mini|hochkant=1.3| mini|hochkant=1.3|Ansicht von Südosten (2013)

Die Elisabethkirche ist eine evangelische Kirche in Marburg im hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die dreischiffige Hallenkirche mit Drei-Konchen-Chor und westlicher Zwei-Turm-Anlage gilt als die älteste rein gotische Kirche in Deutschland.

Sie wurde ab 1235 am Fuß des Marburger Schlossberges errichtet und 1283 (noch ohne die Turmobergeschosse) geweiht. Der Deutsche Orden baute sie unter maßgeblicher Förderung der Landgrafen von Thüringen zu Ehren der heiligen Elisabeth von Thüringen. Sie wurde über Elisabeths Grabmal errichtet, was die Kirche im späten Mittelalter zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte des Abendlandes machte. Die Elisabethkirche fand Vorbilder im französischen Kathedralenbau der Gotik und diente ihrerseits als Modell für einige Kirchen im In- und Ausland. Ihre Ausstattung ist von überregionaler Bedeutung.

Die Elisabethkirche, umgangssprachlich auch E-Kirche, ist heute die Gemeindekirche der evangelisch-lutherischen Elisabethkirchengemeinde, diese gehört zum Kirchenkreis Marburg in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das Kirchengebäude ist ein Kulturdenkmal.

Lage Die Elisabethkirche steht im Norden der historischen Altstadt Marburgs, an einer Straßenkreuzung südlich der Lahninsel, am Fuß des Schlossberges. Sie wurde genau über der Stelle errichtet, wo Elisabeth in der Franziskuskapelle, der von ihr errichteten Hospitalkapelle, bestattet worden war. Nach Niederlegung dieses Vorgängerbaus wurde das Hospitalgelände vom Deutschen Orden baulich eingreifend umgestaltet. Bereits 1235 erfolgte die Grundsteinlegung des Deutschordenshauses, das den Hospitalkomplex ersetzte, nur wenige Meter nordöstlich der Elisabethkirche.

Geschichte mini|hochkant|„Französische Elisabeth“ als Stifterin der Kirche dargestellt

Baugeschichte Elisabeth von Thüringen gründete 1228 in Marburg das Hospital, in dem sie bis zu ihrem Tod 1231 Kranke und Bedürftige versorgte. In der Hospitalkapelle, die dem heiligen Franz von Assisi geweiht war und möglicherweise selbst der Beherbergung Kranker diente,Rainer Atzbach: Marburgs heiligster Ort. Ausgrabungen 1970/71 am Standort der Hospitalgründung der heiligen Elisabeth (= Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur. Band 88). Rathaus-Verlag, Marburg 2007, ISBN 978-3-923820-88-7, S. 57. wurde sie in einem Erdgrab mit steinerner Deckplatte bestattet.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 610. Die 38 Meter lange Kapelle bestand aus einem nach Ost-Nordost verlaufenden Saalbau, einem abgetrennten Ostbau mit einer halbrunden Apsis und einem Westturm auf quadratischem Grundriss, der vermutlich nicht vollendet worden war, da bereits 1235 mit dem Bau der Elisabethkirche begonnen wurde.Ursula Braasch-Schwersmann, Christa Meiborg: Elisabeth von Thüringen: Ihr Hospital in Marburg und die Deutschordensniederlassung im 13. Jahrhundert. Archäologische Baubefunde und schriftliche Überlieferung. 2009; abgerufen am 6. März 2020. Die Annahme eines steinernen Konradsbaus, der die erste bescheidene Kapelle (capella modica) im Jahr 1232 ersetzt haben soll, geht auf Albert Huyskens (1909) zurück und ist forschungsgeschichtlich überholt.Platz: Archäologische Untersuchungen im Umfeld der Elisabethkirche in Marburg an der Lahn. 2017, S. 57–62, 176 (online, abgerufen am 6. März 2020, PDF). Nach Elisabeths Tod setzte sofort ein Pilgerstrom ein. Zahlreiche Heilungswunder wurden bezeugt. 1234 übereignete Konrad von Thüringen den Hospitalkomplex mit der Franziskuskapelle dem Deutschen Orden, der darauffolgend den planvollen Ausbau des Wallfahrtsortes betrieb.

