mini|rechts|Johann Adam von Itzstein 1842 mini|rechts|Familiengrab derer von Itzstein, Hallgarten (Rheingau). Die Rückseite des Grabsteines von J.A.v.I (links) trägt ein zeitgenössisches Urteil: „Müde von der Jugendkaempfen Deutscher Freiheit ruhet hier ein muthig Herz“

Johann Adam von Itzstein (* 28. September 1775 in Mainz; † 14. September 1855 in Hallgarten) war ein deutscher Verwaltungsbeamter, Weingutsbesitzer und führender Parlamentarier des Liberalismus.

Leben Familie und Herkunft Itzstein stammte aus einer Mainzer Juristen- und Beamtenfamilie mit Rheingauer Wurzeln; der Vater Edmund Ignaz (* 1727) war kurmainzischer Hofgerichtsdirektor, sein Großvater war der in Winkel geborene Mainzer Hofgerichtsrat Johannes Franziskus Itzstein.Hessische Biografie s.v. Itzstein und Josef Roßkopf in: https://www.hallgartener-wein.de/de/adam-von-itzstein2.htm. Aus den beiden Ehen des Vaters gingen 15 Kinder hervor; die erste Frau war früh verstorben, die zweite Ehefrau, Anna Maria Kerz, war die Mutter von Johann Adam, des vorletzten Kindes. Ältere Brüder waren Anton Franz (1760–1816, Landesdirektorialrat in Aschaffenburg, 1806 Oberpolizeidirektor in Frankfurt, 1810 fürstprimatischer Adel, 1813 Direktor des Frankfurter Oberappellationsgerichts) sowie der jung verstorbene Christian Franz Ittstein (!) (1762–1790), Professor der Rechte und Hofgerichtsrat in Mainz.Der Name Itzstein, hier in der Namensvariante „Ittstein“ war in der Gegend um Martinsthal verbreitet und leitet sich womöglich vom nahegelegenen Städtchen Idstein ab; 2014 lebten 319 Personen mit Namen „Itzstein“, davon 240 in Australien, 28 in Deutschland (davon 18 in Hessen); https://forebears.io/de/surnames/itzstein.

Schule, Studium und Beamtenlaufbahn Nach dem Besuch der Domschule und des GymnasiumsBecht, Itzstein 2012, S. 3. in Mainz studierte Itzstein Rechtswissenschaft und Wirtschaftslehre an der Universität Mainz, die als eine der aufgeklärtesten katholischen Hochschulen im Reich galtJörg Schweigard: Itzstein, unser Stern. In: Die Zeit, Nr. 29 vom 12. Juli 2012.; die Itzstein-Kinder wurden „spartanisch erzogen“, Wein und Tabak waren tabu, das Taschengeld knapp.Schweigard in Die Zeit, Nr. 29, 2012 vom 12. Juli 2012. Als 17-jähriger Student besucht er während der Mainzer Republik regelmäßig die Sitzungen des Jakobinerklubs (1792/93)„Im verwaisten kurfürstlichen Schloss versammeln sich zwanzig Mainzer zur Gründung einer »Gesellschaft der Freunde der Freyheit und Gleichheit«, auch Itzstein wird Mitglied“ ; für die oft erwähnte Mitgliedschaft im Jakobinerklub werden aber in der Literatur (u. a. bei Schweigard in Die Zeit 2012) keine Nachweise genannt., wo ihn vor allem sein Professor für Naturrecht und Philosophie, der Jakobiner und spätere Präsident des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents, Andreas Joseph Hofmann (1752–1849), beeindruckte.Roßkopf, Itzstein in NDB; Hofmann lebte bis zu seinem Tod im Alter von fast 100 Jahren (1844) in Winkel (Rheingau) in unmittelbarer Nachbarschaft Itzsteins, direkt neben einem weiteren seiner ehemaligen Studenten, nämlich Fürsten Metternich; Becht, Itzstein S. 3. Sein Lehrer Hofmann war es auch, der am 18. März 1793 vom Balkon des Deutschhauses aus den Freistaat ausrief, die erste moderne Republik auf deutschem Boden.http://www.dichterpflaenzchen.de/ausflug.html. Während die Familie in den Rheingau floh, erlebte Itzstein die Belagerung und Rückeroberung von Mainz unmittelbar mit; 1795 setzte er seine Studien dort fort.Josef Roßkopf in: https://www.hallgartener-wein.de/de/adam-von-itzstein2.htm.

