mini|Die Erschaffung der Welt. Auf den Außenflügeln des Triptychons Der Garten der Lüste (um 1500) stellte Hieronymus Bosch die Erde als Scheibe dar, die in einer transparenten Sphäre schwebt.Ernst Gombrich: Bosch’s „Garden of Earthly Delights“: A Progress Report. In: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 32 (1969), S. 162. Die Vorstellung einer flachen Erde oder einer Erdscheibe findet sich in vielen frühen Kulturen. Die Erdoberfläche wird hierbei als flach und oft in Gestalt einer (runden) Scheibe gedacht. Mit der Verbreitung astronomischer Naturwissenschaften seit der Antike kam das Modell der Erdkugel auf. Der Globus als Erdmodell blieb seitdem die vorherrschende Lehrmeinung im europäischen Mittelalter und in der Neuzeit.

Die im 19. Jahrhundert aufgekommene Legende, die mittelalterliche Christenheit habe an eine Erdscheibe geglaubt, wurde als historischer Irrtum entlarvt (vgl. „Finsteres Mittelalter“). Zu ihrer Verbreitung trug die Erzählung Das Leben und die Reisen des Christoph Columbus (1828) von Washington Irving bei. Auch im 21. Jahrhundert gibt es Vertreter der These, die Erde sei flach. Es handelt sich dabei um eine Verschwörungstheorie, deren Anhänger sich im Englischen „Flat Earthers“ (frei übersetzt: „Flacherd[l]er“) nennen.

Die Frage der Gestalt der Erde ist nicht zu verwechseln mit der Entwicklung vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild.

Die Vorstellung von der Scheibenform der Erde mini|Rekonstruktion der „Weltkarte des Hekataios von Milet“, 6. Jh. v. Chr. Verschiedene Scheibenmodelle finden sich in vielen Ursprungsmythen, z. B. in Mesopotamien und bei den frühgriechischen Philosophen Anaximander und Hekataios. Ein Schöpfer oder elementare Naturgewalten (Wasser, Feuer) sollten demnach die Welt als Insel auf einem Urozean, oft mit den bekannten Weltmeeren verbunden, erschaffen haben. In einigen Bildern gibt es einen zum Himmel reichenden zentralen Weltenberg oder, etwa in der iranischen Mythologie, ein Ringgebirge Qaf am äußeren Rand der Scheibe. In der nordischen Mythologie wird Midgard, die Welt der Menschen, ebenfalls als Scheibe beschrieben. Sie ist von einem riesigen Meer umgeben, in dem die Midgardschlange haust.David S. Noss: Man’s Religions. MacMillan, New York 1984, S. 66.

Im Weltbild der homerischen Epen war die Erde eine von Wasser des Okeanos umflossene Scheibe, die von der Halbkugel des Himmels überwölbt ist. Von dieser Vorstellung lösten sich bereits die kosmologischen Spekulationen der vorsokratischen Philosophen.

Im Alten Testament finden sich unter den Varianten älterer Mythen auch Fragmente des mesopotamischen Scheibenbilds, die einander offensichtlich widersprechen.Cornelis Houtman: Der Himmel Im Alten Testament: Israels Weltbild und Weltanschauung (= Old Testament Studies. Band 30). Brill, Leiden 1993, S. 290 f. Im hebräischen und alttestamentlichen Buch Jesaja heißt es in : . Das althebräische Wort חוּג (chug), das hier mit Kreis übersetzt worden ist, impliziert nicht eine Kugelform. Die sprachliche Wurzel kommt als Verb nur einmal vor in (), als Substantiv in () und () und einmal im Substantiv מְחוּגׇה (mechûghah; ) als Zirkel: . Im deuterokanonischen Buch Jesus Sirach wird mit chug ein Regenbogen beschrieben (), also ein Kreisabschnitt. In den erwähnten Bibelstellen mit chug finden sich weitere Elemente einer Flacherdvorstellung: ein gespanntes Himmelszelt, stützende Säulen und und als absolute Richtungsangaben.

