Unter dem Stockholm-Syndrom wird jenseits fachwissenschaftlicher Diskurse ein psychologisches Phänomen verstanden, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies könne dazu führen, dass die Opfer mit den Tätern sympathisieren und mit ihnen kooperieren. Geprägt wurde der Begriff 1973 von einem schwedischen Polizeipsychologen. Seitdem wird er medial popularisiert, obwohl sich empirisch keine entsprechenden Nachweise finden lassen und die Existenz eines solchen Syndroms wissenschaftlich überwiegend angezweifelt wird.

Wortherkunft Der Begriff Stockholm-Syndrom, der als Syndrom in einschlägigen medizinisch-diagnostischen Klassifikationssystemen wie dem ICD-11 nicht verzeichnet ist, geht auf die Geiselnahme am Norrmalmstorg vom 23. bis 28. August 1973 in der schwedischen Hauptstadt Stockholm zurück, die seinerzeit in den „Mittelpunkt der öffentlichen Berichterstattung“ geriet.

mini|Das ehemalige Kreditbanken-Gebäude in Stockholm

Bei dem Überfall auf die Schwedische Kreditbank im Zentrum der Stadt wurden vier der Angestellten als Geiseln genommen. In den folgenden 131 Stunden der Geiselnahme sei zum ersten Mal – so das Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Jahr 2016 unter dem Titel Die Geburt des „Stockholm-Syndroms“ – „über einen schwedischen Kriminalfall quasi live berichtet“ worden. Laut dem Artikelautor Alex Raack prägte der Stockholmer Polizeipsychologe Nils Bejerot den Begriff, wodurch „die ungewöhnliche und verstörende Zuneigung der Geiseln zu den Geiselnehmern“ einen Namen erhalten habe. Allerdings sei er der „höchst komplexen psychopathologischen Ausnahmesituation, in der sich Opfer einer Geiselnahme“ befänden, „nie gerecht“ geworden.

Christian Lüdke und Karin Clemens gaben im Jahr 2001 ihrem Artikel in der Zeitschrift Psychotraumatologie den Titel Abschied vom Stockholm-Syndrom und kamen auf Basis einer umfangreichen Literaturrecherche wissenschaftlicher Publikationen zu der Feststellung, dass „die Frage, ob es das beschriebene ‚Stockholm-Syndrom‘ überhaupt gibt, noch nicht völlig geklärt“ sei. Es sei nicht auszuschließen, dass es sich dabei um eine „Legende“ handle, „die in weiten Teilen mystifiziert wurde“. Auch die American Psychiatric Association (APA) nahm den Begriff nicht in ihre diagnostische Klassifikation auf.

Begriffskritik Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von 2008 kam zu der Erkenntnis, dass trotz breiter medialer Rezeption wenig wissenschaftliches Material zum Begriff des Stockholm-Syndroms existiert. Insbesondere konnten keine eindeutigen Diagnosekriterien ausgemacht werden.M. Namnyak, N. Tufton, R. Szekely, M. Toal, S. Worboys, E.L. Sampson: “Stockholm syndrome”: psychiatric diagnosis or urban myth? Acta Psychiatrica Scandinavica. 117 (2008), Nr. 1, S. 4–11. Das Stockholm-Syndrom wurde deshalb noch nie im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders aufgeführt. Es handelt sich laut Michael Adorjan et al. um kollektive Narrative einer Viktimisierung.

Im allgemeinen Gebrauch fokussiert der Begriff auf eine positiv besetzte Bindung der Geiseln an die Geiselnehmer. Medial wird der Eindruck erweckt, von einer solchen traumabedingten Reaktion seien Geiseln – und unter ihnen bevorzugt Frauen – nicht selten betroffen, obwohl sich dies empirisch nicht belegen lässt. Beispielsweise dokumentierte der Spiegel 2016 in seiner Fotostrecke zum sogenannten Stockholm-Syndrom unter dem Titel Wenn Geiseln Bindungen zu Tätern entwickeln neben vier Fotos aus der Entführung in Stockholm weitere 15 über andere Geiselnahmen, während Lüdke und Clemens wissenschaftsbasiert Zweifel äußerten, dass es das Stockholm-Syndrom überhaupt gibt.

Der Psychologe Freihart Regner, Traumatherapeut und Leiter eines Projekts für traumatisierte Flüchtlinge in Brandenburg, befasst sich bevorzugt mit politisch Verfolgten und Folteropfern. Er benutzt den Begriff Stockholm-Syndrom lediglich andere Autoren zitierend, doch richtet er sein Augenmerk in seiner Kritik an der „Psychodynamik der traumatischen Reaktion“ ebenfalls auf das Phänomen. Eine „phantasmatisch und libidinös besetzte Täterbindung“ könne „nach extremer (politischer) Gewalt auf eher bewußter oder eher unbewußter Ebene in (schwerlich zu quantifizierenden) Ausnahmefällen durchaus auftreten“, doch sie „zum ausschließlichen Wesenskern traumatischer Reaktion zu erklären“ entspreche einer „empirisch hochselektiven Wahrnehmung“.

Alexa Waschkau und ihr Ehemann Alexander widmeten als Betreiber des Themen-Podcasts Hoaxilla im September 2022 ihren 305. Podcast dem Stockholm-Syndrom. Sie werteten wissenschaftliche Literatur und Ermittlungsakten des FBI aus. Sie wiesen darauf hin, dass der Begriff nahezu ausschließlich auf weibliche Opfer einer Geiselnahme angewendet wird und interpretierten dies als Täter-Opfer-Umkehr (Opferbeschuldigung). Es ließen sich zwar Veröffentlichungen finden, die den Begriff scheinbar plausibel begründen, die „evidenzbasierte Psychologie“ widerspreche dem aber. Neben Links zu verschiedenen Publikationen zum Thema wird auf der Website ein YouTube-Video des Kabarettisten Florian Hacke verlinkt, der sich in der 23. Folge seiner Serie Feierabend mit dem Stockholm-Syndrom befasste.

Im Juni 2025 veröffentlichte das Magazin National Geographic eine ausführliche, von Lisa Lamm verfasste und mit zahlreichen Belegen untermauerte Kritik an der Diagnose. Lamm zufolge handelt es sich um eine „emotionale Reaktion auf eine Ausnahmesituation“ und nicht „um eine diagnostizierbare Krankheit“. Die „Diagnose Stockholm-Syndrom“ werde einer Studie aus dem Jahr 2008 zufolge „vor allem von den Medien gestellt“. Die Diagnose schreibe den Opfern eine Störung zu und minimiere die „Verantwortung der Täter“. Auch werde sie „fast ausschließlich Frauen“ zugeschrieben, „denen in diesem Zuge gestörte sexuelle Beziehungen und unlogische Verhaltensmuster während der Geislnahmen nachgesagt“ würden, wodurch ihre Verhaltensweisen „als irrational abgestempelt und nicht als wichtige Strategien, die in einer außergewöhnlichen Situation ihr Überleben sichern“ kann, anerkannt werden. Dass das Verhalten eines Opfers durch „rationale Überlebensstrategien“ begründet sein kann, werde oft vergessen. Für jene Fälle von Gewalt oder Geiselnahmen, in denen Geschädigte tatsächlich eine emotionale Bindung zu den Tätern aufbauen, habe sich der Begriff der Traumabindung etabliert, der – anders als der Ausdruck Syndrom – eine solchen Bindung nicht mit Irrationalität in Verbindung bringt und „implizit dem Opfer eine Schuld“ zumisst.

Symptome Insbesondere in der Regenbogenpresse wird der Anschein erweckt, es gebe Symptome, die sich zum Stockholm-Syndrom zusammenfassen ließen. Die Cleveland Clinic, ein großes Krankenhaus in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio, behauptet auf ihrer Website die Existenz eines Stockholm Syndrome und beruft sich dabei auf drei Veröffentlichungen, die den Begriff im Titel tragen. Der Begriff wird dort auf jegliche Arten psychischer Traumata ausgeweitet, die eine Bindung zwischen Opfer und Täter, auch Traumabindung genannt, bewirke. Außer Sympathie für die Geiselnehmer und Antipathie für die in das Geschehen eingreifende Polizei werden Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung benannt. Über die Ursachen und die Frage, warum manche Geiseln in der beschriebenen Weise reagieren und andere nicht, sei nichts bekannt, und weil es an der Anerkennung als Krankheit mangele, gebe es keine standardisierten Behandlungsempfehlungen. Die Klinik lässt verlauten, bei dem Stockholm Syndrome handle es sich um einen Bewältigungsmechanismus.

Die Angaben der Klinik werden mit wissenschaftlicher Expertise nicht bestätigt: „Vom derzeitigen Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass es bisher keine empirisch-wissenschaftliche Studie gibt, mit der das sog. ‚Stockholm-Syndrom‘ umfassend erklärt und als Enddiagnose bestätigt werden kann.“ Diese Aussage von Lüdke und Clemens fußt auf einer Literaturrecherche, die im Herbst 2000 am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität zu Köln durchgeführt wurde und in die ausschließlich empirisch-wissenschaftliche Studien einbezogen wurden.

Nach Lüdke und Clemens wären zu den „beobachtbaren und diagnostizierten Kernsymptomen“ des Stockholm-Syndroms, das sie konsequent in Anführungszeichen setzen, Intrusionen, emotionale Taubheit, Dissoziation und Übererregungssymptome zu zählen, die allerdings „eher an ein erzwungenes Bindungstrauma oder ein Viktimisierungstrauma“ als an ein Syndrom denken ließen.

Im Lehrbuch der Psychotraumatologie von Gottfried Fischer und Peter Riedesser ist das Stockholm-Syndrom nicht verschlagwortet.

Ursachen Obwohl die Cleveland Clinic entgegen allen bekannten diagnostischen Klassifikationssystemen den Begriff und die Existenz eines solchen Syndroms anerkennt und auf ihrer Website Informationen darüber zusammenstellt, bleiben Aussagen über mögliche Ursachen vage und unbelegt. Es könne sich um eine von unseren Vorfahren erlernte Technik handeln: Die Bindung an die Geiselnehmer erhöhe die eigenen Überlebenschancen. Evolutionspsychiatern zufolge handle es sich um eine natürliche menschliche Eigenschaft („natural human trait“). Ebenfalls ohne Beleg und namentlich nicht kenntlich wird eine zweite „Theorie“ erwähnt, der zufolge Menschen in Gefangenschaft ihre Gefühle der jeweiligen Situation anzupassen pflegten. Würde ihnen freundlich begegnet, entwickle sich Mitgefühl mit dem Täter, verletze er sein Opfer nicht, reagiere es mit Dankbarkeit. Kooperation könne die eigene Sicherheit gewährleisten.

Trotz aller Zweifel am Stockholm-Syndrom aus wissenschaftlicher Perspektive äußern sich auch den Begriff ablehnende Autorinnen und Autoren zur Frage, wie eine Täterbindung, wenn sie denn fachlich fundiert festzustellen wäre, entstehen könnte.

Für die Frage nach den Ursachen wird zuweilen auf den psychoanalytischen Begriff der Identifikation mit dem Aggressor zurückgegriffen, obwohl andere Autoren, wie Regner erwähnt, eher den Abwehrmechanismus der Introjektion am Werk sehen. Er zitiert Reddemann und Sachsse, die sich aus ihrer klinischen Erfahrung bereits 1998 gegen die Annahme einer libidinösen Besetzung von „Täterintrojekten“ etwa im Sinne eines Stockholm-Syndroms aussprachen:

Auch bleibt Regner zufolge, der sich in seiner Abhandlung „kritisch mit einem tiefenpsychotraumatologischen Modell“ auseinandersetzt, demzufolge es zu einer „Liebesbeziehung“ zum Täter komme, grundsätzlich „diskussionswürdig, was in diesem Zusammenhang und überhaupt unter ‚Libido‘ bzw. ‚Liebe‘ zu verstehen wäre“.

Als Germanist und Kognitionswissenschaftler bringt Fritz Breithaupt die Ursachen des Stockholm-Syndroms, das er nicht hinterfragt, mit dem Begriff der Empathie in Verbindung – in seinem populärwissenschaftlichen Buch Die dunklen Seiten der Empathie. Mit seinem Buch wolle Breithaupt „die problematischen Aspekte des ›homo empathicus‹ betonen“, denn Empathie könne „zum Selbstverlust führen“, tendiere zu einem „Freund-Feind-Denken“ und werde „regelmäßig mit bloßer Identifikation verwechselt“. In einem Interview auf SWR2 bezeichnete Breithaupt Empathie als eine Art „sechster Sinn“.

In milderen Fällen könne laut Breithaupt das Mitleiden „bedeuten, dass man manipuliert“ werde, „im schlimmsten Fall, dass man sich vollständig im anderen verliert wie beim Stockholm-Syndrom“.