Als Tierproduktion (oder Viehwirtschaft) wird in der Landwirtschaft der Produktionsprozess bezeichnet, dem Nutztiere zum Zwecke der Nahrungsmittelproduktion mit mindestens einer Verarbeitungsstufe unterzogen werden.

Allgemeines Die Landwirtschaft als Sektor der Urproduktion befasst sich mit der Bodennutzung zum Zwecke der Tierhaltung und Pflanzenproduktion, die Forstwirtschaft nutzt den Wirtschaftswald zur Holzverarbeitung,Springer Fachmedien Wiesbaden (Hrsg.), Kompakt-Lexikon Wirtschaft, 2014, S. 345 die Fischerei nutzt die Gewässer beim Fischfang zwecks Fischverarbeitung. Auch Angeln und Jagd dienen der Tierproduktion.Hans G. Kastenholz/Karl-Heinz Erdmann, Umwelt-und Naturschutz am Ende des 20. Jahrhunderts, 1995, S. 204

Formen

Die Viehwirtschaft kann nach verschiedenen Kriterien eingeteilt werden:

Flächennutzungsgrad Extensive Tierhaltung (Sehr große Weideflächen mit geringem Viehbesatz / fast ausschließlich Naturweidewirtschaft, meist kein Zufüttern notwendig, wenig temporäre Stallhaltung / zumeiste mehrere Tierarten / vielfach traditionelle Nutzungsformen (Nomadismus oder Mobile Tierhaltung mit hohem Selbstversorgungs­anteil), Ranching oder moderne ökologische Tierhaltung, bei denen die Erhaltung der Weiden im Vordergrund steht) Intensive Tierhaltung (Kleine Weideflächen mit dichtem Viehbesatz, etwa Grünlandwirtschaft / „Massentierhaltung“ in Stallungen mit hohem Technisierungs­grad, Futtermittel müssen zugekauft werden / oftmals nur eine Tierart / ausschließlich marktwirtschaftlich orientierte Nutzungsformen, bei denen Produktionssicherheit und Gewinnerwirtschaftung im Vordergrund stehen)Werner Doppler: Landwirtschaftliche Betriebssysteme in den Tropen und Subtropen. Ulmer Verlag, Stuttgart 1991.

Weidewirtschaft

Art des Weidelandes Pastoralismus (Natürlich entstandene Weidegebiete wie Steppen oder Savannen) Grünlandwirtschaft (Durch Waldrodung oder andere anthropogene Einflüsse geschaffenes Weideland)

Art des Weideganges Stationäre Tierhaltung Fernweidewirtschaft

Produktionsverfahren Ziele der Tierproduktion sind vor allem die Erzeugung von Nahrungsmitteln (Fleisch-, Milch-, Eier-, Honig- und Fischproduktion), daneben aber auch die Gewinnung von Häuten zur Lederherstellung, Wolle (insbesondere von Schafen), Haaren (z. B. von Kamelen), Daunen und Federn sowie Rohstoffen für die chemische Industrie. Zu diesen Zwecken werden unter anderem Rinder, Schweine, Geflügel, Schafe und Kaninchen produziert.

Globale Tierproduktion + Die größten Fleischproduzenten (2007) Rang Land Produktion(in Tsd. t) Anteil 1 China 70.464 26 % 2 USA 42.020 16 % 3 Brasilien 18.898 7 % 4 Deutschland 7.412 3 % 5 Indien 6.508 2 % 6 Russland 5.755 2 % 7 Frankreich 5.664 2 % 8 Spanien 5.617 2 % 9 Mexiko 5.548 2 % 10 Argentinien 4.439 2 % Im Jahr 2007 wurden 1.027.517.690 Tonnen tierische Erzeugnisse (ohne Eier und Fischereiprodukte) und 1.181.090.879.000 Vogeleier produziert. Von den tierischen Erzeugnissen waren 66 % Milch und 27 % Fleisch.FAO (2009): FAOSTAT. Rom.

Fleisch Die wichtigsten Fleischproduzenten sind China, die USA und Brasilien. Seit 1961 ist die Produktion in China um 2600 % gestiegen, in Brasilien um knapp 900 %, in Indien um ca. 380 %. Die globale Fleischproduktion stieg um 377 %. 94 % des Fleisches kam 2007 von Schweinen, Geflügel, Rindern, Schafen und Ziegen.

Milch Indien und die USA sind die wichtigsten Produzenten, mit Anteilen am globalen Produktionsvolumen von 16 % bzw. 12 %. Die 2007 produzierte Milch stammte zu 83 % von Rindern und 13 % von Büffeln.

