Global Zero (dt. „weltweit Null“) ist ein Begriff aus der politischen Literatur, der für das Ziel einer Welt ohne Nuklearwaffen steht. Zudem handelt es sich um eine im Dezember 2008 gegründete internationale gemeinnützige Organisation, die die Realisierung dieses Ziels anstrebt. Die Global Zero-Initiative hat einen Handlungsplan vorgelegt, der die vollständige nukleare Abrüstung bis zum Jahr 2030 vorsieht. Die Initiative wird inzwischen von etwa 300 politischen, militärischen und anderen Führungspersönlichkeiten sowie etwa einer halben Million Bürger weltweit unterstützt, hat eine internationale Studentenbewegung initiiert und den Dokumentarfilm Countdown to Zero produziert.Global Zero: Abgerufen am 20. April 2013.

Geschichte

Hintergrund Bereits 1961 wurde von US-Präsident John F. Kennedy die vollständige nukleare Abrüstung gefordert. In seiner Rede vom 25. September 1961 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen bemerkte er: „Every man, woman and child lives under a nuclear sword of Damocles, hanging by the slenderest of threads, capable of being cut at any moment by accident or miscalculation or by madness. The weapons of war must be abolished before they abolish us.“ (dt. „Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind lebt unter einem nuklearen Damoklesschwert, aufgehängt an dünnstem Faden, der jeden Moment durchgeschnitten werden kann durch Unfall, Fehleinschätzung oder Wahnsinn. Die Kriegswaffen müssen abgeschafft werden, bevor sie uns abschaffen.“)JFK Address at U.N. General Assembly, 25. September 1961. auf jfklibrary.org. Abgerufen am 12. April 2013.

Ernsthafte Diskussionen zwischen Amerika und Russland über die vollständige Abschaffung von Kernwaffen begannen jedoch erst Mitte der 1980er Jahre.Christoph Bertram: Und nun: Happy-End in Island? In: Die Zeit, 10. Oktober 1986. Abgerufen am 21. April 2013. Im Januar 1986 schlug der russische Präsident Michail Gorbatschow einen dreistufigen Plan zur vollständigen weltweiten nuklearen Abrüstung bis zum Jahr 2000 vor. Auch von amerikanischer Seite kam ein Vorschlag zur vollständigen Abschaffung nuklearer ballistischer Raketen. Auf dem Gipfeltreffen in Reykjavík am 11. und 12. Oktober 1986 äußerten sich Ronald Reagan und Michail Gorbatschow zunächst optimistisch bezüglich einer vollständigen nuklearen Abrüstung. Da die USA jedoch auf ihrem SDI-Programm (zur Abwehr von Interkontinentalraketen) beharrten, welches Russland als Bedrohung ansah, scheiterten das Gipfeltreffen diesbezüglich.The Reykjavik File. Previously Secret Documents from U.S. and Soviet Archives on the 1986 Reagan-Gorbachev Summit. The National Security Archive, George Washington University, Washington DC, 13. Oktober 2006. Abgerufen am 21. April 2013.Cold War: Reykjavik (Reagan-Gorbachev) Summit (Shultz memoirs), 12. Oktober 1986 (aus: George Shultz: Turmoil and Triumph). Margaret Thatcher Foundation. Abgerufen am 21. April 2013. Die Verhandlungen legten jedoch den Grundstein für die später folgenden INF- und START-Verträge zur nuklearen Abrüstung.Nikolai Sokov: Reykjavik Summit: The Legacy and a Lesson for the Future. Nuclear Threat Initiative, 1. Dezember 2007. Abgerufen am 21. April 2013.Christoph Bertram: Jetzt endlich: Schach den Raketen: Gorbatschow lenkt ein, die Null-Lösung in Europa rückt näher. In: Die Zeit, 6. März 1987. Abgerufen am 21. April 2013.

Im Januar 2007 erschien im Wall Street Journal ein wegweisender Artikel von Henry Kissinger, William Perry, George Shultz und Sam Nunn, in Folge auch als „die vier apokalyptischen Reiter“ oder auch „Viererbande“ bezeichnet. Diese Politiker, die sich im Kalten Krieg für die Abschreckung durch Atomwaffen eingesetzt hatten, äußerten nun in dem Artikel, dass Atomwaffen inzwischen ein untolerierbares Risiko darstellen würden (z. B. durch Unfälle, Diebstahl, unerlaubte Herstellung). Nur durch vereinte Bemühungen, die Welt von Atomwaffen zu befreien, könne diese Gefahr abgewendet werden.George Shultz, William Perry, Henry Kissinger, Sam Nunn: A World Free of Nuclear Weapons. In: Wall Street Journal, 4. Januar 2007. Abgerufen am 7. April 2013.

