mini|Christoph Martin Wieland von Ferdinand Jagemann (1805).Wielands Unterschrift: rahmenlos|zentriert|128px
Christoph Martin Wieland (* 5. September 1733 in Oberholzheim; † 20. Januar 1813 in Weimar) war ein deutscher Dichter. Neben Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottfried Herder und Friedrich Schiller gilt er als bedeutendster Vertreter der klassischen deutschen Literatur.
Leben Abstammung, Kindheit und Jugend mini|Wielands Geburtshaus in Oberholzheim, Ansicht von 1840 mini|Wielands Elternhaus in Biberach
Geboren wurde Christoph Martin Wieland am 5. September 1733Häufig wird angeführt, Wieland sei am 3. September 1733 geboren worden. Nach dem Eintrag im Kirchenbuch von Oberholzheim, soll er am 5. September 1733 getauft worden sein und das Kirchenbuch enthalte keinen Eintrag zum Geburtstag. Im Briefwechsel Wielands erscheint die Angabe 5. September als Geburtstag. So zum Beispiel in einem am 28. Dezember 1787 datierten Brief an seinen Freund Leonard Meister in Zürich und in einem Brief an seine Tochter Sophie am 12. September 1809. Man vermutete seinen Geburtstag deshalb am 3. September, weil er in einem am 3. November 1806 datierten Brief an Sophie von La Roche mitteilt, er habe am 3. September seinen Geburtstag gefeiert. In den Taufbücher von Oberholzheim gibt es keine Rubrik für Tauftage. im Pfarrhaus von Oberholzheim, einem Dorf, das damals eine Pfründe des Hospitals zum Heiligen Geist der freien und paritätischen Reichsstadt Biberach war. Seine Vorfahren übernahmen 1560 die Schildgerechtigkeit des Gasthauses zum Schwarzen Bären am Biberacher Marktplatz. Als Gastgeber dieses Gasthauses erlangten sie Einfluss im Rat der Stadt und stellten mit Wielands Urgroßvater Martin Wieland (Doctor juris) (* 18. November 1624 in Biberach; † 1. Januar 1685 ebd.) sogar einen Bürgermeister dieser Stadt. Aus dessen erster, 1649 geschlossener Ehe mit Maria Waldburga Wern (* 10. August 1627 in Biberach; † 7. Januar 1669 ebd.) stammt der Großvater des späteren Dichters Thomas Adam Wieland d. Ä. (* 27. Juli 1653 in Biberach; † 29. März 1729 in Oberholzheim). Dieser hatte an den Universitäten Straßburg, Wittenberg, Basel und Tübingen studiert und sich 1680 den akademischen Grad eines Magisters der Philosophie erworben. Er ergriff den Beruf eines Theologen und wirkte ab 1680 in Kohlstetten und Kleinengstingen, ab 1688 in Mundigen und ab 1693 als Pfarrer in Oberholzheim. Aus dessen am 1. Juli 1680 geschlossener Ehe mit der Pfarrerstochter Anna Maria Brigel (* 1. Februar 1661 in Biberach; † 3. Juli 1739 ebd.) stammen einige Kinder ab, von denen Christoph Martin Wielands gleichnamiger Vater Thomas Adam Wieland d. J. (* 3. Januar 1704; † 27. September 1772 in Biberach) ebenfalls den Beruf eines Theologen ergriff.
Thomas Adam Wieland d. J. hatte in Tübingen und Halle studiert, sich ebenfalls den Grad eines Magisters erworben und wurde als Nachfolger seines Vaters Pfarrer in Oberholzheim. Thomas Adam Wieland d. J. verheiratete sich mit der späteren Mutter des Dichters Regina Katharina Kick (* 1. Juli 1715 in Biberach; † 27. Februar 1789 in Weimar), der Tochter des Johann Christoph Kick (* 1. Juli 1663 in Lindau; † 22. August 1741 in Biberach), eines Majors im Markgräflichen Badenschen Kreisregiment Erbprinz, und dessen am 22. November 1693 geheirateter zweiter Ehefrau, der aus Biberach stammenden Marie Christine Rauh (* 21. Februar 1689 Biberach: † 24. Januar 1765 ebd.). Da Thomas Adam Wieland d. J. 1736 die Stelle eines Siechenpredigers an der Magdalenenkirche in Biberach erhielt, zog die Familie dorthin. Hier wurde sein Vater 1755 Abendprediger und 1761 Frühprediger Senior der kirchlichen Einrichtung. Aus der Ehe der Eltern stammen auch der Sohn Johann Gottlieb Wieland († jung), Justinus Sebastian Wieland († jung), Thomas Adam Wieland (* 13. Dezember 1735 in Oberholzheim; † 8. Mai 1764 in Biberach), der Gold- und SilberarbeiterHeiratseintrag im Kirchenbuch der Reichsstadt Biberach mit Maria Catharina Angel (Tochter des Johann Jacob Angel, Kunstglasmacher sowie Kirch- und Kappelnglaser). In diesem Eintrag wird der Beruf „Gold- und Silberarbeiter“ genannt. wurde, und die Tochter Marie Justine Regina Wieland († jung).Heinrich Habbicht: Die Vorfahren und Nachkommen, sowie das Wappen des Dichters Christoph Martin Wieland. In: Archiv für Stamm- und Wappenkunde. Wellers 1908. – Heinrich Werner: Christoph Martin Wieland, seine Abstammung und seine Familienverbindungen. In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte (WürttVjhhLG). Jg. 22, 1913, S. 112–119 und S. 218–252. Als Taufzeugen in der Stadtkirche von Oberholzheim fungierten Johann Gottlieb von Gaupp,Johann Gottlieb von Gaupp (* 27. Dezember 1676 in Biberach; † 27. Mai 1760 ebd.); Vater: Johann Friedrich von Gaupp (* 8. September 1641; † 1694); Mutter: Jacobina Seutter von Lötzen (* 14. November 1648 in Ulm; † 1732), er studierte in Altdorf und 1692 in Jena, 1698 wurde er Assessor am Stadtgericht und war 1699 Stadthauptmann in Biberach, 5. April 1709 evang. Stadtamtmann, 1734 Geheimrat, Hospitalpfleger und Scholarch in Biberach, 1739 Bürgermeister Biberach, verheiratet mit Maria Elisabetha Besserer und 15. Juli 1737 mit Maria Philippina Amann, dessen Schwester Rosina Anastasia von Gaupp (* 11. Juni 1675 in Biberach) verheiratete sich am 1. Juli 1697 in Biberach mit dem Kaufmann in Venedig Heinrich Friedrich Francke (* 4. Dezember 1661 in Lübeck; † 1728 in Ulm), dem Bruder von August Hermann Francke Justinus Hartmann,Justinus Hartmann († 1760), Ratsmitglied und Besitzer der Kronenapotheke in Biberach, verheiratet 1707 mit Anna Magdalena Briegel (* 1669), die Tochter des Biberacher Pfarrers Matthäus Briegel d. J. (* 3. April 1633 in Biberach; † 14. April 1702 in Biberach) und die Stubenheimer Pfarrerstochter Anna Barbara Henisius Katharina Justina ZellKatharina Justina Zell (geb. Hochstetter; * 23. Juni 1701 in Sindelfingen; † 12. Juli 1792), verheiratete sich am 17. Oktober 1724 in Lustenau mit dem Biberacher Pfarrer Johann Georg Zell (* 30. März 1696 in Biberach; † 16. Januar 1761 ebd.) und Regina Margaretha Rauh.Regina Margaretha Rauh (geb. Wieland; * 3. Januar 1663 in Biberach; † 9. Mai 1739 ebd.), die Tochter des Bürgermeisters Martin Justin Wieland war Christoph Martin Wielands Großtante und die Frau des Ratsmitglieds, Oberbauinspektors und Besitzers der Marktapotheke in Biberach und Wielands Urgroßvater Johann Georg Ludwig Rauh (* 31. Dezember 1654 in Biberach; † vor 1739 (katholisch))
Nach der Versetzung des Vaters wurde Christoph Martin Wieland von diesem, von Privatlehrern und später in der Biberacher Stadtschule unterrichtet. Schon mit zwölf Jahren versuchte er sich in lateinischen und deutschen Versen, mit sechzehn Jahren hatte er bereits fast alle römischen Klassiker gelesen; unter den damals modernen Schriftstellern zogen ihn die Aufklärer Voltaire, Bernard le Bovier de Fontenelle und Pierre Bayle, unter den deutschen Poeten insbesondere Barthold Heinrich Brockes an.
Im pietistischen Internat zu Kloster Berge bei Magdeburg, das Christoph Wieland ab 1747 besuchte, wurde der junge Wieland zu einem großen Verehrer Friedrich Gottlieb Klopstocks. Ohne Abschluss beendete er die Klosterschule und schrieb sich 1749 an der Universität Erfurt zum Studium der Philosophie ein. Bei seinem Verwandten Johann Wilhelm Baumer lernte er dort den Don Quijote, aber auch die Philosophie von Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Wolff kennen und schätzen. Im Sommer 1750 brach er das Studium ab und kehrte ins väterliche Haus nach Biberach zurück. Er begann eine Liebesbeziehung mit seiner zwei Jahre älteren Cousine Sophie Gutermann (spätere Sophie von La Roche) und verlobte sich mit ihr. Diese Verbindung löste ihn aus einer inneren Vereinsamung; Sophie (deren Roman Geschichte des Fräuleins von Sternheim er zwei Jahrzehnte später, im Jahr 1771, veröffentlichen sollte) regte ihn zu seinem ersten größeren Werk an, das 1752 anonym veröffentlicht wurde: Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt. Ein Lehrgedicht in sechs Büchern.
