Australopithecus (Betonung auf „pi“)Aussprache lt. duden.de ist eine nur aus Afrika bekannte, ausgestorbene Gattung der Menschenaffen aus der Tribus der Hominini, der auch die Gattung Homo einschließlich des modernen Menschen angehört. Richard Leakey zufolge handelte es sich bei allen Arten der Gattung Australopithecus ausweislich ihres kleinen Gehirns und aller anderen anatomischen Merkmale um „aufrechtgehende Affen“, abgesehen von ihrer Körperhaltung am ehesten vergleichbar mit den heute lebenden Steppenpavianen.Richard Leakey: Die ersten Spuren. Über den Ursprung des Menschen. Goldmann, München 1999, ISBN 3-442-15031-0, S. 68. Die Arten der Gattung Australopithecus lebten vor rund 4 bis 2 Millionen Jahren.
Namensgebung Die Bezeichnung der Gattung Australopithecus ist abgeleitet aus lat. australis („südlich“, wegen des Fundortes im südafrikanischen Ort Taung) und griech. πίθηκος, altgr. ausgesprochen píthēkos („Affe“); Australopithecus bedeutet sinngemäß also „südlicher Affe“. Diese Bezeichnung wurde 1925 von Raymond Dart gewählt. Das Epitheton der Typusart, Australopithecus africanus, verweist auf den Kontinent, auf dem die Schädelknochen des ersten Fossils der Gattung entdeckt wurden. Auch späterhin wurden Fossilien der Gattung ausschließlich in Afrika gefunden.
Erstbeschreibung Holotypus der Gattung und zugleich der Typusart Australopithecus africanus ist das so genannte Kind von Taung, ein fossiler Schädel, der im Herbst 1924 in der heute zu Südafrika gehörigen Ortschaft Taung entdeckt und am 7. Februar 1925 von Raymond Dart in der Fachzeitschrift Nature wissenschaftlich beschrieben worden war.Raymond A. Dart: Australopithecus africanus: The man-ape of South Africa. In: Nature. Band 115, 1925, S. 195–199, Volltext.
Merkmale Die Arten der Gattung Australopithecus werden vor allem anhand der unterschiedlich geformten Kauflächen ihrer Zähne, der Ausformung ihrer Jochbögen sowie der Ansatzstellen eines Kaumuskels (des Musculus temporalis) gegeneinander und von den Vorfahren der heutigen Schimpansen abgegrenzt. Weitere Unterscheidungsmerkmale ergeben sich u. a. aus dem Bau der Wirbelsäule, des Beckens und der Hüftgelenke.
Das Gebiss weist – wie das des Menschen – kein Oberkiefer-Diastema auf. Es besteht also in der Regel keine Zahnlücke zwischen dem seitlichen Schneidezahn und dem Eckzahn, was wiederum anzeigt, dass die Eckzähne des Unterkiefers – anders als beispielsweise bei den männlichen nicht-menschlichen Menschenaffen – nicht dolchartig verlängert waren.
Aus dem Bau und den Abriebspuren der Bezahnung wurde abgeleitet, dass sich Australopithecus anamensis, Australopithecus afarensis, Australopithecus africanus, Australopithecus sediba sowie die Arten der Gattung Paranthropus überwiegend von pflanzlicher Kost ernährten.Siehe hierzu auch: Greg Laden, Richard Wrangham: The rise of the hominids as an adaptive shift in fallback foods: Plant underground storage organs (USOs) and australopith origins. In: Journal of Human Evolution. Band 49, Nr. 4, 2005 S. 482–498, doi:10.1016/j.jhevol.2005.05.007, . Bestätigt wurde diese Interpretation der Zahn-Morphologie durch eine Stickstoff-Isotopenuntersuchung von sieben Zahnschmelzproben aus der 3,7 bis 3,3 Millionen Jahre alten Fundschicht Sterkfontein Member 4 (= Australopithecus africanus): Die Ernährung dieser Vormenschen sei zwar „vielseitig, jedoch größtenteils – oder sogar ausschließlich – pflanzlich“ gewesen.Tina Lüdecke et al.: Australopithecus at Sterkfontein did not consume substantial mammalian meat. In: Science. Band 387, Nr. 6731, 2025, S. 309–314, doi:10.1126/science.adq7315. Unsere Vorfahren lebten vor drei Millionen Jahren vegetarisch. Auf: mpg.de vom 16. Januar 2025.
Gehirnvolumen und Körpergröße mini|Original des Schädels von Mrs. Ples (Australopithecus africanus) Das Gehirnvolumen der Australopithecus-Arten war mit etwa 400 bis 550 cm3 ein wenig größer als das eines Schimpansen oder Bonobos,Steve Jones et al.: The Cambridge Encyclopedia of Human Evolution. Cambridge University Press, 1992, S. 236. jedoch kleiner als bei den ältesten Vertretern der Gattung Homo, deren Gehirnvolumen mit 600 bis 800 cm3 angegeben wird.Ulrich Welsch: Wie aus den ersten Primaten Homo wurde (1): Die Fossilgeschichte des Menschen. In: Biologie in unserer Zeit. 1/2007, S. 47.
Die Körpergröße fossiler Arten kann selbst anhand intakt gefundener, langer Beinknochen nur grob geschätzt werden; deshalb variieren die Angaben hierzu in der Fachliteratur erheblich zwischen ca. 1,00 m und 1,60 m. Für Australopithecus africanus werden in einem Übersichtsartikel beispielsweise – bei einem mutmaßlichen Körpergewicht von 30 bis 40 kg – 1,38 m für männliche und 1,15 m für weibliche Exemplare angegeben.Ulrich Welsch: Wie aus den ersten Primaten Homo wurde (1): Die Fossilgeschichte des Menschen, S. 46. Damit waren die Australopithecinen so groß wie ein aufrecht stehender Schimpanse. Umstritten ist, wie ausgeprägt der Geschlechtsdimorphismus war; gelegentlich wird in der Fachliteratur argumentiert, dass unterschiedlich große Individuen womöglich zu unterschiedlichen Arten gehörten, die gleichzeitig im gleichen Gebiet lebten.
Der aufrechte Gang Als gemeinsames Merkmal der Gattung Australopithecus galt in älteren Publikationen der aufrechte Gang. Diese Befähigung wurde abgeleitet von südafrikanischen Funden (Australopithecus africanus), von Fossilien aus Hadar (Australopithecus afarensis) sowie von den rund 3,5 Millionen Jahre alten bipeden Fußspuren aus Laetoli.
Doch 1991 hatte der israelische Paläoanthropologe Yoel Rak von der Universität Tel Aviv darauf hingewiesen, dass Australopithecus afarensis höchstwahrscheinlich eine „Fortbewegungsweise ganz eigener Art“ besaß.Yoel Rak: Lucy's pelvic anatomy: its role in bipedal gait. In: Journal of Human Evolution. Band 20, 1991, S. 283–290. Immer mehr paläontologische Funde haben die anfängliche Vermutung widerlegt, dass schon die frühen Vertreter der Hominini in offenen, mit modernen Steppen vergleichbaren Landschaften lebten („Savannen-Hypothese“). Begleitfunde der fossilen Knochen weisen durchweg auf einen Lebensraum hin, der vorwiegend aus lichten Wäldern und Galeriewäldern bestand. In diesem Lebensraum – so die neuere Deutung – dürfte die ursprüngliche Lebensweise der Menschenaffen noch beibehalten worden sein: ein häufiger Aufenthalt auf Bäumen, insbesondere zum Schlafen sowie zum Pflücken nahrhafter Früchte,Rhianna Drummond-Clarke et al.: Foraging strategy and tree structure as drivers of arboreality and suspensory behaviour in savannah-dwelling chimpanzees. In: Frontiers in Ecology and Evolution. Band 13, 2025, doi:10.3389/fevo.2025.1561078.How much time did our ancestors spend up trees? Studying these chimpanzees might help us find out. Auf: eurekalert.org vom 29. Juli 2025. und nur gelegentliches aufrechtes Gehen auf dem Boden. Beleg hierfür sind beispielsweise die relativ langen Arme sowie die durch häufiges Hangeln gebogenen Finger- und Zehenknochen.Donald Johanson: Lucy und ihre Kinder. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Elsevier Verlag, München 2000, S. 126, ISBN 978-3-8274-1670-4. Die Auffassung, „dass die Australopithecinen hinsichtlich ihrer Lokomotionsweise weniger menschlich waren, als man zunächst vermutete“, hat sich weitgehend durchgesetzt.Winfried Henke, Hartmut Rothe: Stammesgeschichte des Menschen. Springer Verlag, 1998, ISBN 3-540-64831-3. Aus einer vergleichenden Rekonstruktion der Masse zweier Oberarmmuskeln (Musculus brachialis und Musculus triceps brachii) und der Größe ihrer Ansatzstellen an der proximalen (oberen) Epiphyse der Elle ging 2024 hervor, dass Australopithecus und Paranthropus ähnliche Werte wie die Bonobos aufweisen, während die fossile Art Homo ergaster bereits ähnliche Werte wie der anatomisch moderne Mensch aufwies. Anpassungen an eine Fortbewegung in Bäumen wurden bei Homo nicht beobachtet. Neus Ciurana et al.: Quantitative Analysis of the Brachialis and Triceps Brachii Insertion Sites on the Proximal Epiphysis of the Ulna in Modern Hominid Primates and Fossil Hominins. In: American Journal of Primatology. Online-Veröffentlichung vom 3. November 2024, doi:10.1002/ajp.23690. Gleichwohl waren Hüftknochen und Hüftgelenke vermutlich schon so gut an das aufrechte Gehen angepasst, dass weniger kraftvoll in Bäumen geklettert werden konnte, als dies beispielsweise die heute lebenden Schimpansen vermögen.Elaine E. Kozma et al.: Hip extensor mechanics and the evolution of walking and climbing capabilities in humans, apes, and fossil hominins. In: PNAS. Band 115, Nr. 16, 2018, S. 4134–4139, doi:10.1073/pnas.1715120115, Volltext (PDF).