Nach seinem Examen im Jahr 1797 wurde Itzstein Ober- und Vogteiamtspraktikant in Amorbach, avancierte 1799 mit 24 Jahren zum Syndikus und Vogteibeamten der Benediktinerabtei Amorbach in kurmainzischen Diensten; 1801 kehrte er als Stadtdirektor nach Amorbach zurückBecht, Itzstein 2012, S. 3., um nach der Säkularisation 1804/05 in den Dienst der Fürsten von Leiningen zu treten, die die ehemaligen Mainzer Besitzungen auf dem rechten Rheinufer als Ausgleich für ihre Verluste auf dem linken, nunmehr französischen Ufer erhalten hatten; Dienstsitz war Miltenberg. 1808 Justizrat geworden, wurde Itzstein 1809 als Oberamtmann im Großherzogtum Baden in badische Dienste übernommen. 1810 übernahm er das Bezirksamt in Schwetzingen, das seine politische Heimat wurde, weil man ihn von dort aus in die badische Zweite Kammer wählte. Itzstein hatte sich eigens einen Acker zugelegt, um als Grundsteuerzahler wählbar zu sein; der Acker verpachtete er nur für die Zeitdauer seines Mandats, um im Falle einer Wiederwahl Acker wieder verkaufen zu können; Becht, Itzstein, S. 3. 1819–1823 wurde er als Hofgerichtsrat nach Mannheim versetzt.Weech, Itzstein. In: ADB 14 (1881), S. 649–650; Hessische Biografie s. v. Itzstein. Siehe auch die Angaben im Biographisches Handbuch der Abgeordneten.

Mitglied der Badischen Kammer 1822 von der Stadt Mannheim als Mitglied in die Zweite Kammer der Badischen Ständeversammlung gewähltRoßkopf, Itzstein. In: NDB., erwarb er sich auf Grund seiner freiheitlichen Ansichten einen Ruf als einer der Führer der liberalen Opposition, der sich als schlagfertiger und gewandter Redner, vor allem im Streit um den Militäretat 1822/23, erwies.Josef Roßkopf: Itzstein, Johann Adam von. In: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 206, Digitalisat. Er trat insbesondere nachdrücklich für die Pressefreiheit, die Ausweitung der parlamentarischen Rechte und eine effiziente Kontrolle des Budgets ein. Der Landtag wurde daraufhin 1823 von Großherzog Ludwig I. geschlossen, Itzstein aufgrund seiner politischen Opposition ans Hofgericht Meersburg strafversetzt und 1824 pensioniert. mini|Hallgarten im Rheingau, Hofgut Adam von Itzstein

Privatier und Weingutsbesitzer Er lebte nun seit 1820 von seinen Einnahmen als Mitbesitzer, 1837 nach dem Tod seines Bruders Peter von Itzstein, Chorherr von St. Peter in Mainz,Köpfe der Demokratiegeschichte. als Alleinbesitzer des 40 Morgen/10 ha großen Weingutes Hallgarten bei Oestrich-Winkel im Rheingau; Winkel gehörte seit 1806 zum Herzogtum Nassau.Josef Roßkopf in: https://www.hallgartener-wein.de/de/adam-von-itzstein2.htm Das Weingut war im Jahr 1736 durch die Ehe seines Großvaters, des Mainzer Hofrats Johannes Franziskus Itzstein mit der Kaufmannstochter Maria Clara Hardy an die Familie Itzstein gekommenJosef Roßkopf in: https://www.hallgartener-wein.de/de/adam-von-itzstein2.htm. Der Bruder hatte die Gebäude in den Jahren 1820–1830 neu errichten lassen.Josef Roßkopf in: https://www.hallgartener-wein.de/de/adam-von-itzstein2.htm und https://www.rheingau.de/sehenswertes/sehenswuerdigkeiten/itzstein. Itzstein, der bisher in Mannheim gelebt hatte, pendelte nun zwischen beiden Wohnsitzen; finanziell war er „völlig unabhängig“, seine badische Pension konnte er für die Oppositionsarbeit aufwenden. „Allein Itzsteins Portokosten müssen in Wahlkampfzeiten enorme Höhen erreicht haben“, und auch seine zahlreichen Pressekampagnen und Spendenaufrufe für politisch Verfolgte, die er bis Anfang der 1840er Jahre noch im Alleingang organisierte, verursachten hohe Aufwendungen, schufen ihm aber zugleich ein deutschlandweites Netz von verlässlichen Kontaktpersonen.Becht, Itzstein S. 7, 12, 16 und 18; Becht schätzt die von Itzstein verfassten Briefe auf etwa 10.000, von denen sich nur 2–3 % erhalten haben (S. 12). mini|Hambacher Tuch (Ausschnitt): Johann Adam von Itzstein 1832

