mini|hochkant|Ein Mops
ottos mops ist ein Gedicht des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl. Die Entstehung ist auf den 20. November 1963 datiert. Im September 1970 wurde es in Jandls Lyrikband der künstliche baum veröffentlicht. Das Gedicht besteht aus einfachen Hauptsätzen von zwei bis vier Wörtern, die ausschließlich denselben Vokal enthalten, das o. Erzählt wird eine kurze Episode aus dem Leben von Herr und Hund: Nachdem Otto seinen unartigen Mops zunächst fortgeschickt hat, sehnt er sich schon bald wieder nach ihm und ruft ihn herbei. Die Reaktion des zurückkehrenden Mopses ist jedoch nicht wie erwartet: Er kotzt.
ottos mops ist eines der bekanntesten heiteren Gedichte Jandls. Der Autor selbst bezeichnete es als Sprechgedicht, das beim Vortrag eine besondere Wirkung entfalte. Es wird im Schulunterricht häufig als Lehrbeispiel für konkrete Poesie eingesetzt und fand zahlreiche Nachahmungen, sowohl von Kindern als auch von anderen Dichtern.
Inhalt Ernst Jandl ottos mops Link zum Volltext des Gedichts (Bitte Urheberrechte beachten)
ottos mops besteht aus insgesamt 14 Versen in drei Strophen. Zu Beginn wird ein unartiger Mops von seinem Besitzer namens Otto weggeschickt.
ottos mops trotzt otto: fort mops fort ottos mops hopst fort
Otto kommentiert die Befolgung seiner Anweisung mit einem „soso“. Danach verrichtet er Alltagstätigkeiten, holt Koks und Obst. Nach einer Weile horcht er nach dem Mops, ruft ihn und hofft auf dessen Rückkehr. Der Mops klopft, wird von Otto freudig begrüßt, doch seine Reaktion fällt unerwartet aus:
ottos mops kommt ottos mops kotzt otto: ogottogott
Quelle: – Poetische Werke.Ernst Jandl: ottos mops. In: Jandl: Poetische Werke. Band 4. Luchterhand, München 1997, ISBN 3-630-86923-8, S. 60.
Textanalyse Auffälligstes Merkmal des Gedichts ottos mops ist sein Monovokalismus: die Beschränkung aller Wörter auf den Vokal o, während die Konsonanten frei bleiben. Durch diese Restriktion ist die Wortwahl zwar stark eingeschränkt, dennoch ist sie nicht rein seriell im Sinne generativer Poetik, sondern lässt das Komponieren eines Textes unter einer Vielfalt von Möglichkeiten und das Unterlegen einer spezifischen Semantik zu.Brandtner: Von Spiel und Regel. Spuren der Machart in Ernst Jandls ottos mops, S. 80. Das Gedicht besteht aus 41 Wörtern mit Assonanz auf o, ist aber nur aus 15 unterschiedlichen Wortstämmen gebildet, die stetig wiederholt werden.Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse. Zweite Auflage. Metzler, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-476-12284-1, S. 39. Es gibt lediglich zwei handelnde Figuren: „otto“ und den „mops“. Ihnen sind Verben zugeordnet, die durchgehend in der dritten Person Singular Indikativ Präsens Aktiv stehen, aus der Reihe fällt lediglich der durch seine Wiederholung betonte Imperativ „komm“, mit dem Otto seinen Mops zurückruft. Daneben treten noch die Substantive „koks“ und „obst“ auf sowie Ottos umgangssprachliche Redepartikeln „fort“, „soso“ und „ogottogott“. Das einzige Satzzeichen ist der Doppelpunkt zur Anzeige von wörtlicher Rede.Brandtner: Von Spiel und Regel. Spuren der Machart in Ernst Jandls ottos mops, S. 75. Mit dem Verzicht auf Interpunktion in weiten Teilen seines Werks berief sich Jandl auf Gertrude Stein, nach der die Hilfestellung von Kommata der Selbständigkeit und Aktivität des Lesers im Wege stehe. Ebenso charakteristisch für Jandl ist die durchgängige Kleinschreibung, die in seinen Gedichten eine visuelle Funktion hat, während Großbuchstaben für besondere Betonungen reserviert bleiben.Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache, S. 174–175.
Jede Gedichtzeile beginnt mit der Anapher „otto“ oder deren Genitiv. Bereits im Titel folgt direkt im Anschluss daran der „mops“, eine Kombination, die sich fünfmal im Gedicht wiederholt und die enge Beziehung der beiden Figuren unterstreicht. Die Sätze sind kurz, teilweise elliptisch und bestehen aus zwei bis höchstens vier Wörtern. In ihrer Einfachheit erinnern sie an die Sprache eines Kleinkinds. Die einzelnen Wörter sind einsilbig, mit Ausnahme von „otto“ sowie dessen Kommentaren „soso“ und „ogottogott“, die sowohl durch ihre Mehrsilbigkeit als auch durch ihre Reduplikation auffallen. Fünfmal ist der Mops das handelnde Subjekt der kurzen Sätze. Die erste und die letzte der drei Strophen des Gedichts bestreitet er allein und wird von Otto lediglich kommentiert. Nur in der mittleren Strophe wird Otto selbst zum Akteur.Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache, S. 139–140. Dabei bilden die erste und letzte Strophe syntaktisch zwar eine Analogie, semantisch jedoch einen Kontrast: Der wachsenden Distanz zwischen Otto und seinem Mops in den ersten vier Zeilen steht am Ende in parallelistischer Form die Rückkehr des Hundes gegenüber. Aus dem Rahmen der Vergleichbarkeit fällt die überzählige Zeile „ottos mops kotzt“, die reimend an die Einleitung „ottos mops trotzt“ anknüpft, sodass das Ende des Gedichts zur Konsequenz des Beginns wird.Brandtner: Von Spiel und Regel. Spuren der Machart in Ernst Jandls ottos mops, S. 76.
Interpretation Ordnung und Auflehnung Für den Germanisten Andreas Brandtner zeigt bereits die Überschrift das Verhältnis zwischen Mops und Otto: Der possessive Genitiv ordne den Mops, der zudem nur mit seiner Gattungsbezeichnung benannt werde, seinem Besitzer Otto zu und unter, zumal der Mops als traditioneller Haushund ohnehin nahelege, dass Otto sein Herr sei. Diese Ordnung werde durch die Aufsässigkeit des trotzenden Mopses gestört, ohne dass genauer erklärt wird, wogegen sich dessen Rebellion richte. Nachdem Otto den Mops fortgeschickt hat, ruhe der Konflikt zunächst, während sich Otto durch andere Tätigkeiten ablenke. Schon bald jedoch dränge es ihn, die Zurückweisung zu revidieren. Er rufe nach dem Mops, wobei das Hoffen seine innere Verbundenheit offenbare. Ottos horchende Spannung werde in der dritten Strophe durch den klopfenden Mops beantwortet. Für einen Moment erscheine es, als ließe sich der Konflikt beilegen, als eine Übereinstimmung von Ottos Ausruf „komm“ und der Tätigkeit des Mopses „ottos mops kommt“ gelinge. Doch das Kotzen des Mopses durchbreche diesen Gleichklang und verweise auf das ursprüngliche Trotzen: In einer instinktiven Handlung setze der Hund seine Verweigerungshaltung fort. Ottos eher gleichgültiges oder sogar drohendes „soso“ weiche nun einem entsetzten „ogottogott“, einem Ausruf, der das Palindrom „otto“ enthalte.Brandtner: Von Spiel und Regel. Spuren der Machart in Ernst Jandls ottos mops, S. 76–78.
Brandtner sah zwei Ebenen im Mittelpunkt des Gedichts: die Kommunikation zwischen Mensch und Tier, zwischen Herr und Hund, deren Wirksamkeit hinterfragt werde, sowie die Machtbeziehungen der Figurenkonstellation und ihr Bezug zu realen soziohistorischen Prozessen. Damit stehe ottos mops in der Tradition von Jandls Lyrik, die im weitesten Sinne immer gesellschaftskritisch oder sprachkritisch zu verstehen sei. Gleichzeitig wohne ottos mops eine demokratische Perspektive inne: Die einfache Machart ermuntere den Leser zur Entwicklung eigener Sprachspiele, sie erschließe ihm eine Teilhabe an der Lyrikproduktion gemäß dem avantgardistischen Credo, Kunst in Lebenspraxis zu überführen.Brandtner: Von Spiel und Regel. Spuren der Machart in Ernst Jandls ottos mops, S. 80–81, 84.
