mini|Alfred Grosser, 2010
Alfred Eugen Max Grosser [] (* 1. Februar 1925 in Frankfurt am Main; † 7. Februar 2024 in Paris) war ein französischer Publizist, Kolumnist und Politikwissenschaftler deutscher Abstammung.
Leben und Wirken mini|Alfred Grosser (2. von rechts) als Kind in Frankfurt, 1929/30
Alfred Grosser wurde als Sohn des Kinderarztes Paul Grosser und seiner Ehefrau Lily Grosser in Frankfurt geboren, wo er auch die ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Er erhielt die Vornamen seiner beiden Großväter sowie des im Ersten Weltkrieg umgekommenen ersten Verlobten seiner Mutter. Grossers Vater war Direktor einer Kinderklinik in Frankfurt am Main, Sozialdemokrat und jüdischer Herkunft. Der Vater war außerdem Freimaurer: In Berlin wurde er in die Loge Viktoria aufgenommen, bevor er 1911 der Loge Zur aufgehenden Morgenröthe [!] in Frankfurt affiliiert wurde.Alfred Grosser: Mein Deutschland, S. 25. Außer Grosser gehörte noch die ältere Schwester Margarethe (1922–1941) zur Familie. Diese starb mit 19. Jahren an einer Blutvergiftung.
Ende 1933 emigrierte die Familie nach Frankreich, wo der Vater eine Kinderklinik aufbauen wollte, wozu es aber nicht kam, da er bereits 1934 starb. Die Mutter richtete in dem für diesen Zweck erworbenen Gebäude stattdessen ein Waisenhaus/Kinderpflegeheim ein, in dem Grosser und seine Schwester mithelfen mussten.
Durch eine Verordnung des französischen Justizministers Vincent Auriol vom 1. Oktober 1937 wurde Lily Grosser, und ihren Kindern, Alfred und Margarethe, die französische Staatsbürgerschaft verliehen. Dies bewahrte sie davor, von der Regierung Daladier im September 1939 wie andere von Hitler verfolgte Deutsche als vermeintlich feindliche Ausländer in Lagern interniert zu werden. Grosser bezeichnete sich später in Interviews stets als „echten Franzosen“ und veröffentlichte 1997 seine Autobiografie unter dem Titel Une vie de Français: mémoires („Ein französisches Leben – Erinnerungen“).
Grosser besuchte das Gymnasium in Saint-Germain-en-Laye; nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 floh er mit seiner Familie in die noch freie Zone in Südfrankreich. Von 1942 an studierte er Politikwissenschaft und Germanistik in Aix-en-Provence und später in Paris. Von 1950 bis 1951 war Grosser stellvertretender Leiter des UNESCO-Büros in der Bundesrepublik. Anschließend nahm er eine Dozentenstelle an der Sorbonne an. Ab 1956 war Grosser hauptamtlicher Forschungsdirektor an der Fondation nationale des sciences politiques und Professor am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po). Im Jahr 1992 wurde er als Studien- und Forschungsdirektor der Fondation nationale des sciences politiques emeritiert.Alfred Grosser-Friedenspreis
mini|hochkant|Alfred Grosser, 1975
Grosser war ab 1965 Mitarbeiter zahlreicher Tageszeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten. Unter anderem schrieb er politische Kolumnen für La Croix und Ouest-France und trat öfter im deutschen Fernsehen, etwa im Internationalen Frühschoppen, auf. Aus Protest gegen die aus seiner Sicht unausgewogene, einseitig israelfreundliche Nahostberichterstattung des französischen Nachrichtenmagazins L’Express trat er 2003 aus dessen Aufsichtsrat zurück.Internationale Politik, Februar 2007.
Neben Joseph Rovan war Grosser ein herausragender französischer Intellektueller deutsch-jüdischer Herkunft. Seit der Nachkriegszeit setzte er sich beharrlich für die deutsch-französische Aussöhnung ein und gilt als ein intellektueller Wegbereiter des Elysée-Vertrags. Bei zahlreichen Reisen und Vorträgen in Deutschland und Frankreich wirkte er an der Verständigung der beiden Nachbarvölker mit.Martin Strickmann: L’Allemagne nouvelle contre l’Allemagne éternelle. Die französischen Intellektuellen und die deutsch-französische Verständigung 1944–1950. Diskurs, Initiativen, Biografien. Peter Lang, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-631-52195-2.
Grosser selbst bezeichnete sich in einem Interview im September 2011 als „Atheisten, der dem Christentum nahesteht“., rcf.fr, 14. September 2011 (französisch).
Große Sorgen äußerte Grosser 2017 in einem Interview in der Tageszeitung Heilbronner Stimme wegen der zunehmenden Wahlerfolge von Rechtspopulisten in Europa: „Beim Umgang mit rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien ist es ratsam, dass die demokratischen Kräfte die Themen des rechten Randes nicht okkupieren. Das ist auch moralisch anstößig.“ Grosser ergänzte, dass auf die Themen der Rechtsextremen die deutsche Parteien anfangs auch bei Hitler eingegangen seien. Die Demokraten seien dazu aufgerufen, „den extremen Positionen ganz bewusst Kontrapunkte und Lösungen auf dem Boden der Menschenrechte entgegenzusetzen.“
Alfred Grosser starb im Februar 2024 in Paris im Alter von 99 Jahren.
Umstrittene Position zum Nahostkonflikt und dem Umgang damit mini|hochkant|Ein sogenannter Stolperstein vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Grosser Grosser war als Gegner der israelischen Regierungspolitik bekannt. In der Debatte um den Text Was gesagt werden muss des Schriftstellers Günter Grass meinte er zum Thema Israel: „Um von der eigenen [duldsamen] Politik etwa gegen[über den illegalen] Siedler[n in den von Israel besetzten arabischen Gebieten] abzulenken, braucht man die Gefahr aus Iran.“Grass hat etwas Vernünftiges gesagt. In: Süddeutsche Zeitung, 10. April 2012. Grosser glaubte, dass Israelkritik in Deutschland nicht erlaubt sei und wie eine Keule gegen die Deutschen geschwungen werde, die lautet: „Ich schlage dich mit Auschwitz.“ Damit bekräftigte er eine Formulierung Martin Walsers aus dessen Paulskirchenrede. Grosser war überzeugt, dass die Politik Israels den Antisemitismus in der Welt fördert. – stern, 12. Oktober 2007. 2007 kritisierte er die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an den israelfreundlichen Publizisten Henryk M. Broder, den er für diese Ehrung unwürdig hielt.Beleidigung des Humanismus — Falsche Wahl: Henryk M. Broder hat den Börne-Preis nicht verdient, die tageszeitung, 3. Februar 2007. Zuvor hatte es das Nachrichtenmagazin Focus abgelehnt, Grossers positive Rezension eines Buches von Rupert Neudeck, in dem dieser Israel als Apartheidstaat bezeichnete, abzudrucken.
In der Debatte um Günter Grass’ Waffen-SS-Mitgliedschaft mahnte der Historiker Grosser 2012 einen differenzierten, nicht ideologisch geprägten Umgang mit Geschichte an und verteidigte Grass und seine Bedeutung als führender Intellektueller. Dieser habe die Mitgliedschaft zwar zu lange verschwiegen, doch: „Es gab damals 900.000 junge Deutsche, die in der Waffen-SS waren, nicht aber in der SS.“ Und in Bezug auf Israel habe Grass durchaus „etwas Vernünftiges“ zu sagen.Grass hat etwas Vernünftiges gesagt. In: Süddeutsche Zeitung, 10. April 2012.
Grossers Haltung zum Nahostkonflikt weckte Widerstand einiger jüdischer Stimmen. Als er am 9. November 2010 Hauptredner der Gedenkfeier zur Erinnerung an die Pogromnacht 1938 sein sollte, drohten Mitglieder des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Feier zu verlassen, sollte Grosser „ausfallend gegenüber Israel“ werden.Streit um den Redner Alfred Grosser. DW-Interview, 11. September 2010. Frankfurts Oberbürgermeisterin, Petra Roth, verteidigte Grossers Einladung, da er sich „viele Jahrzehnte um die Aussöhnung der Völker bemüht“ habe.Henryk M. Broder: Wenn Grosser die Anti-Israel-Keule schwingt. Rede zur Reichspogromnacht. In: Spiegel Online, 3. November 2010.Erinnerung an Reichspogromnacht – Alfred Grosser in der Paulskirche. In: Frankfurter Rundschau. 9. November 2010.
Der Journalist Arno Widmann wiederum bezeichnete es 2015 als grotesk, dass Grossers Kritik an Israel und die Kritik an seiner Kritik damals mehr als die Hälfte des Wikipedia-Eintrags über ihn ausmachte. Grosser habe bewiesen, „wie er an der Seite Israels steht, wenn es bedroht ist, aber keinen Grund sieht, darüber hinwegzusehen, wie es das Leben, die Existenz der Palästinenser bedroht.“Arno Widmann: Ein Lausbub für die Aufklärung. Er war der Gott Janus der deutsch-französischen Verständigung: Am Sonntag wird Alfred Grosser 90 Jahre alt. In: Berliner Zeitung vom 31. Januar/1. Februar 2015.