Allerdings waren sich die christlichen Kirchenväter weitgehend einig, dass biblische Texte, die etwa von den Säulen der Erde sprechen, insoweit nicht wörtlich verstanden werden dürfen. So mahnte Augustinus von Hippo grundsätzlich zur Vorsicht bei der Auslegung von Textstellen der Bibel, damit man nicht aufgrund von Vorurteilen der Wahrheit widerspreche. Auch warnte er in diesem Zusammenhang vor der Kombination von Glauben und Unbildung: »Oft genug kommt es vor, daß auch ein Nichtchrist ein ganz sicheres Wissen durch Vernunft und Erfahrung erworben hat, mit dem er etwas über die Erde und den Himmel, über Lauf und Umlauf, Größe und Abstand der Gestirne, über bestimmte Sonnen- und Mondfinsternisse, … zu sagen hat. Nichts ist nun peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit Berufung auf die christlichen Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge Behauptungen aufstellt, die falsch sind …«Im Koran wird die Erde mit einem Teppich verglichen (Sure 71:19-20): „Gott legte euch die Erde wie einen Teppich aus, damit ihr auf ihr gehen könnt, auf Wegen und durch Pässe.“ In der Sure 78:6-7 wird explizit von einer „ebenen Fläche“ gesprochen: „Haben wir die Erde nicht zu einer ebenen Fläche gemacht und die Berge zu Zeltpflöcken?“ Diese und andere Koranverse wurden von Islamgelehrten gemeinsam mit der Überzeugung von der Unfehlbarkeit des Koran als Grund verstanden, die Kugelform der Erde abzulehnen. Der einflussreiche Schriftgelehrte al-Qurtubi sah auch in dem Koranvers 13:3 („Und er ist es, der die Erde (wie einen Teppich) ausgebreitet und auf ihr feststehende (Berge) und Flüsse gemacht hat.“) eine sichere Widerlegung der Kugelgestalt der Erde. Weitere Korangelehrte, die aufgrund des Korans lehrten, dass die Erde flach sei, waren etwa ad-Din al-Mahallī und as-Suyuti. Andererseits ließ der Kalif al-Maʾmūn Anfang des 9. Jahrhunderts den Erdumfang auf Grundlage einer Kugelvorstellung bestimmen.

Die Ablehnung der Scheibenform Altertum mini|Erdschatten bei partieller Mondfinsternis Das Globus-Modell der Erdkugel wurde in der Antike Pythagoras, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte, oder dem mythischen König Atlas von Mauretanien zugeschrieben. Auch Platon ging von der Kugelgestalt aus. Sein Schüler Aristoteles gab in seiner Schrift Über den Himmel aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. folgende Gründe für die Kugelgestalt der Erde an:J. L. Stocks: Aristoteles: On the Heavens (englisch), Buch II, Kap. 14. Sämtliche schweren Körper streben zum Mittelpunkt des Alls. Da sie dies von allen Seiten her gleichmäßig tun und die Erde im Mittelpunkt des Alls steht, muss sie eine kugelrunde Gestalt annehmen. In südlichen Ländern erscheinen südliche Sternbilder höher über dem Horizont. Der Erdschatten bei einer Mondfinsternis ist stets rund.

mini|hochkant|Methode Eratosthenes zur Berechnung des Erdumfangs Die erste Messung des Erdumfangs wird Eratosthenes im späten 3. Jahrhundert v. Chr. zugeschrieben. Er nutzte die Beobachtung, dass die Sonne in Syene (heute Assuan in Südägypten) zur Sommersonnenwende mittags im Zenit steht und gleichzeitig in Alexandria (etwa auf gleichem Längengrad in Nordägypten) um 7° vom Zenit entfernt. Aus dem Abstand zwischen Syene und Alexandria von 5000 Stadien, den er wahrscheinlich von königlichen Schrittzählern genau ausmessen ließ, und dem Einfallswinkel (7° oder etwa des Vollkreises) ergab die Rechnung einen 50-mal größeren Erdumfang, also 250.000 Stadien. Da die beiden Städte etwa 845 km Luftlinie voneinander entfernt sind, kommt Eratosthenes dem wahren Erdumfang (845*50=42.250 statt genauer 40.007,76 km über die Pole) schon nahe.Jürgen Mau: Eratosthenes 2. In: Der Kleine Pauly, Bd. 2: Dicta Catonis–Iuno. dtv, München 1979, Sp. 345.

Plinius der Ältere überliefert im 1. Jahrhundert als weiteres Argument, dass bei von der Küste wegfahrenden Schiffen der Rumpf vor den Segeln der Sicht verborgen wird.Plinius, Naturalis historia 2,65. Im Mittelmeerraum und Orient war zu dieser Zeit die Kugelgestalt unter Gelehrten generell akzeptiert.

Auf Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. geht die Erstellung eines Globus und die Ortsangabe durch geographische Länge und Breite zurück. In seinem Modell eines geozentrischen Weltbildes ging Ptolemäus von einer kugelförmigen Erde aus und errechnete als Umfang 30.000 km.

Eine Besonderheit ist die Beschreibung des Erdglobus aus der Sicht von oben, von einem Standpunkt im (geozentrisch gedachten) Kosmos, bei Cicero.Cicero, De re publica 6.16 f.; 6.20 f.

