mini|Arthur Nebe als SS-Gruppenführer (1942), Aufnahme von Kurt Alber, SS-Propagandakompanie Arthur Nebe (* 13. November 1894 in Berlin; † 3. März 1945Eintrag im Sterbebuch des Strafgefängnisses Plötzensee, Arolsen-Archiv, 1 Infhaftierungsdokumente / 1.2 Verschiedenes / 1.2.2 Gefängnisse / 1.2.2.1 Listenmaterial Gruppe P.P. / Auszüge aus den Sterbebüchern des Strafgefängnisses Plötzensee, Mat – Par, Todesdaten: 2.9.38 – 3.3.45, ITS 152 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Polizeibeamter. Er war von 1937 bis 1944 Reichskriminaldirektor. Damit war er Chef des Reichskriminalpolizeiamtes (RKPA), des Amtes V des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), zunächst im Rang eines SS-Sturmbannführers, seit 1941 als SS-Gruppenführer. Schon unter Weimarer Bedingungen trat der Alte Kämpfer Nebe unter Verletzung seiner Dienstpflichten für die NSDAP auf.

Im nationalsozialistischen Deutschland machte er als Kriminalbeamter Karriere. Er war führend an den Massenverbrechen der Einsatzgruppe B an Juden, Roma, Kommunisten und anderen sowjetischen Bevölkerungsgruppen beteiligt, erprobte die Massentötung durch Giftgas, beschaffte das Giftgas für die Tötung von Behinderten, z. B. bei der Aktion T4, verfolgte den Hitlerattentäter Georg Elser, verantwortete die Deportation und Vernichtung von Sinti und Roma und Menschenversuche an KZ-Häftlingen. Undurchsichtig ist sein Verhältnis zum Verschwörerkreis des 20. Juli 1944, zu dem er Kontakte hatte. Nebe wurde vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Lange war das von dem Zeitzeugen Hans Bernd Gisevius und anderen seit 1946 entworfene Bild eines Widerstandskämpfers bestimmend. Die jüngere historische Forschung hat es in Aufarbeitung des Stands der Zeitgeschichte der 1950er bis 1980er Jahre grundlegend revidiert. Sie betont seit den 1990er Jahren die aktive Beteiligung des „strammen Nationalsozialisten“ an den NS-Massenverbrechen und seine daraus resultierende Mitschuld; gleichzeitig wird Nebe nicht mehr dem militärischen Widerstand zugerechnet.

Leben Der Sohn eines Volksschullehrers machte 1914 das Notabitur am Leibniz-Gymnasium in Berlin, nachdem er zuvor am Gymnasium zum Grauen Kloster durchs Abitur gefallen war, und meldete sich im Anschluss als Freiwilliger zum Kriegsdienst.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung. Arthur Nebe der Kripochef des Dritten Reiches. Lit Verlag, Münster 2001, ISBN 3-8258-5353-5, S. 21.

Während des Ersten Weltkrieges kämpfte er beim Pionier-Bataillon 17, wurde zweimal verwundet und am 30. März 1920 als Oberleutnant a. D. entlassen. 1918/19 gehörte er zum Freikorps Grenzschutz Ost. Er versuchte erfolglos, bei der Glühlampenfabrik Osram und der Freiwilligen Feuerwehr Berlin eine Stelle zu bekommen. Am 1. April 1920 wurde er Kriminalkommissar-Anwärter bei der Polizeiverwaltung Berlin und studierte zudem einige Semester Medizin und Volkswirtschaft. In den Jahren 1920 bis 1923 organisierte er die „Deutschnationale Jugendgruppe Prenzlauer Berg“.

Er war seit 1924 mit Elise Schaeffer verheiratet und hatte eine Tochter, Gisela, die 1926 geboren wurde.

Karriere in der Kriminalpolizei und SS mini|Besuch der ungarischen Polizeiabordnung im Februar 1939, von links nach rechts: SS-Standartenführer Arthur Nebe, Boor und SS-Oberführer Werner Best (Foto aus der Sammlung Adolf von Bomhard) Nebe bildete – nach eigener Aussage – zusammen mit anderen Polizeibeamten eine völkische Gruppe, die sich mit der Propaganda gegen Juden und Freimaurer innerhalb der Polizeibeamtenschaft befasste. Zudem wurde er Verbindungsmann der NSDAP zur Kriminalpolizei Berlin.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung. Arthur Nebe der Kripochef des Dritten Reiches. Lit Verlag, Münster 2001, S. 23. Zum 1. Juli 1931 trat Nebe der NSDAP (Mitgliedsnummer 574.307)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/30140865 und der SA bei. Der frühe Parteibeitritt begründete den Ehrentitel „Alter Kämpfer“. Außerdem wurde er zunächst förderndes Mitglied der SS.

Im Frühjahr 1932 gründete er zusammen mit anderen höheren Kriminalbeamten die Fachschaft Kriminalpolizei innerhalb der NS-Beamtenarbeitsgemeinschaft. Dienstinterna des Polizeipräsidiums Berlin gab er entgegen den Vorschriften weiter an den NSDAP-Abgeordneten im Preußischen Landtag Kurt Daluege.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung. Arthur Nebe der Kripochef des Dritten Reiches. Lit Verlag, Münster 2001, S. 23 f.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 rekrutierte Hermann Göring den am 1. April 1933 zum Kriminalrat aufgestiegenen Nebe zunächst für die Gestapo. Er wurde als Dezernent der Abteilung III (Bewegungsabteilung) eingesetzt. Zu seinen Untergebenen gehörten unter anderem der Leiter des Außendienstes III A Erich Lipik und der Leiter des Bereiches III B 2 Bruno Sattler, verantwortlich für SPD, SAP, Reichsbanner, Gewerkschaften sowie Sonderaufträge. Als am 1. Februar 1934 die Ermordung des Gestapo V-Mannes Alfred Kattner bekannt wurde, gab Nebe umgehend an Sattler den Befehl, als Vergeltung die inhaftierten KPD-Funktionäre John Schehr, Eugen Schönhaar, Rudolf Schwarz und Erich Steinfurth zu erschießen. Das erfolgte dann in der Nacht vom 1. zum 2. Februar 1934 an der Landstraße zwischen Wannsee und Potsdam in Höhe des Schäferberges „auf der Flucht“. Ursprünglich hatte Adolf Hitler in einem Wutausbruch über „diese ungeheuerliche Provokation“ von Rudolf Diels 1.000 Sühneopfer gefordert.Rudolf Diels, Lucifer ante Portas, Deutsche Verlagsanstalten Stuttgart, 1950, S. 402ff.

In die Vorbereitung der „Nacht der langen Messer“ zur Ermordung der SA-Führung und weiterer dem NS-Regime missliebiger Personen, am 30. Juni 1934 – von der nationalsozialistischen Propaganda als Röhm-Putsch bezeichnet – wurde Arthur Nebe (nach Erinnerung von Hans Bernd Gisevius) zu Görings Leibwächter bestellt und organisierte den Polizeischutz für die unter diesem Vorwand verübten Verbrechen.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung. Arthur Nebe der Kripochef des Dritten Reiches. Lit Verlag, Münster 2001, S. 46. Gisevius behauptete in seiner Vernehmung während der Nürnberger Prozesse außerdem, Nebe habe von Göring den Auftrag zur Ermordung Gregor Strassers erhalten, wobei ein Auto- oder Jagdunfall vorgetäuscht werden sollte.

Mit Datum vom 1. Januar 1935 wurde Nebe mit der Leitung des preußischen Landeskriminalamtes (LKPA) beauftragt.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung. Arthur Nebe der Kripochef des Dritten Reiches. Lit Verlag, Münster 2001, S. 47. Am 2. Dezember 1936 wechselte er mit dem Dienstgrad Sturmbannführer von der SA zur SS (SS-Nummer 280.152) unter gleichzeitiger Ernennung zum „SS-Führer im SD-Hauptamt“. Im Juli 1937 wurde Nebe zusätzlich Leiter des späteren Amtes V des Reichssicherheitshauptamtes, das kriminalpolizeiliche Aufgaben im Reich wahrnahm; er blieb Chef der deutschen Kriminalpolizei.

mini|Besprechung der Ermittlungsergebnisse über den Bombenanschlag im Bürgerbräukeller in München am 8. November 1939 durch Georg Elser, von links nach rechts: SS-Obersturmbannführer Franz Josef Huber, SS-Oberführer Arthur Nebe, Reichsführer SS Heinrich Himmler, SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich und SS-Oberführer Heinrich Müller

Nach dem Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller am 8. November 1939 wurde von Himmler die Sonderkommission „Bürgerbräuattentat“, mit Sitz in der Stapo-Leitstelle München am Wittelsbacherplatz, eingesetzt. Diese leitete unter Nebe die Ermittlungen. Als Hitler am 11. November 1939 den Ort des Attentats besichtigte, ließ er sich von Nebe persönlich „eingehenden Bericht erstatten“. Die Ermittlungen führten zur Identifizierung von Georg Elser als Attentäter.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung. Arthur Nebe der Kripochef des Dritten Reiches. Lit Verlag Münster 2001, S. 100–105. Nach der Aussage Adolf Würths beauftragte Nebe den Rassenhygieniker Robert Ritter, Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle am Reichsgesundheitsamt, mit der Untersuchung der Frage, ob Elser „Zigeuner“ wäre. Würth und seine Mitarbeiterin, die Rassenforscherin Eva Justin, kamen dabei zu einem negativen Ergebnis.Benno Müller-Hill: Tödliche Wissenschaft. Reinbek 1988, S. 153. Interview mit Adolf Würth

Von 1938 bis 1944 war Nebe zudem Direktor der Internationalen kriminalpolizeilichen Kommission (IKPK, heute Interpol) und von 1942 bis 1943 mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Präsidenten der IKPK beauftragt.