Mit dem Bau der großen Elisabethkirche wurde bereits im Jahr der Heiligsprechung Elisabeths begonnen. Anlässlich dieser Zeremonie stellte Papst Gregor IX. am 30. Mai 1235 einen Ablassbrief aus, in dem das Bauprojekt des Deutschen Ordens bekannt gemacht wurde.Platz: Archäologische Untersuchungen im Umfeld der Elisabethkirche in Marburg an der Lahn. 2017, S. 172–173 (online, abgerufen am 4. Mai 2020, PDF). Wahrscheinlich erfolgte die Grundsteinlegung am 14. August 1235. Die Kirche wurde so ausgerichtet, dass Elisabeths Grabstätte in der Nordkonche der neuen Kirche im Sinne der Ortskontinuität an derselben Stelle über dem ersten Grab zu liegen kam.Christa Meiborg, Ursula Braasch-Schwersmann: Elisabeth von Thüringen. Ihr Hospital in Marburg und die Deutschordensniederlassung im 13. Jahrhundert. Archäologische Baubefunde und schriftliche Überlieferung. (2009); abgerufen am 6. März 2020. Während Westturm und Saalbau der Hospitalkapelle in den 1230er Jahren abgetragen wurden, blieb der zweiteilige Ostbau während der Bauarbeiten der neuen Kirche bis in die 1250er Jahre erhalten, um die Reliquienverehrung nicht zu unterbrechen.Platz: Archäologische Untersuchungen im Umfeld der Elisabethkirche in Marburg an der Lahn. 2017, S. 174–175, 180, 210 (online, abgerufen am 6. März 2020, PDF). Am 1. Mai 1236 erfolgte im Beisein Kaiser Friedrichs II. die feierliche Erhebung der Gebeine und ihre Umbettung in einen kostbaren Schrein sowie in verschiedene weitere Reliquiare.Göran Tegnér: Die Geschichte des Stockholmer Reliquiars mit der Krone. In: Andreas Meyer (Hrsg.): Elisabeth und kein Ende… . Zum Nachleben der heiligen Elisabeth von Thüringen. Eudora-Verlag, Leipzig 2012, ISBN 978-3-938533-32-1, S. 29–46.

mini|Hoher Chor mit Testbemalung einer Gewölbekappe (2020) In den 1230er Jahren wurden die Fundamente des Ostbaus (Konchen und Vierung), des gesamten Langhauses und im nordöstlichen Turmbereich gleichzeitig gelegt.Platz: Archäologische Untersuchungen im Umfeld der Elisabethkirche in Marburg an der Lahn. 2017, S. 174 (online, abgerufen am 4. Mai 2020, PDF). Alle Baukörper ruhen auf einem gemeinsamen Fundament, das unter dem Schiff und dem Dreikonchenbau als Streifenfundament und unter der Westturmanlage als Podest aus einer durchgehend aufgemauerten Fundamentplatte unbekannter Tiefe gefertigt ist. Um 1243 wurde der Dachstuhl des Konchenbaus aufgeschlagen und die Vierung mit den drei Chören fertiggestellt. Die Mauern des Langhauses waren bis zum dritten Joch von Osten vollständig und bis zum vierten Joch teilweise aufgeführt. Das Dachwerk der ersten beiden Joche im Osten ist dendrochronologisch auf das Jahr 1248 datiert und weist eine französisch geprägte Konstruktion mit Hängesäulen auf. 1249 wurden die Gebeine der Heiligen in dem fertiggestellten Schrein überführt, der entweder auf den damaligen Hauptaltar im Ostchor oder in das Elisabethmausoleum gesetzt wurde, was nicht überliefert ist. Damals trat nach dem Tod von Heinrich Raspe IV. wahrscheinlich eine Bauunterbrechung ein.

Etwa um 1260 wurde nach einem Planwechsel im Westen die Zweiturmfassade begonnen und bis zur Weihe der Kirche 1283 in den unteren beiden Geschossen mit Portal und Westfenster vollendet. 1277 war schon der Dachstuhl über den westlichen Langhausjochen aufgeschlagen worden. Der Westabschluss erhielt vielleicht ein Notdach.Strickhausen: Die Elisabethkirche in Marburg. 2001.

Die zweigeschossige Sakristei im Nordosten wurde spätestens 1262 errichtet; der Dachstuhl wird dendrochronologisch um 1266 datiert. Bis wann die Turmfreigeschosse vollendet waren, ist in der Forschung umstritten.Müller: Der zweitürmige Westbau der Marburger Elisabethkirche. 1997; Strickhausen: Die Elisabethkirche in Marburg. 2001, S. 145. Das 1311–1313 aufgeschlagene Dach zwischen den Freigeschossen setzt die Errichtung der beiden Steintürme voraus.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 612.

