mini|Feuchtwiese in Nordwestdeutschland mit Wiesenschaumkraut und Sumpfdotterblume (Calthion) Der oder das Biotop (, und ) ist ein bestimmter Lebensraum einer Lebensgemeinschaft (Biozönose) in einem Gebiet. Biotope sind die kleinsten Einheiten der Biosphäre. Im Bereich des Naturschutzes und der Landschaftspflege werden Biotope aus pragmatischen Gesichtspunkten Biotoptypen zugeordnet. Der Begriff wurde zuerst im Jahr 1908 durch Friedrich Dahl in die Wissenschaft eingebracht.„Will man nicht nur die Tiere, sondern auch die Pflanzen in die Bezeichnung einschließen, so kann man die deutschen Worte »Gewässer- und Geländearten« als »Biotope« wiedergeben.“ Friedrich Dahl: Grundsätze und Grundbegriffe der biocönotischen Forschung. In: Zoologische Anzeiger 33 (1908), Nr. 11: S. 349–353, hier: S. 351 Volltextquelle

Begriffsbestimmung Der Begriff Biotop ist wertfrei. Hinsichtlich der Entstehung unterscheidet man zwischen natürlicher Wildnis, deren Landschaft nicht vom Menschen verändert wurde, die auch als Primärbiotop bezeichnet werden, und Biotopen die in Gebieten entstehen, die starkem menschlichem Zugriff ausgesetzt waren als Sekundärbiotope.

Primärbiotope sind somit natürlich entstandene Landschaftsbestandteile wie nicht begradigte Bäche, und Flussauen, Borealer Nadelwald, Wüsten etc., während vom Menschen erschaffene Landschaftsbestandteile wie Bergbaufolgelandschaften, Stadtlandschaften und landwirtschaftliche Nutzflächen ebenso zu den Sekundärbiotope zählen wie Streuobstwiesen und Bergweiden.Im Portrait – die Arten und Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, abgerufen am 27. März 2023

Gemäß Naturschutzbestimmung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie werden Lebensraumtypen unterteilt, wobei natürliche Biotope als prioritär bezeichnet werden (siehe Liste der FFH-Lebensraumtypen).

Da beide Biotoparten als Habitat einer Vielzahl von Arten von Pflanzen, Pilzen und Tieren oder Gemeinschaften (Biozönose) dienen, werden sie oft nach ihren Eigenschaften, einschließlich Bodenmerkmalen, klimatischen Faktoren und abiotischen Bedingungen voneinander abgegrenzt. Ein Biotop ist in den Biowissenschaften ein Lebensraum von Organismen. mini|Halbtrockenrasen (Mesobromion erecti) auf Muschelkalkhang in der Rhön, mit Gewöhnlicher Kuhschelle

Ein Biotop kann sowohl Raum verschiedener Habitate (faunistische oder floristische „Wohnräume“) als auch selbst Bestandteil eines oder mehrerer Habitate sein. Es kann sowohl die vorhandene Biozönose (Lebensgemeinschaft) prägen als auch von ihr geprägt werden, weshalb man immer von einer Wechselwirkung zwischen Leben und Lebensraum ausgehen darf.

Biotope können als Kleinform bestimmten Biomen bzw. Ökozonen (ökologischen Großregionen) zugerechnet werden. Abgrenzung und Anzahl der Biome sind Ansichtssache, verbreitet (z. B. bei Begon et al.M. Begon, J. L. Harper, C. R Townsend, 1999: Ökologie. Individuen-Populationen-Lebensgemeinschaften. Birkhäuser Verlag, Basel) ist die Unterscheidung von acht terrestrischen Biomen (Arktische Tundra, Nördlicher Nadelwald, Wald der gemäßigten Zonen, Tropischer Regenwald, Regengrüne Wälder, Steppen, Tropische Savannen, Mediterrane Vegetation, Wüste, Gebirge). Betrachtet man ausschließlich die Vegetation dieser Räume, werden sie unter den gleichen Bezeichnungen Pflanzenformationen beziehungsweise Vegetationszonen genannt.

mini|Ein von Menschen geschaffenes Biotop am Schleifgraben bei Werbach

Umgangssprachlich wird der Begriff seit der Naturschutzdebatte der 1970er Jahre auch wertend für einen, meist neu geschaffenen, kleinen Landschaftsbereich verwendet, der bedrohten Tier- oder Pflanzenarten (meist Amphibien) als Lebensraum dienen soll. Sehr oft handelt es sich um ein Stückchen Feuchtbrache mit einem selbst gegrabenen Tümpel darin („Wir legen ein Biotop an“). Diese Verwendung des Begriffs entspricht nicht seiner Bedeutung in der Wissenschaft, schwingt aber auch bei fachlicher Verwendung manchmal mit, indem „Biotop“ eben nicht wertfrei, sondern positiv besetzt verwendet wird (wie in „Biotopvernetzung“). Gemeint ist dann eigentlich „Biotop einer schützenswerten Art/Lebensgemeinschaft“.

Begriffsabgrenzung zum Habitat

Der Begriff Biotop muss von Habitat unterschieden werden. Während der Begriff Biotop eine funktionale Komponente hat, ist ein Habitat der (räumlich verstandene) Lebensraum, Lebensstätte einer Art oder Artengemeinschaft, möglicherweise auch nur ein Teil davon (z. B. Sommer- und Winterhabitat). Merkregel: „Biotop und Habitat“ sind wie „Stadt und Wohnort“.

Habitate und Biotope müssen nicht deckungsgleich sein. Das Biotop einer Lebensgemeinschaft (z. B. ein Wald) kann für unterschiedliche Arten unterschiedliche Habitate bereitstellen (ein Wald hat Strukturen wie Astlöcher, Kronen- und Krautschicht, Boden …), z. B. für Insekten. Ein Habitat kann mehrere Biotope umfassen, z. B. komplementäre Habitate, wie bei wandernden Vögeln oder vielen Säugetieren, die beispielsweise Winter- und Sommerquartiere aufsuchen.

Im englischen Sprachraum wird der Begriff Habitat („habitat“) in der Regel in der Bedeutung des deutschen „Biotop“ verwendet. In englischsprachigen Fachbüchern, teilweise auch in solchen, die aus dem Englischen übersetzt worden sind, sind die Begriffe dann synonym. Später wurde auch der Ausdruck Biotop („biotope“) aus dem Deutschen in den englischen Sprachraum importiert – allerdings weniger in seiner ursprünglichen, fachlichen Bedeutung, sondern mehr im zweiten umgangssprachlich-wertenden Sinn.

Systematik Die Größe eines Biotops wird in der Ökologie durch den benötigten Lebensraum der darin lebenden Organismen vorgegeben. Insbesondere große Tierarten benötigen in der Regel auch große Biotope, die zusätzlich noch aus, teilweise räumlich getrennten, Teilhabitaten zusammengesetzt sein können. Bei Betrachtung von großen, wandernden Arten wie dem Grauwal umfasst es Tausende Quadratkilometer. Sind solche Teilhabitate, zum Beispiel Sommer- und Überwinterungshabitate, für das Überleben der betrachteten Art(en) wesentlich, zählen sie alle zusammen zu dem Biotop. Da der Begriff Biotop so durch die besiedelnden Organismen bzw. durch deren Lebensgemeinschaften definiert ist, ist die Angabe einer absoluten Größe ohne Bezug darauf sinnlos. Beispielsweise kann ein Wald als Biotop von Wildarten wie Hirschen gefasst werden, aber auch eine ausgefaulte, wassergefüllte Höhlung eines einzelnen Baums darin, etwa als Biotop von Ruderfußkrebsen.

Je nach Problem- und Fragestellung innerhalb der Ökologie können Biotope manchmal einengend als Phytotope (Pflanzenstandort) und Zootope (Tierwohnort) bezeichnet werden. Diese Bezeichnungen sind aber nicht allgemein gebräuchlich. Biochoren sind eng abgegrenzte Lebensbereiche innerhalb eines Biotops.Biochore bei langenscheidt.comBiochore. Duden

Ein Biotop (hier aufgefasst als räumliche Erstreckung eines bestimmten Biotoptyps) ist die kleinste räumliche Einheit in der Landschaftsökologie – diese Verwendung des Begriffs deckt sich nicht ganz mit derjenigen in der Ökologie. Manche Biotope in diesem Sinne können je nach Systematik der Erfassung (Biotoptypenkartierung) eine sehr große Fläche einnehmen (z. B. Seen, Watt).

Ein Biotop (oder mehrere) mitsamt den darin lebenden Tieren und Pflanzen und den Interaktionen zwischen ihnen bilden ein Ökosystem. In der Landschaftsökologie ist daneben der (veraltete) Ausdruck „Biogeozönose“ anzutreffen. Weitere Artikel über Biotope befinden sich in der :Kategorie:Biotop

Bewertung und Gefährdung Biotope und Biotoptypen werden häufig nach ihrer Seltenheit (bzw. Flächenentwicklung und funktionaler Stellung im Ökosystem), nach ihrer Eignung als Lebensraum für bedrohte Arten oder nach dem Grad ihrer Beeinflussung durch den Menschen (Hemerobie) bewertet.

Habitate (Lebensräume) mobiler Tierarten setzen sich oft aus mehreren Biotoptypen (als Teilhabitaten) zusammen. Dabei entstehen bei räumlicher Nachbarschaft von verschiedenen natürlichen Biotoptypen artenreiche Biotopkomplexe. Mosaikartig zusammengesetzte Kulturlandschaften aus extensiven Wirtschaftsformen ersetzen teilweise Biotope, die sich ohne Beeinflussung des Menschen im Verlauf der Sukzession (Ökosystementwicklung) von selbst entwickeln konnten (Naturlandschaften). Strukturreiche Landschaften dieser Art sind vor allem durch wirtschaftliche Interessen der Gesellschaft bedroht (Landnahme durch Verkehr, Siedlung und Rohstoffabbau, Intensivierung von Agrar- und Forstwirtschaft). Einzelne Biotope bzw. Ökosysteme leiden zudem unter dem Eintrag von Schadstoffen aus der Luft oder durch direkte Einleitungen.

Viele mobile Tierarten haben darüber hinaus einen Minimalbedarf an Flächengröße. Vor allem Tierarten, die sich am Boden fortbewegen oder sehr scheu sind, benötigen größere, zusammenhängende Lebensräume. Verkehrstrassen, land- oder forstwirtschaftliche Monokulturen und Siedlungen oder Einzelbauwerke (z. B. Wasserkraftwerke) stellen nicht nur einen Verlust von Biotopfläche dar, was zu einem Aussterben von relativ unempfindlichen Arten (die meisten massenhaft auftretenden Insekten, Spinnen, Kleinstlebewesen) in Teilräumen führen kann. Durch Landschaftszerschneidungen und negative Randzoneneinflüsse mindern sie die Qualität und Erreichbarkeit der verbleibenden Biotope (Isolation), so dass viele empfindliche und mobile Arten (beispielsweise Luchs, Wolf, Seeadler, viele Fischarten) ausgestorben oder gefährdet sind und trotz intensiver Bemühungen die Biotope nicht wieder besiedeln können.

Biotopschutz und der Biotopverbund mini|Ungehinderte Wirkung natürlicher Kräfte am Werbellinsee (2018): Durch Verwitterung des Ufers halten sich manche Bäume nicht und stürzen bei Wind ins Wasser. Liegenbleibend bilden sie ein neues Biotop.