Identität und Geborgenheit Die Germanistin Anne Uhrmacher, die in ihrer Dissertation Jandls Lyrik untersuchte, wertete die Überschrift „ottos mops“ und den ähnlichen Klang der beiden Protagonisten als Bestätigung des populären Vorurteils, Herr und Hund näherten sich einander bei längerem Zusammenleben immer stärker an. Dabei treten im Mops menschliche Züge zutage, was sich etwa im Klopfen in der letzten Strophe äußere. Obwohl der Mensch als zentrale Figur ausgewiesen werde, entfache erst der Mops seine Emotionen, erwecke ihn gewissermaßen zum Leben, was an das berühmte Diktum Gertrude Steins erinnere: „Ich bin ich, weil mein kleiner Hund mich kennt.“„I am I because my little dog knows me“. In: Gertrude Stein: The Geographical History of America or the Relation of Human Nature to the Human Mind. Random House, New York 1936, S. 71. Otto erhalte erst durch seinen Mops Identität. In der mittleren Strophe mache sich in der Abwesenheit des Hundes Einsamkeit breit. Die Zeile „otto horcht“ lasse durch ihre Kürze eine Pause entstehen. Ottos Ruf „mops mops“ erinnere lautmalerisch an den Lockruf „ps ps“. Die der Zeile „otto hofft“ innewohnende Sehnsucht nach dem Mops lasse das Gedicht unvermittelt von Komik in Pathos umschlagen.Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache, S. 140–141.
Im abschließenden Ausruf „ogottogott“ vereinen sich Otto und Gott. Aus dem lautmalerischen Anklang leitete Thomas Eder eine assoziative Gleichsetzung von „otto“ und „gott“ als Pointe des Gedichts ab.Thomas Eder: Realität im Gedicht? Zu Ernst Jandl und Reinhard Priessnitz. In: Michael Vogt (Hrsg.): stehn JANDL gross hinten drauf. Interpretationen zu Texten Ernst Jandls. Aisthesis, Bielefeld 2000, ISBN 3-89528-284-7, S. 193–214, hier S. 206. Anne Uhrmacher folgerte: „otto steckt in gott und gott in otto“. Die Liebe, die der Hundebesitzer zum Geschöpf „mops“ empfinde, lasse einen Schöpfer erahnen, der auch für Otto verantwortlich sei. So wie der Hundebesitzer seinem Mops Geborgenheit biete, eröffne sich ihm mit dem letzten Wort selbst ein verborgener Halt, der in humorvoller Gelassenheit die irdischen Unzulänglichkeiten wie das Trotzen und Kotzen akzeptieren lehre.Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache, S. 141–142. Andreas Brandtner widersprach dagegen einer religiösen Auslegung mit Hinweis auf explizit atheistische Selbstaussagen Jandls sowie der floskelhaften Verwendung des Ausdrucks „ohgottogott“ im Gedicht 1000 jahre ÖSTERREICH.Brandtner: Von Spiel und Regel. Spuren der Machart in Ernst Jandls ottos mops, S. 78. Norbert Hummelt deutete das Gedicht ottos mops, in dem es „um Bindungen geht, um Verlust und Wiedergewinn“ und an dessen Ende „die Erwartung des Holenden, Horchenden, Hoffenden […] gleichermaßen erfüllt wie enttäuscht wird“, als „eine moderne Version des Gleichnisses vom verlorenen Sohn“.Norbert Hummelt: Merk dir, du heißt Ernst Jandl. Eine Vermißtenanzeige. Veröffentlicht in Schreibheft Band 55/2000 (online [PDF; 126 kB] bei planetlyrik.de).
Humor und Poesie mini|Friederike Mayröcker neben Jandl bei einer Lesung, Wien 1974 Was ottos mops für Anne Uhrmacher aus den vielen Nachdichtungen hervorhob, die seiner wachsenden Popularität folgten, war die Form von Humor, die sich unterschied von Witz und Ironie vieler Versuche gleicher Machart. Sie zitierte Ludwig Reiners: „Der Witz lacht, der Humor lächelt. Der Witz ist geistreich, der Humor liebevoll. Der Witz funkelt, der Humor strahlt.“Ludwig Reiners: Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa. C. H. Beck, München 2004, ISBN 978-3-406-34985-0, S. 422. In diesem Sinne sei Jandls Humor, der sich in der Sehnsucht ottos nach dem mops sowie in der Geborgenheit der gezeigten kleinen Welt ausdrücke, weit mehr als bloß geistreiche Vokalsuche.Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache, S. 144–145. Jandl unterschied den heiteren Tonfall von Gedichten wie ottos mops und fünfter sein selbst vom „grimmigen“ und „grotesken“ Humor anderer Texte. Es seien Gedichte, „wo die Leute zu Recht lachen und wo man keine polemische Absicht merkt.“Ernst Jandl: ich sehr lieben den deutschen sprach. Im Gespräch mit Peter Huemer. In Wespennest 125/2001, ISBN 3-85458-125-4, S. 27.