mini|hochkant|Adolf von Harnack (1915) Karl Gustav Adolf Harnack, ab 1914 von Harnack (* in Dorpat, Gouvernement Livland; † 10. Juni 1930 in Heidelberg), war ein deutscher protestantischer Theologe und Kirchenhistoriker mit dem Schwerpunkt Dogmengeschichte. Er war Hochschullehrer und wirkte kulturpolitisch als Wissenschaftsorganisator in Preußen.
Leben Herkunft und Familie Adolf Harnack kam aus der Welt des deutschbaltischen Luthertums. Sein Vater Theodosius Harnack war Luther-Forscher an der Kaiserlichen Universität Dorpat und der Universität Erlangen. Sein Zwillingsbruder Axel wurde Mathematiker, sein jüngerer Bruder Erich Pharmakologe und sein jüngerer Bruder Otto Literaturwissenschaftler.
Adolf Harnack heiratete am 27. Dezember 1879 in Leipzig Amalie Thiersch (* 31. August 1858 in Erlangen; † 28. Dezember 1937 in Berlin), eine Tochter des Chirurgen Carl Thiersch (1822–1895), Professor an den Universitäten München, Erlangen und Leipzig, und der Johanna von Liebig, einer Tochter des Chemikers Justus von Liebig (1803–1873). Das Ehepaar hatte sieben Kinder.
Der von den Nationalsozialisten wegen der Beteiligung am Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtete Sohn Ernst von Harnack (1888–1945) hatte sich in der SPD engagiert. Der jüngste Sohn Axel von Harnack (1895–1974) war Historiker und Philologe und als Bibliothekar tätig. Die Tochter Agnes von Zahn-Harnack (1884–1950) war eine prominente Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung und Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei. Sie war mit dem Ministerialbeamten Karl von Zahn verheiratet. Die Tochter Elisabet von Harnack (1892–1976) war eine bedeutende Sozialarbeiterin.
Arvid Harnack (1901–1942), hingerichtet als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, und dessen Bruder Falk (1913–1991), Regisseur und ebenfalls Widerstandskämpfer, waren Söhne seines Bruders Otto.
Werdegang mini|Berliner Gedenktafel, Gebäude Fasanenstr. 43 in Wilmersdorf mini|Grabstätte der Familie von Harnack auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof Berlin Adolf Harnack besuchte das Gymnasium seiner Heimatstadt Dorpat, an dem er 1868 das Abitur ablegte.Alfred Seeberg (Hrsg.): Album des Theologischen Vereins zu Dorpat-Jurjew. C. Mattiesen, Dorpat 1905, S. 20. Er begann 1869 an der Universität Dorpat sein Theologiestudium und trat der Corporation Livonia bei. Ab Herbst 1872 studierte er in Leipzig Evangelische Theologie, promovierte 1873Mathematics Genealogy Project. und habilitierte sich 1874 dort. Die Universität Leipzig ernannte ihn 1876 zum außerordentlichen Professor. Als Ordinarius für Kirchengeschichte wirkte er später an der Universität Gießen (1879–1886), der Philipps-Universität Marburg (1886–1888) und der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (1888–1924). 1890 wurde er ordentliches Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie in Berlin.Geschichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Band 3. S. 119; . Seit 1897 war er korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.Martin Grabmann: Adolf von Harnack. (PDF; 229 kB) Nachruf bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Von 1905 bis 1921 war Harnack parallel dazu Generaldirektor der Königlichen Bibliothek, die 1918 in Preußische Staatsbibliothek umbenannt wurde. Harnack wurde am 23. Januar 1911 vom Senat der zehn Tage zuvor gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), heute Max-Planck-Gesellschaft, zu deren Präsidenten gewählt. (PDF; 3,6 MB). Dieses Amt hatte er bis 1930 inne. In dieser Funktion war er von 1911 bis 1930 zugleich Mitglied des Senats der KWG. Harnack lebte von 1911 bis zu seinem Tode in Berlin-Grunewald. Harnack starb 1930 nach kurzer Krankheit in Heidelberg. Sein Urnengrab befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin (Abt. C-Reihe 005-Nr.005-009). Es ist seit 1952 als Ehrengrab des Landes Berlin gewidmet.