Als Reaktion äußerte im Januar 2007 Michail Gorbatschow sowie im Juni 2007 die damalige britische Außenministerin Margaret Beckett ihre Unterstützung des Aufrufs. Die Autoren erhielten zudem weitere Unterstützungbekundungen von verschiedenen ehemaligen Amtsträgern der USA, unter anderem Madeleine Albright, Richard V. Allen, James Baker, Samuel R. Berger, Zbigniew Brzeziński, Frank Carlucci, Warren Christopher, William Cohen, Lawrence Eagleburger, Melvin Laird, Anthony Lake, Robert McFarlane, Robert McNamara und Colin Powell.

Von dieser Unterstützung inspiriert luden Shultz, Perry, Kissinger und Nunn im Oktober 2007 ehemalige Mitglieder der letzten sechs US-Regierungen sowie eine Anzahl anderer Atomwaffenexperten zu einer Konferenz im Hoover-Institut der Stanford-Universität ein. Die Vision einer atomwaffenfreien Welt wurde mit breitem Einvernehmen als Leitbild anerkannt, und konkrete Schritte zur Realisierung benannt. Betont wurde dabei die Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit. Es wurde eine Erklärung verfasst, die von den folgenden Konferenzteilnehmern unterstützt wurde: General John Abizaid, Graham Allison, Brooke Anderson, Martin Anderson, Steve Andreasen, Mike Armacost, Bruce Blair, Matt Bunn, Ashton Carter, Sidney Drell, General Vladimir Dvorkin, Bob Einhorn, Mark Fitzpatrick, James Goodby, Rose Gottemoeller, Tom Graham, David Hamburg, Siegfried Hecker, Tom Henriksen, David Holloway, Raymond Jeanloz, Ray Juzaitis, Max Kampelman, Jack Matlock, Michael McFaul, John E. McLaughlin, Don Oberdorfer, Pavel Podvig, William C. Potter, Richard Rhodes, Joan Rohlfing, Harry Rowen, Scott D. Sagan, Roald Sagdeev, Abe Sofaer, Richard Solomon und Philip Zelikow.

Am 24. Juli 2008 äußerte Barack Obama in einer Rede in Berlin sein Ziel einer Welt ohne Nuklearwaffen.Obama’s Speech in Berlin. In: The New York Times. 24. Juli 2008. Abgerufen am 21. April 2013. Im November 2008 wurde er zum US-Präsidenten gewählt.

Anfänge der Global Zero Initiative mini|hochkant|Logo mini|hochkant|Matt Brown

Bereits Ende 2006 hatten Bruce G. Blair (Experte für Nuklearwaffen) und Matt Brown (Staatssekretär in Rhode Island) beschlossen, eine globale Bewegung zu entwerfen, die sich von bisherigen nuklearen Abrüstungsinitiativen unterschied.Nuclear Endgame: The growing appeal of Zero. In: The Economist. 16. Juni 2011. Abgerufen am 7. April 2013.Lara Wolf: Eine Welt ohne Atomwaffen? In: Der Tagesspiegel. 5. April 2013. Abgerufen am 7. April 2013. Blair hatte als Fellow der Brookings Institution bereits 1995 ein Buch mit dem Titel „Global Zero Alert for Nuclear Forces“ veröffentlicht.Bruce G. Blair: Global Zero Alert for Nuclear Forces. Brookings Occasional Papers. The Brookings Institution, Washington D.C., 1995, ISBN 0-8157-0941-2.

Vor dem Hintergrund der Initiativen von Shultz, Perry, Kissinger und Nunn gelang es Blair und Brown, über 100 politische, gesellschaftliche und militärische Persönlichkeiten für ihre Initiative Global Zero zu gewinnen.

Das Gründungstreffen fand im Dezember 2008 in Paris statt. Es wurde ein Rahmenplan zur vollständigen nuklearen Abrüstung entwickelt und veröffentlicht, der mit einer starken Reduzierung der nuklearen Bewaffnung von USA und Russland beginnen sollte.Gordon Corera: Group seeks nuclear weapons ban. In: BBC News. 10. Dezember 2008. Abgerufen am 7. April 2013.

Weitere Entwicklungen 2009 Als Antwort auf den Artikel von Shultz, Perry, Kissinger und Nunn veröffentlichten am 9. Januar 2009 Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Egon Bahr und Hans-Dietrich Genscher einen Artikel in der FAZ, in dem sie den Aufruf der vier Amerikaner „ohne Vorbehalt“ unterstützten.Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Egon Bahr, Hans-Dietrich Genscher: In: FAZ, 9. Januar 2009. Abgerufen am 11. April 2013.

