Die Hamburger Turnerschaft von 1816 r. V. (kurz HT16) ist ein Mehrsparten-Sportverein mit Sitz im Hamburger Stadtteil Hamm. Er bezeichnet sich selbst als „ältesten Turnverein der Welt“.HT16.de: Es gibt jedoch noch ältere Schützenvereine, und auch der 1990 nach jahrzehntelanger Unterbrechung wiederbegründete TSV 1814 Friedland beansprucht diesen „Titel“ für sich. mini|Neubau des HT-16-Sportzentrums am Sievekingdamm (April 2021)
Geschichte mini|Vereinsfahne im Jahr 1926
Die HT16 entstand, als Hamburger Bürger nach dem Vorbild des Turnplatzes auf der Hasenheide in Berlin, den Friedrich Ludwig Jahn erbaut hatte, ebenfalls einen Platz in Hamburg errichteten. Sie wurde auf Initiative des aus Dänemark stammenden und in Altona ansässigen Fechtlehrers Gotthard Nicolai, der zuvor bereits eine Turnanstalt auf „Cordsens Platz“ betrieb, wo jetzt das Spiegel-Gebäude Ericusspitze stehtHans-Jürgen Schulke: Die Gründungsjahre des ältesten Turnvereins: Auf der Suche nach Raum. In: Christian Becker, Bernd Wedemeyer-Kolwe, Angelika Wolters: Geschichte des Turnens in Norddeutschland. LIT Verlag Münster, 2010, S. 82 ff. ISBN 3-643-13821-0 ()NDR.de: HT16: Von der Wehrertüchtigung zum Zumba (Abruf: 13. August 2017), und dem Jahnschüler und Berliner Bankierssohn Wilhelm Benecke und dem befreundeten, ebenfalls aus Berlin stammenden, Kaufmann Karl KrutischKarl Krutisch (* 30. März 1797 in Berlin; † 8. Juli 1832 in Hamburg), Sohn des Berliner Kaufmanns Philipp Krutisch und der Johanna Friederike Henriette, geborene Rähmel; seit 1815 als Kaufmann in Hamburg tätig; mecklenburgischer Kommerzienrat; verheiratet mit Benedicta, geborene Klünder (⚭ 6. Mai 1819) als „Hamburgische Turnanstalt“ gegründet. Hamburger Turnerschaft von 1816.Abendblatt.de: Abendblatt-Sport-Fibel Artikel im Hamburger Abendblatt vom 15. September 1954 Wilhelm Benecke, der während seiner kaufmännischen Ausbildung bei Christian Daniel Benecke familiär untergekommen war, hatte bei diesem im Garten 1815 einen kleinen Turnplatz errichtet und turnte mit dem befreundeten Krutisch und 20 weiteren 1816 temporär im angemieteten Deutschen Lustgarten, in der Gaststätte „Weißes Roß“ und im Englischen Reitstall.
„Hamburgische Turnanstalt“ in der Johanniskirche mini|St. Johannis, Lithografie von Peter Suhr, 1829
Der Turnverein nahm am 2. September 1816 seinen Betrieb auf. Zunächst wurde in der 1817 angemieteten Johanniskirche auf dem heutigen Rathausmarkt geturnt, die durch Napoleons Truppen während der Hamburger Franzosenzeit entweiht wurde. Genutzt wurde dort der eingezogene Zwischenboden, wodurch der Begriff „Turnboden“ entstand.
Nachdem den Mitgliedern der militärische Tonfall des ehemaligen Husaren-Leutnants Nicolai missfiel, übernahm Benecke 1818 die Turnanstalt und die Johanniskirche von diesem, da ihm persönlich Nicolais kommerzielles Interesse widerstrebte. Bevor er im April 1819 wieder nach Berlin zurückkehrte, schuf er noch eine demokratische Turnordnung, wodurch die Turnanstalt faktisch zum Verein wurde. Zu dieser Zeit hatte die HT 16 166 Mitglieder. Obwohl Bürgermeister Christian Daniel Benecke die Durchsetzung des erlassenen Turnverbots in Hamburg verhinderte, sank die Mitgliederzahl dann auf 71 Mitglieder. Ab Januar 1822 waren die Mitglieder durch drei für ein Vierteljahr gewählte Beisitzer vertreten.Carl Heitmann: Zeittafel der Geschichte der Hamburger Turnerschaft von 1816: 1816 – 1882. Herbst, Hamburg, 1883. () Nach Lockerung des Turnverbots gab es nach einem vorherigen Auf und Ab dann 1824 wieder 122 Mitglieder. 1826 wurde erstmals ein namentliches Mitgliederverzeichnis eingeführt.