Theologisches Werk Bereits als junger Privatdozent nahm er – beeinflusst durch die Theologie Albrecht Ritschls – eine kritische Perspektive zur christlichen Dogmengeschichte ein. Harnacks Verständnis des Protestantismus war das von Reformation und Revolution: Reformation der Heilslehre und Revolution gegen die Autorität der katholischen Kirche, gegen ihren hierarchischen Apparat mit eigener kirchlicher Rechtsordnung und gegen ihre Kultusordnung. Jesus habe das Kultische, das im Judentum galt, beiseite geschoben. Er habe nicht auf kultische Reinigung und Heiligung, sondern allein auf die Seele des Menschen gesetzt. Harnack unterschied scharf zwischen der Verkündigung Jesu (dem Evangelium) und dem Dogma. Zwar erachtete er die dogmengeschichtliche Entwicklung als historisch notwendig, doch auch als eine Überfremdung der Jesusbotschaft durch den Hellenismus („Hellenisierung des Christentums“)., hier Sp. 917f. Das moralische Handeln des Einzelnen, seine Werke der Liebe würden entscheiden, ob der Einzelne in ein Reich Gottes eingehe oder nicht. Das römisch-katholische und das orthodoxe Christentum sei dem Kult des Judentums ähnlich. Nur das protestantische Christentum habe die Botschaft Jesu in seiner Reinheit wiederhergestellt.
Sein dreibändiges Lehrbuch der Dogmengeschichte (1886–1890; mehrere erweiterte Neuauflagen) gilt als seine wichtigste theologische Publikation. Dieses Werk fand starken Widerspruch bei den Konservativen und im Evangelischen Oberkirchenrat, die seine Berufung nach Berlin verhindern wollten. Die Sache wurde dann 1888, im „Dreikaiserjahr“, mit Unterstützung Otto von Bismarcks von Wilhelm II. entschieden. Harnack bekam jedoch zeitlebens keine Prüferlaubnis für theologische Prüfungen. Harnack stand häufig im Zentrum kirchenpolitischer Konflikte wie im Apostolikumsstreit und im Babel-Bibel-Streit.
Im wilhelminischen Kaiserreich lehrte Harnack an der Universität zu Berlin. Seine sechzehn Vorlesungen über Das Wesen des Christentums, die er im Wintersemester 1899/1900 hielt, wurden von mehr als 600 Studenten aller Fakultäten gehört. Diese Vorlesungen waren allerdings auch Anlass intensiver Kritik von Seiten konservativer Theologen, namentlich von Theodor ZahnVgl. Uwe Swarat: Alte Kirche und Neues Testament. Theodor Zahn als Patristiker. Wuppertal 1991. und Eduard Rupprecht.Eduard Rupprecht: Das Christentum von D. Ad. Harnack nach dessen sechzehn Vorlesungen. Eine Untersuchung und ein Erfahrungszeugnis an die Kirche der Gegenwart aller Konfessionen. Gütersloh 1901. Bereits 1895 hatte der konservative Greifswalder Theologieprofessor Martin von Nathusius die seiner Meinung nach zu diesseitig bezogene theologische Sichtweise Harnacks kritisiert.Vgl. Martin von Nathusius: Der evangelisch-sociale Kongreß. Eine Absage. In: Allgemeine Konservative Monatsschrift für das christliche Deutschland. 52. Jahrgang, Januar-Juni, 1895, S. 562. Leo Baeck setzte sich in seinem 1905 erschienenen Hauptwerk Das Wesen des Judentums kritisch mit den Positionen Harnacks auseinander, ohne jedoch dessen Namen zu erwähnen.Belege fehlen.
Harnack als Wissenschaftsorganisator Harnack pflegte ein Netz von Kontakten zu den Wissenschaftlern seiner Zeit und zu seinen Schülern. In seiner Leipziger Zeit fand er einen Freundeskreis mit Julius Kaftan, Emil Schürer, Wolf Wilhelm von Baudissin und Oscar von Gebhardt. 1874 gründete er in Leipzig eine Kirchenhistorische Gesellschaft. Zu diesem Freundeskreis zählten Caspar René Gregory, Martin Rade, Wilhelm Bornemann, Friedrich Loofs und William Wrede.