Eier China ist mit 40 % der mit Abstand größte Eierproduzent. 94 % der 2007 produzierten Vogeleier waren Hühnereier.

Sonstige Produkte Neben Fleisch, Milch und Eiern werden in der Viehhaltung Leder und Wolle gewonnen.

Effizienz und Verteilungsgerechtigkeit Tierprodukte tragen durchschnittlich 18 % der Nahrungsenergie und 37 % der Proteine zur menschlichen Ernährung bei.J. Poore, T. Nemecek (2018): Reducing Food’s Environmental Impacts through Producers and Consumers. In: Science, 360 (6392), 987–992. doi:10.1126/science.aaq0216. PMID 29853680.

Effizienz der Fütterung Da die gefütterte Nahrung nicht 1:1 in Nahrungsenergie und Proteine im Fleisch umgewandelt wird, ist es in den Agrarwissenschaften üblich, für die Energie- und Proteineffizienz der Fütterung Konversionsraten zu ermitteln:G. E. Bradford: Contributions of animal agriculture to meeting global human food demand. In: Livestock Production Science. 59(2-3), 1999, S. 95–112.J. Gillespie, F. Flanders: Modern Livestock and Poultry Production. Cengage Learning. 2009.

Produktgesamtes Futtervom Menschen verwertbares FutterEnergie-effizienz(in %)Protein-effizienz(in %)Energie-effizienz(in %)Protein-effizienz(in %)Lammfleisch25 Rindfleisch3657109Putenfleisch922 Hühnerfleisch11233175Schweinefleisch14145886Milch1725101181Eier1826

Von einigen Wissenschaftlern wird die Verwendung von pflanzlichen Rohstoffen zum Erzeugen von Tierprodukten aufgrund der geringen Effizienz kritisiert. Man könne durch eine Umstellung der menschlichen Ernährung auf einen größeren Anteil nicht-tierischer Bestandteile Nahrungsmittel einsparen und so die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessern. Als Politikmaßnahme wird vorgeschlagen, tierische Produktionsverfahren entsprechend ihrer Konversionsraten zu besteuern.Robert Goodland: Environmental sustainability in agriculture: diet matters. In: Ecological Economics. Volume 23, Issue 3, 5. Dezember 1997, S. 189–200. (PDF; 962 kB)

Hierbei ist zu beachten, dass tierische und menschliche Ernährung nicht deckungsgleich sind. Monogastrier werden hauptsächlich mit Getreide gefüttert, das auch für den Menschen direkt verwertbar ist. 30 % des Monogastrierfutters in den USA bestehen dennoch aus Fischmehl, Knochenmehl und Nebenprodukten des Mahlens von Getreiden und der Fermentation, die nicht vom Menschen gegessen werden. Wiederkäuer besitzen hingegen die Fähigkeit, Energie aus für den Menschen nicht verwertbaren Pflanzenteilen wie Gras zu gewinnen. Etwa 50 % der Energie in Pflanzen wie Mais, Weizen und Reis kann vom Menschen nicht direkt aufgenommen werden, jedoch über die Tierfütterung verfügbar gemacht werden. Auch können verschiedenste Abfallprodukte, sogar Holzspäne und Zeitungspapier, an Wiederkäuer verfüttert werden.

Das Futter von Rindern, die zur Fleisch- oder Milchproduktion benutzt werden, besteht in den USA zu etwa 75 % aus nicht für den Menschen verwertbarem Material, in Ländern mit geringer Verfügbarkeit von Getreide ist dieser Anteil höher. In den USA, wo in der Endphase der Mast erhöhte Mengen an Getreide zugefüttert werden, besteht die Ernährung eines sogenannten Fleischrinds zu etwa 80 % aus Raufutter.FAOstat: (PDF; 258 kB)

