mini|Semaphoren-Apparat der preußischen Armee

Unter dem Begriff optische Telegrafie versteht man im Allgemeinen die Telegrafie über große Entfernungen mit Hilfe optischer oder einer Kombination von optischen mit akustischen Vorrichtungen. Mittel hierfür sind z. B. einfache Blinkspiegel (siehe Blinker) und komplexere Spiegeltelegrafen (Heliographen), Morselampen, Winkzeichen (Wigwag bzw. nautisch) sowie Flaggensignale.

Mit optischen Telegrafen wird im Speziellen das von Claude Chappe gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich installierte System optisch-mechanischer Telegrafenlinien bezeichnet, das bis zum Aufkommen der elektrischen Telegrafie über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus in ganz Europa Verwendung fand.

Vorgeschichte mini|Schema der Leucht­feuer­stationen des Agamemnon laut Aischylos in der Orestie, Ausgangs­posten war der Berg Ida (heute: Kaz Dag) bei Trojaorientiert an den Entfernungsangaben von Riepl, Wolfgang: Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer. – Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1913. Hildesheim, New York 1972, S. 51. – und den Gipfelhöhen von Volker Aschoff: Geschichte der Nachrichtentechnik. Band 1. Beiträge zur Geschichte der Nachrichtentechnik von ihren Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. – 2., überarb. und korr. Auflage. Berlin, Heidelberg, New York, London, Paris, Tokyo, Hong Kong 1989, S. 21.

Bereits in der Antike nutzten Griechen, Perser und Karthager Rauch- und Feuerzeichen zur Übermittlung von Nachrichten.Angelika Niklas: Alte Formen der Telegraphie-sterben Feuersignale und Co aus? Diplomarbeit, Universität Wien, 2021, S. 23. Abgerufen am 9. Juni 2026. Der griechische Dichter Aischylos (525–456 v. Chr.) beschrieb in seinem Drama Agamemnon, wie die Nachricht vom Sieg der Griechen über Troja im Jahre 1184 v. Chr. mit einer Feuerzeichenkette von Troja in das 555 km entfernte Argos gelangte. Herodot (ca. 490–420 v. Chr.) beschreibt in seinem 7. Buch in Kapitel 182, dass die Griechen über Feuerzeichen Kenntnis von den Aktionen der Perser unter Xerxes I. erhielten (483 v. Chr.).Herodotus: Herodot's von Halikarnaß Geschichte. 8, übersetzt von Adolf Schöll, Metzeler, Stuttgart 1831, S. 1007 Abgerufen am 15. Juni 2026 Der Historiker Thukydides berichtete vom Einsatz von Feuersignalen im Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.).In: Der Peloponnesische Krieg. II 93–94, III 22, III 80. Griechische Autoren (Pseudo-Aristoteles, De mundo – Über die Welt) beschreiben hocheffiziente von den Persern in ihrem Reich genutzten Feuersignale.Pseudo-Aristotle: On the Cosmos. In: Johan C. Thom (ed.): Cosmic Order and Divine Power, Mohr-Siebeck, Tübingen 2014, B. Text, Translation and Notes, p. 45. Abgerufen am 15. Juni 2026 Beim Übergang vom 5. ins 4. Jahrhundert v. Chr. sollen nach Polyainos die Karthager mittels Feuersignalen eine Nachrichtenlinie von Sizilien nach Karthago verwendet haben, um möglichst rasch Nachschub an Kriegsmaterial bestellen zu können.Volker Aschoff, Geschichte der Nachrichtentechnik. Springer, 1984, Seite 25. Der griechische Militärtheoretiker Aeneas tacticus entwickelte um 360 v. Chr. eine Kombination aus Fackelzeichen und einer wassergefüllten Anzeigekonstruktion, den sogenannten Synchrontelegraphen, um vordefinierte Nachrichten zu übertragen.Angelika Niklas: Alte Formen der Telegraphie-sterben Feuersignale und Co aus? Diplomarbeit, Universität Wien, 2021, S. 26–27. Abgerufen am 9. Juni 2026. KleoxenosPaulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Band S IV (1924) S. 913 Abgerufen am 15. Juni 2026 und DemokleitosPaulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Band V,1 (1903) S. 132 Abgerufen am 15. Juni 2026 gelten als die Erfinder der Fackeltelegrafie, mit der zumindest in der Theorie erstmals kurze Texte übermittelt werden konnten.Wolfgang Riepl: Das Nachrichtenwesen des Altertums. Teubner, Leipzig 1913, S. 91,93, 95 und 100-101 (PDF). Abgerufen am 26. Mai 2026.

Optische Telegrafie im Römischen Reich

mini|Trajanssäule, Szene 1, Gesamtansicht mini|Ausschnitt von Szene 1: Erster Wachturm mit Balkenstapel und Heureiter mini|Ausschnitt von Szene 1: Zweiter und Dritter Wachturm mini|Turm der Trajanssäule mit 3 möglichen Positionen des Signalbalkens nach Riepl mini|Feuersignalcodes des Polybios und des Sextus Iulius Africanus mini|Adaptation des Codes von Sextus Iulius Africanus auf das System am römischen Turm Der Römische Militärtheoretiker Publius Flavius Vegetius Renatus („Vegetius“) beschrieb Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. am mailändischen Kaiserhof die Signalübertragung wie folgt: „Wenn die Streitkräfte getrennt sind, zeigen sie ihren Kameraden an, was auf keine andere Weise mitgeteilt werden kann, durch Flammen bei Nacht, durch Rauch bei Tag. Manche hängen Balken an die Türme von Befestigungen oder Städten, an denen diese, mal aufgestellt, mal herabragend, anzeigen, was vor sich geht“.Vegetius: De re militari, liber tertius, Digitalseite 34. Abgerufen am 26. Mai 2026.

Die Beschreibung eines am Turm befindlichen Balkens, mit dem Feuersignale gegeben wurden, ist ebebenfalls von der Darstellung dreier Wachtürme auf der Trajanssäule bekannt, die um 112/113 n. Chr. aufgestellt wurde und eine Szene aus dem ersten Dakerfeldzug des Kaisers (101/102) zeigt.Conrad Cichorius: Die Reliefs der Traiansäule. Zweiter Textband. Commentar zu den Reliefs des ersten dakischen Krieges. Bild 1, Tafel IV, V. Römische Grenzwacht. Reimer, Berlin 1896, S. 17–20. Abgerufen am 26. Mai 2026.

Riepl geht davon aus, dass die Stellung des Balkens am Turm 3 Positionen (45 Grad aufwärts, waagerecht und 45 Grad abwärts) ermöglichte.Wolfgang Riepl: Das Nachrichtenwesen des Altertums. Teubner, Leipzig 1913, S. 88 (PDF). Abgerufen am 26. Mai 2026.

Eine Methode, frei formulierte, kurze Nachrichten mit Hilfe der Feuerzeichentelegrafie zu übermitteln, beschrieb erstmals der griechische Geschichtsschreiber Polybios (200 – 120 v. Chr.), der auch Berater des römischen Feldherrn Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus war.Polybius: The Histories, fragments of vol. X, Chapter 43–46 (Historien, Fragmente von Band 10, Kapitel 43–46). Abgerufen am 26. Mai 2026. Sein System basierte auf Fackelzeichen mit einem Set aus zwei mal fünf nebeneinander angeordneter Fackeln, die hinter einer jeweils links oder rechts befindlichen Abschirmung positioniert waren. Durch Hervorhebung von Fackeln an bestimmten Positionen wurde der Code für den jeweiligen Buchstaben des Alphabets übermittelt (sogenannte Polybios-Chiffre). Der Buchstabe K (kappa) ergab sich beispielsweise durch Aufleuchten von zwei Fackeln auf der linken Seite und fünf Fackeln auf der rechten Seite.

Die von Polybios beschriebene Methode war zur Kommunikation im offenen Feld anwendbar. Jedoch begrenzte der geringe Abstand (weniger als 60 cm) zwischen zwei brennenden Fackeln die Entfernung, aus der diese beiden Lichtpunkte noch getrennt wahrgenommen werden konnten, auf deutlich unter 600 Meter. Die Methode des Polybios war daher für eine Kommunikation zwischen entfernt stehenden Türmen wenig geeignet. Zusätzlich sprach der hohe Personalbedarf pro Relaisstation gegen eine Nutzung über längere Strecken mit zahlreichen Türmen.Wolfgang Riepl: Das Nachrichtenwesen des Altertums. Teubner, Leipzig 1913, S. 98, 99 und 106 (PDF). Abgerufen am 26. Mai 2026.

Der christliche Gelehrte und kaiserliche Bibliothekar Sextus Iulius Africanus (160/170 – nach 240 n. Chr.) verfasste in der Bildungssprache Griechisch ein dem Kaiser Severus Alexander gewidmetes, als „Stickereien“ („Kesten“ oder „Κεστοί“) bezeichnetes enzyklopädisches Werk, in dem er auch das Kriegswesen behandelte. Er beschrieb ein bei den Römern verwendetes Verfahren zur optischen Telegrafie mit drei abgeschirmten Plätzen, aus denen aufeinanderfolgend jeweils bis zu acht Feuerzeichen gegeben werden konnten.Wolfgang Riepl: Das Nachrichtenwesen des Altertums. Teubner, Leipzig 1913, S. 107-108 (PDF). Abgerufen am 26. Mai 2026. Die Signale wurden über mehrere Stationen weitergegeben. Der Buchstabe K (kappa) ergab sich beispielsweise durch zweimaliges Heben einer Fackel in der mittleren Position.

Aufgrund der im Vergleich zu Polybios von 10 auf drei Fackelpositionen vergrößerten Abstandes der einzelnen Lichtquellen ergab sich eine höhere Reichweite. Da die Fackelsignale nacheinander und nicht mehr gleichzeitig gegeben wurden, konnte auch der Personalbedarf drastisch reduziert werden.

Das System von Sextus Iulius Africanus ließ sich mit der von Vegetius beschriebenen und an der Trajanssäule dargestellten Nutzung von Balken an Türmen einfach kombinieren. Wie im System von Sextus Iulius Africanus erforderlich, ermöglichte die Stellung des Balkens am Turm drei Grundpositionen (aufwärts, waagerecht und abwärts). Bei der Codierung ist davon auszugehen, dass im römischen Militär das lateinische Alphabet verwendet wurde.

Da den Römern sowohl die Signaleinrichtungen am Limes,David J. Woolliscroft und Birgitta Hoffmann: Zum Signalsystem und Aufbau des Wetterau-Limes. Germania, Bd. 77, Nr. 1, 1999, S. 163-183. Abgerufen am 9. Juni 2026. an Kastellen, an BurgiHarald Lehenbauer: In silva occultus: Die (un)erwartete Entdeckung von zwei römischen Straßenwachtürmen im Wienerwald - mit einem Exkurs zum rätischen Limes und dem dortigen Signalsystem der Straßenburgi. In: Interdisciplinary Journal on Roman Provinces, Issue 1 (2024), S. 1–36. Abgerufen am 7. Juni 2026.Franziska Reinhart: Wachtürme und burgi im Hinterland des raetischen Limes in der mittleren und späten Kaiserzeit. Masterarbeit im Studiengang Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, 11. Januar 2022. Abgerufen am 7. Juni 2026. und in Städten zur Verfügung standen und ihnen auch das Wissen um die Codierung des Alphabets bekannt war, ist davon auszugehen, dass sie die optische Telegraphie zur Übermittlung von Kurznachrichten einsetzten, wo immer ihnen dies nützlich war.

Ein wesentlicher Nutzen ergab sich aus der höheren Übermittlungsgeschwindigkeit von kurzen Nachrichten über optische Telegrafie im Vergleich zu Kurierdiensten. Die römische Staatspost (Cursus publicus) erreichte über Land eine reguläre Geschwindigkeit von etwa 80 km pro Tag.C.W.J. Eliot: New evidence for the Speed of the Roman Imperial post. Phoenix, Band 9, Nr. 2, 1955, S. 76-80. Abgerufen am 7. Juni 2026. Nur in wenigen Ausnahmefällen konnte diese Geschwindigkeit nochmals mehr als verdoppelt werden.A.M. Ramsay: The speed of the Roman Imperial post. The Journal of Roman Studies, Vol. 15 (1), 1925, S. 60-74. Abgerufen am 7. Juni 2026.E. Kornemann: Postwesen. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Band XXII,1; 1953, S. 1010-1013. Abgerufen am 8. Juni 2026.

Der Vorteil der optischen Telegrafie gegenüber der Übermittlung durch Boten stiegt mit der Entfernung. Der von Polybios vorgeschlagene Kurztext,Wolfgang Riepl: Das Nachrichtenwesen des Altertums. Teubner, Leipzig 1913, S. 93. Abgerufen am 26. Mai 2026. lat. „Centum Cretenses deserti“, benötigt bei einer Übermittlung von sechs Signalzeichen pro MinuteGeorg Michael Pachtler: Das Telegraphieren der alten Völker (Programm des Kaiserl. Königlichen Gymnasium zu Feldkirch für das Schuljahr 1866/67) bestätigt durch Wolfgang Riepl: Das Nachrichtenwesen des Altertums. Teubner, Leipzig 1913, S. 109. und einer Verzögerung von vier Signalzeichen pro Relaisstation (Turm) bei einer Turmentfernung von 611 Metern900 Wachtürme auf 550 km Länge. Abgerufen am 9. Juni 2026. im Obergermanisch-Raetischen Limes (ORL) für 80 km weniger als zwei Stunden und für 160 km deutlich weniger als vier Stunden. Diese Zeitangaben beinhalten sogar die Möglichkeit, die Kurznachricht zweimal zu senden, um eventuelle Fehler bei der Signalweitergabe an Relaisstationen zu korrigieren.

Die Übermittlung von Kurznachrichten durch Turmsignale gewann zusätzlich an Bedeutung, wenn in unsicheren Zeiten eine Meldung per Boten nicht zuverlässig gewährleistet werden konnte.