Alter Die Arten der Gattung Australopithecus lebten – belegt anhand von Fossilienfunden, die Australopithecus zugeschrieben werden – vor rund vier bis vor rund zwei Millionen Jahren in Afrika. Von wann bis wann eine fossile Art existierte, kann aber in aller Regel nur näherungsweise bestimmt werden. Zum einen ist der Fossilbericht lückenhaft: Es gibt meist nur sehr wenige Belegexemplare für eine fossile Art. Zum anderen weisen die Datierungsmethoden zwar ein bestimmtes Alter aus, dies jedoch mit einer erheblichen Ungenauigkeit; diese Ungenauigkeit bildet dann die äußeren Grenzen bei den „von … bis“-Angaben für Lebenszeiten. Alle publizierten Altersangaben sind daher vorläufige Datierungen, die zudem nach dem Fund weiterer Belegexemplare möglicherweise revidiert werden müssen.
Aus einer bis heute nicht sicher bestimmten Art der Gattung Australopithecus gingen – dem heutigen Forschungsstand zufolge könnte dies Australopithecus afarensis gewesen sein – durch Anagenese die Arten der Gattung Homo hervor; daher kann für diese Gattung kein „Aussterbezeitpunkt“ festgelegt werden.
Werkzeuggebrauch Inwieweit Australopithecus Werkzeuggebrauch über das Niveau von Schimpansen hinaus betrieb (vergl. Werkzeuggebrauch bei Tieren), ist noch nicht abschließend geklärt. Häufig wird der Gebrauch von bearbeiteten Steinwerkzeugen (Geröllgerät) sogar als vorrangiges Kriterium genannt, bestimmte Fossilfunde als Homo habilis zu bezeichnen und nicht als „Australopithecus habilis“ der Gattung Australopithecus zuzuordnen.
Australopithecus afarensis ist ungefähr 500.000 Jahre älter als die ältesten bekannten Werkzeuge, und auch für Australopithecus africanus sind keine gesicherten Werkzeugfunde belegt. Hingegen wurden im Zusammenhang mit Paranthropus-Fossilien sowohl Steinwerkzeuge vom Oldowan-Typ als auch Knochen mit abgenutzten Spitzen entdeckt, die möglicherweise zum Graben oder zum Angeln von Termiten dienten.Gary J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2008, S. 39 (A. afarensis), S. 64 (A. africanus), S. 73 (P. robustus) Da in den gleichen Schichten auch Homo habilis gefunden wurde, ist die Zuordnung aber ungesichert.
Systematik mini|Hypothese zur Evolution der Australopithecinen, wie sie aufgrund der gegenwärtigen Fundlage beispielsweise durch Friedemann Schrenk vertreten wird. Die Gattung Australopithecus ist ein paraphyletisches Taxon, aus dem nach heutigem Kenntnisstand die Gattungen Paranthropus und Homo hervorgingen.
Allgemein anerkannt ist der Art-Status heute für Australopithecus anamensis, Australopithecus afarensis, Australopithecus africanus, Australopithecus garhi und Australopithecus sediba.Bernard Wood, Terry Harrison: The evolutionary context of the first hominins. In: Nature. Band 470, 2011, S. 350, doi:10.1038/nature09709. Die verwandtschaftliche Nähe der Arten zueinander und zu den Gattungen Paranthropus und Homo ist weitgehend ungeklärt. So schlug beispielsweise John T. Robinson 1972 vor, Australopithecus africanus in Homo africanus umzubenennen.John T. Robinson: The Bearing of East Rudolf Fossils on Early Hominid Systematics. In: Nature. Band 240, 1972, S. 239–240, doi:10.1038/240239a0.