mini|Otto Dibelius (links) und Konrad Adenauer, 1957
Friedrich Karl Otto Dibelius (* 15. Mai 1880 in Berlin; † 31. Januar 1967 in West-Berlin) war ein deutscher evangelischer Theologe. Mit einjähriger Unterbrechung war er von 1925 bis 1945 Generalsuperintendent der Kurmark in der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union. Nach anfänglicher Begeisterung für Hitler und das NS-Regime geriet Dibelius in kirchenpolitischen Fragen zunehmend auch in Konflikte mit den neuen Machthabern und war in der Bekennenden Kirche aktiv. 1945 nahm er den Titel eines Bischofs an und leitete bis 1961/1966 die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg. Von 1949 bis 1961 war er zudem Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Ausbildung Otto Dibelius wuchs als Sohn des aus Prenzlau stammenden Geheimen Regierungsrats Otto Andreas Dibelius und dessen Ehefrau Laura Erdmute Margarete KäufferWerner Bienwald: Eine Stammfolge Dibelius. In: Der Herold. Vierteljahresschrift für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften, Januar–Juni 1967, Band 6, Heft 5/6, S. 411 f. in der Berliner Luisenstadt auf, ab 1890 besuchte er das Luisenstädtische Gymnasium. Im Jahr 1892 zog die Familie nach Groß-Lichterfelde um, wo Dibelius 1899 am neugegründeten Lichterfelder Realgymnasium das Abitur ablegte. Bis 1904 studierte er Evangelische Theologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin bei Adolf Harnack. Dort trat er in den VDSt Berlin ein.Louis Lange (Hrsg.): Kyffhäuser-Verband der Vereine Deutscher Studenten. Anschriftenbuch 1931. Berlin 1931, S. 42. Im Fach Klassische Philologie wurde er 1902 bei Albrecht Dieterich an der Universität Gießen zum Dr. phil. promoviert mit der Dissertation: Vorstellungen von Gebet und Vaterunser bei griechischen Schriftstellern der ersten Jahrhunderte nach Christus. Nach der ersten theologischen Prüfung besuchte er von 1904 bis 1906 das Predigerseminar in Wittenberg. Nach seiner Rückkehr und Fortsetzung des Theologiestudiums in Berlin wurde er 1906 zum Lic. theol. promoviert, gefolgt von der zweiten theologischen Prüfung. Nach einem anschließenden Studienjahr in Schottland mit einem Stipendium der Schleiermacherschen Stiftung an der Berliner Universität wurde er in der Nikolaikirche (Berlin) ordiniert.
Aufstieg in die Kirchenleitung bis 1933 Dibelius machte in der kirchlichen Hierarchie eine rasche Karriere. 1906 begann er als Hilfsprediger in Guben und wurde 1907 Archidiakon in Crossen (Oder). Ab 1910 war er zweiter Pfarrer an St. Petri und Pauli in Danzig und 1911 Oberpfarrer in Lauenburg i. Pom. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges gehörte er zu den zahlreichen Geistlichen, die von einem übersteigerten Nationalismus erfüllt die kaiserlichen Heeressoldaten als Kämpfer für „die Siegeszeichen Christi“ sahen.Gott mit uns! Ein Gruß aus der Heimat von Oberpfarrer Dibelius in Lauenburg. Gedruckt im Auftrag des Gemeinde-Kirchenrats 1914, S. 6. Im Jahre 1915 wurde er Pfarrer an der Kirche zum Heilsbronnen in Berlin. Nachdem der Krieg für das Kaiserreich verloren gegangen war, vertrat er wie andere rechtskonservative und republikfeindliche Kräfte die „Dolchstoßlegende“ und sah die Ursache in .Otto Dibelius: Nationale Erhebung. Berlin 1919, S. 55. Diese konservative, antisozialistische Positionierung, wie sie typisch für den in der evangelischen Pfarrerschaft herrschenden Nationalprotestantismus war, ermöglichte seinen steilen Aufstieg in die kirchliche Hierarchie. 1921 wurde er nebenamtliches Mitglied des altpreußischen Evangelischen Oberkirchenrates (EOK) in Berlin-Charlottenburg und 1925 Generalsuperintendent der Kurmark im brandenburgischen Konsistorium in Berlin. Im selben Jahr trat er in die DNVP ein.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Zweite aktualisierte Auflage, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 107. 1926 veröffentlichte er sein beachtetes, programmatisches Buch Das Jahrhundert der Kirche.