Studium, Schweiz (1750–1759) Im Herbst 1750 begann Wieland an der Universität Tübingen ein Jurastudium, das er jedoch bald zugunsten der Literatur und des eigenen poetischen Schaffens vernachlässigte. Sein Heldengedicht Hermann in fünf Gesängen sandte er an Johann Jakob Bodmer – den „grand old man“ des Zürcher Literaturlebens, was zu einem intensiven persönlichen Briefwechsel führte. Schon bald gab Wieland das ungeliebte Jurastudium ganz auf und widmete sich seiner Bildung und der Literatur. Seine Erstlingswerke kennzeichnen ihn als leidenschaftlichen Klopstockianer, der eine spezifisch christliche Dichtung anstrebt.
Im Sommer 1752 folgte Wieland einer Einladung Bodmers nach Zürich. Der folgende Aufenthalt in der Schweiz sollte acht Jahre währen. Aufs Herzlichste empfangen, wohnte er eine Weile bei Bodmer als dessen Schüler und wirkte mit an der neuen Herausgabe der 1741 erschienenen, gegen Johann Christoph Gottsched gerichteten Züricherischen Streitschriften. In den folgenden Jahren stand er in anregendem Verkehr mit den wichtigsten Züricher Vertretern der Aufklärung wie Johann Jakob Breitinger, Hans Caspar Hirzel, Salomon Gessner. 1753 erschienen seine Briefe von Verstorbenen an hinterlassene Freunde.
Überhaupt pflegte Wieland zeitlebens zahlreiche Freundschaften, sowohl zu Männern als auch zu Frauen. Nicht allein wegen dieser von ihm mannigfaltig unterhaltenen persönlichen Beziehungen, sondern auch aufgrund der Thematisierung in seinem literarischen Schaffen ist er als „einer der großen Virtuosen der aufklärerisch empfindsamen Freundschaftskultur“ bezeichnet worden. Demnach hatte er erheblichen Anteil an der mentalitätsgeschichtlich herausgearbeiteten Neugestaltung von Emotions- und Beziehungsverhältnissen im ausgehenden 18. Jahrhundert.
Ende 1753 löste Sophie die Verlobung mit Wieland und heiratete den kurmainzischen Hofrat Georg Michael Anton La Roche (1720–1788). Dies sowie ein längerer Aufenthalt im pietistisch geprägten Haus der Familie Grebel in Zürich trugen dazu bei, dass Wieland noch eine Zeit lang an seiner „frommen“ Sprache festhielt. In seinen Hymnen (Zürich 1754) und den Empfindungen eines Christen (Zürich 1755) wandte er sich besonders deutlich gegen jede erotische Poesie. Bald jedoch vollzog sich in ihm, besonders unter dem Einfluss der Schriften von Lukian, Horaz, Cervantes, Shaftesbury, d’Alembert, Voltaire eine vollständige Umkehr. 1754 trennte er sich von Bodmer und machte sich als Hauslehrer in Zürich selbstständig. Zunehmend wandelte er sich zum klassischen Vertreter der Aufklärung. Schon das Trauerspiel Lady Johanna Gray (Zürich 1758) – das erste deutsche Drama in Blankversen – begrüßte Lessing mit der Bemerkung, Wieland habe „die ätherischen Sphären verlassen und wandle wieder unter Menschen“. Lessing erachtet das Stück insgesamt allerdings als missglücktes Plagiat, das Wieland von Nicholas Rowe habe (vgl. 63.–64. Brief, die neueste Literatur betreffend). Im selben Jahr schrieb Wieland das epische Fragment Cyrus (Zürich 1759), zu dem ihn Friedrich II. von Preußen angeregt hatte.
Inzwischen war Wieland nach Bern gezogen, wo er ebenfalls als Hauslehrer tätig war. Dort verlobte er sich mit Julie Bondeli, der späteren Freundin Jean-Jacques Rousseaus. Pläne, eine Zeitschrift herauszugeben, musste Wieland aus finanziellen Gründen bald aufgeben. Vermutlich vernichtete er aufgrund von Bondelis Kritik in dieser Zeit auch das Manuskript zur Satire Lucians des Jüngeren wahrhafte Geschichte.Jürgen Werner: Lukian. Götter, Tote und Hetären. Reclam-Verlag, Leipzig 1981, Nachwort S. 283.
Biberach, Erfurt (1760–1772) mini|Christoph Martin Wieland in seiner Zeit als Biberacher Kanzleiverwalter. Gemälde von Georg Oswald May im Braith-Mali-Museum in Biberach