Die Handauflegung ist eine rituelle Geste, die im Judentum und Christentum als Übertragung von Segen oder Vollmacht verstanden werden kann. Sie hat aber in diesen Traditionen je nach Kontext auch andere Bedeutungen. Erst recht ist die Bedeutung der Handauflegung in anderen Religionen und Kulturen nur aus dem jeweiligen Zusammenhang zu erschließen. Mit diesem Vorbehalt lässt sich die Handauflegung religionsübergreifend als „Geste der Hinwendung“ verstehen: „Sie dient der Übertragung, stellt eine Verbindung her, beglaubigt Zugehörigkeit und vermittelt oder bezeugt Heil(ung), Erlösung, Autorität, Macht oder Erwählung.“

Judentum Hebräische Bibel Das Verb bezeichnet eine Handauflegung in verschiedenen kultischen Vollzügen. Außerhalb des Kultus bedeutet das Verb samakh „stützen“ oder „unterstützen“.Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 891f. Die Geste kann mit einer Hand (als Teil von Opferritualen) oder mit beiden Händen (in verschiedenen anderen Kontexten) ausgeführt werden. Jemand, der im Jerusalemer Tempel ein Opfer darbrachte, legte dem zu schlachtenden Tier zuvor eine Hand auf den Kopf, wie beschreibt:

Diese Geste wird auch als „Aufstemmen der Hände“ bezeichnet,Die Bezeichnung Handaufstemmen statt Handauflegung bringt besser zum Ausdruck, dass diese Geste nach der jüdischen Auslegungstradition mit aller Kraft vollzogen werden soll. Vgl. Corinna Körting: Der Schall des Schofar. Israels Feste im Herbst, Berlin / Boston 1999, S. 179 und Anm. 167. die Septuaginta übersetzt den kultischen Fachbegriff mit ., hier S. 415. Sie bedeutet zunächst, dass der Opferherr das Tier damit als sein Opfer deklariert, die folgenden Handlungen des Priesters an dem Tier in seinem Namen geschehen und ihm zugutekommen sollen. Darüber hinaus wird in der Forschung diskutiert, ob das Opfertier, jedenfalls beim Sündopfer, durch die Handauflegung auch stellvertretend für den Opferherrn steht.

Beim Sündenbockritual am Jom Kippur legt der Hohepriester beide Hände auf den Kopf eine Ziegenbocks, der danach zum Wüstendämon Asasel getrieben wird ().

beschreibt, wie bei der Hinrichtung eines Gotteslästerers vorgegangen werden soll: Alle, die die Lästerung gehört haben, legen die Hände auf seinen Kopf. Dann wird er von der ganzen Gemeinde gesteinigt. Die Geste wird verschieden gedeutet. René Péter meint, dass die Zeugen durch das Hören der Lästerung sozusagen beschmutzt wurden, diese Unreinheit durch Handauflegung wieder auf den Täter übertragen und die Tötung auf eine Weise vollziehen, bei der sie ihn nicht mehr berühren müssen.René Péter: L’imposition des mains dans l’Ancien Testament, 1977, S. 53. Bernd Janowski dagegen sieht in der Handauflegung die symbolische Bekräftigung, Zeuge der Lästerung zu sein, und verweist dazu auf die in der Septuaginta überlieferte Erzählung von Susanna im Bade, bei dem eine unschuldige Frau von zwei Falschzeugen des Ehebruchs bezichtigt wird: „Die beiden Ältesten aber standen auf inmitten des Volkes und legten ihre Hände auf ihren Kopf.“So die jüngere Fassung nach Theodotion; in der Septuaginta-Version heißt es dagegen: „Die Ältesten und Richter aber standen auf und legten ihre Hände auf ihren Kopf.“ Hier zitiert nach: Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 1421.

Im Blick auf die Wirkungsgeschichte ist interessant, dass die Amtsübertragung von Mose auf Josua auch als Handauflegen bzw. Aufstemmen der Hände beschrieben wird. In wird als Gottesrede erläutert, was diese Handauflegung bedeutet: „Nimm dir Josua, den Sohn Nuns, einen Mann, der mit Geist begabt ist, und leg ihm deine Hand auf! … Gib ihm etwas von deiner Würde, damit die ganze Gemeinde der Israeliten auf ihn hört.“ Im Unterschied dazu heißt es in der Schlussszene des Pentateuch, dass Josua nicht schon vorher geistbegabt war, sondern erst durch die Handauflegung „vom Geist der Weisheit erfüllt“ wurde ()., hier S. 415f.