Nun arbeitete er in der ökumenischen Bewegung mit. Er nahm 1925 an der Weltkonferenz für Praktisches Christentum in Stockholm und 1927 an der Weltkonferenz für Glaube und Kirchenverfassung in Lausanne teil und wurde in den Fortsetzungsausschuss gewählt.
Aufsehen erregte Dibelius im Jahr 1930 mit seinem Buch Friede auf Erden?Friede auf Erden? Frage, Erwägungen, Antwort. Furche-Verlag, Berlin 1930. Entgegen der gewohnten evangelischen Interpretation des Krieges als „gottgewollt“ vertrat Dibelius die Ansicht, der Krieg sei Menschenwerk und als solches zu verhindern: . Gleichzeitig kritisierte er den entschiedenen Pazifismus eines Leo Tolstoi und verlangte, dass Christen ihre Opferbereitschaft auch als Soldaten unter Beweis stellen sollten. Denn die Nation sei „das heiligste und das größte“ irdische Gut. „Wenn die Stunde schlägt, müssen wir bereit sein, für unser Vaterland auch den Krieg mit der Waffe zu führen!“ Daneben forderte Dibelius die Kirche auf, für Kriegsdienstverweigerer aus christlichem Gewissen einzustehen, auch wenn sie deren Stellungnahme nicht billige. Der Glaube begründe ein höheres Recht als staatliche Ordnungen und Gesetze.Friedrich Gollert: Dibelius vor Gericht. Beck, München 1959, S. 26, 29.
Haltung im Nationalsozialismus Von März bis Dezember 1933 Dibelius begrüßte den Machtantritt Adolf Hitlers. Am 21. März 1933 hielt er in seiner Eigenschaft als zuständiger Generalsuperintendent am „Tag von Potsdam“ in der Nikolaikirche eine Festpredigt vor den evangelischen Reichstagsabgeordneten. Darin lobte er die neuen Machthaber für die Reichstagsbrandverordnung, womit Regimegegner verhaftet und staatsbürgerliche Rechte weitgehend außer Kraft gesetzt wurden, warnte aber auch vor den Gefahren einer Diktatur.
Dibelius berief sich mit Treitschke auf einen der heftigen Antijudaisten des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls in der Nikolaikirche sagte Dibelius:
Als am 1. April 1933 der „Judenboykott“ der SA gegen jüdische Geschäfte erfolgte, stellte er sich hinter den Hitlerstaat und erklärte:
In einer in den USA ausgestrahlten Radioansprache zum Boykott behauptete Dibelius am 4. April 1933, dieser verlaufe „in Ruhe und Ordnung“.Zitat aus Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Band 1: Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. 2. Auflage. Beck, München 1998, ISBN 3-406-43506-8, S. 55 f.
Im April 1933 erklärte Dibelius ferner in einem vertraulichen Osterbrief an seine Amtsbrüder in der ganzen Kirchenprovinz:
Auf dem Kurmärkischen Kirchentag, der am Sonntag Exaudi, dem 28. Mai 1933, in Potsdam unter Leitung von Dibelius (als Generalsuperintendent der Kurmark) stattfand, forderte dieser, dass die „… Kirche klar und eindeutig die freie Verkündigung des Evangeliums ohne Rücksicht auf Menschen und menschliche Gewalten zu ihrer Hauptaufgabe machen (müsse).“Berliner Morgenpost, 30. Mai 1933, S. 3
Im Mai 1933 erschuf die Reichsregierung zwecks direkter Einflussnahme auf die evangelischen Landeskirchen Staatskommissare. Dibelius protestierte als Generalsuperintendent gegen diesen staatlichen Willkürakt.Zur Absetzung und zum Rückzug vom Amt siehe Robert Stupperich: Otto Dibelius. Ein evangelischer Bischof im Umbruch der Zeiten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1989, ISBN 3-525-55414-1, S. 202–219. Für Preußen wurde als Staatskommissar am 23. Juni 1933 der Ministerialdirektor August Jäger berufen, der Leiter der Kirchenabteilung des Kultusministeriums und Amtswalter für evangelische Kirchenangelegenheiten in der Reichsleitung der NSDAP war. In einer seiner ersten Amtshandlungen setzte er am 26. Juni 1933 den Generalsuperintendenten Dibelius wegen des Protestes gegen die Regierung ab.
