mini|hochkant=1.25|Späte Ausdehnung der Trichterbecherkultur. mini|hochkant=1.25|Die Gefäßform des Trichterbechers (hier ein Exemplar aus Skarp Salling, Dänemark) war namensgebend für die Kultur Die Trichterbecherkultur oder Trichterrandbecherkultur (Abkürzung: TBK, TRB); ( oder Funnelneckbeaker culture, Abkürzung FBCso bspw. in Martin Furholt, Martin Hinz, Doris Mischka, Gordon Noble, Deborah Olausson (Hrsg.): Landscape, Histories and Societies in the Northern European Neolithic (= Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung. Band 4). Rudolf Habelt, Bonn 2014, ISBN 978-3-7749-3882-3.) ist eine archäologische Kultur der Jungsteinzeit (etwa 4200–2800 v. Chr.). Im nördlichen Mitteleuropa, im mittleren Osteuropa, in Dänemark und Südskandinavien ist sie die erste vom Ackerbau geprägte Kultur des nordischen Frühneolithikums.Almut Bick: Die Steinzeit. Theiss WissenKompakt, Stuttgart 2006, ISBN 3-8062-1996-6. Sie folgt im Norden der mesolithischen Ertebølle-Kultur (5100–4100 v. Chr.), im übrigen Verbreitungsgebiet den bereits bäuerlichen Kulturen der Bandkeramik und der Rössener Kultur.

Die Bezeichnung Trichterbecherkultur wurde 1910 von Gustaf Kossinna nach dem typischen Becher mit Trichterrand eingeführt. Einen ersten Gliederungsvorschlag der Trichterbecherkultur unterbreitete erstmals 1932 der polnische Archäologe Konrad Jażdżewski (1908–1985).Konrad Jażdżewski: Zusammenfassender Überblick über die Trichterbecherkultur. Prähistorische Zeitschrift 23, 1932, S. 77–110.Konrad Jażdżewski: Kultura pucharów lejkowatych w Polsce zachodniej i środkowej. Poznań 1936.

Entstehung Zeitlicher und räumlicher Ursprung der Trichterbecherkultur sind noch nicht befriedigend geklärt. Sehr frühe 14C-Daten (4400 v. Chr.) aus Sarnowo sind unzuverlässig, da die verwendeten Holzkohleproben einer Grube entnommen wurden, die unter dem zu datierenden Objekt (kammerloses Hünenbett) lag. Damit ergibt sich allenfalls ein terminus post quem, also eine früheste zeitliche Untergrenze. Verlässlichere Daten (von verkohlten Speisekrusten an Keramik) ergaben Ausgrabungen im ostholsteinischen Wangels, dessen trichterbecherzeitliche Besiedlung 4100 v. Chr. beginnt. Da hier zu jeder Probe auch die 13C-Werte gemessen wurden, kann eine Verunreinigung durch „altes Wasser“ (Reservoireffekt) bei mehreren Daten recht sicher ausgeschlossen werden.Sönke Hartz, Harald Lübke: Zur chronostratigraphischen Gliederung der Ertebølle-Kultur und frühesten Trichterbecherkultur in der südlichen Mecklenburger Bucht. In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 52, 2004, S. 119–143. Inzwischen wird für die Herausbildung der Trichterbecherkultur vor allem die Rolle der frühen Kupferimporte betont.Lutz Klassen: Die Kupferfunde der Nordgruppe der Trichterbecherkultur. Dissertation Freiburg 1996, Archäologische Informationen 20/1, 1997, 189–193 Diese waren im Norden bereits den späten Jägern und Sammlern der Ertebøllekultur zugänglich und könnten als PrestigegüterPrestigegüter sind (lt. Wirtschaftslexikon) jene Güter, die in primitiven Gesellschaften als Geschenke rituell ausgetauscht oder an andere zur Sicherung von Loyalität ausgeteilt wurden. zu ideologisch-sozialen Veränderungen geführt haben, während sich die ökonomische Struktur nicht weiterentwickelte. Ein Zusammenhang des Auftretens von Kupferobjekten mit der Neolithisierung des Gebietes lässt sich sowohl im westlichen Ostseeraum als auch in Polen herstellen, kann aber nicht als ursächlich betrachtet werden.Lutz Klassen: Frühes Kupfer im Norden. Århus 2000.Guido Brandt: Beständig ist nur der Wandel! Die Rekonstruktion der Besiedelungsgeschichte Europas während des Neolithikums mittels paläo- und populationsgenetischer Verfahren. Dissertationsschrift, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz 2014 ( auf researchgate.net) hier S. 17; 19

Chronologie mini|280px|Verbreitungswege Zur groben zeitlichen Einteilung werden im Allgemeinen die Begriffe Ältere und Jüngere Trichterbecherkultur benutzt. Die Trichterbecherkultur kann außerdem je nach Region in Zeitstufen unterteilt werden. Diese Stufen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer materiellen Kultur und orientieren sich vorrangig an der jeweiligen Keramik und deren Verzierung.

