mini|Friedrich Glauser in der Psychiatrischen Klinik Münsingen.«Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, etwas, was außer mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen.»Friedrich Glauser im Lebenslauf Waldau (1934): Das erzählerische Werk. Band 3: König Zucker. Limmat Verlag, Zürich 1993, ISBN 3-85791-205-7, S. 347.

Friedrich Charles Glauser (* 4. Februar 1896 in Wien, Österreich-Ungarn; † 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua; heimatberechtigt in Muri bei Bern) war ein Schweizer Schriftsteller, dessen Leben geprägt war von Entmündigung, Drogenabhängigkeit und Internierungen in psychiatrischen Anstalten. Trotzdem erlangte er mit seinen Erzählungen und Feuilletons, vor allem jedoch mit seinen fünf Wachtmeister-Studer-Romanen, literarischen Ruhm. Glauser gilt als einer der ersten und zugleich bedeutendsten deutschsprachigen Krimiautoren.

Glauser über Glauser Am 15. Juni 1937 schrieb Glauser in einem Brief im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Fremdenlegions-Romans Gourrama an den Journalisten und Freund Josef Halperin:

Mo. steht für die Droge Morphin, von der Glauser während langer Phasen seines Lebens stark abhängig war.

Leben Friedrich Glausers Leben war ein Teufelskreis aus Morphiumsucht, Geldnot, Beschaffungskriminalität und endete immer wieder in Kliniken; bis zur nächsten Entlassung, bis zum nächsten Suizidversuch, bis zum nächsten Fluchtversuch. Insgesamt verbrachte er so acht Jahre seines Lebens in Kliniken; dazu erwähnt er 1932 in seiner autobiographischen Erzählung Morphium: «Zufrieden war ich eigentlich immer erst, wenn ich im Gefängnis oder im Irrenhaus war.»Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 2: Der alte Zauberer. Limmat Verlag, Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 184. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete Glauser zwischenzeitlich als Knecht, Milchausträger, Arbeiter in einer Munitionsfabrik, Buchhändler, Privatlehrer, Heizer, Übersetzer, Kaufmann, Journalist, Fremdenlegionär, Tellerwäscher, Grubenarbeiter, Krankenpfleger, Bibliothekar, Buchbinder, Raumpfleger, Organist, Gärtner und als Selbsternährer auf einem Bauerngut. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Zürcher Friedhof Manegg.

«Ein unbequemer Sohn»: Kindheit und Jugend (1896–1916) mini|Gedenktafel in der Wiener Schelleingasse

Friedrich Charles Glauser wurde am 4. Februar 1896 in Wien geboren als Sohn des Schweizer Lehrers Charles Pierre Glauser und seiner Ehefrau Theresia Glauser, geborene Scubitz, aus Graz. Im Jahre 1900 starb seine Mutter an einer Blinddarmentzündung; der Vater schien überfordert, seinem Sohn die fehlende mütterliche Geborgenheit zu geben, und forderte stattdessen Leistung, auf die der Junge mit zunehmender Rebellion reagierte. 1902 heiratete Charles Pierre Glauser Klara Apizsch. Im selben Jahr trat Friedrich Glauser in die Evangelische Volksschule am Karlsplatz ein und vier Jahre danach ins Elisabeth-Gymnasium, wo er die dritte Klasse wiederholen musste. 1909 trennten sich Vater und Stiefmutter, und Glausers Grossmutter übernahm die Rolle der Erzieherin, da der Vater an die Handelshochschule nach Mannheim berufen wurde. Im Sommer dieses Jahres brannte der 13-Jährige alleine über die slowakische Grenze nach Pressburg durch, wo er von der Polizei aufgegriffen und nach Wien zurückgeführt wurde. Die Beziehung zwischen Glauser und seinem Vater wurde zusehends schwieriger und blieb ein zentrales und zugleich konfliktbeladenes Thema. Nach dieser Flucht aus dem Elternhaus nahm der Vater den Jungen von der Schule und schickte ihn mit Beginn des Schuljahres 1910 ins Landerziehungsheim Glarisegg im schweizerischen Steckborn. 1911 heiratete Charles Pierre Glauser ein drittes Mal, diesmal Louise Golaz aus Genf, welche als Gouvernante im Hause Glauser lebte, und zog endgültig nach Mannheim, wo er fortan als Rektor der Handelshochschule tätig war.

Im Landerziehungsheim Glarisegg kam es in der Folge zu neuen Problemen: Glauser machte Schulden in den umliegenden Dörfern und versetzte dem Lateinlehrer Charly Clerc einen Schlag, weil dieser ihn vor die Tür gestellt hatte. Als er 1913 einen Suizidversuch mit Chloroform unternahm, wurde er gezwungen, die Schule zu verlassen. Er absolvierte daraufhin ein halbes Jahr Landdienst bei einem Bauern in der Nähe von Genf und trat schliesslich im September in das Collège Calvin (bis 1969 «Collège de Genève») ein. Im ersten Jahr wohnte er bei seiner (Stief-)Tante Amélie (die Schwester von Vater Glausers dritter Gattin); in der Diplomatenhauptstadt begann auch Glausers Drogenabhängigkeit: «Der Apotheker, bei dem ich Äther holte, ein kleines buckliges Männchen, gab mir auf mein Verlangen Morphium, ohne Rezept. […] Und so begann das Unglück. […] Essen war Nebensache, was ich verdiente, bekam der Apotheker.»Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 2: Der alte Zauberer. Limmat Verlag, Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 177/178. 1915 absolvierte Glauser die Rekrutenschule in der Schweizer Armee als Gebirgsartillerist in Thun und Interlaken. Er wurde zum Unteroffizier vorgeschlagen, erwies sich in der Ausbildung aber als «schlapp, energielos, absolut unfähig, seinen Grad zu bekleiden».Frank Göhre: Zeitgenosse Glauser – Ein Portrait. Arche, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2077-X, S. 30. Daraufhin wurde er als dienstuntauglich aus der Armee entlassen. Wieder in Genf am «Collège», entdeckte er seine schriftstellerische Begabung und veröffentlichte als junger Gymnasiast unter dem Namen Frédéric Glosère oder dem Pseudonym «Pointe-Sèche» (deutsch: Radiernadel) seine ersten Texte auf Französisch in L’Indépendence Hélvetique; bis 1916 verfasste Glauser neun Kritiken und Aufsätze in vorherrschend provokantem Stil. 1916 kam es aus diesem Grund zum Eklat, in dessen Folge Glauser ein Schulverweis drohte. Grund dafür war seine vernichtende Kritik Un poète philosophe – M. Frank Grandjean (1916)Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk, Band 1: Mattos Puppentheater. Zürich 1992, ISBN 3-85791-203-0, S. 415. am Gedichtband des Collège-Lehrers Frank Grandjean. Wegen des möglichen Schulausschlusses verliess Glauser, nachdem er seine Volljährigkeit erreicht hatte, das «Collège», brach seine Beziehung zum Elternhaus ab und wechselte nach Zürich, um dort die Matura abzulegen.

→ Detaillierte Kapitel: Glauser und sein Vater Glauser am «Collège» in Genf

→ Autobiografische Texte aus diesem Lebensabschnitt: Morphium. (1932) Im Landerziehungsheim. (1933) Schreiben… (1937) Gesprungenes Glas. (1937/38) Damals in Wien. (1938) Der Kleine. (1938)

«Flucht aus der Zeit»: Dadaismus, Tessin und Baden (1916–1921) mini|Die autobiografische Erzählung Dada in der Ausgabe des Limmat Verlages, Illustrationen von Hannes Binder

Nachdem Glauser das Collège in Genf wegen des möglichen Schulausschlusses verlassen hatte, legte er im April 1916 am «Minerva-Institut» in Zürich die Matura ab und schrieb sich als Chemiestudent an der Universität ein. Gleichzeitig gründete er mit Georges Haldenwang die literarische Zeitschrift Le Gong – Revue d’art mensuelle, die allerdings nur dreimal erschien. Im Herbst brach Glauser das Chemiestudium ab, trat in Kontakt mit der Dada-Bewegung und führte fortan ein Künstlerleben. Dabei lernte er diverse Persönlichkeiten wie Max Oppenheimer, Tristan Tzara, Hans Arp, Hugo Ball vom Cabaret Voltaire, der Geburtsstätte des Dadaismus, und dessen spätere Ehefrau Emmy Hennings kennen. Am 29. März und 14. April 1917 wirkte Glauser aktiv an Dada-Soireen mit, letztlich blieb ihm die Kunstbewegung jedoch fern. Getrieben von der Morphiumsucht wurde Glauser immer wieder straffällig, hinterging Freunde und Bekannte, beging Diebstähle und fälschte Rezepte. Glausers Vater weigerte sich zum ersten Mal, die Schulden seines Sohnes weiter zu bezahlen. Er stellte einen Antrag auf psychiatrische Untersuchung und schaltete die Amtsvormundschaft Zürich ein, woraufhin Glauser sich in die Südschweiz absetzte. Dort verbrachte er von Juni bis Mitte Juli mit Hugo Ball und Emmy Hennings die Zeit in Magadino und später auf der Alp Brusada im Maggia-Tal (im Valle del Salto, rund 7 Kilometer nordöstlich der Ortschaft Maggia). Im Juli 1917 reiste Glauser nach Genf und arbeitete kurzzeitig als Milchausträger in einer Joghurtfabrik und kehrte danach wieder nach Zürich zurück.

Im Januar 1918 wurde Friedrich Glauser entmündigt. Er flüchtete erneut nach Genf und wurde im Juni nach weiteren Diebstählen verhaftet und als Morphiumsüchtiger für zwei Monate in die Psychiatrische Klinik Bel-Air eingewiesen. Dort bekam er die Diagnose «Dementia praecox». Daraufhin kam er zum ersten Mal in das Psychiatriezentrum Münsingen, in dem er insgesamt beinahe sechs Jahre seines Lebens verbringen sollte. Im Juli 1919 flüchtete Glauser aus Münsingen, diesmal wieder ins Tessin und fand Unterkunft bei Robert Binswanger in Ascona. Das Dorf am Lago Maggiore unterhalb des Monte Verità war zu dieser Zeit ein Magnet für Künstlerkolonien, Bohemiens, politische Flüchtlinge, Anarchisten, Pazifisten sowie Anhänger unterschiedlicher alternativer Bewegungen. Glauser machte Bekanntschaft mit etlichen Persönlichkeiten wie Bruno Goetz, Mary Wigman, Amadeus Barth, Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky, Paula Kupka, Werner von der Schulenburg oder Johannes Nohl. Er arbeitete an mehreren Texten, fand allerdings nicht die nötige Ruhe: «Ein Freundeskreis hatte mich aufgenommen, wie ich ihn mir herzlicher nicht hätte wünschen können. Und doch dauerte es kaum zwei Monate, da sehnte ich mich wieder nach Einsamkeit.»Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk, Band 2: Der alte Zauberer. Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 89. Glauser hatte sich in die zehn Jahre ältere Elisabeth von Ruckteschell verliebt, welche zu dieser Zeit ebenfalls bei Binswanger weilte, und zog mit ihr im November 1919 in eine leerstehende Mühle bei Ronco. Dort lebten die beiden bis Anfang Juli 1920. Dann endete die Romanze abrupt: Glauser verfiel erneut der Morphiumsucht und wurde in Bellinzona verhaftet. Dort versuchte er zum zweiten Mal, sich das Leben zu nehmen, indem er sich in einer Arrestzelle erhängen wollte. Daraufhin wurde er in die Irrenanstalt Steigerhubel in Bern überführt. Am 29. Juli gelang ihm mit Hilfe von Elisabeth von Ruckteschell von dort die Flucht mit einem Taxi.

Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik «Burghölzli» fand er ab Oktober 1920 in Baden Unterkunft beim Stadtschreiber Hans Raschle und seiner Frau «Maugg», die dem Gestrauchelten eine neue Chance geben wollten. Raschle versuchte für Glauser eine Anstellung bei Brown, Boveri & Cie. zu arrangieren, was jedoch nicht zustande kam. Stattdessen absolvierte dieser ein Volontariat bei der Badener Neuen Freien Presse und verfasste Artikel für das Badener Tagblatt und die Neue Zürcher Zeitung. Nachdem die Beziehung mit Elisabeth von Ruckteschell gegen Ende des Jahres endgültig auseinandergebrochen war, begann Glauser hinter dem Rücken von Hans Raschle eine Affäre mit dessen Ehefrau. Zudem fing er an, seine Zigaretten mit Opium zu tränken, fälschte erneut Morphiumrezepte, trank Äther und verkaufte Raschles Bücher bei einem Buchhändler. Im April 1921 stürzte sich Glauser im Delirium auf «Maugg», in deren Folge sie die Ordonnanzpistole ihres Mannes gegen den Angreifer richtete. Am Abend desselben Tages war Glauser ohne Abschied verschwunden und flüchtete über die deutsche Grenze zu seinem Vater nach Mannheim. Dort angekommen riet dieser seinem Sohn, in die französische Fremdenlegion einzutreten.

→ Detaillierte Kapitel: Glauser und der Dadaismus Glauser im Tessin Glauser in Baden Glausers Internierungen in Kliniken

→ Autobiografische Texte aus diesem Lebensabschnitt: Ein Dieb. (1920) Lebenslauf Burghölzli.Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk, Band 1: Mattos Puppentheater. Zürich 1992, ISBN 3-85791-203-0, S. 358. (1920) Tagebuch Burghölzli.Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk, Band 1: Mattos Puppentheater. Zürich 1992, ISBN 3-85791-203-0, S. 359–366. (1920)