Harnack gründete 1876 zusammen mit Emil Schürer die Theologische Literaturzeitung, zusammen mit Oscar von Gebhardt 1886/1887 die Zeitschrift Christliche Welt. Ebenfalls zusammen mit von Gebhardt entstand 1882 die Schriftenreihe Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, deren Bände anfänglich jeweils mehrere Untersuchungen umfassten. Harnack selbst veröffentlichte über beinahe fünf Jahrzehnte in dieser Reihe 49 Aufsätze und Abhandlungen.Carl Schmidt: Nachruf auf Adolf Harnack. In: Texte und Untersuchungen. TU 47, 1932, ohne Seitenangabe (Wikisource).
Mit dem Eintritt in die Preußische Akademie der Wissenschaften 1890 begann er ein Großprojekt mit der Edition einer kritischen Ausgabe der Griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte. Die Akademie setzte dazu die Kirchenväterkommission mit Harnack als Leiter ein. Die Kommission war von vornherein fächerübergreifend besetzt; es arbeiteten klassische Philologen, Althistoriker und Patristiker zusammen.Harnack: Geschichte der Akademie. Band 1, Teil 2, S. 1033; . Die Edition wurde auf ungefähr 50 Bände berechnet, die innerhalb von 20 Jahren erscheinen sollten; umfangreiche Untersuchungen dazu sollten in Texte und Untersuchungen erscheinen. Als Bestandsaufnahme für diese Arbeit verfasste Harnack die Geschichte der altchristlichen Literatur bis Eusebius. Die Arbeit der Kirchenväterkommission führte zu einem Aufschwung der Patristik. Diese Arbeit brachte ihn außerdem in engen Kontakt zu Theodor Mommsen.
Harnack engagierte sich für die lebendige Frauenbewegung um 1900. Er gehörte mit Wilhelm Dilthey, Minna Cauer und Hans Delbrück der 1893 von Helene Lange gegründeten Vereinigung zur Veranstaltung von Gymnasialkursen für Frauen an, die sich prinzipiell für ein Recht der Frauen auf ein Universitätsstudium einsetzte.Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. Böhlau, Köln 2010, S. 72. Gemeinsam mit Kaiserin Auguste Viktoria und den Frauenrechtlerinnen Helene Lange und Gertrud Bäumer engagierte er sich für die große Reform des Mädchenbildungswesens im Jahr 1908. Als Hochschullehrer unterstützte er die ersten Studentinnen, nachdem Frauen in Preußen in den 1890er Jahren der Besuch von Universitäten erlaubt worden war.Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. Böhlau, Köln 2010, S. 106.
Zum 200-jährigen Jubiläum der Akademie im Jahr 1900 verfasste Harnack die vierbändige Geschichte der Königlich Preußischen Akademie. Er konnte außerdem erreichen, dass die Kommissionen der Akademie mit eigenen, vom Staat bezahlten Beamtenstellen ausgestattet wurden, so dass sie kontinuierliche Arbeit leisten und die Mitglieder der Kommissionen von organisatorischen Aufgaben entlastet werden konnten.S. Rebenich: Die Altertumswissenschaften und die Kirchenväterkommission. (PDF; 1,9 MB) S. 211. Harnack wurde schließlich selber Vorsitzender der Akademie.
Harnack war maßgeblich an der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften beteiligt. Von 1911 bis 1930 war er ihr erster Präsident; gleichzeitig hatte er einen Sitz im Senat inne. Vielfach wird der Strukturansatz, Forschungsinstitute (seinerzeit die Kaiser-Wilhelm-Institute) um herausragende Einzelpersonen mit hoher finanzieller und inhaltlicher Eigenverantwortung zu entwickeln, als Harnack-Prinzip bezeichnet. Das Harnack-Prinzip wurde zu einem Markenzeichen der Max-Planck-Gesellschaft.
Politisches Engagement mini|Feier zur Eröffnung der Königlichen Bibliothek 1914 in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II., Festredner von Harnack als Generaldirektor mini|Harnack (rechts) bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für experimentelle Therapie, 28. Oktober 1913 Harnack wurde zum politischen Berater mit vielfältigen politischen Kontakten bis hin zum Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Im engen Zusammenspiel mit den Reformern der Staatsbürokratie vertrat er eine mittlere Linie, setzte auf Interessenausgleich durch Sozialreformen, Konfliktvermeidung und Konsens und wandte sich gegen eine kulturkämpferische Polarisierung und Verschärfung der Klassenkonflikte.