Erneuter Einzug in den Landtag und politischer Netzwerker Im November 1830 – nach dem Tod des Großherzogs und unter dem Eindruck der französischen Julirevolution von 1830 - wurde Itzstein erneut in die badische Kammer gewählt, wo er bald aufgrund seines Alters, seiner politischen und Verwaltungserfahrung sowie als Initiator zahlreicher Treffen und Gespräche als Doyen des süddeutschen Liberalismus galt. Er war Teilnehmer des „Weinheimer Pressefestes“ von 1832, das dem Hambacher Fest unmittelbar vorausging; in Hambach war Itzstein der einzige Vertreter der rheinhessischen und badischen Liberalen, die dem Unternehmen wegen der zu befürchtenden Gegenmaßnahmen und des zu erwartenden politischen Rückschritts skeptisch gegenüberstanden.Wilhelm Kreutz: Hambach 1832. Deutsches Freiheitsfest und Vorbote des europäischen Völkerfrühlings. Mainz: Landeszentrale für Politische Bildung 2016, S. 39. Auf seinem Weingut in Hallgarten (Hallgartenkreis).Früher „Bingergaß“, heute Niederwaldstr. 7a (Privatbesitz), Oestrich-Winkel; Josef Roßkopf in: https://www.hallgartener-wein.de/de/adam-von-itzstein2.htm. trafen sich schon 1832, dann – nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1833 – jährlich von 1839 bis 1847 liberale Politiker des Vormärz, insgesamt etwa 30–40 Persönlichkeiten, darunter womöglich auch sein Lehrer Hofmann aus dem benachbarten Winkel. Da politische Versammlungen mit mehr als zwanzig Personen verboten warenKreutz, Hambach, S. 42., mussten die Treffen, auch wegen der polizeilichen Überwachung der Teilnehmer, unauffällig, fast geheim organisiert werden. Sie waren regelrechte „liberale Parlamentarierkonferenzen“Roßkopf in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 206 bzw. Becht, Itzstein, S. 2. und die „eigentliche Keimzelle der Frankfurter Nationalversammlung 1848“Ricarda Huch: 1848. Die Revolution des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Zürich 1948, S. 63 f., zugleich auch die „Keimzelle einer deutschlandweiten liberalen Partei“Josef Roßkopf in https://www.hallgartener-wein.de/de/adam-von-itzstein.htm; Becht, Itzstein, S. 7.. Gäste waren u. a. der Publizist Robert Blum, der Arzt Johann Jacoby, die Juristen Friedrich Hecker und Heinrich von Gagern, der Verleger Friedrich Daniel Bassermann, der Dichter des Deutschlandliedes Heinrich Hoffmann von Fallersleben oder die Schriftsteller Ferdinand Freiligrath, Rudolf von Gottschall und August Hergenhahn.Hessische Biografie s. v. Itzstein. Obwohl es dort auch „dezidiert feuchtfröhlich“ zugehen konnte,Becht, Itzstein, S. 14 und 19. gelang dem Hallgartenkreis 1843 mit der Veröffentlichung der geheimen Beschlüsse der Wiener Ministerialkonferenz des Deutschen Bundes aus dem Jahr 1834 ein Coup, als Itzstein den Teilnehmern eine Abschrift vorzeigte, die für enormes Aufsehen sorgte, da die Beschlüsse vielfach Landesrecht verletzten. In Deutschland, den USA und in Frankreich erschienen zwischen 1843 und 1848 nicht weniger als 16 Druckfassungen.

Dem Hallgartener Kreis unter Itzstein gelang es nach und nach, „gleiche Haltung der Kammern, besonders in betreff der Hauptanträge – z. B. freie Presse, Öffentlichkeit und Mündlichkeit des Verfahrens, Geschworenengerichte, Verantwortlichkeit der Minister, Militärbeschränkung“ zu erreichen.Becht, Itzstein, S. 19. Durch seine Korrespondenzpartner war Itzstein jederzeit umfassend informiert und erzielte durch die Flexibilität und Modernität seines Wahlkampfes Erfolge. Mit ständig verfeinerten Methoden, z. B. Multiplikatoren wie Gastwirte anzusprechen, dort Unterschriftslisten zur Adresssammlung auszulegen, Pressemitteilungen zu versenden und aussichtslose Kandidaten über Nacht auszutauschen, spielte Itzstein bereits damals, noch vor der Existenz von politischen Parteien, erfolgreich auf der „Klaviatur“ des Wahlkampfs.Becht, Itzstein, S. 26 (Diskussion).

Auch in der Auseinandersetzung der liberalen badischen Kammer mit dem konservativen Kabinett der Ära Blittersdorf (1835–1843) und mit seinem Einspruch gegen das Manifest des Großherzogs von 1841/42 mit Zensur, Urlaubsverweigerung für Beamte und Kammerauflösung spielte Itzstein eine führende Rolle. In Karlsruhe erhielt Itzstein 1842 eine „Bürgerkrone“Heidelberger Journal, 25. August 1842. und war am Verfassungsfest des Jahres 1843 in Bad Griesbach als Hauptredner beteiligt,Rainer Schimpf: Auf dem Königsweg – Die Verfassung für Württemberg von 1819 vom 25. September 2019. somit einer der populärsten Liberalen des Vormärz; bereits zu Lebzeiten entstand ein regelrechter Kult um seine Person: