Die Kanonade von Valmy vom 20. September 1792 war eine nicht durchgefochtene Schlacht im Ersten Koalitionskrieg zwischen dem preußischen Kontingent der antifranzösischen Koalition und der französischen Revolutionsarmee. Ein Artillerieduell in der Nähe des Dorfes Valmy brachte die Interventen auf ihrem Weg nach Paris zum Stehen. Nach zehntägigem Zögern traten sie den Rückzug an.

Der Erfolg der Revolutionsarmee beeindruckte die Zeitgenossen tief und wurde zum Mythos, der bis in die Gegenwart andauert.

Vorgeschichte Angesichts der Französischen Revolution hatte der römisch-deutsche Kaiser Leopold II. 1791 die Monarchen Europas zur Unterstützung König Ludwigs XVI. aufgefordert. In der Pillnitzer Deklaration vom 27. August 1791 drohten Leopold, König Friedrich Wilhelm II. von Preußen und Prinz Karl von Artois, der Bruder Ludwigs XVI., Frankreich mit einer militärischen Intervention, wenn die Monarchie dort angetastet würde. Dieser Koalition schlossen sich weitere deutsche Fürsten an.

Die Bedrohung führte in Paris zur Radikalisierung durch die Girondisten. Frankreich erklärte am 20. April 1792 Österreich den Krieg und unternahm einen allerdings sofort fehlgeschlagenen Einfall in die Österreichischen Niederlande. Österreich hatte dort etwa 30.000 und im Breisgau 27.000 Mann stationiert.Die Zahlenangaben zum Feldzug, auch die folgenden, stützen sich auf Jany (Literatur). Sie finden sich auch in neueren Veröffentlichungen.

Hintergrund waren „ebenso handfeste wie phantasievolle Territorialhoffnungen“ Preußens auf Kosten Frankreichs,Gerd Heinrich: Geschichte Preußens. Staat und Dynastie, Ullstein, Berlin 1984, ISBN 3-548-34216-7, S. 258–261. denen österreichische Kompensationsüberlegungen entgegenkamen. Unabhängig davon griffen im Mai 1792 in Polen russische Truppen in einen Bürgerkrieg ein. Das benachbarte Preußen behielt vorsichtshalber die Masse der Armee im eigenen Land und setzte nur etwa ein Viertel seiner Streitkräfte gegen Frankreich ein.Wolfgang Neugebauer: Die Hohenzollern: Die Hohenzollern. Band 2: Dynastie im säkularen Wandel. Von 1740 bis in das 20. Jahrhundert, Kohlhammer, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-17-012097-6, S. 63–66, zu Polen S. 66.

Während in Frankreich ab Juni 1792 nach einem Aufruf der Regierung zehntausende Freiwillige zur Revolutionsarmee strömten, zog die Koalition im Juli eine Armee aus 46.000 Preußen, darunter 12.000 Reiter, mit 220 Geschützen und 6.000 Hessen in Koblenz zusammen. Am 8. Juli erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Mitte August verteilte sich das 82.000 Mann starke französische Feldheer entlang der Ostgrenze auf vier etwa gleich große Armeen um Dünkirchen, Sedan, Metz und im Elsass.

Am 30. Juli marschierte die preußisch-hessische Hauptarmee unter dem Oberkommando von Generalfeldmarschall Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig von Koblenz durch die Eifel nach Trier ab, gefolgt von einem etwa 4.500 Mann starken Korps aus französischen Adligen, die als Emigranten im Reich Zuflucht gefunden hatten. König Friedrich Wilhelm II., der in Paris als Befreier einziehen wollte, begleitete den Feldzug in Gesellschaft seiner morganatischen Ehefrau Sophie von Dönhoff und seiner Söhne Kronprinz Friedrich Wilhelm und Prinz Louis.

Der Feldzug Der 250 Kilometer lange Marsch zur französischen Grenze dauerte zwanzig Tage. In Frankreich erwiesen sich die Vorhersagen der Emigranten, wie das massenhafte Überlaufen der französischen Soldaten zu den Interventen und ein begeisterter Empfang der Befreier durch die Bevölkerung, als vollkommen unzutreffend. Ein anmaßendes, im Sinne der Emigranten verfasstes Manifest des Herzogs von Braunschweig vom 25. Juli hatte ihre feindliche Stimmung gesteigert. In Paris folgte am 10. August der Tuileriensturm, der Ludwig XVI. in die Gefangenschaft der radikalen Revolutionäre um Robespierre brachte.

