mini|Kurt Meyer (Februar/März 1943) mini|Divisionskommandeur Fritz Witt (Mitte) bei Beratungen mit den Regimentskommandeuren Max Wünsche (mit Kopfverband) und Kurt Meyer an der französischen Front (1944) Kurt Meyer (* 23. Dezember 1910 in Jerxheim; † 23. Dezember 1961 in Hagen), alias „Panzermeyer“, war seit 1929 Polizist, seit 1930 NSDAP- und seit 1931 SS-Mitglied, dort seit 1944 SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS. Wegen der Ermordung kanadischer Kriegsgefangener im Juni 1944 wurde Meyer von einem kanadischen Kriegsgericht im Dezember 1945 zum Tode verurteilt. Die Todesstrafe wurde im Frühjahr 1946 in lebenslange Haft umgewandelt und schließlich 1954 auf dem Gnadenweg ausgesetzt. Ab 1959 war Meyer Bundessprecher der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS (HIAG).

Karriere bei Polizei, SS und Waffen-SS Der Sohn eines Fabrikarbeiters und einer HebammeProjekt: Arbeit an der Dorfgeschichte. Kirche von unten, abgerufen am 29. August 2021. besuchte von 1916 bis 1925 die Volksschule in Schöningen und Offleben.Biographische Angaben bei Andreas Schulz, Günter Wegmann, Dieter Zinke: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der Ärzte, Veterinäre, Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang. Band 3: Lammerding – Plesch. Biblio, Osnabrück 2008, ISBN 3-7648-2375-5, S. 175–182. Von 1925 bis 1928 absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Minden. Meyer trat im Mai 1925 der Hitlerjugend (HJ) bei und wechselte im April 1928 von der HJ zur SA. Als er im Oktober 1929 eine Tätigkeit bei der Landespolizei Mecklenburg-Schwerin aufnahm, schied er aus der SA aus. Zum 1. September 1930 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 316.714),Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/27320029Parteibeitritt laut Schulz: Generale, S. 177. Laut Kurt Meyer: Geweint wird, wenn der Kopf ab ist. Annäherungen an meinen Vater „Panzermeyer“, Generalmajor der Waffen-SS. Herder, Freiburg 2000, ISBN 3-451-04866-3, S. 261, trat Meyer 1925 der NSDAP bei. in der er sich als Ortsgruppenleiter betätigte. Am 15. Oktober 1931 wurde er SS-Mitglied (SS-Nummer 17.559) und gehörte zunächst der 22. SS-Standarte in Schwerin an.

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten schied Meyer im Mai 1934 bei der Polizei aus und wurde im selben Monat Zugführer bei der Leibstandarte SS Adolf Hitler (LAH). 1936 wurde er zum SS-Obersturmführer befördert und Chef der 14. Panzerabwehr-Kompanie der SS-Standarte. Im Dezember 1934 heiratete Meyer; aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.

Im Zweiten Weltkrieg führte Meyer 1939 als SS-Hauptsturmführer die 14. Panzerabwehr-Kompanie der Leibstandarte beim deutschen Überfall auf Polen. Einem alliierten Untersuchungsbericht zufolge erschoss Meyer während des Überfalls auf Polen bei Modlin 50 Juden.Vgl.: Peter Lieb: Konventioneller Krieg oder Weltanschauungskrieg? Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Bd. 69). Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-57992-5, S. 159 (Zugleich: München, Univ., Diss., 2005).

Im Oktober 1939 wechselte Meyer zu den Kradschützen der Leibstandarte; 1940 nahm er am Westfeldzug teil. Im September 1940 wurde er zum SS-Sturmbannführer befördert und übernahm als Kommandeur die Aufklärungs-Abteilung der Leibstandarte. Meyer kämpfte auch im Balkanfeldzug und im Krieg gegen die Sowjetunion. Nach Angaben eines in alliierte Kriegsgefangenschaft geratenen Oberstleutnants berichtete Meyer während eines Offizierslehrgangs, er habe bei Charkow ein Dorf niedergebrannt und alle Bewohner ermordet.Lieb: Konventioneller Krieg oder Weltanschauungskrieg, S. 159. Sönke Neitzel: Des Forschens noch wert? Anmerkungen zur Operationsgeschichte der Waffen-SS. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift, 61(2002), S. 403–429, hier S. 426, .

