Der Wolf (Canis lupus) ist das größte heute noch lebende Raubtier aus der Familie der Hunde (Canidae).L. David Mech: Canis lupus. Mammalian Species 37, 1974, S. 1–6. doi:10.2307/3503924 Wölfe leben meist in Rudeln, bei denen es sich um Familienverbände handelt. Hauptbeute sind in den meisten Regionen mittelgroße bis große Huftiere. Die Art war seit dem späten Pleistozän in mehreren Unterarten in ganz Europa, weiten Teilen Asiens, einschließlich der Arabischen Halbinsel und Japan sowie in Nordamerika verbreitet. Wölfe haben Eingang in die Mythen und Märchen vieler Völker gefunden. Sie sind die Stammform aller Haushunde und des sekundär wilden Dingos: Hund und Wolf sind nicht durch eine Artenschranke getrennt und können daher miteinander fortpflanzungsfähige Nachkommen zeugen.
Wölfe wurden in Mitteleuropa ab dem 15. Jahrhundert systematisch verfolgt. Im 19. Jahrhundert waren sie in nahezu allen Regionen ihres weltweiten Verbreitungsgebiets vor allem durch menschliche Bejagung stark dezimiert und in West- und Mitteleuropa fast sowie in Japan vollständig ausgerottet. Seit den 1980er Jahren steht der Wolf in vielen Ländern unter Schutz – in europäischen Staaten durch die Berner Konvention, in der EU seit 1992 zusätzlich durch das Regelwerk der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. In vielen Ländern, unter anderem im Nahen Osten, besteht für den Wolf kein gesetzlicher Schutz.Claudio Sillero-Zubiri, Michael Hoffmann, David W. Macdonald: Canids: Foxes, Wolves, Jackals and Dogs. Status Survey and Conservation Action Plan. UCN/SSC Canid Specialist Group. 2004, S. 125 ff. (carnivoreconservation.org [PDF; 9,5 MB; abgerufen am 14. August 2018]).
Seit der Jahrtausendwende stieg die Anzahl der Wölfe und Wolfsrudel in Mittel- und Nordeuropa wieder deutlich an. Für den Erfassungszeitraum 2024/25 wurden bei den Wölfen in Deutschland 219 Rudel, 43 Paare und 14 territoriale Einzeltiere registriert, die in 276 Wolfsterritorien leben. Umherziehende einzelne Jungtiere wurden in der Zählung nicht berücksichtigt. Gemäß konservativer Schätzung handelte es sich um 1636 Wölfe im Herbst 2025. mini|thumbtime=0:48|hochkant=1.5|Nahaufnahmen eines Wolfes
Merkmale Allgemeine Merkmale mini|Das Fell im Bereich der Schnauze ist bei Wölfen häufig weißlich, über den Augen tragen sie oft helle Flecke; die aufrechten Ohren sind kurz und dicht behaart. Grundsätzlich ähnelt der Wolf einem großen Haushund, wobei der Rumpf im Vergleich zu ähnlich gebauten Haushunden länger und der Brustkorb höher, aber schmaler ist. Wölfe sind vergleichsweise schlank mit langen Beinen. Der Kopf ist relativ groß mit breiter Stirn, langer Schnauze und kurzen, aufrecht getragenen, innen dicht behaarten Ohren, die nach vorn weisen. Die Augen setzen schräg an und sind ebenfalls nach vorn orientiert. Der buschige Schwanz hat etwa ein Drittel der Kopf-Rumpf-Länge.H. Okarma: Der Wolf. 1997, S. 11 ff.
mini|links|Der Umriss von Rumpf und Beinen eines Wolfes bildet näherungsweise ein Quadrat. Rücken und Oberseite des Schwanzes sind häufig dunkel gefärbt. Körpergrößen und Gewichte von Wölfen sind aufgrund des ausgedehnten Verbreitungsgebietes sehr unterschiedlich und folgen teilweise der Bergmannschen Regel. Wölfe erreichen Kopf-Rumpf-Längen von zumeist 1,0 bis 1,6 Metern und Schwanzlängen von zumeist 35 bis 56 Zentimetern. Das auch innerhalb von Unterarten sehr variable Gewicht liegt in der Regel im Bereich von 13 bis 78 Kilogramm; Gewichte über 60 Kilogramm sind selten, nordamerikanische Wölfe können allerdings 80 Kilogramm erreichen. Männchen (Rüden) sind durchschnittlich größer und schwerer als Weibchen (Fähen). Die Schulterhöhe misst 66 bis 91 Zentimeter; die Hinterfußlänge 23 bis 27 Zentimeter.Peter Lüps: Canis lupus. In: Säugetiere der Schweiz / Mammifères de la Suisse / Mammiferi della Svizzera. Denkschriften der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften / Mémoires de l’Academie Suisse des Sciences Naturelles / Memorie dell’Accademia Svizzera di Scienze Naturali. Birkhäuser, Basel. Bd. 103, 1995. . Die Länge der relativ kleinen, dreieckigen Ohren beträgt neun bis zwölf Zentimeter.W. Chris Wozencraft: Wolf. In: Andrew T. Smith, Yan Xie: A Guide to the Mammals of China. Princeton University Press, Princeton NJ 2008, ISBN 978-0-691-09984-2, S. 416–418. Die größten Wölfe leben im mittleren Norden Russlands sowie in Alaska und Kanada.Ronald M. Nowak: Another look at wolf taxonomy. In: Ludwig N. Carbyn, Steven H. Fritts, Dale R. Seip (Hrsg.): Ecology and conservation of wolves in a changing world. Canadian Circumpolar Institute, University of Alberta, Edmonton 1995, S. 375–397 (PDF 1,5 MB). Die kleinsten Wölfe leben im Vorderen Orient und auf der Arabischen Halbinsel; das Minimum ihrer Kopf-Rumpf-Längen beträgt nur 82 Zentimeter. Männliche polnische Wölfe aus dem Białowieża-Urwald hatten eine mittlere Kopf-Rumpf-Länge von 119 Zentimetern und eine Schulterhöhe von 70 bis 90 Zentimetern, weibliche aus demselben Gebiet eine mittlere Kopf-Rumpf-Länge von 111 Zentimetern (Extremwerte: 97 und 124 Zentimeter) und eine Schulterhöhe von 60 bis 80 Zentimetern. Rüden aus dem Südosten Polens wogen 35 bis 67 Kilogramm, Fähen 27 bis 50 Kilogramm.Henryk Okarma: Der Wolf. 1997, S. 11–12 und dort zitierte Literatur.
Die Färbung ist sehr variabel, es gibt weiße, cremefarbene, gelbliche, rötliche, braune, graue und schwarze Wölfe. In den gemäßigten Zonen Europas und Asiens überwiegen graugelbe oder braungraue Wölfe, die nördlichen Populationen zeigen größere Anteile schwarzer und weißer Tiere. Meist überwiegen dunkle Haare auf dem Rücken und dem Schwanz. Bauch, Beine und Schnauze sind meist deutlich heller gefärbt. Nach genetischen Untersuchungen beruht die schwarze Fellfarbe bei Wölfen auf einer Mutation, die zuerst unter Haushunden auftrat und später in die Wolfspopulation eindrang.Peter Aldhous: Handsome wolves stole dogs’ black coat. In: New Scientist. Bd. 199, Nr. 2675, 2008, S. 12, doi:10.1016/S0262-4079(08)62402-1.
Schädel- und Skelettmerkmale
mini|links|Wolfsschädel: Der Jochbogen unterhalb der Augenhöhle ist weit ausladend, der Scheitelkamm auf der Oberseite des Hirnschädels ist deutlich ausgebildet. Der Schädel des Wolfes ist langgezogen, er hat eine Gesamtlänge von etwa 21 bis 25 Zentimetern und ist damit länger als der Schädel jeder anderen Art der Hunde. Das Nasenbein ist über die gesamte Länge leicht eingedellt. Das Gebiss des Wolfs besteht wie bei allen Hunden pro Oberkieferhälfte aus drei Schneidezähnen (Incisivi), einem Eckzahn (Caninus), vier Vorbackenzähnen (Praemolares) und zwei Backenzähnen (Molares) sowie pro Unterkieferhälfte drei Schneidezähnen, einem Eckzahn, vier Vorbackenzähnen, aber drei Backenzähnen. Insgesamt haben Wölfe somit 42 Zähne. Der Prämolar P4 im Oberkiefer hat eine Länge (nicht zu verwechseln mit der Höhe) von mehr als 20 Millimetern, er wird Reißzahn genannt und bildet im Zusammenspiel mit dem (ebenfalls als Reißzahn bezeichneten) Backenzahn M1 des Unterkiefers eine Brechschere. Der Molar M2 im Oberkiefer hat eine Kaufläche von mehr als 100 Quadratmillimetern, die von keiner anderen Hundeart erreicht wird. Wie alle Hunde besitzt auch der Wolf einen Penisknochen (Baculum). Dieser ist spitz zulaufend und hat eine durchgehende Kerbe.
Spuren in der Natur
Fährte mini|hochkant|Trittsiegel des Wolfs Die Trittsiegel sind acht bis zehn Zentimeter lang und sieben bis neun Zentimeter breit, wobei die der Vorderpfoten etwa einen Zentimeter größer sind als die Hinterpfoten. Die Vorderpfoten werden mehr belastet als die Hinterpfoten und hinterlassen deshalb tiefere Abdrücke. Die Schrittlänge beim Schnüren beträgt 1,1 bis 1,4 Meter. Die Unterschiede zur Fährte von Hunden sind weiter unten beschrieben.
Losung mini|hochkant|Merkmale einer Wolfslosung Der Kot des Wolfs enthält meist viele Haare und Knochensplitter, manchmal auch Zähne und Bestandteile der Klauen seiner Beutetiere. Ein Strang ist ca. 20 Zentimeter lang und hat einen Durchmesser von 2,5 bis drei Zentimetern. Da der Wolf seine Losung auch zur Markierung seines Reviers nutzt, setzt er ihn gern an exponierten Stellen ab. Man findet den Kot an den Rändern von Wegen und Wildwechseln, manchmal auch auf größeren Steinen oder Baumstümpfen. Durch Probenentnahme und DNA-Analyse lässt sich der Kot sicher zuordnen.
Rissmerkmale Das Beutetier wird meist durch einen Biss in die Kehle getötet. Der erfolgt nur einmal und wird gehalten, bis das Beutetier tot ist. Der Biss hinterlässt nur wenige äußerlich erkennbare Verletzungen. Sichtbar sind meist nur die Löcher der Eckzähne mit einem Abstand von 30 bis 40 Millimetern. Erlegte Beute wird oft in die nächste Deckung geschleppt. Beim Fressen beginnt der Wolf meist mit der Öffnung des Bauchraumes. Die inneren Organe werden vor dem Muskelfleisch bevorzugt, jedoch nicht der Magen und der Darm. Bei vollständiger Verwertung des Beutetiers bleiben am Ende nur die großen Knochen übrig.
Sinnesleistungen Geruchssinn mini|Iberischer Wolf beim Schnuppern an Geruchsmarkierungen von Artgenossen Ein wesentlicher Teil der innerartlichen Kommunikation sowie der Jagderfolg des Wolfes hängen entscheidend von olfaktorischen Signalen ab. Der Wolf als Makrosmat lebt in einer „Riechwelt“. In seiner Nasenhöhle ist der für Geruchsreize sensible Bereich um das 14-fache größer als beim Menschen und umfasst circa 280 Millionen Geruchsrezeptoren. Weitere Sinneszellen befinden sich in seinem Jacobson-Organ. Wölfe können Beutetiere auch unter relativ ungünstigen Bedingungen aus einer Entfernung von fast 300 Metern wahrnehmen. Bei sehr günstigen Windverhältnissen, wenn der Wind vom Beutetier in Richtung Wolf weht, kann er potenzielle Beutetiere über Distanzen von mehr als 2,5 Kilometern wittern.
Gehörsinn Die Empfindlichkeit des Gehörs ist so hoch, dass bei Beobachtungen von Timberwolfrudeln im Algonquin Provincial Park die Wölfe auf von einem Menschen simuliertes Wolfsgeheul aus über sechs Kilometern Entfernung antworteten. Es wird angenommen, dass Wölfe wie Haushunde auch in Frequenzbereichen bis zu 26.000 Hz hören, die für den Menschen zum Ultraschall zählen.
Sehsinn Das Sehvermögen ist gut entwickelt, der Sehsinn reagiert besonders sensibel auf Bewegungen.Henryk Okarma, Sven Herzog: Handbuch Wolf, Kosmos-Verlag, Stuttgart 2019, S. 55.
Unterschiede zum Haushund mini|Die Schnauze eines Wolfes ist lang, seine Nackenmuskulatur ist kräftig. Der Kopf wird häufig auf Höhe des Rückens gehalten. mini|links|Tschechoslowakische Wolfhunde sehen Wölfen sehr ähnlich, sie haben aber ein schlankeres Abdomen
Haushunde sind domestizierte Formen des Wolfes und gehören daher ebenso wie der Dingo derselben Art (Canis lupus) an. Die Unterscheidung von Wölfen und Haushunden ist zumeist anhand einiger charakteristischer Merkmale möglich, wobei das Ausmaß der Unterschiede je nach Hunderasse stark variiert. Die Schnauze ist bei Haushunden meist kürzer als beim Wolf. Wölfe haben häufig einen hellen Fleck über den Augen, helle Wangen und eine weißliche Halsvorderseite; oft tragen sie auf dem Rücken einen dunklen Sattelfleck. Die Augen sind gelb bis gelbgrün und stehen schräg. Die stets aufrechten Ohren sind in der Regel kleiner als die von Haushunden. Bedingt durch die im Vergleich zum Haushund längeren Beine entspricht der Körperumriss im Profil (ohne Kopf, Hals und Schwanz) näherungsweise einem Quadrat; der Körperumriss von Haushunden entspricht dagegen einem Rechteck, das länger ist als hoch. Wölfe lassen ihren Schwanz (Rute) in der Ruhe meist nach unten hängen, Haushunde tragen ihn häufig nach oben oder eingerollt. In einigen Fällen ist allerdings nur mit einer DNA-Analyse zweifelsfrei festzustellen, ob ein Individuum ein Wolf ist, ein Haushund, oder eine Mischform mit Vorfahren von beiden Seiten.
Morphologische und anatomische Unterschiede