mini|Karte der Champagne von P. F. Tardieu, 1797. Im oberen Teil der Kriegsschauplatz zwischen Longwy [Lonwy] und Valmy Weil ihr Verpflegungssystem versagte, kam die Koalitionsarmee nur schleppend voran. Die hungernden und frierenden Soldaten, unter denen die Ruhr grassierte, begannen zu plündern. Aus Namur kommend, stieß vor der Festung Longwy der österreichische General Clairfayt mit 11.000 Mann zur Koalitionsarmee. Am 23. August kapitulierte Longwy nach kurzem Beschuss, und die Besatzung durfte abziehen. Dies wiederholte sich am 2. September bei der Übergabe der Festung Verdun. Dort blieb Braunschweig acht Tage stehen.

Der Weg nach Paris führte über die Argonnen, eine dicht bewaldete Bergkette mit wenigen Passstraßen. Der französische Befehlshaber General Charles-François Dumouriez, der an der Spitze einer bei Sedan zusammengezogenen Armee stand, hatte genügend Zeit, mit seinen knapp 30.000 Mann Anfang September den Pass bei La Croix-aux-Bois östlich von Vouziers, die Enge von Grandpré und den Pass von Les Islettes bei Sainte-Menehould zu blockieren. Optimistisch schrieb er an Kriegsminister Joseph Servan: „Das Feld von Grandpré und das von Les Islettes sind die Thermopylen, aber ich werde mehr Glück haben als Leonidas.“Jean Tulard: Les Événements. In: derselbe: Jean-François Fayard und Alfred Fierro: Histoire et dictionnaire de la Révolution française. Éditions Robert Laffont, Paris 1987, S. 112.

Braunschweig setzte sich am 11. September in Bewegung, um bei Grandpré über die Argonnen zu gehen. Clerfayts Korps, durch 6.000 Preußen unter Generalleutnant Kalckreuth verstärkt, war als seine rechte Flankensicherung von Longwy nach Stenay marschiert. Am 12. September eroberte es den Pass bei La Croix-aux-Bois und überschritt die Argonnen. Dann schlug es bei Vouziers ein Korps in die Flucht, das Dumouriez ihm entgegengeschickt hatte. Dumouriez räumte daher in der Nacht zum 15. September Grandpré, ging aber wider Braunschweigs Erwarten nicht nach Westen, sondern nach Süden. Dorthin folgte ihm Braunschweig, indem er zwischen Dumouriez und Clairfayt einschwenkte. Damit blieben die Österreicher hinter den Preußen um einen Tagesmarsch zurück.

mini|hochkant|Französisches Feldgeschütz (12-Pfünder, System Gribeauval) Bei Sainte-Menehould blieb Dumouriez stehen. Er erwartete das von Metz anrückende Korps François-Christophe Kellermanns, das nahezu ganz aus altgedienten Soldaten bestand. Am 19. September vereinigte es sich mit ihm. Dumouriez verfügte nun über gut 50.000 Mann, die eine Stellung bei dem Dorf Valmy bezogen. Seine Truppen litten unter Offiziersmangel, weil viele ehemals königliche Offiziere desertiert waren. Die Mannschaften bestanden je zur Hälfte aus alten Soldaten und nur kurz ausgebildeten und schlecht ausgerüsteten Freiwilligen. Letztere waren wegen der bisherigen Misserfolge moralisch angeschlagen.

Dagegen galt die hochprofessionelle französische Artillerie als intakt. Ihre Kanonen waren nach dem neuartigen Gribeauval-System hergestellt und damit den preußischen überlegen.

Der 20. September 1792 Die Kanonade und der erste preußische Angriff Am Morgen des 20. September 1792 erreichten in Nebel und dichtem Nieselregen rund 35.000 Preußen unter dem Herzog von Braunschweig die noch im Aufmarsch begriffenen Franzosen unter Dumouriez und Kellermann.Die folgende Darstellung geht auf Thomas Stamm-Kuhlmann: König in Preussens grosser Zeit. Friedrich Wilhelm III. der Melancholiker auf dem Thron. Siedler, Berlin 1992, ISBN 3-88680-327-9, S. 73–81 zurück, der die tagebuchartigen Aufzeichnungen des Kronprinzen Friedrich Wilhelm kritisch würdigt. Er kommandierte unter General Courbière eine Infanteriebrigade und befand sich mit seinen Bataillonen im zweiten Treffen der Schlachtordnung. Von dem Höhenzug bei Valmy aus, auf dem eine Bockwindmühle stand, nahm die französische Artillerie die nach Südosten marschierenden preußischen Kolonnen unter Beschuss. Die Reiterei unter Herzog Karl August von Sachsen-Weimar kehrte um und stellte sich für den Rest des Tages außerhalb der Reichweite der französischen Geschütze an der Straße von Châlons nach Sainte-Menehould auf. Die preußische Artillerie ging in Stellung und erwiderte das Feuer in Richtung der Mühle.

Während am Vormittag ein heftiges Artillerieduell entstand, formierten sich die gegnerischen Truppen mit verkehrten Fronten. Die Preußen hatten die von ihnen noch nicht besetzte Champagne im Rücken, die Franzosen die Aisne, dahinter die Argonnen und die preußisch besetzte Festung Verdun.

Nachdem sich am frühen Nachmittag der Nebel gehoben hatte, befahl Braunschweig seiner Infanterie, die auf dem Kamm einer Hügelkette angetretene Revolutionsarmee frontal in linearer Gefechtsformation anzugreifen. Nach „einigen hundert“ Schritten wurde gehalten, um die Bataillonsgeschütze vorzuziehen. Die französischen Reihen kamen angesichts des von klingendem Spiel begleiteten, mit mechanischer Präzision ablaufenden Aufmarschs und der Explosionen mehrerer eigener Munitionswagen bei der Mühle ins Wanken. Dann gelang es Kellermann, durch eine kurze, flammende patriotische Ansprache bei den Soldaten Mut und Zuversicht auszulösen. Die von den Preußen wahrgenommene Unruhe in der französischen Schlachtlinie legte sich, Schlachtgesänge und Hochrufe auf die Revolution tönten zu ihnen herüber.

Zweiter Angriff und Abbruch des Kampfes mini|hochkant|Preußische Füsiliere 1792. Aus dem Uniformwerk von Richard Knötel, 1890

Nun zögerte Braunschweig vier Stunden, während die Kanonade weiterging. Am Nachmittag befahl er den preußischen Bataillonen, weiter vorzurücken. Diesmal wankten die Franzosen nicht. In einer Entfernung von 1200 Schritten zu ihnen stoppte Braunschweig mit Zustimmung des Königs, der anfangs auf einer Entscheidungsschlacht bestanden hatte, den Angriff und die Preußen gingen zurück. Um 17 Uhr stellten beide Seiten das Artilleriefeuer ein, nachdem sie zusammen angeblich 40.000 Kanonenkugeln verschossen hatten.Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte, Band 2 Mi-Z, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1985, ISBN 3-327-00239-8, S. 1016.

Die Gründe für das Abbrechen des Gefechts durch Braunschweig lagen in seiner Furcht vor einem Misserfolg. Sein Angriff sollte über aufgeweichten, lehmigen Boden auf einen nun erkennbar kampfentschlossenen, vorteilhaft auf einer Anhöhe stehenden Gegner führen. Der Gegner war zahlenmäßig stärker und mit einer überlegenen Artillerie ausgestattet. Braunschweig und dann auch Friedrich Wilhelm erschien der Erfolg zu unsicher. Bei einem Misslingen hätte die Armee kein Hinterland gehabt, in das sie sich zurückziehen konnte, was schlimmstenfalls ihre Auflösung bedeutet hätte.

Die Verluste von rund 300 Toten und Verwundeten auf französischer und 184 auf preußischer Seite waren ungewöhnlich niedrig, weil die verschossenen Kugeln nach dem ersten Aufschlag im aufgeweichten Boden steckenblieben und nicht die Wirkung des Rollschusses entfalten konnten. Nirgends waren Soldaten auf Gewehrschussweite an den Gegner herangekommen. Von den 13 preußischen Infanterieregimentern verzeichneten sieben keine Verluste, zwei meldeten je einen Verwundeten und die übrigen vier insgesamt 109 Tote und Verwundete. Die rund 5000 Mann starke Reiterei beklagte einen Toten und 14 Verwundete. Die etwas höheren französischen Verluste resultierten aus den Munitionsexplosionen.

Als nach dem Ende der Kampfhandlungen in den Abendstunden Clerfayt mit seinem Korps im preußischen Lager eintraf, glich sich das Zahlenverhältnis beider Seiten aus.

Verhandlungen und Rückzug mini|Infanteriefahne der Revolutionsarmee mit der Devise „Der König, die Nation, Freiheit, das Gesetz“. Am Tag von Valmy war Frankreich noch konstitutionelle Monarchie.