Westend ist ein Ortsteil im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin, der westlich vom Ortsteil Charlottenburg gelegen ist. Ursprünglich als reine Villenkolonie geplant und nach dem vornehmen Londoner Stadtteil benannt, haben einige Teile von Westend heute ein städtisches Ambiente mit den typischen Berliner Mietshäusern.
Zentrum und Einkaufsmeile von Westend ist die Reichsstraße zwischen Theodor-Heuss-Platz und Steubenplatz in Neu-Westend. Städtebaulich markant sind in Westend die vielen unterschiedlich strukturierten Plätze: Branitzer Platz und Anneliese-und-Georg-Groscurth-Platz in der Villenkolonie Westend, der Brixplatz mit dem Brixpark, der Fürstenplatz und der Karolingerplatz jenseits der Heerstraße.
Geographie mini|Übersichtskarte von Berlin-Westend mini|Östliche Bereiche des Ortsteils Westend – Ausschnitt aus der Beilage zum Adressbuch für Berlin und seine Vororte, 1907
Lage Westend liegt größtenteils auf der Hochebene des Teltow, die nach Norden steil zur Spree hin abbricht. Nach Norden wird Westend durch die Grenze zum Ortsteil Spandau und die Spree, nach Osten durch die Ringbahn, nach Süden durch die AVUS und den Grunewald und nach Westen durch den Stößensee sowie die Spandauer Vorortbahn begrenzt.
Ortslagen Mit der Neuordnung des damaligen Bezirks Charlottenburg durch Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf vom 30. September 2004 gehören einige bekannte Ortslagen zum neugebildeten Ortsteil.
Villenkolonie Westend Neu-Westend Pichelsberg Ruhleben Siedlung Eichkamp Siedlung Heerstraße
Geschichte Lange Zeit war die sandige, bewaldete Hochfläche nur mit einigen Windmühlen bebaut. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 errichtete Napoleon ein Lager für seine Besatzungstruppen am unbebauten östlichen Abhang Westends, etwa entlang der heutigen Königin-Elisabeth-Straße. Er selbst residierte im Schloss Charlottenburg. Das Lager mit dem Namen Napoleonsburg (oder: Napoleonbourg) wurde auf einen Befehl Napoleons vom Mai 1808 durch den französischen Gouverneur von Berlin, Victor Herzog von Belluno, im Juni und Juli errichtet und bereits am 2. November 1808 wieder abgebrochen. Die vordere Front des etwa rechtwinklig geschnittenen Lagers verlief etwa von der Wundtstraße am Lietzensee im Süden bis auf das Gelände der heutigen DRK-Kliniken Westend nahe Fürstenbrunn, bei einer Breite des Lagers von rund einem Kilometer. Es bestand aus 380 Wohnbaracken für je 20 Mann sowie 64 größeren Baracken für Küchen- und Speiseräume und zwei Reihen besser eingerichteter Baracken als Unterkunft für Unteroffiziere.
mini|Reisigsammlerinnen auf Westend, im Hintergrund die Häuser an der Sophie-Charlotten-Straße
Nach dem Abzug der französischen Truppen fiel Westend in seinen Dornröschenschlaf zurück. Der Waldbestand, der durch das Lager und durch Abholzungen im Umfeld großflächig verschwunden war, scheint sich nie wieder erholt zu haben. Der Maler Heinrich Zille wohnte um 1900 in der Sophie-Charlotten-Straße gegenüber von Westend und dokumentierte in zahlreichen Fotografien das sandige Ödland am Hang nach Westend, wo sich fast hundert Jahre zuvor Napoleons Lager befand.
mini|links|Gaststätte Spandauer Bock Im Jahr 1840 erwarb ein bayerischer Bierbrauer, der in Spandau Bockbier braute, das heute im Winkel zwischen Spandauer Damm und Reichsstraße gelegene Gelände und eröffnete dort einen kleinen Ausschank, der im Berliner Volksmund „Spandauer Bock“ genannt wurde. 1854 verlegte er seine Brauerei aus Spandau auf das auf der gegenüberliegenden Seite des Spandauer Damms gelegene Gelände des Spandauer Bergs, die von da an Spandauerberg-Brauerei hieß. Die dort entstehende Gaststätte nannte der Volksmund entsprechend „Zibbe“ (norddeutsch für ‚Mutterschaf‘). Mit der Zeit entwickelte sich ein reger Ausflugsverkehr von Charlottenburg und Berlin zum „Spandauer Bock“. Die beiden Ausflugsgaststätten und die Brauerei wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder aufgebaut.
