mini|Zum Stadtbezirk Priwall gehört auch die Traveförde mit Pötenitzer Wiek und Dassower See (blau auf der Karte) mini|Priwall-Strand an der Lübecker Bucht, im Hintergrund das Maritim-Hotel (vor 2017).
Der Priwall ist eine etwa drei Kilometer lange Halbinsel an der Travemündung im Osten Schleswig-Holsteins. Er gehörte seit 1226 (damals noch als Insel in der Mündung) zur 1187 gegründeten Stadt Travemünde und wurde mit dieser zunächst 1329 in den Lübecker Stadtstaat, schließlich 1913 in die Hansestadt Lübeck eingegliedert. Zum Stadtbezirk Priwall gehören auch die Traveförde mit Pötenitzer Wiek und Dassower See (mit den Inseln Buchhorst und Graswerder) (blau auf der Karte).Kommunale Statistikstelle der Hansestadt Lübeck, Allgemeine Angaben und NaturverhältnisseLübeck in Zahlen 2018, Statistische Nachrichten, März 2019, Nr. 14, 3. Auflage, S. 11 und 14.
Der Priwall ist vor allem im Sommer sehr frequentiert, weil sich auf dem nordöstlichen Teil der Halbinsel ein breiter Sandstrand zum Bad in der Lübecker Bucht befindet, der sich auf mecklenburgischer Seite naturbelassen fortsetzt.
Lage Die Halbinsel wird im Norden von der Ostsee, im Westen von der Trave und im Süden von der Pötenitzer Wiek, einer haffartigen Erweiterung in der Trave, begrenzt. Das östliche Ende der Halbinsel bildet die Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Diese Grenze geht auf den Lübecker Reichsfreiheitsbrief aus dem Jahr 1226 zurück. Bis 1990 verlief hier die innerdeutsche Grenze, so dass der Priwall viele Jahre nicht auf dem 35 km langen Landweg über Dassow um den Dassower See auf der B 105 nach Selmsdorf und Schlutup erreicht werden konnte.
Verkehr mini|Fähranleger (Autofähre) und Seniorenresidenz Rosenhof Urkundlich erwähnt wurde eine Fährverbindung von Travemünde zum Priwall bereits 1253. Sie stellte die Verbindung weiter nach Mecklenburg her. Im 18. Jahrhundert unterstand die Fähre dem Stadthauptmann mit Sitz in der Alten Vogtei auf der Travemünder Seite.Aus der Geschichte des Priwalls. Gemeinnütziger Verein zu Travemünde, abgerufen am 20. Dezember 2024.
Die Priwallfähre der Gegenwart für Kraftfahrzeuge und Fußgänger (Autofähre) verbindet Travemünde über die Straße Auf dem Baggersand mit der Mecklenburger Landstraße auf dem Priwall. Die Mecklenburger Landstraße führt in West-Ost-Richtung quer durch den Priwall nach Mecklenburg. mini|Norderfähre (Personen und Fahrräder)
Eine weitere Fährverbindung für Fußgänger und Radfahrer verkehrt ganzjährig zwischen der Travepromenade in Travemünde Höhe Nordermole und dem Dünenweg auf dem Priwall.
Geschichte Reichsfreiheitsbrief Im Jahre 1226 wurde der Priwall Teil des damaligen Lübecker Staatsgebietes (Lübecker Reichsfreiheitsbrief). Der Priwall als mittlerweile überdünter Nehrungshaken entwickelte sich aus einer Sandbarre in der Mündung des Flusses Trave in die Ostsee. Sturmfluten rissen den östlichen Isthmus mehrfach auf, doch die Stadt Lübeck hatte ein Interesse an der Wiederverschließung, da es strategisch günstiger war, lediglich einen Travearm (den westlichen) überwachen und verteidigen zu müssen. So entstand beispielsweise noch im 13. Jahrhundert ein Steindamm über einen dieser Flutdurchbrüche und bald darauf schloss man ihn wieder vollständig.
Tourismus, Luftfahrt, Flugzeugbau mini|Flugboot Rohrbach Romar auf der Pötenitzer Wiek vor dem Flughafen Travemünde auf dem Priwall
1803 bestätigte der § 9 des Reichsdeputationshauptschlusses den Priwall als ausschließliches Eigenthum der Stadt Lübeck; Mecklenburg-Schwerin erhielt als Abgeltung alter Ansprüche dafür die Lübecker Hospitaldörfer auf Poel – gegen den öffentlichen Einspruch des damaligen Eigentümers von Johannstorf und Pötenitz, Michael Gottfried Eckermann.Promemoria den § 9 des Reichs-Deputations-Recesses de dato Regensburg den 22. November 1802 und die darinn gedachte Halbinsel Priwall betreffend: der Hochansehnlichen und erlauchten ausserordentlichen Reichs-Deputation in Regensburg ehrerbietigst gewidmet von Michael Gottfried Eckermann als Besitzer und Eigenthümer des im Herzogthum Mecklenburg belegenen Lehnguts Johannistorf, und der dazu als Pertinenz gehörenden obgenannten Halbinsel Priwall. 1803 1847 wurde auf dem Priwall eine Badeanstalt eingerichtet. 1883 errichtete der Lübecker „Verein für Ferienkolonien e. V.“ auf dem Priwall ein Ferienheim für bedürftige Kinder.Barbara Renk: Fröhlich spielen – fürstlich speisen: Glückliche Sommer am Meer. Lübeck 2024, S. 27–29. Das Gebäude Mecklenburger Landstraße 32-34 wird heute als Wohnhaus genutzt. Ab 1922 war es erlaubt, direkt vom Strand aus in der Ostsee zu baden.Maike Wegner: Eine historische Reise über den Priwall. In: Lübecker Nachrichten vom 23. April 2014, S. 16.
Eine Pferderennbahn wurde am 5. August 1882 eröffnetTravemünder Rennbahn-Zeitung. 5. und 6. August 1882 und bis 1934 genutzt. Sie wich 1940 dem Bau eines U-Boot-Hafens, des heutigen „Passathafens“, der jetzt als Segelboothafen genutzt wird.
Anfang des 20. Jahrhunderts landeten und starteten Zeppeline auf dem Priwall, z. B. im Internationalen Ostsee-Jahr 1931 der LZ 127 Luftschiff Graf Zeppelin.Maike Wegner: Eine historische Reise über den Priwall. In: Lübecker Nachrichten vom 23. April 2014, S. 16. Auf dem Priwall gab es seit 1926 einen Flugplatz der Lufthansa für den Passagierverkehr zu innerdeutschen Zielen und nach Skandinavien, der auch von Wasserflugzeugen genutzt wurde. Die Caspar-Werke bauten ab 1914 Wasserflugzeuge und erprobten sie.Rad- und Wanderkarte Dassow-Travemünde. Verlag Grünes Herz, Ilmenau/Thüringen, 3. aktualisierte Auflage 2006, Rückseite: Beschreibung zur Rad- und Wanderkarte, Stichwort Priwall. Ein schmaler Weg der alten Flughafen-Landebahn mit Betonplatten verläuft auf dem Priwall am Ende des Fliegerweges.
Ferienkolonien auf dem Priwall mini|Lehrerinnen und Küchenpersonal mini|Mittagsschlaf im Wald mini|Mit den Lehrern auf der Südermole Die Hansestadt besaß manche humanitäre Einrichtungen wie die Ferienkolonien auf den Priwall, die den sozialen Sinn für Arme, Kranke und Schwache entwickelten. Der Zweck der Ferienkolonien war es, die Kinder durch Seebäder, gesunde Luft und Nahrung, all denen es Manchem zu Hause fehlte, körperlich zu kräftigen. Hamburg hatte eines in Niendorf.
Kinder zahlreicher Eltern, die nicht in der Lage waren, die Mittel für einen Ferienaufenthalt der jugendlichen Mitglieder ihrer Familie zu beschaffen, wurden hierher entsandt. Die recht bedeutenden Mittel für dieser Einrichtung wurden aus freiwilligen Gaben aufgebracht. Die in die Ferienkolonien aufzunehmenden Kinder wurden zumeist von den Hauptlehrern der Volksschulen nach dem Gesundheitszustand der Kinder und der Bedürftigkeit der Eltern ausgewählt und dem Verein vorgeschlagen. Ferienkolonien für zahlende Kinder. In: Vaterstädtische Blätter, Jg. 1907, Nr. 36, 1. September 1907, S. 143–144.
Hierfür wurden 1903 im Juni 64 Mädchen, im Juli die gleiche Anzahl von Knaben und im August wiederum 64 Mädchen unter Begleitung zweier Lehrer bzw. Lehrerinnen zum Aufenthalt in dem Priwall-Hause des Vereins für Ferienkolonien zugelassen. Die Ferienkolonien auf dem Priwall zu Travemünde. In: Vaterstädtische Blätter, Jg. 1903, Nr. 35, 30. August 1903, S. 273–274.
Die Wochentage verliefen hierfür nach einer festen Tagesordnung. Nach dem Wecken um 6 Uhr wurde um 7 Uhr das erste Frühstück eingenommen. Nach dem zweiten um 9 Uhr. folgte ein Spaziergang durch das Tannengehölz zum Strand. Dort wurde gebadet, bevor man in die Kolonie zurückkehrte. Um 13 Uhr aß man zu Mittag. Diesem folgte der Mittagsschlaf in dem der Kolonie gegenüber liegenden Tannenhölzchen. Um 15 Uhr wurde gevespert mit anschließendem größerem Spaziergang bis gegen 19 Uhr. Als die Kinder ihr Abendbrot eingenommen hatten, beschäftigte man sie mit Spielen im Freien. Um 21 Uhr wurde Retraite geblasen.
Der Sonntag brachte Abwechslung durch gern gesehene Elternbesuche, die aber im allgemeinen Interesse der Ordnung innerhalb der Kolonistenschaar nicht gewünscht waren.
Seit 1903 hatte man eine eigene Brunnenanlage.
Die SMS Lübeck verließ am 26. Juli 1905 seine Patenstadt. Die jugendliche Gesellschaft saß beim Essen, als von der Pötenitzer Wiek her die langgezogenen Töne der Sirene des Kriegsschiffes ertönte. Mit Erlaubnis der Lehrer eilte man zum Kopf der Südermole an der Hafeneinfahrt und nahm unter der schwarzen Bake Aufstellung. Als der Kreuzer die Hafeneinfahrt passierte, sang man das deutsche Flaggenlied „Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot“ zum Schiff hinüber. Von dort wurde, obwohl die Aufmerksamkeit der Besatzung mehr der Stadtseite zugewendet war, herzlich gedankt. Von unseren Ferienkolonien. In: Vaterstädtische Blätter, Jg. 1905, Nr. 32, 6. August 1905, S. 132.
Zeit des Nationalsozialismus
Die Luftwaffe beanspruchte 1935 das Gelände für sich. Im Zweiten Weltkrieg war der Priwall für Zivilisten gesperrt. Im benachbarten Pötenitz sind heute noch die von Küstenwald überwucherten Ruinen des Luftzeugamtes Pötenitz und die dazugehörige Anlegermole in der Pötenitzer Wiek zu sehen.
In den 1930er Jahren wurde auf dem Priwall eine Klinik errichtet, die zunächst vom Militär genutzt wurde. Später kam das während des Zweiten Weltkriegs als Lazarett genutzte Priwall-Krankenhaus mit 124 Betten in kommunale Trägerschaft und wurde in den letzten Jahren des Betriebs von den privaten Sana-Kliniken übernommen. 2004 wurde die Klinik geschlossen und stand ab September 2005 leer. Als Ersatz wurde eine Praxis-Klinik mit Bettenhaus in Travemünde geschaffen.Jüttemann, A. (2021): Klinikbehandlung nur nach Fährpassage: Priwall-Krankenhaus. Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt; 12: 24-26 Zwei der Gebäude wurden bis 2020 als Außenmagazin für zuletzt über 590.000 Bände der Stadtbibliothek Lübeck genutzt.Stadtbibliothek ist für die Zukunft bestens aufgestellt, Pressemeldung vom 8. Januar 2020, abgerufen am 11. Januar 2020 Nachdem sich der Plan eines Neubau-Wissensspeichers als gemeinsames Magazin für Stadtbibliothek, Archiv und Museen Lübecks zerschlug, soll 2020 in einer kleinen Lösung das Magazin der Stadtbibliothek in ein angemietetes Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Lübecker Maschinenbau Gesellschaft in der Einsiedelstraße 6 umziehen. Die ehemaligen Klinikgebäude werden verkauft. Auf dem Gelände sollen Wohnungen entstehen.Wissensspeicher ade: Alte Bücher der Bibliothek ziehen zur Roddenkoppel, Lübecker Nachrichten vom 6. September 2019, abgerufen am 11. Januar 2020
Während der NS-Zeit befanden sich auf dem Priwall drei Lager für Zwangsarbeiter der Flugerprobungsstelle der Luftwaffe (Erprobungsstelle See). Im Lager I waren 150 ausländische Zwangsarbeiter untergebracht, im Lager II 80 und im Lager III 250 Zwangsarbeiter.Werner Petrowsky / Arbeitskreis „Geschichte der Lübecker Arbeiterbewegung“: Lübeck – eine andere Geschichte, Einblicke in Widerstand und Verfolgung in Lübeck 1933–1945. Zentrum – Jugendamt der Hansestadt Lübeck (Hrsg.), Lübeck 1986, ISBN 3-923814-02-X, S. 202.
Die Rollbahn des Flugplatzes wurde gegen Kriegsende von britischen Bombern zerstört.Maike Wegner: Eine historische Reise über den Priwall. In: Lübecker Nachrichten vom 23. April 2014, S. 16.
DDR-Grenzgebiet und Grenzöffnung mini|Grenzschild am Priwall, Juli 1959
Bis 1990 gehörte ein kleiner Abschnitt des Priwalls zur DDR. Dessen Grenze zum schleswig-holsteinischen Priwall bildete den nördlichsten Teil der Innerdeutschen Grenze.