Ab Februar 1828 durfte in der baufälligen Johanniskirche nicht mehr geturnt werden, woraufhin beim Hamburger Senat um Bereitstellung einer anderen Turnstätte gebeten wurde.
Nutzung des Ericus-Turngeländes Der Senat überließ der Turnerschaft am 28. April 1828 per Dekret aufgrund eines Gutachtens vom Dezember 1827 durch Friedrich Karl Kraft, dem Direktor des Johanneums, einen Platz mit 250 m²-großem Schuppen für den Winterturnbetrieb auf der Bastion Groß-Ericus der ehemaligen Hamburger Wallanlagen. Ein Gesuch der Bürger um Überlassung eines Geländes in der Bastion David zwischen Lombardsbrücke und Ferdinandstor vom Mai 1821 wurde zuvor am 1. Oktober 1821 seitens des Senats aufgrund eines Gutachtens von Johann Gottfried Gurlitt abgelehnt.
Im Juni 1828 wurde dann auf dem vom Senat zugewiesenen Areal der Turnbetrieb aufgenommen. Wegen Errichtung eines Cholera-Baracke auf dem Ericus-Gelände war dieses im Jahr 1831 zeitweise verödet; nur noch sieben Mitglieder turnten zu dieser Zeit. Im Rahmen der Beteiligung an der 25-jährigen Jubiläumsfeier mit Fackelzug der ersten Befreiung Hamburgs am 18. Oktober 1838 hielt Karl Heinrich Schleiden als Mitglied der Turnerschaft die Rede am Feuer. Beim vorletzten Fackelzug, am 17. Oktober 1845 hielt Ferdinand Kunhardt, eingetreten am 29. Mai 1833, die Rede am Feuer. Auf seinen Antrag hin beschloss der Turnrat, am 3. Januar 1846 wurden Geleitbriefe eingeführt. Bei derselben Versammlung beschloss man, Adolf Overweg, seit dem 4. Oktober 1837, der beabsichtigte, die süddeutschen Turnfeste zu besuchen und dort die Turnerschaft zu repräsentieren, eine Vollmacht hierfür auszustellen. Das dafür benötigte Siegel mit den vier „F“ des Deutschen Turner-Bunds wurde von den Gebrüdern Nathan gefertigt und am 30. März 1846 beschafft. Am 29. Juni 1847 beschloss man die Einführung von Stabübungen, am 22. September 1747 machte man die Turnratssitzungen öffentlich. Am 11. November 1847 wurden erstmals Kassenprüfer gewählt, einer der beiden war August Bollmann, der spätere Turnwart.
Turner-Verein (1838–1850), Büchersammlung, musikalische Betätigung Am 24. Oktober 1838 gründeten Mitglieder der Turnerschaft zusammen mit namhaften Künstlern und Gelehrten den sogenannten „Turner-Verein“ innerhalb der HT 1816. Den Vorschlag zur Gründung brachte der spätere HT 16-Turnwart Friedrich Glitza ein. Hierbei handelte es sich um einen regelmäßigen Gesprächskreis über gesellschaftliche Themen. Diese Unterorganisation mit eher „turnpassiven“ Mitgliedern bestand bis 1850 und umfasste 200 Mitglieder. Man traf sich eher im Gesprächskreis und unterhielt sich über gesellschaftliche Themen. Der „Turner-Verein“ erlebte unter Glitzas Vorsitz seinen Höhepunkt 1841.
Im Februar 1839 beschloss man auf Antrag des „Turner-Verein“-Mitglieds Johann Friedrich Bendix (1811–1867) hin die Einrichtung einer Büchersammlung. Der Buchhändler Carl J. Romagnolo (1805–1853) steuerte als erstes Mitglied mit einer Schenkung des zweiteiligen Werks Bildersaal deutscher Dichtung von Follens (Winterthur 1828/29) zur Sammlung bei. Am 18. Oktober 1840 wurde beim Hauptturnen auf Groß-Ericus die erste schwarz-rot-goldene Vereinsfahne des Turnerbundes, geschenkt von Sophie Luise Keßler, geborene Schumacher, geweiht. Sie war die älteste deutsche Sportvereinsfahne. Am 2. September 1841 wurde dem amtierenden Turnwart Georg Thiel zur 25-jährigen Mitgliedschaft ein Silberbecher überreicht, deren Zeichnungen der Hamburger Künstler Martin Gensler, der zusammen mit seinen Brüdern Günther und Jacob Gensler dem „Turner-Verein“ angehörte, die Zeichnungen entworfen hatte.
Am späten Abend des 5. Oktobers 1841 sangen Mitglieder der Turnerschaft von 1816 und der Hamburger Liedertafel im Beisein Hoffmanns erstmals öffentlich das Deutschlandlied vor Streit’s Hotel in Hamburg, in dem Carl Theodor Welcker gastierte.Abendblatt.de: Hamburger Turnerschaft 1816 hat Jubiläum - Eineinhalb Jahrhundert im Dienste des Sports Artikel im Hamburger Abendblatt vom 2. September 1966 Am 18. Oktober 1841 schlug Glitza die Bildung eines Turner-Gesangsvereins vor. Die Leitung des Quartetts wurde eine Woche darauf von Johann Jacob Maegelin (1788–1875), August Bollmann, dem späteren Turnwart, und dem Harfenisten und Organisten (Johann) Nicolaus Schaller (1808–1865) übernommen. Am 4. Juli 1849 wurde die Turner-Liedertafel gestiftet.
Weitere Entwicklung Nach dem Hamburger Brand im Jahr 1842 wurde der Turn-Schuppen zeitweilig fremdgenutzt. Am 26. Juni 1846 wurden vom Turnrat Freiübungen beschlossen. Am 2./3. August desselben Jahres nahmen Mitglieder des Vereins beim Großen Turnfest in Heilbronn teil. 1848 gründete sich im Verein ein bewaffnetes Turnercorps in der Stärke von 101 Mann unter Führung von August Bollmann – damals Hauptmann im Bürgermilitär –, das am 15. Mai des Jahres mit Exerzierübungen begann.
Auf der ehemaligen Kaiserwiese 300px|mini|Mitgliederentwicklung von 1819 bis 1926
1848 wurde der Bau einer vereinseigenen Halle beschlossen. Am 15. Oktober 1848 wurden der HT 16 per Senatsdekret die Kaiserwiese zunächst für zehn Jahre bis „Michaelis“ 1858 überlassen. Das Richtfest der 630 m²-großen Halle wurde am 13. Oktober 1849 gefeiert. Mit einem Hauptturnen wurde die neue Halle am 25. November 1849 eingeweiht.
Mit dem Inkrafttreten der am 27. März beschlossenen neuen Vereinsgesetze am 1. April 1850 wurden die Sitzungen der Turnerschaft, der Hauptversammlung und der Vorturnerschaft getrennt protokolliert. Die Vereinigung bezeichnete sich erstmals als „Hamburger Turnerschaft“ und betrachtete sich formal als Verein, wenn auch juristisch noch lange nicht als altrechtlicher Verein anerkannt.
Am 12. Juni 1853 wurde die von mehreren Damen geschenkte zweite Fahne der Deutschen Turnerschaft mit dem 1846 in Heilbronn vorgeschlagenen Turnerkreuz eingeweiht. Am 7. Oktober 1854 wurde der Vereinsvorsitzende erstmals von der Hauptversammlung der Turnratsmitglieder gewählt und nicht mehr vom Turnrat bestimmt; Bollmann wurde dabei im Amt als Turnwart bestätigt.
1858 bekam die HT 16 das Areal auf der Kaiserwiese bis 1863 verlängert. Für die Beteiligung am Schillerfestzug am 13. November 1859 anlässlich des 100. Geburtstags Friedrich Schillers schuf der Bildhauer Ludwig Winck (1827–1866), Mitglied seit dem 30. März 1842, in der Vereinshalle eine Bronzeskulptur, deren Kopf er Mitte 1860 der Turnerschaft schenkte. Die Statue wurde am Endpunkt des Festzugs aufgestellt. Die überlassene Büste wurde später in der Turnhalle aufgestellt.
Im Juni 1860 beteiligte man sich am ersten Deutschen Turnfest in Coburg mit 18 Mitgliedern und zwei ehemaligen Mitgliedern. 1861 hatte die HT 16 über 1.000 Mitglieder. Auch beim 2. Deutschen Turnfest nahm man mit 20 Mitgliedern teil. Zu gleicher Zeit fand auf dem eigenen Turnplatz in Hamburg eine Erinnerungsfeier an Turnvater Jahn statt, bei der um die 1.000 Turner aus Hamburg, Altona und Umgebung teilnahmen. Die aufgestellte Jahn-Büste verblieb in der Halle der HT 16. Im Rahmen der Hauptversammlung vom Februar 1862 wurde beantragt, das vorgeschriebene „Du“ als Anrede unter Mitgliedern aus den Vereinsgesetzen herauszunehmen. Dies wurde auch später immer wieder mal beantragt, aber stets abgelehnt. 1863 nahm man am 3. Deutschen Turnfest in Leipzig teil und im Herbst des Jahres erhielt die Turnhalle eine Wasserleitung.