mini|Andrés de Concha – hl. Cäcilia mit musizierenden Engeln (um 1580)

Cäcilia von Rom wird in mehreren christlichen Konfessionen als Heilige, Jungfrau und Märtyrin verehrt. Ihr Gedenktag ist der 22. November. Sie gilt als Schutzpatronin der Kirchenmusik, daher zählt unter anderem die Orgel zu ihren Attributen. Ihre Historizität ist umstritten.

Historizität mini|Cäcilia (mittig) unter den jungfräulichen Märtyrerinnen, Mosaik in Sant’Apollinare Nuovo (um 520) Historisch verwertbare Angaben zu Cäcilias Leben fehlen, weswegen ihre Historizität infrage gestellt wird.Hippolyte Delehaye: Étude sur le légendier romain. Les saints de novembre et de décembre (= Subsidia hagiographica. Band 23). Société des Bollandistes, Brüssel 1936, S. 88; Roland Götz: Caecilia. In: Hans Dieter Betz, Don S. Browning, Bernd Janowski, Eberhard Jüngel (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 4. Auflage. Band 2. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, Sp. 2 f.; Michael Lapidge: The Roman Martyrs. Introduction, Translations, and Commentary. Oxford University Press, Oxford 2018, S. 139; Der kirchlichen Tradition zufolge, die sich auf die passio sanctae Caeciliae („Leidensgeschichte der hl. Cäcilia“) aus dem 5. Jahrhundert stützt, lebte sie im 3. Jahrhundert in Rom, wo sie von Papst Urban I. getauft wurde. Doch ist die Verbindung mit Urban wohl als gelehrte Erfindung des Verfassers der passio anzusehenMichael Lapidge: The Roman Martyrs. Introduction, Translations, and Commentary. Oxford University Press, Oxford 2018, S. 142. und die griechischen Menaia nennen für das Martyrium die Zeit der Christenverfolgungen unter Diokletian.Siehe etwa das Synaxarion aus Konstantinopel zum 22. November: Hippolyte Delehaye: Synaxarium ecclesiae Constantinopolitanae. Société des Bollandistes, Brüssel 1902, S. 243–245 (Digitalisat); vgl. Johann Peter Kirsch: St. Cecilia. In: The Catholic Encyclopedia. Band 3. Robert Appleton Company, New York 1908, S. 471–473, hier S. 472 (Digitalisat). Im ältesten Verzeichnis der Märtyrer von Rom, der Depositio martyrium des Chronographen von 354, wird sie nicht genannt. Inschriftlich ist sie im 5. Jahrhundert nachgewiesenGiovanni Battista de Rossi: Inscriptiones christianae Urbis Romae septimo saeculo antiquiores. Band 1. Rom 1861, S. 359 f., Nr. 816 (Digitalisat). und Presbyter der ihr geweihten Kirche Santa Cecilia in Trastevere unterzeichneten im Jahr 499 die Synodalakten.Jörg Rüpke, Anne Glock: Fasti sacerdotum. Prosopographie der stadtrömischen Priesterschaften römischer, griechischer, orientalischer und jüdisch-christlicher Kulte bis 499 n. Chr. Band 2. Franz Steiner, Stuttgart 2005, S. 825 s. v. Bonifatius (2); S. 1135 s. v. Marcianus (3). In der um 640 entstandenen zweiten Edition des Liber Pontificalis ist die älteste Erwähnung des Titularfestes ihrer Kirche überliefert. Demnach beging Papst Vigilius am 22. November 545 das Fest, als er von den Gesandten des Kaisers Justinian I. in der Kirche gefangengesetzt wurde.Louis Duchesne: Le Liber pontificalis. Texte, introduction et commentaire. Band 1. Thorin, Paris 1886, S. 297. 300 Anm. 12, der darauf hinweist, dass sich laut Prokop, Gothenkrieg 3,15, Vigilius zu Beginn des Jahres 546 als freier Mann auf Sizilien befand und sich von dort aus nach Byzanz begab (Digitalisat); zur Datierung der 2. Edition, die sich unter anderem an der schwachen Darstellung der Vita des Vigilius festmacht, siehe Raymond Davis: The Book of Pontiffs (Liber Pontificalis). The Ancient Biographies of the First Ninety Roman Bishops to AD 715 (= Translated Texts for Historians. Band 6). Überarbeitete, zweite Auflage. Liverpool University Press, Liverpool 2000, ISBN 0-85323-545-7, S. xlvii–xlviii, englische Übersetzung der Vita des Vigilius ebenda S. 57–61. Das wohl im frühen 7. Jahrhundert zusammengestellte Martyrologium Hieronymianum nennt verschiedene Festtage, an denen der Märtyrin Cäcilia gedacht wurde, darunter auch den 22. November.

Ausgehend von den für Märtyrer Roms typischerweise spät verfassten, meist legendarischen und gewissen Topoi folgenden MärtyreraktenZum topischen Charakter der seit dem 5. Jahrhundert entstehenden Märtyrerakten siehe Stefan Heid: Die Taufe in Rom nach den frühen römischen Märtyrerlegenden. In: Rivista di archeologia cristiana. Band 89, 2013, S. 217–252 (goerres-gesellschaft-rom.de [PDF; 214 kB]). wurden verschiedene Versuche unternommen, den Zeitpunkt des Martyriums der heiligen Cäcilia zu bestimmen. Der Kirchenhistoriker Johann Peter KirschJohann Peter Kirsch: St. Cecilia. In: The Catholic Encyclopedia. Band 3. Robert Appleton Company, New York 1908, S. 471–473, hier S. 472. und Paul StygerPaul Styger: Papstkrypta und Cäciliagruft in der Kallistkatakombe an der Via Appia: Neue archäologische Lösungsversuche hagiographischer Probleme. In: Zeitschrift für katholische Theologie. Band 56, Nummer 1, 1932, S. 67–81, hier S. 75 f. stellten die verschiedene Ansätze zur Bestimmung des Zeitpunkts eines Martyriums der Cäcilia zusammen; die entsprechenden Angaben schwanken zwischen den Jahren 177 und 362, als Christenverfolger wurden Mark Aurel und Commodus,Giovanni Battista de Rossi: La Roma Sotterranea Cristiana. Band 2. Rom 1867, S. 150–152 (Digitalisat), der sich dabei auf eine Notiz im Martyrologium des Ado von Vienne berief. Dort heißt es zum 22. November: „passa est autem beata virgo Marci Aurelii et Commodi imperatorum temporibus“; vgl. Ado von Vienne, Martyrologium zum 22. November (Ausgabe von Domenico Grigori: S. 588). Severus Alexander,Johann Peter Kirsch: Das wahrscheinliche Zeitalter der hl. Cäcilia. In: Theologische Quartalschrift. Band 85, 1903, S. 47–69, bes. S. 67–69, (Digitalisat auf OpenDigi der Universitätsbibliothek Tübingen). Septimius Severus,Carl Erbes: Die h. Cäcilia im Zusammenhang mit der Papstkrypta sowie der ältesten Kirche Roms. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte. Band 9, 1888, S. 1–60, hier S. 42 (Digitalisat). Maximinus Thrax,Joseph Langen: Geschichte der römischen Kirche bis Leo I. 1881, S. 268–270 (Digitalisat). Decius,Benjamin Aubé: Les chrétiens dans l’empire romain. De la fin des Antonins au milieu du IIIe siècle. Didier, Paris 1881, S. 411–417 (Digitalisat). DiokletianHenri Quentin: Cécile (sainte). In: Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie. Band 2, Teil 2. Paris 1910, Sp. 2712–2738, bes. Sp. 2727–2729. und JulianKarl Adam Heinrich Kellner: Das wahre Zeitalter der heiligen Cäcilia. In: Theologische Quartalschrift. Band 84, 1902, S. 237–259, bes. 254 f., (Digitalisat auf OpenDigi der Universitätsbibliothek Tübingen) angeführt. Sofern eine Historizität der heiligen Cäcilia unterstellt wird, spielt als Jahr ihres Martyriums heute nur mehr das Jahr 230, das heißt die Regierungszeit des Severus Alexander, eine Rolle.

Heiligenlegende Überlieferung und Ausgaben Die passio der hl. Cäcilia kursierte im Mittelalter in zahlreichen Handschriften. Die Bibliotheca Hagiographica LatinaBHL 1495, 1495a und 1496 (Digitalisat); BHL 1495 in einer Handschrift des 10. Jahrhunderts der Bayerischen Staatsbibliothek Inv. Clm 11321. listet 168 Zeugnisse,Datenbankbestand der Bibliotheca Hagiographica Latina manuscripta nach Michael Lapidge: The Roman Martyrs. Introduction, Translations, and Commentary. Oxford University Press, Oxford 2018, S. 144. denen Cécile Lanéry im Jahr 2010 weitere 62 hinzufügen konnte.Cécile Lanéry: Les Passions latines composées en Italie. In: Guy Philippart (Hrsg.): Hagiographies. Histoire internationale de la littérature hagiographique latine et vernaculaire en Occident des origines à 1550. Band 5. Brepols, Turnhout 2010, S. 15–369, hier S. 84 f.

Die ältesten Handschriften stammen aus dem 8. Jahrhundert. Symeon Metaphrastes übertrug im 10. Jahrhundert die Passio ins Griechische.Ausgabe des griechischen Textes bei Giacomo Laderchi: S. Caeciliae virg. et martyris acta et transtyberina basilica seculorum singulorum monumentis asserta. Band 1: Laurentius u. a. Pagliarini, Rom 1723, S. 229–260 (). Eine erste Druckfassung als Inkunabel wurde um 1474 von Boninus Mombritius im ersten Band seines Sanctuarium seu Vitae sanctorum in Mailand veröffentlicht.Boninus Mombritius: Sanctuarium seu Vitae sanctorum. Band 1. Mailand fol. 188–193; Neuausgabe mit nicht gekennzeichneten Korrekturen herausgegeben von zwei Mönchen der Abtei Saint-Pierre de Solesmes (Albin Brunet und Henri Quentin): Sanctuarium seu Vitae sanctorum. Albertus Fontemoing, Paris 1910, S. 332–341 (Digitalisat). Sie wird auch heute noch herangezogen und zitiert.Etwa Stefan Heid: Die Taufe in Rom nach den frühen römischen Märtyrerlegenden. In: Rivista di archeologia cristiana. Band 89, 2013, S. 217–252. Im Jahr 1551 wurde die Fassung des Metaphrastes für Luigi Lippomano ins Lateinische zurückübersetzt und 1575 von Laurentius Surius in Band 6 seiner De Probatis Sanctorum Historiis in Köln abgedruckt.Laurentius Surius: De Probatis Sanctorum Historiis. Band 6. Köln 1575, S. 505–514 (Vollansicht bei Google-Books); Ausgabe des Textes von Surius in der Patrologia Graeca. Band 116. Garnier, Paris 1891, Sp. 163–180 (Digitalisat).

Antonio Bosio verfasste im Jahr 1600 für Kardinal Paolo Emilio Sfondrati eine erste kodifizierte Fassung der Passio, die für Jahrhunderte verbindlich blieb.Antonio Bosio: Historia passionis b. Caeciliae virginis, Valeriani, Tiburtii, et Maximi martyrum. Stephanus Paulinus, Rom 1600 (Digitalisat). Joseph Mohr legte 1889 erste Ansätze zu einer bis heute ausstehenden kritischen Sichtung der Handschriften vor, beschränkte sich aber auf das italienische, weitgehend römische Material.Joseph Mohr: Beiträge zu einer kritischen Bearbeitung der Martyreracten der heiligen Caecilia. In: Römische Quartalschrift für Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte. Band 3, 1889, S. 1–14 (Digitalisat) Im Jahr 1936 veröffentlichte Hippolyte Delehaye, basierend auf zwei der ältesten Handschriften aus dem 9. und 10. Jahrhundert, eine neue Edition der passio, die seitdem zumeist herangezogen wird.Hippolyte Delehaye: Étude sur le légendier romain. Les saints de novembre et de décembre (= Subsidia hagiographica. Band 23). Société des Bollandistes, Brüssel 1936, S. 194–220; siehe auch Cécile Lanéry: Nouvelles recherches d’hagiographie arnobienne: la passion de Cécile. In: Monique Goullet (Hrsg.) Parva pro magnis munera. Etudes de littérature latine tardo-antique et médiévale offertes à François Dolbeau par ses élèves. Brepols, Turnhout 2009, S. 533–559; Michael Lapidge: The Roman Martyrs. Introduction, Translations, and Commentary. Oxford University Press, Oxford 2018, S. 144.

Die Datierung der Urschrift und die Autorschaft der passio sind Gegenstand der Diskussion. Cécile Lanéry kam 2009 nach umfassender Analyse zu dem Schluss, dass Arnobius der Jüngere um das Jahr 450 die passio verfasst habe.Cécile Lanéry: Nouvelles recherches d’hagiographie arnobienne: la passion de Cécile. In: Monique Goullet (Hrsg.) Parva pro magnis munera. Etudes de littérature latine tardo-antique et médiévale offertes à François Dolbeau par ses élèves. Brepols, Turnhout 2009, S. 533–559. Dem schloss sich Michael Lapidge, der 2018 eine kommentierte englische Übersetzung der passio auf Basis des Textes von Delehaye vorlegte, ohne Einschränkung an.Michael Lapidge: The Roman Martyrs. Introduction, Translations, and Commentary. Oxford University Press, Oxford 2018, S. 143; die englische Übersetzung ebenda S. 144–164.

Passio (Zusammenfassung)