Die Segnung von Ephraim und Manasse durch den Stammvater Jakob wird in als Handauflegung beschrieben, allerdings kommt das Verb in dieser Passage nicht vor: Hermann Gunkel kommentierte: „Der älteste Gedanke dieses Ritus als Segensgestus, daß durch die Hand eine geheime Kraft übergeht, ist hier auch noch ganz deutlich; dabei vermittelt die rechte, gute Hand den besseren, die linke den schlechteren Segen.“Hermann Gunkel: Genesis, übersetzt und erklärt (= Göttinger Handkommentar zum Alten Testament. Band 1). Vandenhoeck & Ruprecht, 5. Auflage Göttingen 1922, S. 472.

Qumran Heilung durch Handauflegung kommt weder in der Hebräischen Bibel noch in der rabbinischen Literatur vor.Joseph Fitzmyer: Some observations on the Genesis Apocryphon. In: The Catholic Biblical Quarterly 22/3 (1960), S. 277–291, hier S. 284: One looks in vain for OT or rabbinical parallels to the various NT places which speak of Christ and the apostles curing by laying on of hands. Da diese Geste aber für Jesus von Nazareth nach Darstellung der Evangelien geradezu charakteristisch war, erregte es große Aufmerksamkeit, dass das Genesis-Apokryphon, welches zu den Schriftrollen vom Toten Meer gehört, erzählt, wie Abraham den Pharao durch Gebet und Handauflegung heilte. Dieser aramäische Text gebraucht für die Heilungsgeste das gleiche Verb wie . David Flusser betont, dass im Judentum in frührömischer Zeit das Handauflegen ein übliches Heilverfahren gewesen sei.David Flusser: Healing through the Laying-on of Hands in a Dead Sea Scroll, 1957, S. 108.

Hellenistisches Judentum Den Ablauf eines Opferrituals im Jerusalemer Tempel beschreibt Flavius Josephus in den Jüdischen Altertümern:Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 9,238 (Übersetzung: Heinrich Clementz). Philon von Alexandria zufolge wäscht der Darbringende erst seine Hände, bevor er sie dem Opfertier aufstemmt; diese reinen Hände deutet er moralisch:Philon von Alexandria: Über die Einzelgesetze 1,202f. (Übersetzung: Leopold Cohn, Digitalisat)

Rabbinische Literatur Scherira Gaon, ein Gelehrter des 10. Jahrhunderts, schrieb, dass Torastudenten nach Abschluss ihrer Ausbildung mit Handauflegung (Semicha) als Rabbiner eingesetzt wurden. Als Information über die Zeit von Mischna und Talmud ist dies aber historisch nicht zutreffend, so Catherine Hezser. Vielmehr gab es in den spätantiken Synagogengemeinden verschiedene Ämter, die fallweise auch Rabbinen übertragen wurden. Dass dies mit einer Handauflegung verbunden war, sei nicht belegt. In der rabbinischen Literatur ist die Semicha einerseits das Erreichen einer höheren Stufe eines Studenten oder eines Richters (Mischna Sanhedrin 4,4), andererseits die Aufnahme eines Schülers in den Kreis der Weisen (Babylonischer Talmud, Sanhedrin 13–14), diese Semicha kann nur im Land Israel erteilt werden, und die tatsächliche Handauflegung ist hierfür nicht erforderlich.Robert Goldenberg: Hands, Laying on of. III. Judaism B. Rabbinic Judaism. In: Encyclopedia of the Bible and Its Reception. Band 11. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, Sp. 205f.

Im Mittelalter entwickelte Moses Maimonides die Theorie, es gebe eine ungebrochene Linie von Handauflegungen von Mose bis zu den Rabbinen. Mit Berufung auf Maimonides, versuchte der Talmudgelehrte Jakob Berab in Safed im 16. Jahrhundert, die Ordination durch Handauflegung wieder einzuführen und ordinierte auch einige Schüler, stieß aber auf den Widerspruch des Jerusalemer Rabbiners Levi ben Ḥabib.Isaac Sassoon: Hands, Laying on of. III. Judaism C. Medieval and Modern Judaism. In: Encyclopedia of the Bible and Its Reception. Band 11. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, Sp. 206f.