Im schleswig-holsteinischen Verbreitungsgebiet der Trichterbecherkultur, für das relativ gesicherte C14-Daten vorliegen, ergibt sich z. B. folgende Einteilung: Ältere Trichterbecherkultur bzw. Nordisches Frühneolithikum (FN) mit den Kulturstufen Wrangels-Phase (4200–3900 v. Chr.) Siggeneben-Phase (3900–3700 v. Chr.) Satrup-Stufe (3700–3500 v. Chr.) Fuchsbergstufe (3500–3300 v. Chr.)

Satrup- und Fuchsbergstufe sind nach Andrew Sherratt mit einem Ideologiewandel zu verbinden, in dessen Folge die Megalithik erschien. Søren H. Andersen und Hermann Schwabedissen listeten bereits in den 1960er Jahren 30 Fundplätze mit Fuchsbergkeramik auf, die sich von Mittel-Jütland über die westlichen der dänischen Hauptinseln bis nach Nordelbien erstrecken.

Jüngere Trichterbecherkultur bzw. Nordisches Mittelneolithikum A (MN A) mit den Kulturstufen MN A I bis V (3300–2800 v. Chr.) Megalithphase

In anderen Regionen der Trichterbecherkultur werden davon abweichende Chronologieschemata mit anderen Kulturstufen verwendet. Dies begründet sich mit zeitlichen und typologischen Differenzen.

Verbreitung mini|Süd- und die Ostgruppe der TBK Die Trichterbecherkultur fand ihre Maximalausdehnung von der Provinz Drenthe in den Niederlanden über die Norddeutsche Tiefebene und Südskandinavien bis etwa zum westlichen Dnepr-Ufer. Sie grenzte im Frühneolithikum im Süden an die Michelsberger Kultur, im Spät-Neolithikum an die Wartberg-Gruppe. Josef Kostrzewski unterschied folgende Untergruppen: Westgruppe von der Drenthe bis etwa zur Weser, Nordgruppe von Skandinavien bis zum mittleren Teil Norddeutschlands, Ostgruppe im Norden von Polen (hier eingelagert die Brześć-Kujawski-Kultur – zur Lengyel-Kultur), Südostgruppe von Südpolen bis etwa zum Dnjepr, u. a. mit der frühen Wagendarstellung von Bronocice (Südpolen) (ca. 3300–3600 v. Chr.) Südgruppe in Mitteldeutschland, Sachsen-Anhalt und Tschechien mit den Untergruppen: Baalberger Kultur Salzmünder Kultur Walternienburger Kultur Bernburger Kultur

Materielle Kultur Keramisches Inventar

Die relativ kurzlebige (leicht zerstörbare) Keramik ist für Archäologen ein wichtiges Hilfsmittel (man spricht von Leitfunden), wenn sie die Zeitstellung eines Fundes oder Fundplatzes ermitteln sollen. Die u. U. durch die Thermolumineszenzdatierung datierbare Keramik kann in verschiedene Stilrichtungen von kürzerer oder längerer Dauer (z. B. die Tiefstichkeramik nach Hans-Jürgen Beier regional zwischen 3500 und 3000 v. Chr.) unterteilt werden. Dadurch können die Entwicklung der Keramik (in Material, Form und Dekor) und das Alter der verschiedenen Funde eingegrenzt werden.

Die für alle Gruppen und Stufen der Kultur namengebenden Trichterbecher haben ein leicht bauchiges Unterteil und über der Gefäßschulter ein trichterartiges Oberteil.

Die Becher mit komplexen Mustern gehören zu den schönsten Keramikobjekten der Trichterbecherkultur. In Dänemark ragt der um 3200 v. Chr. entstandene Trichterbecher von Skarpsalling heraus.

Amphoren haben einen bauchigen Gefäßkörper und meist zylindrischen oder leicht trichterförmigen Hals sowie zwei oder vier Ösenhenkel am Halsansatz oder auf dem Gefäßbauch. Typisch, wenn auch seltener, sind Kragenflaschen, kleine Gefäße mit kugeligem oder birnenförmigem Körper. Das Oberteil ist wie ein Flaschenhals ausgebildet und weist eine kragenförmige Ausstülpung auf. Scheiben aus Ton dienten vielleicht als Backteller zur Zubereitung von Fladenbrot. Besonders große Gefäße wurden als Vorratsspeicher im Siedlungsgelände eingegraben.Hilthart Pedersen: Die jüngere Steinzeit auf Bornholm. München & Ravensburg 2008.

Beile und Werkzeuge

Charakteristisch sind, in der Regel überschliffene, Felsgestein- und Feuersteinbeile, die als Statussymbole oder zur Holzbearbeitung verwendet wurden. Die Form ändert sich im Laufe der Trichterbecherkultur von spitznackigen über dünnnackige hin zu dicknackigen Beilen. Die beiden letzteren wurden in Typen durchnummeriert.Manfred Rech: Studien zu Depotfunden der Trichterbecher- und Einzelgrabkultur des Nordens. Offa (1979), Bd. 39, S. 25

Dünnnackige Beile erscheinen im Frühneolithikum C und sind in den mittelneolithischen Stufen Ia und Ib (a Troldebjerg, b Klintebakken) mit dem Typ I vertreten. Der Typ II ist für die mittelneolithische Stufe II (Blandebjerg) typisch. Dicknackige Beile vom Typ III erscheinen in der mittelneolithischen Stufe III (Bundsø). Der Typ IV in der Stufe IV (Lindø); der Typ 5 in der Stufe 5 (Store Valby).

Daneben gibt es die üblichen steinzeitlichen Werkzeuge aus Feuerstein, etwa Schaber und Pfeilspitzen.

Streitäxte mini|Eine typische Doppelaxt der späten Trichterbecherkultur (ca. 3300–2800 v. Chr.). Die Streitäxte aus Felsgestein bilden überregionale Formen, besitzen aber lokalspezifischer Prägungen. Die frühen Streitäxte sind Flache Hammeräxte (ab etwa 3900 v. Chr.), die Hammeräxten aus Südosteuropa des fünften Jahrtausends ähnlich sind. Hierauf folgen Knaufhammeräxte, die selten auch aus Kupfer hergestellt wurden. Knaufhammeräxte sind besonders häufig in Ostdänemark und Südschweden, aber auch in den Ostalpen (Österreich) zu finden. Flache Hammer- und Knaufhammeräxte sind bis ca. 3500/3300 v. Chr. belegt. Spätere Knaufhammeräxte (3300 – 2700 v. Chr.) existieren jedoch in den Niederlanden – in Stein und Kupfer (s. Lüstringen). Ab etwa 3300 v. Chr. wurden Rundnacken- und Doppeläxte verwendet. Letztere, vor allem die geschwungenen Formen, bilden die charakteristischen Trichterbecheräxte und erinnern in ihrer Form an Labrys. Die späten Doppeläxte, vor allem Nordostdeutschlands, bilden einen Kamm am Nacken aus und sind vermutlich mit der Kugelamphorenkultur zu assoziieren. Neben den nordischen geschwungenen Doppeläxten sind lanzettförmige Doppeläxte in Mittel- und Süddeutschland, Österreich und der Schweiz belegt. Weiterhin sind Doppeläxte (bipennes) in West- und Zentralfrankreich vorhanden. Die späten Nackenkammäxte sowie die späten lanzettförmigen Doppeläxte (v. a. der Schweiz und Südwestdeutschland) teilen, dass ihr Schaftloch nicht rund, sondern oval ist. mini|Während der Ausgrabung in Wangels wurde eine Doppelaxt gefunden mini|Seitenansicht der Doppelaxt aus dem Großsteingrab Wangels Die frühen Streitaxtformen sind selten als Grabbeigabe verwendet worden. Dies ändert sich im Laufe der Zeit. Mit den Rundnacken- und Doppeläxten steigt die Anzahl deutlich an. Die meisten Exemplare stammen aus Megalithgräbern Norddeutschlands und Dänemarks. Ein Beispiel ist das Großsteingrab Wangels in Ostholstein, wo eine Doppelaxt vom Typ DII gefunden wurde.

Auf der Gemarkung Wommelshausen, Gemeinde Bad Endbach, Landkreis Marburg-Biedenkopf wurde eine im Schaftloch alt zerbrochene steinerne halbe Doppelaxt aus Diorit, eine Amazonenaxt bei Ausschachtungsarbeiten 1973 gefunden.Horst W. Müller: Wommelshausen 1336–1986 – Ein Dorfbuch. Hrsg. Heimat- und Verschönerungsverein Wommelshausen e. V. Bad Endbach. 2. Auflage. Marburg 1995, . Seiten 9, 10 u. Bildseite, Beitrag von Albrecht JockenhövelNorbert Gebauer: Das Fragment einer Doppelaxt der norddeutschen Trichterbecherkultur bei Bad Endbach-Wommelshausen, Hinterländer Geschichtsblätter, Biedenkopf, Nr. 1, März 1991, S. 58 u. 59. Diese Doppelaxt aus dem frühen dritten Jahrtausend v. Chr. (Jungneolithikum, Megalithgräber, Hünengräber) ist der südlichste Fund einer mit Rillen verzierten Steinaxt und das einzige Exemplar in Hessen. Etwas nördlich hiervon, in nordrheinwestfälischen Schmerlecke, wurde eine ebenfalls rillenverzierte, am Schaftloch zerbrochene Doppelaxt in einem Galeriegrab gefunden. Im Gegensatz zu den Befunden Norddeutschland und Dänemarks sind solche Doppeläxte und Streitäxte im Allgemeinen nur selten in Galeriegräbern zu finden und immer als Fragmente.