Ehrungen und Auszeichnungen Für seine zur Völkerverständigung beitragenden Werke erfuhr Grosser zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen: mini|hochkant|Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1975 1975: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Laudator Paul Frank,Text der Laudatio (PDF; 186 kB). für seine Rolle als „Mittler zwischen Franzosen und Deutschen, Ungläubigen und Gläubigen, Europäern und Menschen anderer Kontinente“ 1975: Goethe-Medaille 1978: Theodor-Heuss-Medaille 1986: Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main 1986: Schärfste Klinge der Stadt Solingen 1991: Offizier der Ehrenlegion (Großoffizier 2001) 1993: Einrichtung des „Lehrstuhl Alfred Grosser“ (Gastprofessuren der Sciences Po in Paris und Nancy) 1994: Schillerpreis der Stadt MannheimTrägerinnen und Träger des Schillerpreises der Stadt Mannheim, PDF (222 KB). 1995: Cicero Rednerpreis 1998: Grand Prix de l’Académie des Sciences morales et politiques 2001: Grand Officier Légion d'HonneurAlfred Grosser-Biografie 2002: Humanismus-Preis des Deutschen Altphilologenverbands 2003: Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland: Großes Verdienstkreuz (1975) mit Stern (1985) und Schulterband (2003) 2004: Abraham Geiger-Preis des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam 2004: Wilhelm-Leuschner-Medaille 2009: Einrichtung der Alfred-Grosser-Gastprofessur an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am MainAlfred-Grosser-Gastprofessur: Vom Status der Bürgergesellschaft. In: Süddeutsche Zeitung, 15. Mai 2009. 2009: Verleihung der Frank-Loeb-Gastprofessur der Universität Koblenz-Landau 2012: Medienpreis des Deutsch-Französischen Journalistenpreises (DFJP) In: La Gazette de Berlin den 23. März 2012. 2013: Theodor-Wolff-Preis für das Lebenswerk 2013: Steiger Award 2014: Henri-Nannen-Preis für das publizistische Lebenswerk 2014: Martini-Preis des SPD-Unterbezirks Südpfalz 2016: Goldenes Coeur de l‘Europe.Alfred Grosser ist tot – Er war ein Freund von Baden-Baden – „Blühen denn die Azaleen und Rhododendren schon?“ – Große Rede im Brenners Park-Hotel vor acht Jahren 2017: Verleihung der Mercator-Professur der Universität Duisburg-EssenWebsite der Universität Duisburg-Essen. Abgerufen am 15. August 2017. 2018: Eugen-Kogon-PreisTaunus-Zeitung: Kogon-Preis für einen Versöhner Abgerufen am 2. März 2018.
In Bad Bergzabern wurde schon zu Grossers Lebzeiten ein Schulzentrum, bestehend aus Realschule plus und Gymnasium, nach ihm benannt.schulebza.de
Schriften (Auswahl) Im Folgenden sind auf Deutsch erschienene Schriften Grossers aufgeführt: Deutschlandbilanz. Geschichte Deutschlands seit 1945, 1970. Das Bündnis, 1981. Versuchte Beeinflussung, 1981. Der schmale Grat der Freiheit, 1981. Das Deutschland im Westen, Carl Hanser, München 1985, ISBN 3-446-12619-8. Frankreich und seine Außenpolitik, 1986. Mit Deutschen streiten, 1987. Mein Deutschland, 1993. Deutschland in Europa, 1998. Was ich denke., November 2000. Wie anders sind die Deutschen?, Beck, 2002, ISBN 3-406-49328-9. Wie anders ist Frankreich? Beck, München 2005, ISBN 3-406-52879-1. Die Früchte ihres Baumes. Ein atheistischer Blick auf die Christen, Vandenhoeck & Ruprecht, September 2005. Der Begriff Rache ist mir völlig fremd. In: Martin Doerry (Hrsg.): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. DVA, München 2006, ISBN 3-421-04207-1 (auch als CD), S. 120–129. Die Frage nach der Leitkultur. In: Robertson-von Trotha, Caroline Y. (Hrsg.): Kultur und Gerechtigkeit (= Kulturwissenschaft interdisziplinär/Interdisciplinary Studies on Culture and Society, Bd. 2), Baden-Baden 2007, ISBN 978-3-8329-2604-5. Von Auschwitz nach Jerusalem. Rowohlt 2009, ISBN 978-3-498-02515-1. Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011, ISBN 978-3-498-02517-5.