Christentum Neues Testament Jesus von Nazareth heilte Menschen durch physische Berührung, darin stimmen alle Evangelien überein. Manchmal wurde er darum gebeten, die Hände aufzulegen. Wenn unspezifisch von Handauflegung die Rede ist (zum Beispiel ), war damit wohl das Auflegen der Hände auf den Kopf gemeint. Mehrmals wird aber erzählt, dass Jesus durch Berühren des kranken Körperteils heilte. Ein eindrückliches Beispiel ist die Blindenheilung Der Blinde sieht nur unscharf. Daraufhin legt ihm Jesus nochmals die Hände auf die Augen, und nun ist die Sehfähigkeit voll hergestellt. In der Nachfolge Jesu war es auch in der frühen Christenheit üblich, kranken Menschen die Hände aufzulegen (, , ).

Das Markusevangelium () beschreibt, dass Jesus Kinder segnet, indem er sie umarmt und ihnen die Hände auflegt: Die Parallele zum Segen Jakobs über Ephraim und Manasse wurde von den Kommentatoren oft beobachtet; der Unterschied besteht aber darin, dass die Handauflegung Jesu die Zugehörigkeit der Kinder zum Reich Gottes bekräftigt und nicht als Kraftübertragung zu verstehen ist.Ulrich Heckel: Der Segen im Neuen Testament. Begriff, Formeln, Gesten. Mit einem praktisch-theologischen Ausblick (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 150). Mohr Siebeck, Tübingen 2002, S. 57.

„Kein Evangelist erwähnt eine Ordination der Apostel durch Handauflegung Jesu.“, hier S. 418.

Die Apostelgeschichte berichtet von Handauflegungen außer im Zusammenhang mit Krankenheilungen in folgenden Kontexten:, hier S. 418f. Die zwölf Apostel ordinieren sieben von der Gemeinde gewählte Männer und delegieren die Aufgabe der Armenversorgung an diese: „Sie ließen sie vor die Apostel hintreten, und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf.“ () Petrus und Johannes legen getauften Samaritanern die Hände auf, wodurch sie den Heiligen Geist empfangen (). Das wiederholt sich mit einer Gruppe von Johannesjüngern in . Für die Gemeinde des Lukas gehören Taufe und Handauflegung zusammen. Hananias legt Paulus die Hände auf, was einerseits als Heilung verstanden werden kann, andererseits als Mitteilung des Heiligen Geistes (). Christliche Gemeindeleiter in Antiochia legen Paulus und Barnabas die Hände auf, bevor sie ihre Missionsreise antreten ().

Der Verfasser des Hebräerbriefs zählt verschiedene elementare Themen auf, über die Christen Bescheid wissen sollten (und auf die er deshalb nicht detailliert eingehen will), darunter die „Lehre über die Taufen und die Handauflegung“ (). Der Plural Taufen erschwert das Verständnis der Stelle. „Setzt unser Brief eine Neigung der Leser voraus, die Taufe mehrfach zu vollziehen, wie die Kirchenväter annehmen, oder gab es ein Judenchristentum, das verschiedene Waschungen und Reinigungsbäder auf sich nahm? Oder will der Unterricht zwischen der jüdischen Proselytentaufe, der Johannes- und der Jesustaufe unterscheiden?“Otto Michel: Der Brief an die Hebräer (= Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament). Vandenhoeck & Ruprecht, 12. Auflage Göttingen 1966, S. 239.

Die Erwähnungen der Handauflegung in den Pastoralbriefen deuten schon die Entwicklung zur Ordination an. Das Charisma, das zu einem Amt befähigt, wird durch Handauflegung vermittelt. Nach Anthony T. Hanson zeigt , dass zur Abfassungszeit der Pastoralbriefe die Gemeindeältesten die Handauflegung vollzogen, während eine Fiktion des Autors sei, der sich vorstelle, Paulus habe den Timotheus ordiniert., hier S. 419f. wird gewöhnlich so verstanden, dass niemand leichtfertig ordiniert werden soll. Es könnte aber auch die Wiederzulassung des Büßers zum Abendmahl mit dieser Handauflegung gemeint sein.

Klaus Scholtissek fasst zusammen: Nach der Apostelgeschichte und den Pastoralbriefen sind Gebet und Handauflegung die „grundlegenden Konstituenden der Einsetzung in ein kirchl. Amt z. Wahrung der apostol. Überlieferung“; die Handauflegung diene zur „Mitteilung des Amts-Charismas“.

Alte Kirche Den vielfältigen Einsatz der Handauflegung in der Alten Kirche illustriert die Traditio Apostolica:, hier S. 422f.

In der Taufvorbereitung entließ der Lehrer (Kleriker oder Laie) den Katechumenen jeweils mit Gebet und Handauflegung, um ihn für seinen Alltag zu stärken. Wenn der Bewerber zur Taufe zugelassen worden war, führte der Bischof mehrfach einen Exorzismus aus, wobei er ihm die Hand auflegte.