Etwa 70 %M. C. Eisler u. a.: Steps to sustainable livestock. In: Nature. (507), 2014. der Getreideproduktion der Industrieländer und etwa ein Drittel der globalen Getreideproduktion wird an Nutztiere verfüttert, in erster Linie an Monogastrier. Die Energie-Konversionsrate dieser ist bei Monogastriern und in der Kuhmilchproduktion relativ hoch. Bei der Milchproduktion übersteigt die für den Menschen konsumierbare Energiemenge im Endprodukt die Menge, die in der Fütterung in Form von für den Menschen konsumierbaren Menge eingesetzt wird, da Kühe mit erheblichen Mengen an nicht für den Menschen konsumierbarem Futter gefüttert werden. Die Eiweißkonversionsraten für vom Menschen konsumierbare Futtermittel sind sehr hoch, insbesondere für Kuhmilch und Rindfleisch, da das meiste Eiweiß aus für den Menschen nicht konsumierbarem Futter stammt. Die Fütterung von Getreide an Fleischrinder ist eine relativ junge Praxis in Industrieländern, die mit den seit den 1950er Jahren sinkenden Getreidepreisen zunahm. Die Fütterung ist stark von den Getreidepreisen abhängig und repräsentiert damit einen Puffer gegen Knappheiten auf den Nahrungsmittelmärkten.Cornelius De Haan, Tjaart Schillhorn Van Veen, Brian Brandenburg, Jerome Gauthier, Francois Le Gall, Robin Mearns, Michel Simeon: Livestock Development: Implications for Rural Poverty, the Environment, and Global Food Security: Implications for Rural Poverty, the Environment and Global Security. World Bank Publications, 2001, ISBN 0-8213-4988-0.

Bei der Betrachtung der hier dargestellten Konversionsraten ist zu beachten, dass sie aus nordamerikanischen Daten stammen. In Industrieländern werden im Durchschnitt mehr für den Menschen verwertbare Futtermittel gefüttert als in Entwicklungsländern. In Entwicklungsländern liegen die Konversionsraten für die Gesamtfuttermenge daher unter denen von Industrieländern, während die Konversionsraten für die vom Menschen verwertbare Futtermenge höher liegen als in Industrieländern.

Eine weitere relevante und in der Betrachtung der Konversionsraten oft übersehene Tatsache ist der höhere Flächenertrag des wichtigsten Futtermittelgetreides Mais im Vergleich zu den wichtigsten Nahrungsmittelgetreiden Reis und Weizen. In den meisten Regionen ziehen Menschen Reis und Weizen Mais vor. Die meisten Maisanbauflächen sind nicht für den Reisanbau geeignet. Daher würde ein Umschwenken von Futtermittelgetreide zu Nahrungsmittelgetreide zu einem Umschwenken von Mais zu Weizen führen. Dieses Umschwenken allein in den Vereinigten Staaten würde aufgrund des geringeren Flächenertrags eine Reduktion der globalen Getreideproduktion um 50 Millionen Tonnen bewirken.

Energiebezogener Vergleich Der höhere Ressourcenverbrauch tierischer Nahrung wird deutlich, wenn man vergleicht, wie viel pflanzliche Primärenergie nötig ist, um tierische Sekundärenergie zu produzieren. Bezogen auf die durchschnittliche Ernährung pro Einwohner ergibt sich im Ländervergleich folgendes Bild:

Land kcal(gesamt) Primär-kcal(pflanzlich) Sekundär-kcal(tierisch) Primär-kcal(pflanzlich)** Primär-kcal(gesamt)*** USA 3800 2000 1800 12600 14600 Deutschland 3500 2000 1500 10500 12500 Kenia 2600 2000 600 4200 6200 Indien 2300 2000 300 2100 4100 * Nahrungsenergie gemessen in (kcal) ** Sekundär-kcal (tierisch) x Veredelungsverlustfaktor 7 = Primär-kcal (pflanzlich) *** Summe aus den zwei Angaben für Primär-kcal (pflanzlich)

Beispielsweise stammen von den in Deutschland aufgenommenen 3.500 kcal 1500 kcal aus tierischen Lebensmitteln. Zur Produktion letzterer sind wiederum 10.500 kcal in Form von Tiernahrung nötig.

Aus diesen Berechnungen folgt aber nicht, dass Tierhaltung grundsätzlich ineffizient ist, insofern für Menschen unverwertbare Nahrung (Gras, Heu, Laub, Wildpflanzen) sowie Abfälle aus der Landwirtschaft in der Tierhaltung sinnvoll eingesetzt werden kann.Vgl. Eine solche Art der Ressourcenverwertung könnte ausreichen, um für alle Menschen bis zu zwei maßvolle Fleischmahlzeiten pro Woche zur Verfügung zu stellen.

Globale Ernährungssituation

Würde dagegen die gesamte Weltbevölkerung eine Ernährungsweise praktizieren, wie sie in Deutschland üblich ist, müsste die gesamte bewohnbare Fläche der Erde (104 Mio. km2), inklusive Wälder, Buschland, Siedlungen als Agrarfläche genutzt werden. Die westlichen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten können daher nicht als Vorbild für alle Menschen dienen.Vgl.