Der Schriftsteller Ovid beschreibt die Erdgestalt in seinem Werk Metamorphosen als Kugel und erwähnt auch die verschiedenen Klimazonen auf Nord- und Südhalbkugel. Da in den Metamorphosen auch ein monotheistischer Schöpfergott angedeutet wird, war das Werk das gesamte Mittelalter über bekannt und wurde verbreitet, und damit auch die Passage über die Kugelgestalt der Erde.

Spätantike Kritik an der Kugelform mini|hochkant|Weltbild des Kosmas Indikopleustes: flache Erde in einem Tabernakel, 6. Jahrhundert

Folgende spätantike christliche Autoren vertraten von der Kugelform abweichende Positionen: Lactantius (* um 250; † um 320) bezeichnete die Vorstellung als unsinnig, da Menschen auf der Unterseite („Antipoden“) auf dem Kopf stehen und Regen von unten nach oben fallen würde.Lactantius: Divinae institutiones III, 24 Nikolaus Kopernikus kritisierte ihn 1543 in dem an Papst Paul III. gerichteten Vorwort zu De Revolutionibus. Kyrill von Jerusalem (313–386) verstand die Erde als ein auf Wasser schwimmendes Firmament. Johannes Chrysostomos (349–407) sah in der kugelförmigen Erde einen Widerspruch zu einigen Aussagen der Bibel. Severian von Gabala, der Bischof von Gabala (um 408), Diodorus von Tarsus (um 394) und Theodor von Mopsuestia (350–428) sprachen von einer Scheibenform der Erde. Kosmas Indikopleustes (6. Jahrhundert n. Chr.) bezeichnete die Erde um 550 in seiner Christlichen Topographie als „ein Parallelogramm, flach und von vier Meeren umgeben“.

Der Einfluss dieser Autoren war gering: Lactantius fand mit seiner Meinung zur Erdgestalt erst im Zeitalter des Humanismus Beachtung; das auf Griechisch abgefasste Werk des Kosmas Indikopleustes wurde erst im frühen 18. Jahrhundert im Abendland bekannt. Theodor von Mopsuestia als Nestorianer und Kosmas als Monophysit waren für orthodoxe und katholische Christen keine akzeptierten Autoritäten.

Mittelalter mini|hochkant|Flammarions Holzstich – erstmals erschienen 1888 in Paris als Illustration in einem populären Buch über die Atmosphäre mini|hochkant|Möglicherweise Ansicht des Erdballs, auf dem gleichzeitig verschiedene Jahreszeiten herrschen (12. Jahrhundert), aus Hildegard von Bingens Liber Divinorum Operum (12. Jahrhundert) mini|hochkant|Illustration der kugelförmigen Erde in einem L’Image du monde – Manuskript des Gossouin de Metz (14. Jahrhundert) mini|hochkant|Künstlerische Darstellung einer runden Erde aus John Gowers Vox Clamantis (um 1400) mini|hochkant|Behaimscher Erdapfel, ältester noch erhaltener Erdglobus, 1490/1493 Nürnberg. Die Vorstellung, dass das mittelalterliche Weltbild von einer Flacherde ausgeht, ist verbreitet, aber falsch. Sie entstand vielmehr erst aus dem Bedürfnis der Neuzeit, sich von der vorangegangenen Zeit abzugrenzen, das noch im 19. Jahrhundert im bekannten Holzstich von Flammarion (s. Abb.) Ausdruck fand. Entgegen dieser Legende war die Kugelgestalt der Erde nicht nur im mittelalterlichen arabisch-islamischen KulturkreisGotthard Strohmaier: Avicenna. Beck, München 1999. ISBN 3-406-41946-1, S. 157. bekannt, sondern auch im europäischen Mittelalter Lehrmeinung.Hamel 1996, S. 34. Dessen ungeachtet wurde die Erde in Kunstwerken oft als Scheibe dargestellt (z. B. Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch noch um 1500). Aristoteles, der die Kugelgestalt der Erde lehrte, galt im Hoch- und Spätmittelalter als Autorität in Fragen der Naturwissenschaft. Seine Werke wurden ab dem 12. Jahrhundert populär durch die Wiedererlangung der griechischen Originalschriften in WesteuropaSylvain Gouguenheim: Aristote au mont Saint-Michel : Les racines grecques de l’Europe chrétienne. und Übersetzungen aus dem Arabischen. Das einflussreiche Buch der Naturgeschichte von Plinius dem Älteren († 79), der die Auffassung von Aristoteles übernahm und aus eigener Beobachtung ergänzte, war im Mittelalter in mehr als 300 Handschriften verbreitet. Im 5. Jahrhundert verfasste Martianus Capella seine im europäischen Mittelalter noch lange studierten Werke; in der Geografia führte er aus: