Unendlicher Spaß (englischer Originaltitel: Infinite Jest) ist ein 1996 veröffentlichter Roman des US-amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace. mini|rechts|alt=Der Autor David Foster Wallace im Hammer Museum in Los Angeles im Januar 2006. Das Porträt stammt aus einem Gruppenfoto mit Fans des Autors.|David Foster Wallace (2006) Die deutsche Übersetzung von Ulrich Blumenbach erschien im Jahr 2009.

Der Roman verwebt Handlungsstränge an einer Tennisakademie, in einem Drogenentzugsheim und aus dem Geheimdienstmilieu zu einer komplexen Erzählstruktur mit zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren und deren Umgang mit Sucht und Abhängigkeiten. Die Handlung wird verbunden und vorangetrieben von der Suche nach dem Film Unendlicher Spaß, der seine Zuschauer derart fesselt, dass sie – mit lebensgefährdenden Folgen – zu keinen anderen Gedanken und Handlungen mehr fähig sind. Der Titel nimmt Bezug auf Shakespeares Hamlet. Vgl. „Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio; a fellow of infinite jest…“ In: William Shakespeare: Hamlet. Akt V, Szene 1.

Unendlicher Spaß gilt als ein zentrales Werk der US-amerikanischen Literatur der 1990er JahreChad Harbach: David Foster Wallace! In: n+1 (Literaturmagazin), Ausgabe 1, Sommer 2004. Online-Ausgabe, abgerufen am 25. Oktober 2019 (online).Richard Kämmerlings: Medusa in der Selbsthilfegruppe. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. August 2009, abgerufen am 8. September 2019.Denis Scheck: Ein Roman über Sucht? In: Die Welt, Schecks Kanon (33), 10. November 2017, abgerufen am 26. August 2019.Tom Bissell: Everything About Everything: David Foster Wallace’s ‘Infinite Jest’ at 20. In: The New York Times, 1. Februar 2016. Online-Ausgabe, abgerufen am 1. November 2019. Der Text ist auch das Vorwort in der „Infinite Jest“-Ausgabe von 2016. und wurde von Time zu den 100 besten englischsprachigen Romanen gezählt.Lev Grossmann: Infinite Jest. In: All-TIME 100 Novels, Time, 7. Januar 2010. Online-Ausgabe, abgerufen am 25. Oktober 2019.

Inhalt David Wallaces Roman besteht aus mehreren personell locker miteinander verbundenen Haupt- und Nebenhandlungen, die in einer – zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung 1996 – nahen Zukunft im nordamerikanischen Staatenbund O.N.A.N. spielen und sich thematisch auf den im Titel angedeuteten Hedonismus der nordamerikanischen Gesellschaft mit den Folgen der Abhängigkeit und des Freiheitsverlusts der Menschen beziehen. O.N.A.N. Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist die Wahl des Schlagersängers Johnny Gentle zum US-Präsidenten. Seine Versprechen, sich um die Müllprobleme des Landes zu kümmern, die Steuern nicht zu erhöhen, die Sündenböcke „jenseits der Grenzen unserer Gemeinschaft“ zu suchenin der Filmparodie Mario Incandenzas: David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, S. 638. und die Entscheidungen für alle zu treffen, so dass die Menschen sich zurücklehnen und „die Show […] genießen“ können,David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, S. 554. haben ihm zum Sieg verholfen. Eine seiner ersten Aktionen am „Tag der Interdependenz“ (8. November 2001) war der Zusammenschluss der Vereinigten Staaten mit Kanada und Mexiko zum Staatenbund O.N.A.N., der „Organisation Nordamerikanischer Nationen“, und in diesem Zusammenhang die sogenannte „Territoriale Rekonfiguration“ im Rahmen des „Experialismus“. D. h., die US-Gebiete nördlich Bostons wurden an Kanada abgegeben und nach der Umsiedlung der Bevölkerung als Mülldeponie „Great Concavity“ benutzt. Dabei wird der Giftmüll von großen Katapulten aus mit „Müllentsorgungsprojektilen“ ins Zielgebiet geschossen. Auch ihre verschmutzte Luft blasen die USA mit riesigen Ventilatoren in diese nun unbewohnbare Zone. Energieprobleme wiederum sind durch Erfindung der „Annularen Fusion“ behoben worden, zu deren Nebenwirkung allerdings hypertrophes Wachstum von Pflanzen und Tieren gehört. Um die Staatseinnahmen zu erhöhen, verkauft die Regierung an zahlungskräftige Firmen das Recht, jeweils ein ganzes Jahr nach ihren Produkten zu benennen, was eine eigene Zeitrechnung ergibt: die „Sponsorenzeit“ (SZ).