Im Juli 1933 erließ die Reichsregierung in Absprache mit den nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ (DC) eine neue Reichskirchenverfassung, die eine kurzfristig für den 23. Juli 1933 anberaumte Kirchenwahl zur Folge hatte. Hitler hatte im Gegenzug auf Veranlassung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Staatskommissare zurückgezogen und ihre Maßnahmen rückgängig gemacht. Dibelius durfte am 19. Juli 1933 in sein Amt zurückkehren. Nachdem die DC die Kirchenwahl im Triumph gewonnen hatten, bat Dibelius um Beurlaubung. Unter Bezug auf die Angriffe der DC schrieb er am 26. Juli 1933 in einem Brief an den Evangelischen Oberkirchenrat:
Hitler setzte den „Reichsbischof“ Ludwig Müller ein. So wurden die Kirchenverwaltungen langsam in eine „Reichskirche“ umgewandelt. Im September 1933 schafften die Deutschen Christen das Amt des Generalsuperintendenten ab. Die Inhaber wurden, wie Dibelius, in den Ruhestand versetzt. Dagegen entstand eine innerkirchliche Opposition, an deren Kirchenkampf Dibelius nicht von Anfang an teilnahm. Er ging am 1. Dezember 1933 als Kurprediger ins italienische Sanremo.
Von Juli 1934 bis Mai 1945 Dibelius kehrte zum 1. Juli 1934 nach Deutschland zurück und trat danach in den Brandenburger Bruderrat der Bekennenden Kirche ein, wo er die bisherigen Strukturen der evangelischen Kirche gegen die Machthaber auch als Kirchenliedtexter verteidigte.Textbeispiel bei Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 1207f. online Im November 1934 erhob Dibelius Privatklage gegen den evangelischen Pfarrer und Leiter der Deutschen Christen (DC) Julius Falkenberg in Neuruppin, dem er bei der Suche nach einer Pfarr-Anstellung geholfen hatte, und erklärte: „Alsbald begann er, die Gemeinde zu terrorisieren. Die Pfarrer wandten sich an mich.“ Am 19. November 1934 hielt er auf Einladung dieser Pfarrer einen Vortrag „Die Erneuerung der Kirche im Kampf unserer Tage“ im Stadtgarten. Falkenberg betitelte Dibelius einen „Landesverräter“. Es spielten sich tumultartige Szenen ab, worauf Dibelius eine Privatklage wegen übler Nachrede anstrengte. In der ersten Verhandlung vor dem Neuruppiner Amtsgericht am 18. April 1935 erhielt Dibelius Recht. Falkenberg wurde zu einer Strafe in Höhe von 1.000 Reichsmark verurteilt und ging dagegen in Berufung, doch das Landgericht bestätigte das Urteil der Erstinstanz; mehr noch: Dibelius wurde zugesprochen, die öffentliche Verurteilung des Pfarrers Falkenberg innerhalb von drei Wochen je einmal in dem nationalsozialistischen Presseorgan Der Stürmer sowie in der Tageszeitung Märkische Zeitung auf Kosten Falkenbergs bekanntzugeben.
Am 6. August 1937 wurde Dibelius in Berlin überraschend vom Vorwurf freigesprochen, gegen das Heimtückegesetz verstoßen zu haben, obwohl die Staatsanwaltschaft sechs Monate Haft gefordert hatte. In dem Prozess, von zahlreichen ausländischen Journalisten aufmerksam verfolgt, wollte das NS-Regime Rechtsstaatlichkeit demonstrieren, nachdem die Kirchenpolitik in ausländischen Medien scharf kritisiert worden war.
In der Folgezeit trat Dibelius wiederholt für die Religionsfreiheit ein, wurde mehrfach inhaftiert und erhielt Predigtverbot. Er war aktiv im „Freiburger Kreis“. Er hatte Kontakt zu den Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944, nahm aber nicht selbst an Widerstandshandlungen teil. Gemäß einer Darstellung des Shoah Resource Center (Archiv der Gedenkstätte von Yad Vashem) wusste Dibelius vom Massenmord an den Juden in Polen, schwieg jedoch. Er zog es vor, auch im Falle des Massenmordes den üblichen Rahmen für kirchliches Handeln nicht zu überschreiten.Yadvashem.org (PDF; 26 kB) Er, der katholische Bischof Konrad Graf von Preysing und andere wurden im August 1942 von Kurt Gerstein über die Morde in Kenntnis gesetzt, was jedoch folgenlos blieb.Nicholas Stargardt: The German War. London 2015, S. 253.
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