mini|Übersichtskarte Ruhrgebiet
Die Geschichte des Ruhrgebiets umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des Regionalverbandes Ruhr von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Zum Ruhrgebiet werden neben den kreisfreien Städten zwischen Ruhr und Emscher die Kreise Ennepe-Ruhr-Kreis, Recklinghausen, Unna und Wesel gezählt. Die Region galt bereits im Mittelalter als wichtiger Verkehrsknoten und erhielt im Zeitalter der Industrialisierung durch ihre Kohlevorkommen große Bedeutung.
Im Mittelalter bildeten sich in der Region Grafschaften heraus, wovon die wichtigsten die der Grafen von Berg, der Grafen von der Mark und der Grafen von Kleve waren. Mit dem Hellweg bestand eine durchgehende wirtschaftliche Verkehrsachse in der Region. Im Verlauf der Straße entwickelten sich wichtige Städte der Region. Seit Ende des 14. Jahrhunderts waren die Grafen von der Mark in Personalunion Grafen, später Herzöge von Kleve. Ab 1521 waren infolge der Klever Union von 1496 alle gräflichen Territorien im Gebiet der Vereinigten Herzogtümer unter einer gemeinsamen Herrschaft zusammengeführt.
Bereits 1609 fielen Kleve und Mark an das Kurfürstentum Brandenburg, womit der Beginn einer Entwicklung zur preußischen Herrschaft in der Region eingeleitet war. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts übernahm Preußen auch die Herrschaft über einige kleinere Territorien der Ruhrregion, wie die geistlichen Territorien von Werden und Essen. Schlussendlich wurde auch das Gebiet der Grafschaft Dortmund unter preußische Herrschaft gebracht. Damit war die Vielzahl der aus dem Mittelalter überkommenen Territorien endgültig an einen Herrscher gefallen, die Entwicklung der Industrieregion in einem einheitlichen Rechtssystem war möglich geworden. Lediglich die preußischen Provinzgrenzen verliefen innerhalb des Ruhrgebiets. Als Regierungsbezirksgrenzen sind sie bis in die Gegenwart erhalten. 1946 wurde das Land Nordrhein-Westfalen um das Ruhrgebiet gebildet.
Das Ruhrgebiet galt als entscheidend für die Kontrolle der deutschen Wirtschaft der Wiederaufbauzeit und sollte vor französischem oder sowjetischem Zugriff geschützt werden. Die geplante Schaffung eines Regionalpräsidiums für das Ruhrgebiet wird die wirtschaftlich einheitliche Entwicklung der Region in einem reformierten Verwaltungssystem des Landes berücksichtigen.
Erdgeschichte Devon Vor 465 Millionen Jahren lag das Ruhrgebiet auf dem Kleinkontinent Avalonia, zu dem die Kerne von Norddeutschland, Belgien, Zentralengland, Zentralirland Neufundland und Nova Scotia gehörten. Im Unter-Devon kollidierte der Kleinkontinent mit Laurussia.
Karbon mini|Entrindete Sigillarien, gefunden auf der Schachtanlage Nordstern, Flöz Zollverein 2/3 in 1000 m Tiefe
Im Karbon, einem erdgeschichtlichen Abschnitt des Paläozoikum, der vor 360 Millionen Jahren begann und vor 300 Millionen Jahren endete, bildeten sich Schichten mit Tonschiefer, Kohle und Sandstein. Vor 400 bis 300 Millionen Jahren entstanden in der Variszischen Orogenese neue Gebirge.
Im Westfalium wurden jene Schichten abgelagert, die im Laufe der Jahrmillionen zu Kohleflözen wurden. In dieser Periode der Erdgeschichte wechselten Sumpflandschaft und Überflutungen des Meeres einander ab, so dass die Ablagerungen aus pflanzlichen Materialien und Sedimenten des Meeres heute als eine Folge von Kohleschichten und dazwischen liegendem Gestein überliefert sind.
Die beherrschenden Vertreter der Flora in den Kohlesümpfen waren die Gattungen Lepidodendrales und Sigillaria, baumartige Pflanzen, die zur Pflanzenabteilung der Bärlapppflanzen (Lycopodiophyta) gezählt werden. Die Vertreter beider Gattungen erreichten Größen von bis zu 40 Metern bei einem Stammdurchmesser von über einem Meter.
Kreidezeit mini|Riesenammonit aus dem Campanium, gefunden im Bereich des Kamener Kreuzes
In der Kreidezeit vor 135 Millionen Jahren bis vor etwa 65 Millionen bedeckte ein tropischer Ozean das Land. In seinem Wasser lebten Ammoniten. Am Grunde des Meeres bildete sich eine mächtige Mergelschicht. Die Sedimente lagerten sich über den Schichten des Karbons ab und konservierten auch die Schalen von Riesenammoniten.
