Stechmücken (Culicidae) sind eine Familie von Insekten innerhalb der Ordnung der Zweiflügler. Im bundesdeutschen und im Schweizer Hochdeutsch werden die Insekten als Mücken bezeichnet, im österreichischen Hochdeutsch als Gelsen.Ulrich Ammon, Hans Bickel, Jakob Ebner, Ruth Esterhammer u. a.: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. De Gruyter, Berlin/New York 2004, ISBN 3-11-016574-0. Weltweit gibt es mehr als 3796 Stechmückenarten. In Europa kommen 104 Arten vor, von denen fast alle auch in Mitteleuropa zu finden sind.
Mit Hilfe eines spezialisierten Mundwerkzeuges, des stechend-saugenden Rüssels, können weibliche Stechmücken die Haut ihrer Wirte durchstechen und Blut saugen. Die mit der Blutmahlzeit aufgenommenen Proteine (besonders aus Hämoglobin und Albumin) und Eisen (aus Porphyrin-Verbindungen wie Häme)Guoli Zhou u. a.: Fate of blood meal iron in mosquitoes. In: Journal of Insect Physiology. Band 53, Nr. 11, 2007, S. 1169–1178. sind für die Produktion der Eier essentiell. Ansonsten ernähren sich weibliche Stechmücken wie auch die Männchen von Nektar und anderen zuckerhaltigen Pflanzensäften. Unterschiedliche Stechmückenarten können auf verschiedene Wirte oder Wirtsgruppen spezialisiert sein. Bestimmte Stechmücken sind als Krankheitsüberträger von Infektionskrankheiten, zum Beispiel Malaria oder Denguefieber, bedeutend. Die durch Stechmücken übertragenen Krankheiten sind ursächlich für mehr als 800.000 Todesfälle pro Jahr.Heiko Werning: Raubtier-Attacken auf Menschen: Wer hat Angst vorm Karnivoren? Auf: taz.de, abgerufen am 22. Februar 2023. Damit sind Stechmücken die wichtigsten Krankheitsüberträger mit weitem Abstand vor allen anderen Tieren (abgesehen vom Menschen selbst).Día Mundial del Mosquito. – Grafiken zur Moskitoausbreitung und The world's dedlies animals Auf: ceab.csic.es vom 21. August 2019 (hier verwendet von der Consejo Superior de Investigaciones Científicas); zuletzt abgerufen am 18. Juli 2023.
Die stammesgeschichtlich älteste bisher bekannte Stechmücke ist als Inkluse (Einschluss) in etwa 79 Millionen Jahre altem Bernsteinfossil erhalten.G. O. Poinar u. a.: Paleoculicis minutus (Diptera: Culicidae) n. gen., n. sp., from Cretaceous Canadian amber with a summary of described fossil mosquitoes. In: Acta Geologica Hispanica. Nr. 35, 2000, S. 119–128. PDF 177 kB Eine ursprünglichere Schwesterart der Stechmücken ist in 90 bis 100 Millionen Jahre altem Bernstein überliefert.A. Borkent, D. A. Grimaldi: The earliest fossil mosquito (Diptera: Culicidae) in Mid-Cretaceous Burmese amber. In: Annals of the Entomological Society of America. Band 97, Nr. 5, 1. September 2004, S. 882–888 ((Abstract)).
Bezeichnungen Neben den standardsprachlichen Bezeichnungen werden Mücken bzw. Gelsen in Teilen Bayerns und Österreichs auch „Stauzen“, „Staunzen“, „Stanzen“, in vielen Teilen des deutschen Sprachraumes auch „Schnaken“ genannt. In den Mundarten sind die Bezeichnungen „Mücke“, „Schnake“, „Fliege“ und „Motte“ oft nicht klar abgegrenzt.Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21; Auf: woerterbuchnetz.de, abgerufen am 15. Mai 2021. Am Oberrhein wird der Begriff „Schnake“ auch von offiziellen Stellen verwendet, z. B. bei Projekten wie der Schnakenbekämpfung am Oberrhein.
Das Wort „Schnake“ steht hier im Gegensatz zur Bezeichnung Schnaken in der Zoologie, unter der die Arten einer anderen Familie der Zweiflügler zusammengefasst werden, die kein Blut saugen. Die zum Teil gebräuchliche Bezeichnung „Moskito“ ist von dem spanischen und portugiesischen Wort mosquito (wörtlich: kleine Fliege) abgeleitet, das ebenfalls „Mücke“ bedeutet. Von den Stechmücken sind andere blutsaugende Insekten abzugrenzen.
