mini|Tulaer Kreml Tula () ist eine Großstadt mit 457.000 Einwohnern (Stand: 2025) in Russland.https://rosstat.gov.ru/storage/mediabank/Сhisl_MO_01-01-2024.xlsx Sie ist Verwaltungszentrum der Oblast Tula im Föderationskreis Zentralrussland und liegt knapp 200 km südlich von Moskau. Heute ist Tula mit seinem fast 300 Jahre alten Waffenwerk und anderen Fabriken eine bedeutende Industriestadt und eines der Zentren der russischen Rüstungsindustrie. Zudem weist die Stadt eine über 850-jährige Geschichte auf und ist mit zahlreichen historischen Bauwerken, darunter dem Tulaer Kreml aus dem frühen 16. Jahrhundert, ein bedeutendes Touristenziel.

Geografie mini|Der Upa-Fluss in Tula Lage Tula befindet sich 193 Kilometer südlich von Moskau. Die Stadt ist Verwaltungszentrum der Oblast Tula, einer der 47 Oblaste der Russischen Föderation. Diese erstreckt sich über rund 200 km von Nord nach Süd und 190 km von West nach Ost und grenzt an die Oblaste Moskau, Rjasan, Lipezk, Orjol und Kaluga.

Die Stadt Tula liegt an beiden Ufern des Flusses Upa, eines 345 km langen rechten Nebenflusses der Oka (Flusssystem der Wolga), auf einer Höhe von rund 150 bis 170 Metern über dem Meeresspiegel. Sie ist die mit Abstand größte Stadt der Oblast und neben Nowomoskowsk eine von ihren zwei Großstädten. Die beiden Tula am nächsten gelegenen Städte sind Bolochowo (18 km südöstlich von Tula) und Schtschokino (23 km südlich).

Stadtgliederung Wie es bei vielen russischen Städten seit den Gebietsreformen der Sowjetzeit der Fall ist, gliedert sich auch Tula in sogenannte Stadtrajons auf, also Stadtteile, die meist nicht den historischen Ortsteilen oder Dörfern entsprechen, sondern vorwiegend unter geografischen oder verwaltungstechnischen Gesichtspunkten gebildet wurden. Das Tulaer Stadtgebiet besteht aus fünf solcher Rajons mit einer Bevölkerung von jeweils etwa 70.000 bis 150.000 Einwohnern. Der Zentralny- und der Sowetski-Rajon umfassen vor allem das Stadtzentrum, der Saretschenski-Rajon die Nordstadt, zum Proletarski-Rajon gehören die Wohngebiete am rechten Upa-Ufer, und der Priwoksalny-Rajon liegt westlich der Eisenbahnstrecke nach Moskau.

Die Bevölkerungszahlen der fünf Stadtrajons Tulas sind in der folgenden Tabelle dargestellt.

Stadtrajon(Gorodskoi Rajon)Russischer NameEinwohnerCensus 2010: (PDF; 6,9 MB) S. 42, , abgerufen am 30. Juni 2011.1. Januar 2010BemerkungPriwoksalnyПривокзальный78.746Name bedeutet am BahnhofProletarskiПролетарский156.479Name bedeutet Proletarischer RajonSaretschenskiЗареченский95.570Name bedeutet hinter dem FlussSowetskiСоветский73.002Name bedeutet Sowjetischer RajonZentralnyЦентральный97.332Name bedeutet Zentralrajon

Natur und Rohstoffe Tula liegt im nordöstlichen Teil der Mittelrussischen Platte an den nördlichen Ausläufern der insbesondere für Südrussland typischen Steppenlandschaft. Aus diesem Grund weist die Umgebung der Stadt, im Vergleich etwa zur Oblast Moskau, nur relativ geringe Waldflächen auf. Bei den vorhandenen Wäldern handelt es sich vor allem um Laubwald mit einer besonders weiten Verbreitung von Eichen, Birken und Ahornen. Größere Waldflächen auf dem Tulaer Stadtgebiet finden sich nordöstlich und nordwestlich des Stadtkerns, außerdem unmittelbar hinter den südlichen Stadtgrenzen, wo bis heute Reste des Schutzwalls aus dem 16. und 17. Jahrhundert verlaufen (siehe dazu auch den Abschnitt Geschichte).

Die Oblast Tula ist relativ arm an Bodenschätzen. Zu ihren wichtigsten Rohstoffen gehört vor allem die Braunkohle, die südlich und südöstlich von Tula seit Mitte des 19. Jahrhunderts abgebaut wird. Außerdem gibt es Lagerstätten des Eisen- und des Strontium-Erzes, des Torfs, des Tons und des Kalksteins.

Klima Die Stadt Tula und ihre Umgebung weisen ein gemäßigtes Kontinentalklima auf. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in der Stadt 5,2 °C und die Jahresniederschlagsmenge 601 Millimeter. Der Januar ist mit einer Durchschnittstemperatur von −6 °C am Tag und −12,6 °C in der Nacht der kälteste Monat des Jahres, der wärmste ist der August mit 22,4 °C bzw. 11,6 °C. Dieser weist im Mittel auch die höchste Niederschlagsmenge mit 86 mm, wohingegen der entsprechende Wert für Februar nur 30 mm beträgt.

Wie es bei allen anderen zentralrussischen Gebieten der Fall ist, ist auch für Tula und Umgebung ein für europäische Verhältnisse recht kalter und schneereicher, aber auch trockener Winter und ein gemäßigt warmer, sonniger Sommer typisch. Zwar fällt im Winter die Temperatur nicht selten unter −20 °C, allerdings ist dabei – aufgrund der meist trockenen Luft und mäßigen Windes – der Windchill-Faktor relativ niedrig, die gefühlte Temperatur ist also höher als die tatsächliche.

Die folgende Tabelle zeigt eine tabellarische und grafische Übersicht der monatlichen Höchst- und Tiefsttemperaturen sowie Niederschlagsmengen für das Stadtgebiet Tula.

Geschichte Die Anfänge Die erste urkundliche Erwähnung Tulas stammt aus einer Chronik des Jahres 1146. Spätestens zu dieser Zeit existierten die ersten Ansiedlungen an der Mündung des Flüsschens Tuliza in die Upa, also nahe dem heutigen historischen Stadtkern. Die genaue Namensherkunft der Tuliza, von der auch der Stadtname abstammt, ist bis heute unbekannt, dürfte aber altostslawischen Ursprungs sein. Im Jahr 1382, während der mongolischen Invasion in Russland, fand Tula erneute schriftliche Erwähnung, diesmal in einer Urkunde des Moskauer Großfürsten Dmitri Donskoi. Dort wird Tula als Residenz der Ehefrau des tatarischen Khans Dschani Beg genannt.

Nach dem Sieg Dmitri Donskois über die mongolischen Invasoren in der Kulikowoer Schlacht 1380 gehörte Tula und die umliegende Gegend gut ein Jahrhundert lang zum Rjasaner Fürstentum, bis sie im Jahre 1503 vom Großfürstentum Moskau erobert und dessen Teil wurden. Die genaue geschichtliche Entwicklung der Stadt vor dieser Zeit ist nur sehr lückenhaft überliefert worden. Bekannt ist aber, dass in Tula bereits seit dem 14. Jahrhundert Handwerk und Handel eine bedeutende Rolle gespielt hatten.

Tula wird zur Festungsstadt Nach dem Anschluss Tulas an Moskau 1503 wurde die Stadt aufgrund ihrer Lage nahe den südlichen Grenzen des Großfürstentums zu einem dessen südlicher Vorposten. Aus diesem Grund beschloss der damalige Großfürst Wassili III., die Stadt zu einer Festung auszubauen, die Moskau vor Angriffen aus dem Süden schützen konnte. Hierfür wurde südlich der Stadt ein Waldstreifen als Verteidigungsanlage angelegt. Die Bäume in diesem rund vier Kilometer breiten Streifen waren vor Einschlag geschützt und konnten im Angriffsfall in Richtung Süden gefällt werden. Dieser undurchdringliche Holzwall als Teil der sogenannten Verhaulinie sollte unter anderem dabei helfen, die auf dem Pferde starken Krieger der Krimtataren abzuwehren. Die Reste dieses Waldes, der sich ursprünglich über 400 km Länge an der südlichen russischen Grenze entlang erstreckte, können noch heute auf Luftbildern der Region erkannt werden.

mini|Ein Marktplatz vor den Mauern des Tulaer Kremls, 17. Jahrhundert Darüber hinaus wurde, um den Stadtkern zusätzlich vor möglichen Angriffen zu schützen, 1509 mit der Errichtung eines für altrussische Grenzstädte typischen Kremls begonnen, also einer von steinerner Mauer mit Wachtürmen umgebenen Festungsanlage. Der so entstandene und bis heute erhaltene Tulaer Kreml am linken Upa-Ufer gegenüber der Tuliza-Mündung wurde 1520 fertiggestellt und galt mit seiner bis zu 3,2 Meter dicken Mauer und neun Wachtürmen aus rotem Backstein zu jener Zeit als eine der sichersten und architektonisch aufwändigsten Festungen auf dem Gebiet des Moskauer Großfürstentums. Bereits 1552 konnte die Stadt den Angriff durch das Heer des krimtatarischen Khans Devlet I. Giray erfolgreich abwehren. 1607 diente der Kreml dem Heer des Bauernaufstandsanführers Iwan Bolotnikow vier Monate lang als Zufluchtsstätte. Nur durch eine künstliche Stauung der Upa mit einer Dammkonstruktion aus Sandsäcken, die zu einer Überschwemmung des Kremlgeländes führte, gelang es der Armee des Zaren Wassili IV. schließlich, die Aufständischen in die Knie zu zwingen.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begann sich in Tula, vor allem aufgrund des reichen Eisenerzvorkommens in der Umgebung der Stadt, das Metallverarbeitungshandwerk zu entwickeln. Die Tulaer Eisenschmiede produzierten aus dem Eisen Alltagsgegenstände und Gewehre, die aufgrund ihrer vorzüglichen Qualität schnell in ganz Russland bekannt wurden. 1595 gründeten die Eisenschmiede nahe der Stadt eigens eine Handwerkersiedlung, in der von da an verschiedenste Eisenwaren – von kleinen Alltagsgegenständen über landwirtschaftliche Geräte bis hin zu Klingen- und Schusswaffen – hergestellt wurden. Zugleich wurden die Tulaer Schmiede per Zarenerlass Fjodors des I. zu einer privilegierten Zunft erhoben, die Steuerfreiheit und Unabhängigkeit von örtlichen Machtstrukturen genießen konnte. Dies gilt zusammen mit der Gründung der Eisenschmiedsiedlung als Geburtsstunde der Tulaer Rüstungsindustrie.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts entstanden an den Ufern der Tuliza mehrere Eisengießereien, was den Ruf der Stadt als Zentrum der russischen Eisenverarbeitung untermauerte. Einer der bekanntesten Tulaer Eisenschmiede jener Zeit war Nikita Demidow (1656–1725), der 1696 nahe der Stadt eine große, vom künstlich gestauten Wasser der Tuliza angetriebene Eisengießerei gründete und während des Krieges gegen Schweden die Armee des Zaren Peter I. mit dort hergestellten Gewehren und Kanonen belieferte. Da Peter die hohe Qualität der Demidowschen Waffen zu schätzen wusste, überließ er ihm 1702 ausgedehnte Grundstücke im Ural für die Errichtung neuer Waffenfabriken. Demidow ließ daraufhin dort seine Produktionsstätten bauen, was ihn zu einem der reichsten Industriellen des 18. Jahrhunderts machte und die Industrialisierung der Ural-Region einleitete.

Entwicklung der Industrie ab dem 18. Jahrhundert Nachdem sich der inzwischen zum Zarentum Russland expandierte Moskauer Staat im Laufe des 17. Jahrhunderts auch Richtung Süden ausdehnte, verlor Tula allmählich seine Bedeutung als Grenz- und Festungsstadt. Gleichzeitig stieg seine wirtschaftliche Rolle innerhalb Russlands immer weiter an. Neben Nikita Demidow sorgten mehrere weitere Tulaer Industriellenfamilien aus der Zunft der Eisenschmiede für die Expansion der russischen Waffenindustrie. Da Peter der Große spätestens seit dem Krieg gegen Schweden um die große strategische Bedeutung des Tulaer Metallhandwerks wusste, erließ er am 15. Februar 1712 einen Sonder-Ukas für den Bau einer großen Waffenfabrik nahe der Tulaer Eisenschmiedsiedlung. Dieser Tag gilt bis heute als das Gründungsdatum des Tulaer Waffenwerks, das bis heute in unmittelbarer Nähe des Kremls beheimatet ist und zu den bekanntesten russischen Waffenherstellern zählt. Die neu gegründete Fabrik wurde mit für die damalige Zeit modernsten Anlagen ausgerüstet und produzierte bereits im Jahre 1720 rund 22.000 Gewehre für die Kaiserliche Russische Armee. Besonders hohe Produktionszahlen wies die Fabrik in Kriegszeiten auf – so unter anderem während der Russisch-Osmanischen Kriege, des Vaterländischen Kriegs 1812, des Russisch-Japanischen Kriegs 1904–1905 sowie des Ersten und des Zweiten Weltkriegs. Auch das Repetiergewehr Mosin-Nagant wurde 1891 erstmals in der Tulaer Waffenfabrik hergestellt.

Neben der Rüstungsindustrie entwickelte sich im Tula des 18. Jahrhunderts auch die zivile Eisenverarbeitung in hohem Maße. In den Manufakturen der Eisenschmiedesiedlung wurde unter anderem qualitativ hochwertiger Haushaltsbedarf, landwirtschaftliche Erzeugnisse und kleinere Alltagsgegenstände produziert, die weit über die Stadtgrenzen Tulas hinaus exportiert wurden. Die gute Handwerksleistung der Tulaer Schmiede wurde später im Roman des bedeutenden russischen Schriftstellers Nikolai Leskow Der stählerne Floh (1881) gewürdigt.