Eiszeitalter Das Eiszeitalter brachte einen Wechsel von Warm- und Kaltzeiten. Während der Drenthestadien der Saale-Kaltzeit reichte die Vergletscherung Norddeutschlands bis an die vor dem Nordrand des Mittelgebirges liegende Ruhr heran. Die Morphologie des mittleren und unteren Ruhrtals wurde vom abfließenden Schmelzwasser und von der Kraft des Eises geformt. Die Schmelzwasser strömten durch das Ruhrtal nach Westen. Dort, wo heute Essen liegt, war der Abfluss zeitweilig von einer Barriere aus Eismassen und Geröll behindert, so dass ein gewaltiger eiszeitlicher See aufgestaut wurde, der das Tal bei Schwerte füllte.
Vor- und Frühgeschichte Erste Menschenansiedlungen 80.000 v. Chr. – Die Region des heutigen Ruhrgebiets wurde bereits im Mittelpaläolithikum zur Zeit des Neandertalers vor rund 80.000 Jahren besiedelt. Beim Bau des Rhein-Herne-Kanals wurden 1911 in Herne Steinwerkzeuge und Lagerspuren mit Knochen von Wollnashorn, Wisenten und Mammuten gefunden. Auch an anderen Stellen lagerten Menschen im Emschertal. Weitere Funde aus den 1960ern belegen dies für das Boyetal (gespr. Beu) zwischen Bottrop und Gladbeck.
8700 v. Chr. – Die im November 1978 gemachten Funde steinzeitlicher Feuersteingeräte vom Duisburger Kaiserberg gehören in die Spätphase der letzten Eiszeit und können auf etwa 9000 bis 8000 Jahre v. Chr. datiert werden. Aus dem frühen Mesolithikum stammen die ältesten Überreste anatomisch moderner Menschen im Raum des heutigen Ballungsgebietes. Sie wurden im Frühjahr 2004 in der Blätterhöhle bei Hagen-Hohenlimburg entdeckt.
Mittel- und Jungsteinzeit 6000–4500 v. Chr. – Aus der La-Hoguette-Gruppe sind Funde von Keramik bekannt, die die Lippe als nördliche Verbreitungslinie erkennen lassen. Aus der Linearbandkeramischen Kultur und der Rössener Kultur sind mehrere Siedlungen im Umkreis von Bochum, Hagen und Dortmund bekannt. Im Frühjahr 2004 wurden in der Blätterhöhle bei Hagen-Hohenlimburg die Skelette von mehreren Menschen der Michelsberger Kultur entdeckt. Darunter befand sich auch das Skelett einer 17 bis 22 Jahre alten Frau. Diese Funde sind die einzigen geschlossenen Hinweise auf Bestattungen aus diesem Zeitabschnitt im Ballungsraum an Rhein und Ruhr.
Landnahme der Germanen Funde auf einem Gräberfeld in Oespel in der Nähe des Oespeler Baches lassen bereits auf eine Besiedlung in der frühen Bronzezeit schließen. In Zylindergruben am Rande des Gräberfeldes wurden große Mengen an verkohltem Getreide und Eicheln gefunden, die per Radiokarbonmethode auf das 17. bis 18. Jahrhundert v. Chr. datiert wurden.Stadt Dortmund (Hrsg.): Bausteine und Fundstücke. (Dortmunder Denkmalhefte, Band 01). Dortmund 2011, . Mit den im Verhältnis zur Gräberzahl wenigen Kreisgräben setzt sich das Gräberfeld von Gladbeck von den bekannten jungbronzezeitlichen (1700 bis 1200 v. Chr.) Gräberfeldern im nördlichen und nordöstlichen Westfalen ab, auf denen es üblich war die Mehrzahl der Bestattungen einzuhegen.
Ab etwa 1100 v. Chr. wanderten Bevölkerungsgruppen, die der Urnenfelderkultur angehörten, ins Ruhrgebiet ein, das zu einem Randgebiet des Kulturkreises wurde. Mit dieser Einwanderung war ein erhebliches Ansteigen der Bevölkerung verbunden, was durch zahlreiche Gräberfunde belegt ist. Im Duisburger Raum wurden Friedhöfe der Urnenfelderleute in Wedau, Beeck, Obermeiderich, Hamborn, Marxloh, Bruckhausen, Wittfeld und Neumühl gefunden.Günter von Roden: Geschichte der Stadt Duisburg. Band I: Das alte Duisburg von den Anfängen bis 1905. 3. Auflage. Walter Braun Verlag, Duisburg 1975, S. 16.
Die aus Süden eingewanderte proto-keltische Bevölkerung geriet ab etwa 800 v. Chr. zunehmend unter den Druck von Nordwesten ins Ruhrgebiet einwandernder Bevölkerungen, die auf Grund der Töpferware als Proto-Germanen identifiziert werden können. Zwischen 600 und 400 v. Chr. dürfte der Prozess der Landnahme der Germanen im Ruhrgebiet abgeschlossen gewesen sein.Günter von Roden: Geschichte der Stadt Duisburg. Band I: Das alte Duisburg von den Anfängen bis 1905. 3. Auflage. Walter Braun Verlag, Duisburg 1975, S. 17.
Die germanischen Gruppen setzten auf die linke Rheinseite über und verdrängten die keltische Bevölkerung auch aus dem Bereich der heutigen Niederlande und Teilen des heutigen Belgien. Dieser Prozess liegt weitgehend historisch im Dunkel, schriftliche Quellen gibt es nicht, lediglich archäologische Zeugnisse geben Kunde davon.
Altertum Auseinandersetzung der Germanen mit den Römern bis 13 v. Chr. Während der Eroberung Galliens durch Gaius Iulius Caesar erhalten wir erstmals nähere Informationen über die im Ruhrgebiet siedelnden Germanen. Östlich des Rheins, südlich der Lippe bis ins Bergische Land hinein siedelten die Sugambrer, nördlich der Lippe am Rhein die Usipeter, östlich davon die Brukterer, östlich von Dortmund waren die Dörfer der Marser und südlich im Raum Köln lebten die Ubier und Tenkterer.Vergleiche Karte Germanien und Rätien zur Römerzeit. In: Hans-Georg Stier u. a. (Hrsg.): Westermann. Großer Atlas zur Weltgeschichte. Georg Westermann Verlag, Braunschweig 1981, S. 37.
Erstmals kamen die im Ruhrgebiet siedelnden Germanen mit den Römern im Jahre 55 v. Chr. in Kontakt, als die Tenkterer und Usipeter in Gallien eindrangen, dort von Caesar besiegt wurden und nach der Niederlage zu den Sugambrern flohen und dort um Asyl baten. Die Sugambrer widersetzten sich Caesars Forderung, die Asylanten auszuliefern.Heinz Cüppers: Sugambri. In: Der Kleine Pauly. Band 5: Schaf–Zythos. Nachträge. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1979, Spalte 415.
Etwa ab dem Jahr 50 v. Chr. war das linksrheinische Gebiet unter römischer Kontrolle und gehörte zur römischen Provinz „Gallia comata“. Im Jahr 16. v. Chr. drangen die Stämme der Sugambrer, Usipeter und Tenkterer in die römische Provinz ein. Das Heer des römischen Provinzstatthalters Marcus Lollius wurde von den Germanen vernichtend geschlagen, denen es gelang, den Legionsadler der 5. Legion zu erbeuten. Die Niederlage ging als „Clades Lolliana“ in die römische Geschichte ein.Reinhard Wolters: Römische Eroberung und Herrschaftsorganisation in Gallien und Germanien. Brockmeyer, Bochum 1990, S. 140 f., 149–157. Unter dem Eindruck der Niederlage begab sich Augustus nach Gallien und blieb dort bis 13 v. Chr. Die Niederlage des Lollius wird in der Literatur häufig als Auslöser für den ab 12 v. Chr. beginnenden Versuch der Römer gesehen, Germanien zu erobern.
Römischer Versuch der Eroberung Germaniens 12 v. Chr. bis 16 n. Chr. mini|Die Feldzüge des Drusus in Germanien
Zwischen 12. v. Chr. und 16 n. Chr. versuchten die Römer durch zahlreiche Feldzüge in das Innere Germaniens, die freien germanischen Stämme zu unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein an die Elbe zu verschieben.
Gleichzeitig wurde durch die Errichtung von römischen Militärlagern die Rheingrenze gesichert. Das wichtigste römische Heerlager Vetera bei Xanten wurde 13 bzw. 12 v. Chr. errichtet. In das Jahr 12 v. Chr. fielen auch der Bau des römischen Kastells AsciburgiumTilmann Bechert: Asciburgium – Ausgrabungen in einem römischen Kastell am Niederrhein. Walter Braun Verlag, Duisburg 1974 (Duisburger Forschungen, Bd. 20). an der Grenze des heutigen Moers an Duisburg sowie des Kastells Werthhausen im heutigen Duisburg-Rheinhausen. Ab dieser Zeit begannen die Römer, den Niedergermanischen Limes auszubauen.
Der 12 v. Chr. erste der bis 8 v. Chr. durchgeführten Feldzüge römischer Heere unter Drusus richtete sich – wohl unter dem Eindruck der römischen Niederlage im Jahre 16 v. Chr. – gegen die Usipeter und Sugambrer.
Während des zweiten Feldzugs, im Jahre 11 v. Chr., drangen die römischen Truppen unter Drusus entlang der Lippe ostwärts vor und erreichten die Weser. Zur Kontrolle der im Ruhrgebiet siedelnden Sugambrer ließ Drusus ein Heerlager bei Oberaden einrichten.
mini|hochkant|Germanicus (Marmorbüste)