Die Haupthandlung spielt überwiegend im US-amerikanischen Boston im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“, im 8. Jahr der SZ. Das entspricht dem Jahr 2009 der alten Zeitrechnung.Ein Schlüssel für die Datierung der Ereignisse sind die Überschriften „Montag, 9. November“ und „Mittwoch, 11. November“ (David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, S. 793, 798), die sich auf den Kalender 2009 beziehen. A.F.R. Die Dominanz der USA und die Kanada übertragene Sondermüllzone erwecken den Widerstand Québecer Separatisten. Eine Abspaltung dieser Bewegung sind die „Rollstuhl-Attentäter“, die „Assassins des Fauteuils Rollents“ (A.F.R.). Sie lehnen nicht nur die O.N.A.N. ab, sondern auch die Ideologie der amerikanischen Gesellschaft, die im Gegensatz zu den alten an den europäischen Traditionen orientierten Werten (Ehre, Disziplin, Loyalität einer größeren Einheit gegenüber) „weder eine Mannschaft noch ein Code, sondern eine Art saloppe Kreuzung aus Wünschen und Ängsten [ist], und der einzige öffentliche Konsensus […] besteht im anerkannten Vorrang direkten Strebens nach der oberflächlichen und kurzsichtigen Vorstellung persönlichen Glücks“.David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, S. 120. Die fundamentalistischen Fanatiker der vor allem im ländlich-konservativen Québec lokalisierten A.F.R.Der Begriff der „Assassins“ verweist auf die Assassinen, eine ismailitische Sekte, aber auch auf die selbstmörderischen Anarchistenattentäter des 19. Jahrhunderts. Es sind potenzielle Märtyrer in Kampf gegen die supranationale, von den USA beherrschte Organisation O.N.A.N. Sie haben ihren Mut bei gesellschaftlich regelwidrigen Wettkämpfen (beim „jeu du prochain train“) vor fahrenden Eisenbahnzügen bewiesen, derentwegen sie sich die Beine amputieren lassen mussten, während sich Probanden des Spaßfilms die Zehen amputieren lassen, um den suchterzeugenden Film noch einmal sehen zu dürfen, und sich die Tennismatches zwar nach gesellschaftlich akzeptierten Regeln vollziehen, aber die Teilnehmer in die Sucht treiben. beharren rigide auf Prinzipien, die „der individuellen Lust, dem Wohlergehen, cui bono, oder der Unterhaltung der Sektenmitglieder so aktiv entgegenstehen, dass sie von den avanciertesten Wissenschaften ebenso wenig mehr erfasst werden können wie vom rudimentären gesunden Menschenverstand.“David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, S. 1515.

In einer langen Diskussion mit dem B.S.S.-Geheimdienstagenten (Bureau des Sevices sans Spécificité) Hugh Steeply, die in Parallelführung die Haupthandlung begleitet, bezeichnet der Rollstuhl-Aktivist Remy Marathe das von Steeply gepriesene individuelle Persönlichkeitsmodell der USA mit Wahlmöglichkeiten als Theorie. Das System nutze nur den Stärkeren, die ihre Lüste auf Kosten der Schwächeren durchsetzen, und die USA ihre Interessen gegenüber Kanada, wie die Müll-Konvergenzzone beweise. Die zwanghaft konsumierten Spaßfilme würden zeigen, dass es keine echte Willens- und Wahlfreiheit gebe, sondern nur die Abhängigkeit. Als Beispiel nennt er den „schleichenden Versklavungsprozess“ in Boston. Die Versuche des Geheimdienstes, die „Disseminierung“ des Films zu verhindern, beweise seine Befürchtung, dass „so viele USA-ler […] keine aufgeklärte Wahl treffen“ können.David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, S. 622. Die liberal-hedonistische Gesellschaft neige zur Selbstzerstörung und bringe ebenso selbstzerstörerische Gegentendenzen hervor, und an diesem Schwachpunkt wollen die A.F.R. die US-Gesellschaft treffen, indem sie als ultimative Waffe „die Unterhaltung“, d. h. den tödlichen, weil unwiderstehlichen Film „Unendlicher Spaß“, das letzte Werk des Regisseurs James O. Incandenza, verbreiten. Betrachter dieses Films werden augenblicklich süchtig danach, wollen nichts anderes mehr als ihn immer wieder sehen, vergessen Essen, Trinken und Schlaf und sind – so sie noch lebend gefunden werden – unwiderruflich in den Geisteszustand eines Kleinkinds versetzt. Einzelne aufgetauchte Kopien des Films haben für die Zuschauer tödlichen Folgen. Die A.F.R. suchen, teils mit Foltermethoden, das Masterband, um den Film ins Fernsehnetz einzuspeisen und das Land mit Kopien zu überschwemmen. Als Gegenmaßnahme sucht der US-Geheimdienst ebenfalls nach der Masterkassette, um die Verbreitung des Films zu verhindern. Ob es diesen alle Betrachter in seinen Bann ziehenden Incandenza-Vergnügungssucht-Film überhaupt gibt und wie der Kampf ausgeht, bleibt im Roman offen. Auch über den eigentliche Inhalt des Films gibt es nur Gerüchte.

Die Geheimdienst-Agenten und die Terroristen versuchen durch Recherchen bei der Familie des Regisseurs und bei seiner Schauspielerin Joelle die Masterkassette zu finden und so verbinden sich ihre Aktivitäten mit den Handlungssträngen der E.T.A., der Incandenza-Familie und des Ennet-Hauses.

E.T.A. Der zentrale Handlungsort des Romans ist die elitäre „Enfield Tennis Academy“ (E.T.A.), ein Internat auf einem Hügel nahe der fiktiven Stadt Enfield bei Boston,Der Autor erklärte in einem Interview, dass er einen ihm gut bekannten Bostoner Stadtteil, die Gegend um Allston-Brighton-Newton, als Vorlage für Enfield benutzte. Kunal Jasty: A Lost 1996 Interview with David Foster Wallace, 21 December 2014https://medium.com/@kunaljasty/a-lost-1996-interview-with-david-foster-wallace-63987d93c2c bestehend aus mehreren Gebäuden und Tennisanlagen, unterirdisch verbunden durch ein System aus Gängen und Räumen. Hier werden Jugendliche zu künftigen Tennisprofis gedrillt. Durch laufend neu errechnete Ranglisten stehen sie unter ständigem Erfolgsdruck und viele Schüler konsumieren verbotene Substanzen. Einer der besten Spieler ist der introvertierte, aber sprachlich hochbegabte 17-jährige Harold (Hal) Incandenza, eine der beiden Hauptfiguren des Romans. Er ist der jüngste Sohn des Erfinders, Filmregisseurs und E.T.A-Gründers James O. Incandenza. Nach dessen Suizid leitet seine Witwe Avril gemeinsam mit ihrem Adoptivbruder Charles Tavis die Academy. Auch Avrils zweiter Sohn Mario, körperlich schwer beeinträchtigt, wohnt in der E.T.A. und filmt die Aktivitäten der Spieler, während Orin, der älteste der drei Brüder, als Football-Profi in Arizona lebt und den Kontakt zu den Eltern abgebrochen hat.

Gerhardt Schtitt, sportlicher Leiter der E.T.A., hat mit James Incandenza das pädagogische Konzept der Akademie entwickelt. Der Zweikampf gelte, wie er Mario erklärt, nicht dem Gegner, sondern sich selbst, um die eigenen Grenzen zu erfahren und zu durchbrechen, sich zu transzendieren. Das Spiel sei „tragisch, traurig, chaotisch und herrlich. So ist das ganze Leben für Bürger der Condition humaine: Die treibenden Grenzen liegen im Inneren und müssen wieder und wieder getötet und betrauert werden“.David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, S. 122. Die Schüler sollten beim Spiel die ganze Umgebung vergessen. Man versuche, „den Besten, das Gefühl einzuschärfen, dass es nie darum gehe[-], gesehen zu werden.“David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2011, S. 952. Die E.T.A.-Leitung wolle die zukünftigen Tennisprofis vor den Medien schützen und damit vor dem Einfluss der Öffentlichkeit auf ihre Persönlichkeitsentwicklung, um sie vor Erfolg- und Misserfolgserlebnissen zu stabilisieren. So würden sie nicht zu Sklaven der Unterhaltungswelt und könnten ihre Autonomie bewahren. Mit dem Druck der Akademie sollen die Jugendlichen „feuergefestigt“ werden, um dem späteren Siegesdruck standzuhalten.