Ferner war Nebe zusammen mit Gottlob Berger, dem Chef des SS-Hauptamtes, für die Rehabilitierung von Wilddieben der SS-Sondereinheit Dirlewanger zuständig.Hans Buchheim: Anatomie des SS-Staates. Bd. 1. München 1989, S. 304.

Kontakte zum militärischen Widerstand Als 1938 gegen den Chef der Heeresleitung, Werner von Fritsch, wegen vermeintlicher Homosexualität Anklage erhoben wurde mit dem Ziel, ihn unter diesem konstruierten Vorwand aus der obersten Militärführung zu entfernen, konnte Arthur Nebe mit den tatsächlichen Informationen Unterstützung geben. In dem anschließenden Prozess wurde von Fritsch am 18. März 1938 wegen erwiesener Unschuld von den Anschuldigungen freigesprochen und im Anschluss wieder rehabilitiert. Trotz der erfolgten Rehabilitierung erhielt Fritsch seinen Posten dennoch nicht zurück, da ihn die NS-Spitze in Vorbereitung des Weltkriegs gezielt entfernen wollte. Nebe hatte zur Entlastung des Beschuldigten Beweise beschafft und stand im Kontakt mit dem für den Prozess gegen von Fritsch zuständigen Richter am Reichskriegsgericht, Karl Sack. Dieser wurde später im Kontext des Putschversuchs vom 20. Juli 1944 ebenfalls hingerichtet. Nebe teilte Sack sein Wissen im erforderlichen Umfang mit, wollte sich aber „gleich wieder zurückziehen“, denn „mit den Folgeerscheinungen seiner Ermittlungen“ wollte Nebe „nicht konfrontiert werden.“ Von einem ärztlichen Duzfreund ließ er sich krankschreiben, um im Prozess nicht aussagen zu müssen.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung. Arthur Nebe der Kripochef des Dritten Reiches. Lit Verlag, Münster 2001, S. 68 f.

Im Vorfeld der Massenmorde an der sowjetischen Bevölkerung setzten sich 1941 – nach Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion – Henning von Tresckow, Fabian von Schlabrendorff, Hans Bernd Gisevius und Nebe zusammen, um über den Einsatz von SS-Brigaden in den Gebieten hinter der Front zu beraten. In der von von Schlabrendorff und Gisevius vorgelegten Memoirenliteratur wird jedoch das Thema dieser Kooperation unterschlagen. Beide stellen das Treffen als eine Art informelle Widerstandsgruppe dar.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung. Arthur Nebe der Kripochef des Dritten Reiches. Lit Verlag, Münster 2001, S. 116 f.

Beide Vorgänge belegen Kontakte zu späteren Akteuren des Putschversuchs vom 20. Juli 1944, lassen sich aber nicht als eine wie auch immer geartete Widerstandshandlung gegen das NS-Regime deuten.

Beteiligung an der Massentötung durch Giftgas in Gaswagen bzw. Gaskammern Viktor Brack von der Kanzlei des Führers beauftragte Nebe in der Planungsphase der Aktion T4 mit der Entwicklung einer Methode zur Massentötung durch Giftgas. Nebe gab den Auftrag an Albert Widmann, einen Angehörigen des Nebe unterstellten Kriminaltechnischen Instituts der Sicherheitspolizei (KTI), weiter.

Widmann fragte Nebe bei seiner Beauftragung, ob Menschen oder Tiere getötet werden sollten, worauf Nebe antwortete, dass es weder Menschen noch Tiere, sondern „Tiere in Menschengestalt“ sein würden. Nebe sicherte zu, dass Widmann keine Verantwortung tragen würde. Es folgte eine Besprechung in der Kanzlei des Führers, bei der Brack, Hans Hefelmann, Richard von Hegener sowie Nebe und Widmann anwesend waren.Urteil des Landgericht Stuttgart gegen Widmann nach Ernst Klee: Euthanasie im NS-Staat. Frankfurt am Main 1991, S. 84 f.