mini|Simon L. Frank Simon L. Frank (, Semjon Ljudwigowitsch Frank, * in Moskau; † 10. Dezember 1950 in London) war ein russischer Philosoph. Seinen russischen Vornamen „Semjon“ hat Frank in seinen in westlichen Sprachen geschriebenen Publikationen stets als „Simon“ wiedergegeben.
Zum Werk Franks Philosophie ist eine systematische personalistische Seinslehre in praktischer Absicht. Grundlegend ist sein Werk Der Gegenstand des Wissens. Ausgehend von dem in diesem Werk gewonnenen Seinsbegriff schuf Frank eine philosophische Psychologie, eine Sozialphilosophie und Sozialethik, eine Religionsphilosophie und eine Anthropologie, die in der Lehre von der ontologischen Einheit und Unterschiedenheit von Mensch und Gott, dem „Gottmenschentum“ gipfelt.
Seine Analysen der Zeitgeschichte, insbesondere der geistigen Hintergründe der bolschewistischen Revolution in Russland, zeigen ihn als aufmerksamen politischen Beobachter. Sein Interesse am philosophischen Gehalt der Literatur kommt in Aufsätzen zu Johann Wolfgang von Goethe, Alexander Sergejewitsch Puschkin, Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew und Rainer Maria Rilke zum Ausdruck. Als Philosoph nahm er auch Stellung zu theologischen Fragen. Nach dem Philosophiehistoriker W. W. Senkowski ist Frank der „größte russische Philosoph überhaupt“.Vassilij V. Zen’kovskij: Istorija russkoj filosofii. (Paris 1950), Leningrad 21991, II, 2, S. 158, 178.
Leben Simon L. Frank entstammte einer jüdischen Familie. Der Vater, Ludwig Frank, ein Militärarzt, starb, als der Junge fünf Jahre alt war. Der Großvater mütterlicherseits, Mitbegründer der Moskauer jüdischen Gemeinde, vermittelte ihm die ersten religiösen Eindrücke; dann führte ihn der Stiefvater in die Gedankenwelt der radikalen „Volksfreunde“ ein.
1894 immatrikulierte Frank sich an der juristischen Fakultät der Moskauer Universität. Infolge der Beteiligung an einem marxistischen Diskussionszirkel wurde er 1899 für zwei Jahre von allen russischen Universitäten ausgeschlossen. Seine deutschen Sprachkenntnisse erlaubten ihm, an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin Politische Ökonomie und Philosophie (u. a. bei Georg Simmel) zu studieren; er befasste sich intensiv mit dem Neukantianismus und der klassischen deutschen Philosophie. Die Begegnung mit Nietzsches Werk besiegelte die endgültige Abkehr vom Marxismus.
Eine kritische Arbeit zu Marx’ Wertlehre (Moskau 1900) hatte den russischen „legalen Marxisten“ Peter B. Struve auf ihn aufmerksam gemacht. Zunächst arbeitete Frank mit Struve als Herausgeber von Zeitschriften der radikalen liberalen Opposition und als Übersetzer deutscher philosophischer Werke. Er war der jüngste Mitarbeiter an der 1909 von einer Gruppe russischer Intellektueller unter dem Titel „Wegzeichen“ (russisch „Wechi“) veröffentlichten Analyse der geistigen Situation der russischen geistigen Elite; er gab seinem Beitrag in kritischer Absicht die Überschrift „Ethik des Nihilismus“ und forderte die philosophische Begründung eines „schöpferischen religiösen Humanismus“.Vgl. Wegzeichen. Zur Krise der russischen Intelligenz. Eingeleitet und aus dem Russischen übersetzt von Karl Schlögel. Frankfurt am Main 1990. S. 320. 1909 gab Frank die russische Übersetzung von Edmund Husserls Logischen Untersuchungen I mit einer Einleitung heraus. In diese Zeit fiel auch seine Auseinandersetzung mit der Erkenntnislehre des Pragmatismus, mit der Religionsphilosophie von William James, Friedrich Schleiermacher und Spinoza.
Seit 1911 war Frank Dozent an der Universität St. Petersburg, 1912 wurde er orthodoxer Christ. Seine Arbeit „Der Gegenstand des Wissens. Grundlagen und Grenzen der begrifflichen Erkenntnis“ erschien 1915; Dmitrij Tschižewskij nannte sie das „wohl bedeutendste Buch der russischen philosophischen Literatur im 20. Jahrhundert“Dmitri Čyževs'kyj: Hegel bei den Slaven. Darmstadt 21961, S. 358.. Frank geht in ihr systematisch der Frage nach den transzendentalen Bedingungen des begrifflichen Wissens nach. Sie ist als solche eine Stellungnahme zu Kants Kritizismus, zur neukantianischen Erkenntnistheorie (Hermann Cohen, Alois Riehl), zur Zeitauffassung von Paul Natorp, zur Immanenzphilosophie von Wilhelm Schuppe und zur mathematischen Logik von Georg Cantor. Das Werk enthält einen umfangreichen Anhang Zur Geschichte des ontologischen Gottesbeweises, der das Verständnis des ontologischen Arguments von Parmenides bis zum Deutschen Idealismus verfolgt. Noch vor der Oktoberrevolution konnte Frank 1917 Die Seele des Menschen. Versuch einer Einleitung in die philosophische Psychologie veröffentlichen.
Für kurze Zeit war er Dekan der philosophischen Fakultät der neu gegründeten Universität Saratow. 1921 wurde er Professor an der Universität Moskau; mit Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew gründete er eine „Akademie für geistige Bildung“. 1922 musste Frank wie Berdjajew, Fedor Stepun, Sergei Nikolajewitsch Bulgakow und andere nichtmarxistische Gelehrten Russland verlassen. Mit seiner Familie zog er nach Berlin; es begann die Not des Exils, erst 1931 bis 1933 hatte er eine Anstellung als Lektor an der Berliner Universität. Während dieser Zeit entstanden mehrere kleinere Schriften, u. a. in den „Kant-Studien“ und im „Logos“. 1930 veröffentlichte er in Paris auf Russisch Die geistigen Grundlagen der Gesellschaft. Einführung in die Sozialphilosophie. Seine Religionsphilosophie „Das Unergründliche. Eine ontologische Einführung in die Religionsphilosophie“ hatte er 1936 in deutscher Sprache nahezu abgeschlossen, doch die Nationalsozialisten ließen eine Veröffentlichung in Deutschland nicht zu; sie erschien leicht umgearbeitet auf Russisch 1939 in Paris.
Anfang 1938 emigrierte er mit seiner Familie nach Frankreich. Hier verfasste er Das Licht in der Finsternis. Versuch einer christlichen Ethik und Sozialphilosophie (teilweise überarbeitet 1949 in englischer Sprache erschienen) und die theologische Schrift Mit uns ist Gott. Drei Erwägungen (sie erschien englisch 1946). Im November 1945 übersiedelte Frank nach London. Hier entstand sein letztes großes Werk Die Realität und der Mensch. Eine Metaphysik des menschlichen Seins (posthum veröffentlicht in Paris 1956, russ.). Seit der Auflösung der Sowjetunion 1990 werden Franks Werke auch in Russland wieder gedruckt.
Philosophie mini Philosophen, die Frank beeinflusst haben Bereits in Der Gegenstand des Wissens bemerkte Frank, dass er neben Plotin entscheidende Impulse für seine Seinslehre Nikolaus von Kues verdankt. In Das Unergründliche bezeichnete er Nikolaus als seinen „in gewissem Sinne einzigen Lehrer der Philosophie“.S. L. Frank: Sočinenija (Nepostižimoe). Moskau 1990, S. 184. In der deutschen Übersetzung Das Unergründliche, S. 24, wurde der Satz „In gewissem Sinn ist er für mich der einzige Lehrer der Philosophie“ weggelassen. Aber auch Augustinus wird von Frank als Quelle seines Seinsverständnisses genannt. Der Platonismus (in einem weiteren Sinn) bildet, wie Frank selbst anmerkt, den Rahmen seines Denkens. Spuren hinterlassen hat ferner die Auseinandersetzung mit Descartes’ Ringen um unbedingte Gewissheit der Erkenntnis.
Auf der Grundlage der neuplatonischen Ontologie erfolgte die kritische Rezeption der Phänomenologie (Edmund Husserl, Martin Heidegger); die phänomenologische Methode spielte in Franks Religionsphilosophie und in seinen Spätschriften eine starke Rolle. Von nachhaltiger Bedeutung war die Rezeption des Personalismus und der Dialogphilosophie (Max Scheler, Martin Buber, Ferdinand Ebner, Franz Rosenzweig). Fruchtbar war die kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Lebensphilosophie, in erster Linie mit Henri Bergson, aber auch mit Wilhelm Dilthey. Für die philosophische Gotteslehre und die theologisch-spirituelle Schrift Mit uns ist Gott sind außerdem christliche Mystiker von Bedeutung: Meister Eckhart, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Franz von Sales. In seinen letzten Lebensjahren hat Frank auch das Vorbild Wladimir Solowjows für seine Konzeption des Gottmenschentums ausdrücklich anerkannt.
Abschied von der Bewusstseinsphilosophie – „Ideal-Realismus“ Grundlegend für Franks Philosophie ist die in Der Gegenstand des Wissens (1915) aufgewiesene Real-Geltung des Seinsbegriffs. Von der Intentionalität des Erkenntnisakts ausgehend zeigt Frank, dass jedes bestimmende Denken und begriffliche Wissen die „Anwesenheit“ oder „Vorhandenheit“ des Seins als transzendentale Bedingung seiner Möglichkeit voraussetzt. Das Sein als „Hintergrund“ alles inhaltlich und gegenständlich „Gegebenen“ ist selbst inhaltlich nicht bestimmt oder abgegrenzt und nicht bestimmbar. Ungeachtet der hier verwendeten Wörter wie „Hintergrund“, „Horizont“ o. ä. darf das Sein nicht vergegenständlicht gedacht und dem Seienden gegenübergestellt werden. Um die Einheit des Seins mit dem Denk- und Erfahrungsgegenstand auszusagen, gilt die Formel, dass sie nicht getrennt und nicht vermischt sind.
Frank setzt sich in diesem Werk scharf von der Bewusstseinsphilosophie ab, der er in seinen ersten Arbeiten noch nahestand, und vollzieht die Wende zu einer realistischen Ontologie, die er (einen Begriff Fichtes aufgreifend) als „Ideal-Realismus“ bezeichnet. Das Sein kann nicht als Bewusstsein gedeutet werden, weil das Bewusstsein als Intentionalität Glied einer Beziehung ist, die jenseits ihrer etwas anderes voraussetzt, ohne Bezug auf welches sie nicht möglich ist. Dieses „Andere“ kann nicht wieder durch das Bewusstsein vermittelt sein, sondern muss „bei uns an sich“ anwesend sein. Das heißt erneut: Die „überzeitliche Einheit“ des Bewusstseins mit dem Gegenstand, welche das Erkennen ermöglicht, ist „uns als solche nicht in Form des Bewusstseins, sondern in Form des Seins“ gegeben. Das Bewusstsein kann sich auf das Sein richten, „nur weil wir unabhängig vom Strom der aktuellen Erlebnisse, die das Leben unseres Bewusstseins ausmachen, die überzeitliche Einheit sind, uns in ihr befinden und sie sich in uns“. Das heißt: „Das erste, was ist und was folglich unmittelbar evident ist, ist nicht das Bewusstsein, sondern das überzeitliche Sein selbst“. Dieses Sein ist, weil nicht gegenständlich gegeben, kein „transzendentes“ Sein, das wir erst denkend erreichen müssten. „Es ist das absolute Sein, außerhalb dessen es nichts gibt und das nicht transzendent ist, sondern die absolut immanente Grundlage jeglicher Transzendenz“, so dass der Unterschied zwischen dem (im engen Sinne) „immanenten“ Bewusstseinsinhalt und dem „gegenständlichen“ (transzendenten) Sein als abgeleitete Dualität erst auf ihrem Grund entstehen kann.S.L. Frank: Der Gegenstand des Wissens, S. 218 f.
Diese Immanenz ist der Immanenz eines aktuell in uns gegenwärtigen Erlebnisses analog. Doch ist diese Analogie beschränkt, denn die Immanenz des Erlebnisses ist nur als Gegenbegriff zu seiner Transzendenz denkbar, während die Immanenz des absoluten Seins die Bedingung dieser Unterscheidung ist.
Die Notwendigkeit, das absolute Sein als dem Denken immanent anzunehmen, findet Frank durch Descartes’ Bemühen, absolute Gewissheit zu gewinnen, bestätigt. Strikt genommen besagt die cartesische Formel „cogito, ergo sum“: Ich denke, also ist das Denken. Das heißt aber: Das Bewusstsein erfährt sich selbst als gewiss. Diese Selbstgewissheit des Bewusstseins besagt aber zugleich „seine Unaufhebbarkeit, das heißt, seine Notwendigkeit und Gewissheit als Sein“.