen Ausschuss für den District of Columbia ein, der die Gestaltung Washingtons und den Bau des Kapitols planen sollte. Dieser dreiköpfige Ausschuss vergab den Auftrag an Pierre L’Enfant, der schon den Ausbau der Federal Hall geplant hatte. Da L’Enfant sich jedoch weigerte, Zeichnungen anzufertigen, darauf bestand, er habe den Entwurf im Kopf, und sich ebenfalls weigerte, Weisungen des Ausschusses anzunehmen, trennte sich die Kommission noch vor Baubeginn von L’Enfant.
Im März 1792 schrieb sie auf Initiative Jeffersons einen Wettbewerb aus. Zur Jury gehörten neben Jefferson noch George Washington und der Ausschuss für den District of Columbia. Die im März 1792 veröffentlichte Ausschreibung enthielt zwar Angaben zu Größe und Raumzahl des Gebäudes, jedoch keine stilistischen Vorgaben. Die meisten eingereichten Vorschläge orientierten sich an Renaissancebauten. Jefferson favorisierte allerdings ein stärker an antike Baustile angelehntes Gebäude, das sich ähnlich dem Pantheon in Rom um eine Rotunde konzentrieren sollte. Den Wettbewerb gewann der schottische Arzt William Thornton. Sein Entwurf lehnte sich an den französischen Klassizismus des 18. Jahrhunderts an und sah zwei Flügel vor, zwischen denen sich ein Mitteltrakt mit einer flachen Kuppel befindet. George Washington lobte Thorntons Entwurf für seine „grandeur, simplicity and convenience“ (Erhabenheit, Einfachheit und Komfort).
Baubeginn bis Fertigstellung Nordflügel: 1793–1800 mini|links|200px|Zeichnung des Kapitols um 1800
George Washington legte am 18. September 1793 den Grundstein für das zukünftige Parlament. Wo der Grundstein genau liegt, lässt sich heute nicht mehr zurückverfolgen. Einen Großteil der Bauarbeiten erledigten Sklaven, die „das Bauholz schnitten, die Steine legten und die Backsteine buken“.„who cut the logs, laid the stones and baked the bricks.“ Capitol slave labor studied, Washington Times, 1. Juni 2005 Ursprünglich sollten in Europa angeworbene Arbeiter das Gebäude errichten, jedoch fand das Angebot in Europa wenig Anklang. Die Bauherren griffen deshalb auf Sklaven und freigelassene Afroamerikaner zurück.Did slaves build the White House? whitehousehistory.org
Die ersten beiden Bauleiter waren Stephen H. Hallet und George Hadfield, die sich beide nicht lange im Amt hielten, da sie versuchten, die Gestaltung des Gebäudes ihren Vorstellungen entsprechend zu verändern. Der mittlerweile ebenfalls mit dem Bau des Präsidentenhauses beauftragte James Hoban übernahm die Bauaufsicht für das Kapitol. Im Jahre 1800 stellten die Bauarbeiter den Nordflügel fertig. Im selben Jahr zogen der Kongress und der Supreme Court trotz der noch laufenden Bauarbeiten in das Gebäude um. Der Kongress hielt dort am 17. November 1800 seine erste Sitzung ab.
Schäden im Krieg von 1812 bis erste Fertigstellung: 1800–1829 mini|Das von britischen Truppen im Jahr 1814 zerstörte Gebäude des Kapitols. Mit Wasserfarbe kolorierte Zeichnung von George Munger mini|Ansicht des Kapitols von Westen, Tuschezeichnung von August Koellner, 1839 mini|Kapitol im Jahre 1846
1803 ernannte der amtierende Präsident Thomas Jefferson den Architekten Henry Latrobe zum Leiter der Bauarbeiten an den Regierungsgebäuden im District of Columbia. Materialknappheit und ein Mangel an fachkundigen Arbeitskräften verschleppten und verteuerten die Bauarbeiten. Bereits 1806 litt der Nordflügel unter einem undichten Dach, bröckelndem Putz und schimmelnden Fußböden, sodass Latrobe eine komplette Neugestaltung des Innenraums begann. Der Südflügel wurde schließlich 1811 fertig, anstelle des geplanten eindrucksvollen Mittelteils verband jedoch nur ein überdachter Gang aus Holz die beiden Gebäude. Da der Kongress das Geld für den Weiterbau strich, um den Krieg gegen Großbritannien zu finanzieren, verließ Latrobe 1813 Washington. Am 24. August 1814 steckten britische Truppen das Gebäude im Britisch-Amerikanischen Krieg in Brand. Es brannte bis auf die Außenwände des Nordflügels vollständig nieder und hinterließ in Latrobes Worten „A most magnificent ruin“.„Eine höchst prächtige Ruine.“ Architekt des Kapitols: „A Brief Construction History of the Capitol“ Erst 1815 kehrte Henry Latrobe nach Washington zurück und konnte die Innenräume und den Mitteltrakt im Zuge des Neuaufbaus völlig neu gestalten. Nach seinen Plänen wurden die Innenräume klassizistisch dekoriert, für den Mitteltrakt sah er eine Rotunde sowie eine flache Kuppel vor, die entgegen Thorntons Plänen aus gemauerten Steinen und nicht aus Holz ausgeführt werden sollte.