Vorkommen Stechmücken sind weltweit verbreitet; sie fehlen nur in der AntarktisLeopoldo M. Rueda: Global diversity of mosquitoes (Insecta: Diptera: Culicidae) in freshwater. In: Hydrobiologia. 2008, Band 595, S. 477–487, doi:10.1007/s10750-007-9037-x. und auf einigen isoliert liegenden ozeanischen Inseln.Vincent Robert, Filiz Günay, Gilbert Le Goff et al.: Distribution chart for Euro-Mediterranean mosquitoes (western Palaearctic region). In: Journal of the European Mosquito Control Association. 2019, Band 37, S. 1–28. Vor allem große sumpfige Gebiete wie in der Tundra und Taiga sind ideale Brutstätten für die Mücke. Allerdings haben die verschiedenen Arten sehr unterschiedliche Verbreitungsgebiete. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind neben anderen vorkommenden Arten insbesondere die Gemeine Stechmücke und die etwas größere Ringelmücke häufig.
Merkmale mini|Die Gelbfiebermücke Stegomyia aegypti, eine Vertreterin der Unterfamilie Culicinae. Links das Männchen, rechts davon das Weibchen. Das Männchen hat buschigere Fühler und längere Mundtaster (Palpen). Rechts eine ruhende Gelbfiebermücke – normalerweise sitzen die Tiere an senkrechten Flächen mit dem Kopf nach oben, die Hinterbeine werden bei dieser Art beim Sitzen immer angehoben. Links oben schematisch ein fliegendes Pärchen während der Paarung.
Erwachsene StechmückenPjotr Oosterbroek: The European Families of the Diptera. Identification, diagnosis, biology. KNNV Publishing 2006. ISBN 978-90-5011-245-1. S. 17, 128. sind feingliedrige, abhängig von Art und der Ernährung der Jugendstadien unterschiedlich große zweigeflügelte Insekten, meist zwischen 3 und 9 Millimeter lang, selten bis 15 Millimeter. Die Färbung ist unspezifisch, blass gelblich bis schwarz. Ihre Flügel sind hyalin durchsichtig, die Flügelmembran ohne Flecken oder Binden (aber manchmal mit Schuppenflecken), auf den Adern fast immer beschuppt (die Schuppen können bei älteren Exemplaren verloren gehen). Dazu verfügen sie als Zweiflügler über zwei Schwingkölbchen oder Halteren. Die Augen sind nierenförmig, Punktaugen (Ocellen) fehlen immer. Ihre Fühler sind mittellang mit 15 Gliedern, sie haben einen etwa ebenso langen Saugrüssel, einen schlanken Körper und lange Beine. Stechmücken wiegen etwa 2 bis 2,5 Milligramm.
Die Männchen sind meist kleiner als die Weibchen. Man erkennt sie vor allem an ihren buschigeren Fühlern. Weibliche Vertreter der Unterfamilie Culicinae haben zudem Mundtaster (Palpen), die erheblich kürzer als der Stechrüssel sind. Bei Vertretern der Unterfamilie Anophelinae sind die Palpen bei beiden Geschlechtern etwa so lang wie der Rüssel.
Verwechslungen Es besteht die Möglichkeit einer Verwechslung mit anderen Zweiflüglern, vor allem mit Zuckmücken und Büschelmücken, die Stechmücken in ihrem Aussehen ähneln, jedoch kein Blut saugen. Die ähnlichen Familien haben viel kürzere Mundwerkzeuge, die Flügel sind, wenn überhaupt, nur am Flügelrand beschuppt.
Flugeigenschaften Stechmücken können mit einer Geschwindigkeit von etwa 1,5 bis 2,5 Kilometer pro Stunde fliegen. Die Flughöhe einer Stechmücke ist im Allgemeinen von der jeweiligen Art, von der Höhe des Aufenthaltsorts über dem Meeresspiegel, vom Wetter, dem Luftdruck, der Temperatur und den Lichtverhältnissen abhängig. Bei warmem, windstillem Wetter mit leichter Bewölkung ohne starke, direkte Sonneneinstrahlung ist die Aktivität der Stechmücke am größten. Dann kann von einigen Arten zudem eine große Flughöhe erreicht werden, indem sie von thermischen Aufwinden in Höhen von über 100 Meter über dem Boden getragen werden. Bei kühler oder regnerischer Witterung fliegen viele Stechmücken nur kurze Distanzen und verbleiben eher in Bodennähe. Bei deutlichem Wind und Temperaturen im Bereich des Gefrierpunktes stellen sie die Flugaktivität komplett ein.
Forscher vom Georgia Institute of Technology haben festgestellt, dass Stechmücken dank ihrer geringen Masse Kollisionen mit Regentropfen überstehen. Dabei verkraften sie Beschleunigungen zwischen 100 und 300 g, laut Studie „die höchsten Beschleunigungen im Tierreich“.Andrew K. Dickerson, Peter G. Shankles, Nihar M. Madhavan, David L. Hua: Mosquitoes survive raindrop collisions by virtue of their low mass. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 4. Juni 2012, doi:10.1073/pnas.1205446109Heftige Kollision Regentropfen können einer Mücke nichts anhaben. In: Spiegel Online. 5. Juni 2012.YouTube: Can mosquitoes fly in the rain? 20. Oktober 2011 (2:55 min).
Ernährung Die Weibchen müssen nach der Befruchtung durch die Männchen eine Blutmahlzeit zu sich nehmen, um Eier zu bilden; die Aufnahme von Blut und dem darin enthaltenen Protein ist somit unentbehrlich für die Fortpflanzung der meisten Stechmücken. Die Blutmahlzeit wird mit Hilfe eines Stechrüssels aufgenommen. Dabei bilden verschiedene Mundwerkzeuge eine Struktur aus Stechborsten (Oberlippe oder Labrum, paarige Ober- und Unterkiefer oder Mandibel und Maxille sowie Schlundrohr oder Hypopharynx). Dieses Stechborstenbündel kann die Haut des Wirts durchdringen und bildet im Inneren zwei Kanäle. Durch den einen kann Speichel injiziert, durch den anderen das Blut aufgesaugt werden. In der Ruhestellung liegen die Stechborsten in einer von der Unterlippe Labium gebildeten Scheide verborgen. Beim Stich dringt die Unterlippe selbst nicht in die Haut ein, sondern wird gestaucht und biegt sich nach hinten.
Die Männchen saugen dagegen kein Blut. Ihre Stechborsten sind verkürzt, für einen Stich ungeeignet und dienen nur zum Aufsaugen freiliegender Flüssigkeiten.
Sowohl Weibchen als auch Männchen nehmen zuckerhaltige Pflanzensäfte auf, um ihren Energiebedarf zu decken. Die wichtigste Kohlenhydratquelle ist dabei Nektar, wobei bestimmte Nektarquellen anderen vorgezogen werden. Als effektive Bestäuber von Pflanzen sind sie bisher allerdings nur für zwei Arten beschrieben worden: die Orchidee Habenaria (Platanthera) obtusata und das Ohrlöffel-Leimkraut Silene otites, ein Nelkengewächs. Dabei scheinen auch bestimmte von den Blüten produzierte Duftstoffe für Stechmücken attraktiv zu sein.U. S. Jhumur, S. Dötterl, A. Jürgens: Floral Odors of Silene otites: Their Variability and Attractiveness to Mosquitoes. In: Journal of Chemical Ecology Nr. 34, 2008, S. 14–25, .
Eine Ausnahme von der Regel, dass weibliche Stechmücken Blut für die Produktion ihrer Eier benötigen, bilden die Weibchen der Gattung Toxorhynchites, deren Mundwerkzeuge sich nicht für den Stich eines Blutwirts eignen. Die Larven dieser Gattung fressen andere Mückenlarven und sind damit in der Lage, bereits im Jugendstadium genügend Protein für die Eiproduktion als erwachsenes Weibchen aufzunehmen und zu speichern. Auch bei anderen Stämmen oder Arten wie bei Culex pipiens molestusBecker u. a.: Mosquitoes and their control. Springer, 2003, ISBN 0-306-47360-7. kann es vorkommen, dass Weibchen ohne Blutmahlzeit ein erstes Gelege produzieren (Autogenie), bei dem die Eizahl deutlich verringert ist.E. Roubaud: Cycle autogène d ’attente et générations hivernales suractives inapparentes chez le moustique commun. Culex pipiens L. In: Comptes rendus de l'Académie des Sciences. Nr. 188, Paris 1929, S. 735–738. Teilweise ist es sogar möglich, dass mehr als nur ein autogenes Gelege produziert wird.T. Su, M. S. Mulla: Physiological Aspects of Autogeny in Culex tarsalis. (Diptera: Culicidae): Influences of Sugar-feeding, Mating, Body Weight, and Wing Length. In: Journal of Vector Ecology. Band 22, Nr. 2, 1997, S. 115–121.
Auffindung der Nahrungsquelle: