Die Hansestadt Gardelegen ist eine Mittelstadt im Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Sie ist, nach den Stadtstaaten Berlin und Hamburg, die der Fläche nach drittgrößte Stadt Deutschlands (siehe Liste der flächengrößten Gemeinden Deutschlands). Nur die Kernstadt weist städtische Strukturen auf, die übrigen 48 Ortsteile und die zahlreichen Wohnplätze liegen verstreut im ländlichen Raum. Überregional bekannt wurde Gardelegen durch das Massaker von Gardelegen, bei dem deutsche Soldaten in der Endphase des Zweiten Weltkriegs mehr als 1000 wehrlose KZ-Häftlinge ermordeten.
Geographie Gardelegen liegt in der südwestlichen Altmark zwischen Berlin und Hannover, nördlich von Magdeburg. Nachbargemeinden sind Klötze und Kalbe (Milde) im Altmarkkreis Salzwedel, Bismark (Altmark), Stendal und Tangerhütte im Landkreis Stendal sowie Burgstall, Westheide, Calvörde und Oebisfelde-Weferlingen im Landkreis Börde.
Seit der Gebietsreform 2011 zum 1. Januar 2011 und der Eingliederung von 18 ehemals selbstständigen Gemeinden ist Gardelegen mit 633,16 km² der Fläche nach die drittgrößte Stadt Deutschlands.
Gardelegen liegt im Norden der Colbitz-Letzlinger Heide, ist Teil der Mildeniederung und grenzt an die Zichtauer Hellberge. Zudem befindet sie sich im Niedermoorgebiet des Drömlings. Darüber hinaus ist der nahegelegene Truppenübungsplatz Altmark im Ortsteil Letzlingen ein Bundeswehrstandort in der Hansestadt Gardelegen.
Stadtgliederung
Ortsteile Insgesamt besteht die Hansestadt Gardelegen aus der Kernstadt Gardelegen und 48 Ortsteilen. Die Ortsteile sind in folgender Tabelle abgebildet, ergänzt um dazugehörige Wohnplätze und Kolonien.
Ortschaften Die Hansestadt Gardelegen besteht zudem aus 26 Ortschaften. Deren Ortschaftsräte sind u. a. an Entscheidungen bzgl. Aufgaben zu öffentlichen Einrichtungen, Veranstaltungen, Straßenbau, dem allgemeinen Ortsbild sowie Vereinsaufgaben beteiligt.
In der Ortschaftsverfassung der Hansestadt Gardelegen sind diese Ortschaften aufgeführt: Algenstedt, Berge, Breitenfeld, Dannefeld, Estedt, Hemstedt, Hottendorf, Jeggau, Jeseritz, Kloster Neuendorf, Köckte, Letzlingen, Lindstedt, Mieste, Miesterhorst, Peckfitz, Potzehne, Roxförde, Sachau, Schenkenhorst, Seethen, Sichau, Solpke, Wannefeld, Wiepke und Zichtau.
Die übrigen Ortsteile der Hansestadt Gardelegen bilden keine Ortschaften.
Klima
Geschichte mini|Gardelegen um 1650 mini|Burg Gardelegen mini|Luftbild der Kernstadt von Nordwesten mini|Innenstadt von Gardelegen, Luftaufnahme von Nordosten (2014)
Herkunft des Ortsnamens Ausgehend von den Namensformen 1050–70 Gardeleue, 1121 Gardeleve, 1197 Gardelege, 1287 de Gardelegin wird der Ortsname auf das Grundwort -leben zurückgeführt und auf den Personennamen Gardo, demnach steht der Ortsname Gardelegen für „Hinterlassenschaft des Gardo“.
Mittelalter Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1121 als Gardeleve, als der Halberstädter Bischof Reinhard Satzung und Besitz des Klosters Schöningen bestätigte.
Eine Erwähnung Gardelegens als Sitz des Heinricus comes de Gardelege ist auf das Jahr 1186 datiert. Graf Heinrich von Gardelegen, ein Bruder Markgraf Ottos II. von Brandenburg, erscheint in diesem Jahr als Zeuge einer Urkunde des Bischofs von Brandenburg, die im Brandenburger Domstiftsarchiv liegt.
In der Lehensauftragung brandenburgischer Güter ans Erzbistum Magdeburg wird auch Gardelegen 1196 als „Stadt und Burg“ erwähnt. Kurze Zeit später wurden bedeutende Bauwerke errichtet: so entstanden die St. Marienkirche, die St. Nikolaikirche und das Rathaus, welche bis heute das Stadtbild prägen. Die Verleihung des Braurechtes erfolgte im Jahr 1314 von Markgraf Waldemar von Brandenburg. Seither war Gardelegen überregional für den Hopfenanbau und das Garleybier bekannt.
1316 erwarb die Stadt das Schulzenamt und damit die Hohe Gerichtsbarkeit. Gardelegen trat 1353 dem Altmärkischen Städtebund bei, zu welchem auch Stendal, Salzwedel, Tangermünde, Osterburg, Seehausen und Werben gehörten. Nachdem die Stadt Gardelegen nach Lübeck zum Hansetag eingeladen worden war, trat Gardelegen 1358 der Hanse bei. Trotz der günstigen Lage an Handelsrouten und der Begehrtheit des Hopfens spielte Gardelegen im Hanseverbund keine bedeutende Rolle. Im Jahr 1488 kam es zum Bierziesestreit mit dem brandenburgischen Kurfürsten Johann Cicero aufgrund einer willkürlichen Erhöhung des Steuersatzes. Infolgedessen wurde es der Stadt untersagt, weiteren Bündnissen anzugehören; gleichzeitig trat Gardelegen im selben Jahr aus der Hanse aus.
Frühe Neuzeit Im Jahr 1500 wurde durch Zufall ein Getränk erfunden, welches auch Jahrhunderte später noch unter dem Namen Garley bekannt ist. Das Garleybier gilt somit als älteste Biermarke der Welt. Bartholomaeus Rieseberg, ein Schüler des Reformators Martin Luther, hielt am 11. November 1539 eine Predigt in der St. Marienkirche, welche auch in Gardelegen die Reformation einläutete.
In etwa zur gleichen Zeit begannen die Bauarbeiten an den Wehranlagen zum Schutz der Stadt. 1553 war der Bau der vier Stadttore, bestehend aus Magdeburger Tor, Stendaler Tor, Salzwedeler Tor und Stadtmauer abgeschlossen. Zu dieser Zeit war Gardelegen aufgrund des Handels eine wohlhabende Stadt, das Rathaus wurde erbaut und eine Stadtschule entstand. Nachdem der ersterbaute Roland bei einem Feuer im Jahr 1526 zerstört wurde, prägte ab 1564 ein steinerner Roland das Stadtbild.
Während des Dreißigjährigen Krieges passierten zahlreiche Marodeure die Stadt. Während des Krieges, in der Zeit von 1626 bis 1648, besetzte Schweden die Stadt. Nachdem die Stadt geplündert und gebrandschatzt worden war, wurden die Wehranlagen weitgehend zum Wiederaufbau der Stadt genutzt. In den Jahren 1658, 1667 und 1685 zerstörten Stadtbrände große Teile Gardelegens, u. a. ausgelöst durch unsachgemäße Hopfentrocknung in den Hopfendarren. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde der Absatz des Garleybiers spürbar geringer. Nachdem der steinerne Roland beim Feuer im Jahr 1667 stark beschädigt worden war, brach er am 18. April 1727 gänzlich zusammen.
Im Jahr 1715 erhielt Gardelegen eine brandenburgisch-preußische Garnison, welche sie mit wenigen Unterbrechungen bis heute ist. Ein Teil des Königlich Preußischen 27. Infanterieregiments von Potsdam wurde 1725 bis 1806 von Friedrich Wilhelm I. nach Gardelegen verlegt.
19., 20. und 21. Jahrhundert Nach Bildung des Kreises Gardelegen mit 144 Dörfern wurde Gardelegen im Jahr 1816 Kreisstadt. Im Jahr 1841 eröffnete Carl Koch die Manufactur zur Fabrication von Perlmutt-Knöpfen. Die Fabrik und ihre 13 weiteren Fabrikationsstätten waren Zeugnis der Industrialisierung in Gardelegen. Sie bestand 130 Jahre und liеß die Stadt zu einer deutschlandweiten Hochburg der Knopfherstellung werden. Ab etwa 1860 nutzten rheinische Dragoner die Stadt als Kavalleriestandort, ab Herbst 1866 Eskadronen des Ulanenregimentes Nr. 16. Während seiner 42-jährigen Amtszeit trägt Julius Beck ab 1881 zur Modernisierung der Stadt in großen Teilen bei: Elektrizität, Kanalisation, die Sanierung der Wallanlagen in einen Bürgerpark, die Gründung der Feuerwehr sowie die Modernisierung des Bestattungswesens sind Meilensteine seiner Amtszeit.
Entgegen dem Friedensvertrag von Versailles wurden ab 1936 drei wichtige Einrichtungen der deutschen Wehrmacht und Luftwaffe errichtet: der Fliegerhorst, ein Ausbildungszentrum für Fallschirmjäger des Fallschirmjägerregiments 1 sowie die Remonteschule zur Ausbildung der Kavallerie. 1937 wurde Gardelegen wieder Garnisonsstadt. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges starben am 14. März 1945 52 Menschen bei einem Luftangriff der Eighth Air Force. Die Nikolaikirche und andere Gebäude wurden zerstört.
Im April 1945 wurden mehrere Tausend KZ-Häftlinge aus den geräumten Konzentrationslagern Mittelbau-Dora und Hannover-Stöcken in Transportzügen und auf Todesmärschen in die Altmark getrieben, viele von ihnen bis in die Stadt Gardelegen. Am 13. April 1945 ermordeten Mitglieder von SS und Wehrmacht, des Reichsarbeitsdienstes, des lokalen Volkssturms und der Hitlerjugend auf Anweisung des NSDAP-Kreisleiters Gerhard Thiele und mit Unterstützung von Bürgern der Stadt in der Isenschnibber Feldscheune 1016 KZ-Häftlinge.Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. Dieses Massaker von Gardelegen war europaweit eines der größten nationalsozialistischen Todesmarsch- und Endphaseverbrechen des Zweiten Weltkrieges. Einen Tag später wurde die Stadt kampflos der US-Armee übergeben. Kurzzeitig wurde Gardelegen von britischen Besatzungstruppen besetzt; ab dem 1. Juli 1945 wurde Gardelegen Teil der Sowjetischen Besatzungszone. Truppen der Roten Armee rückten in Gardelegen ein und übernahmen den Fliegerhorst und die Remonteschule, die zwei noch intakten Einrichtungen von Luftwaffe und Wehrmacht.
1952 wurde Gardelegen Kreisstadt des gleichnamigen Kreises im Bezirk Magdeburg. 1960 wurde der erste Großbetrieb der Stadt, das Asbestzementwerk, eröffnet und gleichzeitig für dessen Angestellte das Wohngebiet Schlüsselkorb gebaut. Am 10. März 1964 schoss die sowjetische Flugabwehr in der Nähe der Stadt ein US-Aufklärungsflugzeug des Typs RB-66 ab. Der Besatzung warf man Spionage vor.: Michael Marten Krieg in den Wolken - Luftspionage über der DDR. D, 2007. Im Jahr 1973 wurde der Volkseigene Betrieb Polytherm (später zum Konzern Boryszew gehörend und einer der größten Arbeitgeber der Stadt) gebaut.
Nach der Wiedervereinigung wurden die denkmalgeschützte Altstadt und andere Teile der Stadt saniert. Sowohl die Schließung des Asbestzementwerks als auch anderer großer Arbeitgeber führten zu einer hohen Arbeitslosigkeit in Gardelegen. Ende Mai 1991 verließen die sowjetischen Truppen die Stadt, die seit den 1950er Jahren stationierten Einheiten der Grenztruppen der DDR lösten sich auf. Seither war Gardelegen vorerst keine Garnisonstadt mehr, bis 1994 die Errichtung des Gefechtsübungszentrums Heer der Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz Altmark begann.
Gardelegen blieb nach 1990 Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises. Durch die Kreisreform 1994 wurde die Stadt am 1. Juli 1994 dem neugeschaffenen Altmarkkreis Salzwedel mit dem Kreissitz in Salzwedel zugeordnet und verlor dadurch den Status einer Kreisstadt.
Das Industriegebiet, u. a. mit einem Glaswerk, einem Gelenkwellenwerk und Werke für die Automobilzulieferindustrie, entstand ab 1995.
Der Neuen Hanse trat Gardelegen 1995 bei und ist seit 1998 Teil des Altmärkischen Hansebundes. 275 Jahre nach seiner Zerstörung erhielt Gardelegen im Jahr 2002 einen neuen Roland. Wenige Monate später wurde der Komiker und Musiker Otto Reutter mit einer Bronzeskulptur im Stadtzentrum geehrt. Seit dem 28. Mai 2008 trägt die Stadt, als Mitglied des Hansebundes der Neuzeit, wieder den Namenszusatz Hansestadt.
Die Stadt war vom 24. bis zum 26. Juni 2011 Ausrichter des 15. Sachsen-Anhalt-Tages, der unter dem Motto „Auf allen Wegen – ab nach Gardelegen“ stattfand und von rund 150.000 Gästen besucht wurde. Ab dem Jahr 2017 präsentiert sich Gardelegen als Einheitsgemeinde.
Mit erklärter Zustimmung von Ortschaftsrat und Stadt pflanzte Ortsbürgermeister Gustav Wienecke mit Hans-Peter und Ingrid Baule sowie der Stifterin Ehrengard Dümpert-von Alvensleben am 14. Mai 2019 das Baumdenkmal für die Deutsche Einheit auf dem Dorfplatz von Wannefeld.
Eingemeindungen
Am 1. Juli 2009 wurden die Gemeinden der Verwaltungsgemeinschaft Gardelegen Stadt nach Gardelegen eingemeindet und die Stadt somit Einheitsgemeinde. Am 1. Januar 2010 erfolgte die Eingemeindung von Jeseritz, Potzehne, Roxförde, Wannefeld, Wiepke und Zichtau. Zum 1. Januar 2011 wurden durch einen Beschluss des Landtags die Orte Breitenfeld, Dannefeld, Estedt, Hottendorf, Jävenitz, Jeggau, Jerchel, Kassieck, Köckte, Letzlingen, Lindstedt, Mieste, Miesterhorst, Peckfitz, Sachau, Seethen, Sichau und Solpke eingemeindet.
Bevölkerung Stadt vor den Eingemeindungen