mini|Meyer (links) mit den SS-Offizieren Fritz Witt und Max Wünsche 1944 im Kloster Ardenne bei Caen Im Mai 1943 wurde Meyer als Kommandeur des SS-Panzergrenadier-Regiments 25 zur neu aufgestellten 12. SS-Panzer-Division „Hitlerjugend“ versetzt. Meyer gehörte damit zu einer Gruppe von Ausbildern, die von der Leibstandarte zur Division „Hitlerjugend“ wechselte, wodurch diese – so der Historiker Peter Lieb – „symbolisch das erste politisch-militärische Kind der ehemaligen Leibgarde Hitlers“Lieb: Konventioneller Krieg oder Weltanschauungskrieg, S. 114. wurde. Lieb nennt die Division den „wohl […] am stärksten nationalsozialistisch indoktrinierte[n] Verband der gesamten deutschen Streitkräfte“.Lieb: Konventioneller Krieg oder Weltanschauungskrieg, S. 158. Meyer selbst forderte im Juli 1944 in einem Tagesbefehl die Division auf, „fanatische Soldaten“ zu sein, und bezeichnete sie als „Glaubens- und Angriffsträger“ der nationalsozialistischen Idee.Tagesbefehl vom 3. Juli 1944, zitiert bei Lieb: Konventioneller Krieg oder Weltanschauungskrieg, S. 159.

Nachdem SS-Brigadeführer Fritz Witt am achten Tag der Landung der Westalliierten in der Normandie gefallen war, übernahm Meyer die Führung der Division „Hitlerjugend“. Er wurde am 6. August 1944 zum SS-Oberführer befördert; kurz darauf entkam er der Schlacht um Caen mit etwa 5.000 von ursprünglich 22.000 Mann. Diese gerieten in den Kessel von Falaise. Meyer entkam mit ungefähr 1500 Mann und wurde dafür am 27. August 1944 mit den Schwertern zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet.

Meyer wurde am 7. September 1944 in der Nähe von Lüttich gefasst, gab sich als Oberst aus und kam in ein Gefangenenlager bei Compiègne. Möglicherweise in der Annahme, dass er ums Leben gekommen sei, wurde Meyer rückwirkend zum 1. September zum SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS ernannt. Nachdem er identifiziert worden war, wurde er nach Großbritannien ausgeflogen; vom 17. November 1944 bis zum 24. April 1945 war er Kriegsgefangener in Trent Park. Dort trat Meyer im Dezember 1944 für ein Weiterkämpfen der deutschen Truppen ein, da die Sieger die Deutschen „ausrotten“ wollten. Nach dem Scheitern der Ardennenoffensive setzte bei Meyer ein Sinneswandel ein: Er schlug vor, dass er nach Deutschland zurückgeschickt werde, um Hitler von der Idee eines Waffenstillstands im Westen zu überzeugen. Der Historiker Sönke Neitzel schrieb 2005, es liege nahe, in diesem Plan nur einen Versuch Meyers zu erblicken, der Gefangenschaft zu entfliehen. Meyer habe aber erkannt, dass die Rückkehr nach Deutschland nicht verhindern werde, dass er sich doch bald vor einem Gericht werde verantworten müssen.Sönke Neitzel: Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945. Propyläen, Berlin 2005, ISBN 978-3-549-07261-5, S. 72 f.

Verurteilung wegen der Ermordung von Kriegsgefangenen mini|Gerichtsverfahren im Dezember 1945 Am 10. Dezember 1945 wurde Meyer in Aurich wegen Kriegsverbrechen vor ein kanadisches Gericht gestellt. Der Ankläger beschuldigte ihn, 1944 in Belgien und Frankreich als Kommandeur des SS-Panzergrenadierregimentes 25 seinen Soldaten befohlen zu haben, alliierte Gefangene zu ermorden. Weiterhin musste er sich als Kommandeur des SS-Panzergrenadier-Regimentes 25 in der Normandie für die Ermordung von sieben Kriegsgefangenen in der Nähe seines Gefechtsstandes im Kloster Ancienne Abbaye d’Ardenne verantworten. Der Prozess wurde nach vereinfachten Verfahrensregeln durchgeführt; so waren Beweise nach Hörensagen zugelassen. Insgesamt war das Verfahren „trotzdem fair“, so die Historikerin Ruth Bettina Birn.Ruth Bettina Birn: Spät, aber gründlich. Die Ermittlungen gegen Kriegsverbrecher in Kanada. In: Norbert Frei (Hrsg.): Transnationale Vergangenheitspolitik. Der Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Wallstein, Göttingen 2006, ISBN 978-3-89244-940-9, S. 567–593, hier S. 567. Meyer wurde am 27. Dezember zum Tode durch Erschießen verurteilt.Vgl. zu Prozessverlauf und Gegenstand: Patrick Brode: Casual Slaughters and Accidental Judgments, Osgoode Society for Canadian Legal History, Toronto 1997; Ian Campbell: Murder at the Abbaye. The Story of Twenty Canadian Soldiers Murdered at the Abbaye dArdenne, Golden Dog, Ottawa 1996; B. J. S. Macdonald: The Trial of Kurt Meyer, Clarke, Irwin & Co., Toronto 1954; Howard Margolian: Conduct Unbecoming: The Story of the Murder of Canadian Prisoners of War in Normandy, University of Toronto Press, Toronto 1998. P. Whitney Lackenbauer, Chris M. V. Madsen (Hrsg.): Kurt Meyer on Trial, Canadian Defence Academy Press, Kingston 2007 (vgl. dazu Review von Michael R. Marrus. In: The Canadian Historical Review, 91/1, 2010, S. 162–164, doi:10.1353/can.0.0273). Ähnlich wie kurz zuvor im Prozess gegen den japanischen General Yamashita Tomoyuki erweiterte das Verfahren „das Prinzip der Verantwortlichkeit militärischer Vorgesetzter im internationalen Recht erheblich“.

Angesichts der hohen Zahl von Kriegsgefangenen, die Meyers Division ermordet hatte, war im Herbst 1944 ein Untersuchungsbericht der Alliierten zu dem Schluss gekommen, dass es eine explizite oder implizite Genehmigung des Divisionsstabs gab, Kriegsgefangene zu töten. Im Prozess gegen Meyer gelang es nicht, die Existenz eines entsprechenden geheimen Befehls nachzuweisen. Nach heutigem Forschungsstand ist es unwahrscheinlich, dass ein solcher Befehl bestand, da nicht alle Meyer unterstehenden Einheiten Kriegsgefangene erschossen. Hingegen „steht nahezu zweifelsfrei fest“, dass Meyer die Befehle zu den Morden an Kriegsgefangenen in unmittelbarer Nähe seines Gefechtsstandes gab.Lieb: Konventioneller Krieg oder Weltanschauungskrieg, S. 160. Während der Invasion in der Normandie ermordete Meyers Division mindestens 187 kanadische Soldaten.

Eine Reihe von Persönlichkeiten der Nachkriegszeit setzte sich für Meyers Begnadigung ein, darunter der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen. Die Todesstrafe wurde am 13. Januar 1946 auf Anordnung des kanadischen Generalmajors Christopher Vokes in lebenslange Haft umgewandelt. Innerhalb des kanadischen Militärs diskutierte man das Verfahren kontrovers, da auch alliierte Truppen Kriegsgefangene getötet hatten. Bereits im Gerichtsverfahren war erkennbar, dass die als Richter eingesetzten Generäle Sympathien für Meyer hegten und mit ihm einen gemeinsamen Verhaltenskodex teilten. Außerhalb des Militärs wurde in Kanada eine exemplarische Bestrafung der Mörder kanadischer Soldaten gefordert.Birn: Spät, aber gründlich, S. 568. Nach Umwandlung des Todesurteils überstellte man Meyer nach Dorchester in Kanada. Am 17. Oktober 1951 kam er in die Justizvollzugsanstalt Werl in Deutschland. Im Juli 1953 besuchte Bundeskanzler Konrad Adenauer Meyer in Werl.Bert-Oliver Manig: Die Politik der Ehre: die Rehabilitierung der Berufssoldaten in der frühen Bundesrepublik. Wallstein, 1. Aufl. 2004, ISBN 978-3-89244-658-3, S. 482 (books.google.de) Der Wahlkampf vor der Bundestagswahl 1953 war von der Debatte um die Wiederbewaffnung geprägt.Peter Dudek, Hans-Gerd Jaschke: Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Zur Tradition einer besonderen Kultur. Band 1. Westdeutscher Verlag, Opladen 1984, ISBN 3-531-11668-1, S. 100.

Am 6. September 1954, nach insgesamt neun Jahren Haft, wurde Meyer aus dem Gefängnis entlassen. Bei seiner Ankunft in Niederkrüchten, seit Kriegsende Wohnort seiner Frau, begrüßte ihn ein Fackelzug; ein Kirchenchor und eine Feuerwehrkapelle traten auf. Peter Dudek und Hans-Gerd Jaschke ordnen den „Triumphzug“ für Meyer als „Reaktion der Bürger“ ein, nachdem zuvor Politiker aller großen Parteien auf die politischen Ansprüche der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS (HIAG) eingegangen seien.Peter Dudek, Hans-Gerd Jaschke: Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Zur Tradition einer besonderen Kultur. Band 1. Westdeutscher Verlag, Opladen 1984, ISBN 3-531-11668-1, S. 110.

Netzwerk der Waffen-SS und Kriegsverherrlichung in den 1950er Jahren