Am 1. April 2009 trafen sich US-Präsident Barack Obama und der russische Präsident Dmitri Medwedew in London. Anlässlich des Auslaufen des START-Vertrags Ende 2009 einigten sie sich darauf, die bilateralen Bemühungen zur atomaren Abrüstung weiter voranzubringen. The White House, 1. April 2009. Abgerufen am 7. April 2013.G-20-Gespräche: Obama und Medwedew planen massive Abrüstung In: Spiegel Online, 1. April 2009. Abgerufen am 7. April 2009. Vor diesem Treffen sendete Global Zero einen Brief an Obama und Medwedew, welcher die Dringlichkeit der nuklearen Abrüstung unterstrich. Am gleichen Tag veröffentlichte die London Times einen Artikel von sechs führenden Global-Zero-Mitgliedern.Global Zero authors: Scrapping nuclear arms is now realpolitik. In: The Times, 1. April 2009. Abgerufen am 7. April 2013.

Kurz darauf ging Barack Obama in einer Rede in Prag am 5. April 2009 ausführlich auf das langfristige Ziel einer Welt ohne Atomwaffen ein. Die USA wolle beginnen, ihr Arsenal an Atomwaffen zu reduzieren, und andere Länder ebenfalls dazu bringen.. The White House, Office of the Press Secretary, 5. April 2009. Abgerufen am 7. April 2013.Matthias Naß: Atomwaffen: Eine hinreißende Vision. In: Zeit Online, 21. September 2009. Abgerufen am 11. April 2013.

Vor dem erneuten Gipfeltreffen in Moskau Anfang Juli 2009 entwickelte Global Zero einen umfangreichen Plan zur vollständigen nuklearen Abrüstung binnen 20 Jahren (Global Zero Handlungsplan).

Auf dem Treffen gaben Obama und Medwedew ein Rahmenwerk für eine erneute Reduzierung amerikanischer und russischer Arsenale bekannt.Gipfeltreffen in Moskau: Obama und Medwedew rüsten ab. In: Spiegel Online, 6. Juli 2009. Abgerufen am 7. April 2013.

Am 24. September 2009 beriet der UN-Sicherheitsrat auf Anregung von Barack Obama über eine Resolution zur weltweiten nuklearen Abrüstung, die einstimmig verabschiedet wurde.UN-Sicherheitsrat: Resolution 1887 (2009) (PDF; 53 kB) verabschiedet auf der 6191. Sitzung des Sicherheitsrats am 24. September 2009. Abgerufen am 7. April 2013.Resolution für eine atomwaffenfreie Welt In: Deutsche Welle, 24. September 2009. Abgerufen am 7. April 2013.

Obamas Bemühungen für eine nuklearwaffenfreie Welt wurden im Jahr 2009 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.Friedensnobelpreis 2009 geht an Barack Obama In: Zeit Online, 9. Oktober 2009. Abgerufen am 7. April 2013.Steven Erlanger, Sheryl Gay Stolberg: Surprise Nobel for Obama Stirs Praise and Doubts In: The New York Times, 9. Oktober 2009. Abgerufen am 7. April 2013.

2010 Anfang Februar 2010 traf sich die oben genannte „Viererbande“ (Kissinger, Perry, Shultz und Nunn) mit Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher (Egon Bahr war krankheitsbedingt verhindert) zu einer Diskussionsrunde in der American Academy in Berlin. Ziel war unter anderem, durch diese Debatte die Aufmerksamkeit von Politikern und der Öffentlichkeit auf Global Zero zu lenken.Matthias Naß: Global Zero: Die neue Friedensbewegung der alten Realisten. In: Zeit Online, 4. Februar 2010. Abgerufen am 11. April 2013.

Am 26. März 2010 beschloss der Deutsche Bundestag auf einen gemeinsamen Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP, und Bündnis 90/Die Grünen hin, „sich weiterhin proaktiv an der Diskussion über die verschiedenen, auch zivilgesellschaftlichen Ansätze für eine vollständige nukleare Abrüstung zu beteiligen, wie beispielsweise an der Global-Zero-Initiative oder der Diskussion über den Vorschlag für eine Nuklearwaffenkonvention zur Ächtung der Atomwaffen“.Deutscher Bundestag: Abgerufen am 13. April 2013.Deutscher Bundestag: Deutschland muss deutliche Zeichen für eine Welt frei von Atomwaffen setzen. (PDF; 75 kB) Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP, und Bündnis 90/Die Grünen. Drucksache 17/1159 vom 24. März 2010. Abgerufen am 13. April 2013.