Ordens- und Wallfahrtskirche mini|Grablege der Landgrafen im Südchor

Die Elisabethkirche trägt das Patrozinium der Gottesmutter, da sie Patronin des Deutschordens war, wurde aber meistens ecclesia beate Elizabeth („Kirche der seligen Elisabeth“) genannt. Entsprechend dem Patrozinium finden sich in der Bauplastik zahlreiche Mariendarstellungen.Lemberg: Die Flügelaltäre von Ludwig Juppe und Johann von der Leyten in der Elisabethkirche zu Marburg. 2011, S. 123. Spätestens mit der Fertigstellung und Weihe des Hochaltars im Jahr 1290 wurde der Elisabethschrein in die Sakristei überführt. Um das Elisabethmausoleum im Nordchor herum und im Südchor wurden zwischen 1257 und 1302 vier Nischenaltäre geweiht.Lemberg: Die Flügelaltäre von Ludwig Juppe und Johann von der Leyten in der Elisabethkirche zu Marburg. 2011, S. 21. Die restlichen Arbeiten an den beiden Türmen zogen sich noch bis 1330 hin. Einige Gebäude des Ordens, das sogenannte Deutschhausgut, befinden sich noch heute an der Kirche. Dort sind jetzt u. a. das Mineralogische Museum und der Fachbereich Geographie der Philipps-Universität untergebracht. Für die fünf Nebenaltäre schuf Ludwig Juppe in den 1510er Jahren Schnitzaltäre, die von Johann von der Leyten farbig bemalt wurden.Lemberg: Die Flügelaltäre von Ludwig Juppe und Johann von der Leyten in der Elisabethkirche zu Marburg. 2011.

1539 ließ Landgraf Philipp der Großmütige die Gebeine der heiligen Elisabeth entfernen, um ein Zeichen gegen den Reliquienkult zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt war der größte Teil der begehrten Reliquien bereits an verschiedene Orte abgegeben.Thomas Franke: Zur Geschichte der Elisabethreliquien im Mittelalter und der frühen Neuzeit. In: Philipps-Universität Marburg (Hrsg.): Sankt Elisabeth. Fürstin – Dienerin – Heilige. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1981, ISBN 3-7995-4035-0, S. 168–172. Der Schädel und die beiden Schienbeine Elisabeths befinden sich heute im Elisabethinenkloster Wien, das Schädelreliquiar im Stadtmuseum von Stockholm und ein Armreliquiar im Schloss Sayn.Vgl. Friedrich Dickmann: Das Schicksal der Reliquien Elisabeths. In: Journal of Religious Culture. 141, 2010, S. 2–13.

Grablege der hessischen Landgrafen Der Landgrafenchor in der Südkonche enthält die Hochgräber (Kenotaphe) und Wandepitaphe der Landgrafen von Hessen, die direkte Nachkommen Elisabeths von Thüringen waren. Das älteste Grabmal ist das von Konrad von Thüringen, der ursprünglich 1240 in der Nordkonche in der Nähe der Hl. Elisabeth beigesetzt worden war. Um 1300 wurde sein Grab verlegt und die Südkonche als Grablege der Landgrafen von Hessen eingerichtet. Diese Funktion bestand bis in das 16. Jahrhundert.

Nachreformatorische Zeit Der gesamte Bereich östlich der Chorschranke war ursprünglich den Ordensrittern vorbehalten. Im Laufe des 16. Jahrhunderts konvertierten die einstmals katholischen Ordensbrüder fast alle zum Protestantismus, so dass in der Elisabethkirche ab 1539 der evangelische Gottesdienst gefeiert wurde. Trotz Einführung der Reformation in Hessen blieb die Elisabethkirche aufgrund der Reichsunmittelbarkeit des Deutschen Ordens noch katholisch, bis 1570 der letzte altgläubige Landkomtur starb.

Landgraf Moritz, der 1605 zum Calvinismus übergetreten war, ließ 1619 wegen des Bilderverbots westlich der Chorschranke den reichen Figurenschmucks entfernen.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 615. Im Siebenjährigen Krieg litt die Kirche Schaden, als sie als Heu- und Mehlmagazin genutzt wurde. Instandhaltungsmaßnahme wurden 1767–1770 durchgeführt. Zwischen 1811 und 1827 war die Kirche kurzzeitig ein Simultaneum, es fanden also räumlich getrennt sowohl katholische als auch protestantische Gottesdienste statt.Hermann Bauer: Alt-Marburger Geschichten und Gestalten. Rathaus-Verlag, Marburg 1986, ISBN 3-923820-16-X, S. 27.

Nach Hochwasserschäden im Jahr 1847, als der Ketzerbach übertrat, fanden 1854–1861 Grabungen und Restaurierungen in und an der Elisabethkirche und ihrer Umgebung unter Leitung von Friedrich Lange statt.G. Dolff-Bonekämper: Die Vergegenwärtigung der Elisabethkirche durch die Denkmalpflege im 19. und 20. Jahrhundert. In: Philips-Universität-Marburg (Hrsg.): 700 Jahre Elisabethkirche in Marburg 1283–1983. N. G. Elwert, Marburg 1983, S. 135–161.