Die Entwicklung Westends in seiner heutigen Form begann Ende der 1860er Jahre. Der zu Vermögen gekommene Zeitschriftenverleger Ludwig von Schaeffer-Voit ließ östlich der Brauerei am Hang zur Spree das Schloss Ruhwald erbauen und einen großzügigen Landschaftsgarten, den heutigen Ruhwaldpark, um das Schloss herum anlegen.
Etwa zur gleichen Zeit begann die 1866 von Albert Werckmeister (gemeinsam mit Heinrich Quistorp, dem Baumeister Martin Gropius, dem Bankier Eichhorn und dem Lotterieeinnehmer Tuchen) gegründete Kommanditgesellschaft auf Aktien „Westend“ große Flächen in Westend aufzukaufen, zu parzellieren und bebaut oder unbebaut weiterzuverkaufen. Schon kurz nach der Gründung geriet die Gesellschaft in Schwierigkeiten. Nach deren Auflösung 1868 gingen die Geschäfte auf die Westend-Gesellschaft H. Quistorp & Co. zu Berlin über, in der Heinrich Quistorp – Bruder von Johannes Quistorp, der gleichzeitig das Stettiner Westend errichtete – und Ferdinand Scheibler persönlich haftende Gesellschafter waren.Willy Bark: Chronik von Alt-Westend. Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins, 1937, Heft 56, S. 23 ff. Zur Wasserversorgung Westends wurde das Wasserwerk am Teufelssee 1871–1872 errichtet. Durch die Börsenkrise 1872 und durch Streitigkeiten mit der Stadt Charlottenburg geriet die Westend-Gesellschaft in eine finanzielle Schieflage und ging 1873 in Konkurs.
Mit der Vollendung der Ringbahn wurde 1877 der Bahnhof Westend eröffnet. Damit wurde die Verkehrssituation nicht nur für Westend, sondern auch für Charlottenburg wesentlich verbessert. Der Charlottenburger Bahnhof an der Stadtbahn wurde erst 1882 eröffnet.
mini|links|Offizierskasino an der Soorstraße (heute tibetisch-buddhistisches Zentrum) mini|hochkant|Epiphanienkirche (1957–1960 verändert wieder aufgebaut)
Nach dem Zusammenbruch der Westend-Gesellschaft war die Bautätigkeit in Westend zum Erliegen gekommen, und einige Villen standen leer. Ab dem Ende der 1870er Jahre entspannte sich die Situation. Durch die Bevölkerungsexplosion im Berliner Raum erlebte Westend einen Aufschwung, sodass bis zur Jahrhundertwende das ursprünglich parzellierte Gelände im Wesentlichen bebaut war. Am Hang des Teltow entstand in den 1890er Jahren zwischen der Soor- und Königin-Elisabeth-Straße die Kaserne des Königin Elisabeth Garde-Grenadier-Regiments Nr. 3, im Jahr 1906 östlich davon nach Entwürfen von Jürgen Kröger die Epiphanienkirche und 1904 nördlich das Krankenhaus Westend (heute: DRK-Kliniken Westend).
mini|links|Theodor-Heuss-Platz (ehemals Reichskanzlerplatz) Im Jahr 1908 erhielt Westend mit der Eröffnung des von Alfred Grenander entworfenen U-Bahnhofs Reichskanzlerplatz (heute: Theodor-Heuss-Platz) Anschluss an die Berliner U-Bahn. Damit waren nun auch die südlichen und westlichen Bereiche Westends verkehrsgünstig gelegen, sodass Neu-Westend an der Reichsstraße und westlich davon entstand. Die im alten Westend rechtwinklige Straßenführung wurde außerhalb der Hauptachsen durch dem Zeitgeist gemäße geschwungene Linien ersetzt. Statt wie das alte Westend mit Villen wurde Neu-Westend mehrheitlich mit Miets- und Reihenhäusern bebaut. Die auf Neu-Westender Grund 1889 eröffnete Trabrennbahn wurde 1908 nach Ruhleben verlagert. Auf dem Gelände einer Kiesgrube wurde 1919 bis 1922 vom Charlottenburger Stadtgartendirektor Erwin Barth der Sachsenplatz (heute: Brixplatz) errichtet, ein kleiner tief eingeschnittener Park, der die Geologie und Vegetation der Mark Brandenburg nachbildet.
mini|Olympiastadion Zur Eröffnung des Deutschen Stadions wurde 1913 die U-Bahn-Linie für Veranstaltungen zum U-Bahnhof Stadion (heute: Olympia-Stadion) verlängert. Der 1913 bereits im Rohbau fertiggestellte Bahnhof Neu-Westend wurde aufgrund der Kriegsereignisse erst 1922 in Betrieb genommen, wodurch die U-Bahn-Linie nun regelmäßig befahren wurde. Von 1907 bis 1911 wurde die Spandauer Vorortbahn erbaut, die heute mit den S-Bahnhöfen Messe Süd (Eichkamp), Heerstraße, Olympiastadion und Pichelsberg den Ortsteil erschließt.
In den 1920er Jahren entstanden am nordwestlichen Rand Westends die ausgedehnten Anlagen des Deutschen Sportforums. Ebenfalls zu dieser Zeit entstand im Südosten des Ortsteils das Berliner Messegelände. Ende der 1920er Jahre bauten Architekten des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit wie Mendelsohn und die Brüder Hans und Wassili Luckhardt eigene, heute denkmalgeschützte Villen Am Rupenhorn, dem Hochufer über dem Stößensee. Anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 entstanden das Berliner Olympiagelände und die Deutschlandhalle.
Bevölkerung Jahr Einwohner 2007 37.718 2010 38.007 2015 40.248 2020 41.328 2021 40.345 2022 40.984 2023 40.951 2024 41.046 2025 41.348
Quelle: Statistischer Bericht A I 5. Einwohnerregisterstatistik Berlin. Bestand – Grunddaten. 31. Dezember. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (jeweilige Jahre)
Politik
Botschaften und diplomatische Vertretungen mini|Namibische Botschaft in der historischen Goldsteinvilla
Armenien Burkina Faso Kamerun Demokratische Republik Kongo Namibia Tansania Türkei (Konsulat) Tunesien
Sehenswürdigkeiten mini|hochkant=0.8|Bauphasen des Berliner Funkturms 1925/1926 mini|hochkant=0.8|Corbusierhaus
Bauwerke Der Funkturm, von 1924 bis 1926 von Heinrich Straumer auf dem Areal des Berliner Messegeländes erbaut, ist mit einer Höhe von knapp 147 m eines der bekanntesten Wahrzeichen Berlins. Das Internationale Congress Centrum Berlin (ICC) wurde 1975–1979 von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte erbaut. Das seit September 2019 unter Denkmalschutz stehende ICC ist derzeit (Stand: September 2019) wegen Baufälligkeit geschlossen. Wann eine Sanierung beginnen kann, ist noch offen. Das Olympiastadion wurde 1934–1936 anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 von Werner March erbaut und 2000–2004 umgebaut und renoviert. Das Corbusierhaus (Unité d’habitation, Typ Berlin), Flatowallee 16, wurde 1956–1958 nach Plänen von Le Corbusier erbaut. Es ist die dritte Wohneinheit nach denen in Marseille und Nantes und stellt einen eigenständigen Beitrag zur Interbau dar. Links des Eingangs befindet sich die Darstellung des Modulors, des von Le Corbusier entwickelten Proportions-Systems. Die Wassertürme Charlottenburg-Westend I und II, Akazienallee 33–39, wurden 1881 nach Plänen von Bernhard August Salbach bzw. 1909 nach Entwürfen von Heinrich Seeling erbaut. Der Turm II wurde durch die Wasserwerke Teufelssee und Jungfernheide beliefert, seine zwei übereinandergeordnete Behälter fassten jeweils 500 m³. Beide Türme wurden zu Loftwohnungen umgebaut. Das Atelier- und Wohnhaus des Bildhauers Georg Kolbe in der Sensburger Allee 25 wurde 1928–1929 nach Plänen von Ernst Rentsch als streng kubischer Backsteinbau erbaut und 1932 nach Plänen von Paul Lindner erweitert. Es beherbergt heute das Georg-Kolbe-Museum. Das Haus des Rundfunks in der Masurenallee wurde von Hans Poelzig in den Jahren 1929–1930 erbaut und war eines der ersten Rundfunkgebäude in Europa. Die Berliner Waldbühne gilt als eine der schönsten Freilichtbühnen Europas. Sie liegt westlich des Olympiageländes und bietet Platz für 22.000 Zuschauer. Der Sendemast Scholzplatz hat eine Höhe von 230 m und wurde 1963 errichtet. Er wird vom RBB für dessen Rundfunk- und Fernsehprogramme betrieben. Die Stößenseebrücke von 1909, eine Stahl-Fachwerkbrücke über den Stößensee und die Havelchaussee aus einem System aus Kragträgern mit angeschlossenen Schleppträgern und einer Spannweite von rund 50 m. Sie geht auf Planungen des Bauingenieurs Karl Bernhard zurück.
Sakralbauten Anglikanische St. George’s Church Katholische Heilig-Geist-Kirche Evangelische Neu-Westend-Kirche Evangelische Epiphanien-Kirche Evangelische Friedenskirche Rumänisch-orthodoxe Kirche Heilige Erzengel Mihail und Gavriil
Parks und Naturschutzgebiete mini|Brixplatz